Frage von Bonbonglas, 25

Wie kann ich meinem Partner helfen, zwischen Arbeitszeit und Freizeit eine Grenze zu ziehen?

Hallo liebe Fraganten,

es ist nunmal so, dass ich eine Fernbeziehung pflege und wir uns zumeist bloß am Wochenende und im Urlaub sehen. Es ist nun schon länger so, dass er den Frust aus dem Büro mit nach Hause nimmt. So langsam wird es mir aber zu bunt. Zwar versucht er, sich nichts anmerken zu lassen und redet auch nicht darüber, um mich "nicht zusätzlich zu belasten", geht aber zunehmend dazu über, mich für kleine Fehler sehr aggressiv herunterzubuttern. Nicht nur, dass er immer gereizter reagiert, sondern auch, dass er offensichtlich eine Art Tunnelblick entwickelt hat, gibt mir zu denken ("immer", "ständig", "die ganze Zeit", "nie" ... sind so Wörter, die er verwendet).

Letztes Wochenende ist es mehr oder weniger eskaliert, sodass ich zu ihm gesagt habe, dass ich schon nichts mehr kochen oder backen will (was so ziemlich zu meinen liebsten Hobbies gehört), weil von ihm nie irgendeine Art von Wertschätzung kommt, stattdessen findet er an meinem Lebensmittel- und Küchenmanagement ständig etwas auszusetzen und das auch in einem sehr aggressiven und erdrückenden Ton und ich habe ihm auch gesagt, dass ich mich auf kein Wochenende mehr freue.

Er hat sich entschuldigt und er sieht ein, dass er zunehmend überreagiert. Er weiß, dass er sich den Frust von der Arbeit mit nach Hause holt (wobei ich ja mehr ein grundsätzliches Stressbewältigungsproblem vermute und ihm das mit den Winterarbeitsstunden des Vereins und dem Umzug seiner Mutter und der Reparatur seines Autos in seiner Freizeit derzeit einfach zu viel sind). Die einzigen Forderungen, die ich jedes Wochenende stelle ist, dass er mir sagt, was er zum Wochenende mal nur mit mir machen will und was ich kochen soll. Als ich sagte, ich hätte mir gewünscht, das Wochenende zu Hause verbracht zu haben, das hätte mir persönlich viel Ärger erspart, hat er nur jammernd entgegnet "Warum?!", woraus ich schließe, dass ihm meine Gegenwart doch ganz genehm ist.

Dass sein Chef gegenüber wohnt, macht die Sache nicht besser. Zwar geht er ihm nicht ständig auf den Sack, er hat sich aber wohl schon erdreistet, im Urlaub rüberzukommen und ihm zu erklären, dass er den Urlaub abbrechen müsse um ins Ausland zu fahren, was schlussendlich doch noch nach dem Urlaub gemacht wurde, mein Freund da aber für den Rest des Urlaubs nur noch am Grübeln war. Er konnte nicht mehr abschalten.

Wie kann ich also meinem Partner helfen, für sich persönlich Grenzen zu ziehen?

Antwort
von Bethmannchen, 8

... da der Laden nach seiner Auffassung schlecht organisiert ist, er derjenige ist, der die Planungsfehler beim Kunden immer ausbessern soll ... - ... sein Chef macht sich über die hohe Fluktuationsrate keinerlei Gedanken, da er eh bald in Rente geht... - ... er hat selbst nur einen Zeitvertrag, der Ende April ausläuft und bis jetzt wurde kein Kollege übernommen, der die 2 Jahre in diesem Büro überstanden hat...  - ... Mein Freund ist qualifiziert und hat hervorragend technisches Verständnis ... - ... bis sein Nachbar ihm die Stelle beschafft hat ... - ... denke ich, dass er jetzt Zukunftsängste hat. 

Da hast du doch ein paar Punkte, die du mit ihm zusammen angehen kannst. (Vielleicht hatte ich deine Frage zunächst nicht aus dem richtigen Winkel gelesen.)

Solche Zukunftsängste sind bei Männern wesentlich heftiger, als bei Frauen, weil die eben nicht so pragmatisch sein können. Er weiß schon, dass es seinen Lebenslauf nicht verbessert, wenn er da entlassen wird. Und der Nachbar wird sicher keinen weiteren Job für ihn in petto haben. Und dann die tickende Uhr... Oh, oh, das zerrt an den Nerven.

Er reagiert da wie das Kaninchen vor der Schlange. Bis jetzt scheint er das Problem nur mit Denken anzugehen, und zwar in zu kleinen Dimensionen. Seine Fähigkeiten scheint er auch zu unterschätzen. Da muss ihm dein Pragmatismus auf die Sprünge helfen. Durchbrich doch mal seine Schwarz-Weiß-Malerei. Er sollte handeln, dann hat er auch keine Zeit zum Grübeln und gestresst sein mehr, denn er nimmt selbst Einfluss auf sein Schicksal. Schluss mit "warten auf den Todesbiss"!

Think big, think even bigger! Sein Chef scheint auf ihn schon einmal Große Stücke zu setzen, wen kratzt da also noch ein Lebenslauf? 

Weil seine Entlassung zu erwarten ist, sollte er schon 6 Monate vorher, also jetzt, etwas neues suchen. Bei Bewerbungen kann er durchaus sagen/schreiben, dass man sich gerne bei seiner jetzigen Firma erkundigen darf. Den Chef kann das ja nicht wundern, weil er bisher noch jeden Zeitvertrag auslaufen ließ. 

Dein Freund muss für seine Zukunft vorsorgen, und zwar nicht, weil er weg will, sonder er das sehr wahrscheinlich muss. Vielleicht bringt so eine Anfrage einer Firma, bei der er sich beworben hat, sogar eine wundersame Vertragsverlängerung, einen Festvertrag oder... mit sich, wer weiß?

Statt nur einen Lebenslauf an die Bewerbung zu hängen, zusätzlich ein Profil beifügen. Das ist ein bis zu drei Seiten langer "gegliederter Aufsatz", der die derzeitigen Tätigkeiten und Aufgaben beschreibt. Das zeigt jedem, wohin er sich entwickelt hat. 

So etwas wird in den meisten Fällen noch vor dem Lebenslauf gelesen. Falls der danach noch zur Hand genommen wird, wiegt der kaum noch was. Von Bewerbern will man nämlich wissen, was sie künftig für das Unternehmen erfolgreich tun können, nicht was sie irgendwann einmal von vielleicht schon nicht mehr lebenden Personen bescheinigt bekommen haben. 

Was wird sein, wenn der Chef in Rente geht? macht der Laden dann zu? Ist schon eine Nachfolge in Sicht? Wenn dein Freund so fähig ist, könnte er der Nachfolger sein, die Firma übernehmen? (Wenn er z.B. selbst keinen Meistertitel hat, müsste er dann einen entsprechenden Meister einstellen...) So einen Gedanken kann man durchaus einmal durchspielen.

Kommentar von Bonbonglas ,

Es handelt sich um ein internationales Unternehmen mit zig Werken auf der ganzen Welt. Die Nachfolge wird der Vertreter übernehmen. Bei den Strukturen, die sie dort haