Frage von Ricardo721, 147

Wie kann man Depressionen beschreiben?

Also ich habe seit einiger Zeit ein Freundin die an ziemlich starken Depressionen leidet. Diese sind durch einige Erlebnisse in ihrer Kindheit entstanden und spiegeln sich jetzt wieder. Sie geht auch regelmäßig zum Psychiater und bekommt auch Antidepressiva, die sie jeden Tag einnehmen muss.

Nun gibt es aber trotz den Antidepressiva noch Phasen, die sich über längere Zeiträume erstrecken, in denen sie total mies drauf ist, wo alles halt sch**ße ist. Auf die Frage wie man sich das vorstellen kann, also ob sie mir erklären kann wie sie sich fühlt, sagt sie das es ihr einfach mies geht, aber sie es nicht beschreiben kann was in ihr vor geht.

Und ich will ihr ja aber in diesen Situationen helfen, jedoch die einzige Möglichkeit ihr erst mal zu helfen wäre, dass ich sie verstehe.

Kann denn irgendjemand, der damit vllt schon mehr Erfahrungen hat oder sogar das gleiche Problem hat, erklären wie sich Personen mit solch relativ starken Depressionen fühlen, und was dabei im Körper vorgeht?

Vielen Dank schon mal für´s lesen und eine hilfreiche Antwort

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von LoLanet23, 64

Also zu nächst mal, möchte ich nur sicherstellen, dass du dir bewusst bist, dass du ihr nicht wirklich helfen kannst. Aber Unterstützen. Und da sind Unterschiede. Die meisten Angehörigen wissen natürlich nicht, wie man mit Depressiven umgehen soll und man kann niemals zu 100% verstehen wie Depressive fühlen, wenn man es selbst nicht erlebt hat. Deswegen geht das Helfen immer sehr schnell nach hinten los und es kommt zu Überforderung. Nur ein kleiner Hinweis, den meine Psychologin auch sagte (: Mag nur sicher gehen, dass du dich da nicht reinsteigerst und dein Leben dafür vernachlässigst und dann selbst in Stress kommst (:

Also wie fühle ich mich als Depressive: Ich weiss nicht, ob du mal einen Tod erleben musstest, von einer dir nahestehenden Person? Oder mal extremes Liebeskummer hattest? Aufjedenfall fühlt man sich da ja auch extrem traurig, man fragt sich, wie man jetzt weiter machen soll und hat eigentlich die Hoffnung verloren, ohne diese Person jemals wieder normal leben zu können und das dieses Verlustgefühl, für immer bleibt. Meistens ist diese Trauerphase nach paar Tagen oder Wochen verschwunden. Dieses Gefühl von Hoffnungslosigkeit, extremer Trauer, Lustlosigkeit irgendwas zu machen, fühlen Depressive tagtäglich. Manchmal sogar noch viel viel schlimmer. 

Du wirst sicherlich auch Tage kennen, an denen du überhaupt keinen Bock hast, deine Pflichten nach zugehen und eigentlich im Bett liegen bleiben willst. Ein Kampf den viele Depressive jeden Tag mitmachen müssen, nur mit dem Unterschied, dass sie sich selbst nicht so Motivieren können, wie psychisch gesunde Menschen.

Machst du Sport? Oder hast du einfach irgendwas anstrengendes am Tag gemacht, wo du, wenn du abends nach Hause kommst und dich ins Bett legst, nicht mehr aufkommst? Du hast einfach keine Kraft mehr und dich bringt nichts mehr hoch. Und das haben Depressive auch. Sie laufen sozusagen jeden Tag ein Marathon mit sich selbst. Viele haben extreme Stimmungsschwankungen, mal sind sie okay drauf und in der nächsten Minute weinen sie plötzlich fürchterlich, teilweise wissen sie selbst nicht warum. Man weiss nie, wie es einen Morgen oder Übermorgen gehen wird. Und diese Achterbahn aus negativen Gefühlen, Ängste, teilweise verknüpft mit Panik und dann auch noch viel viel zu wenig Schlaf, machen einen unheimlich schlapp....und dann kommt es dazu, dass man keine Kraft mehr findet, alltägliche Aufgaben zu erledigen. Als ob man den ganzen Tag über auf den Beinen war und Sport gemacht hätte oder sowas ähnliches. 

Noch dazu musst du dir eine "Taubheit" vorstellen. Als ob du unter Wasser tauchen würdest und du einfach für paar Minuten das Gefühl hast, nichts mehr wahrzunehmen. Die Geräusche werden gedämpft und deine Atmung fühlt sich schwerer an, deine Lunge zusammengepresst. So fühlt es sich für mich manchmal an, wenn ich unter Menschen bin oder sehe wie Menschen ganz einfach ihren Alltag meistern können. Ich sehe wie sie Leben und sich bewegen können und alles sieht so leicht aus, während ich in der Mitte bin und einfach das Gefühl hab, nicht mehr da zu sein. Als würde ich in einem Käfig gefangen sein und ich könnte kein Schritt weiter. Es fühlt sich jeden Tag oft so an, als würde ich eher rückwärts gehen als vorwärts. Und jemand drückt mich zurück, somit fällt mir jeder Atemzug und jede Bewegung schwer.

Es gibt noch soviel zum Erklären aber ich glaube das könnte für dich am meisten Vorstellbar sein.

LG

Kommentar von Ricardo721 ,

Vielen Dank für deine  Antwort. Es erleichtert auf jeden Fall den Standpunkt vom Aussenstehenden mit der Sache besser klar zu kommen und sie zu verstehen.

Expertenantwort
von Buddhishi, Community-Experte für Psyche & Psychologie, 71

Hallo Ricardo721,

ich kann Dir nicht sagen, ob das bei allen an Depressionen erkrankten Menschen gleich ist, aber die vorrangigen Gefühle scheinen eine große innere Leere, tiefe Dunkelheit, Sinnlosigkeit und Verzweiflung zu sein.

Manchmal sitzt man einfach nur da und starrt vor sich hin. Alles erscheint düster und man sieht kein Licht mehr am Ende des Tunnels. Die Gefahr ist groß, sich und sein Leben als überflüssig zu beurteilen und damit auf Suicidgedanken zu kommen.

Alles, was andere Menschen als schön empfinden, wie z. B. Sonnenschein, drückt einen zusätzlich runter. Man wünscht sich Regen, Wolken - so wie eben die eigene Stimmung ist. Möchte sich in seiner Höhle verkriechen und alles ist zu viel.

Dazu kommt oftmals eine rasende Wut auf das, was in der Vergangenheit geschehen ist/einem angetan wurde. Extreme Gereiztheit, Stimmungsschwankungen und Genervtsein von allem und jedem.

Ich denke, diese Beschreibungen treffen vielleicht nicht alle auf jeden zu, umschreiben es aber insgesamt.

Dabei eine Hilfestellung zu leisten, ist eine enorme Anstrengung und Du solltest bitte achtsam mit Dir selbst umgehen, Dich nicht zu sehr dareinziehen zu lassen.

Wichtig ist, dass sie die Medikamente regelmäßig nimmt und die Psychotherapie fortführt. Gerade diese Kombination hat sich als gut wirksame Therapie bei Depressionen erwiesen.

Ansonsten kannst Du nur versuchen, für sie da zu sein. Sie in den Arm zu nehmen und zu halten. Bitte erliege nicht der Versuchung, sie zu sehr zu 'betütteln' oder das Kommando in der Beziehung übernehmen zu wollen. Spiele auch bitte nicht den Therapeuten. Deine Rolle ist es, ihr Freund zu sein.

Es ist eher von Bedeutung, sie in den rechten Momenten, wo sie etwas stärker ist, mal ein bißchen zu fordern, um sie zu fördern.

Ich hoffe, dass Dir das weiterhilft.

Alles Gute

Buddhishi

Kommentar von Ricardo721 ,

Vielen Dank für deine Antwort. Hilft auf jeden Fall weiter in Sachen Verständnis und Hilfestellung.

Kommentar von Buddhishi ,

Gerne :-)

Antwort
von 775smutje, 47

Ich bin wieder und war für längere Zeit depressiv, verstehen ist sehr wichtig! Wenn man sich verstanden fühlt ist es gleich ein Stück besser. Also dann fang ich mal an.

Grundsätzlich ist es schon mal so das Depressive alle Gefühle viel intensiver empfinden als gesunde Menschen. Es ist eine Mischung aus starker Verzweiflung und starker Traurigkeit die einen den ganzen Tag lang begleitet, mal mehr, mal weniger. Wenn man (wie ich momentan), nur eine leichtere Depression hat dann ist es vergleichbar mit einer ziemlichen Niedergeschlagenheit. Schon die kleinsten Sachen reichen aus um dich völlig umzuwerfen, sei es das dich aus Spaß jemand beleidigt. Zusätzlich kommen dann manchmal noch richtig verzweifelte Phasen, in denen man dann schon mal Angstzustände hat die einem am ganzen Körper zittern lassen und eine starke Verzweiflung erleben kann. Wenn das dann zusammen kommt passiert es auch das man sich denkt; Wann hört es endlich auf (der Schmerz, denn es kommt einem schon fast wie ein körperlicher Schmerz vor) ?! Moment, da gäbe es eine einfache Lösung... -> wenn es dann soweit ist das man diese Idee hat ist es fast vergleichbar als würdest du wie in einem Science Fiction Film aus dem "Hyperraum" springen. Alles verzieht sich zu einer Art tunnel und dann siehst du klar, was ich vielleicht noch erwähnen sollte ist die Tatsache das Depressive die Welt nur als grau und trostlos warnehmen, dann beschleicht dich ein ziemlich unangenehmes Gefühl und du siehst den Ernst der Lage aber alle anderen Gefühle werden dadurch zumindest mal ausgeschalten. Das ist jetzt mal ein kleiner Auszug...

Antwort
von Jenna2699, 41

Hey :) Ich will hier jetzt gar nicht so viel schreiben, sondern empfehle dir diese enorm guten Videos:

https://www.youtube.com/playlist?list=PLLT26b9RbZx0R4oqSNSfyNnSnMJMDvdG2

Eine Playlist der Videos, die er über Depression gemacht hat. Sie sind wirlich alle sehr, sehr gut und hilfreich, es werden keine lahmen Fakten vorgelesen, sondern kommt quasi wirklich "aus dem inneren der Depression", wenn du verstehst, was ich meine. Natürlich ist jede Depression ein wenig unterschiedlich, aber trotzdem erhält man hier echte Einblicke, Ratschläge und persönliche Informationen! :) Die erste Schilderung von Depressionen, bei der man sich als Betroffener wirklich verstanden fühlt...

Antwort
von lalemana, 38

Hey, ich denke jeder Betroffene kann dir da jetzt ewig Dinge aufzählen (mach ich auch gern), aber das ist so unterschiedlich von Mensch zu Mensch. Der Eine hat keinen Antrieb und keine Kraft aufzustehen, der Andere hat das vielleicht gar nicht, dafür Selbstmordgedanken oder Schlafstörungen oder alles davon oder nichts. Frag sie doch einfach. Wenn du sagst, dass du sie verstehen willst, um ihr zu helfen oder auch um ihr mal aus dem Weg zu gehen, wenn sie es will, dann wird sie dir bestimmt gerne Auskunft geben. Ein offener Umgang ist für alle Beteiligten besser. Einziger Tipp, der für alle Angehörigen gilt: - spiel ihre Krankheit nicht runter - sag nicht sowas wie "Anderen geht es auch schlecht/schlechter" - werd nicht sauer, wenn sie nicht kann, wie sie sollte Du machst das schon! Scheinst ja ein verständnisvoller, aufgeschlossener Freund zu sein👍

Antwort
von SatanicPhoenix, 30

Ich kenne jemanden der das gut beschreiben kann... Lies dir den Blog "das gegenteil von traurig" durch, ich finde in den Artikeln ist das Gefühl extrem gut beschrieben.

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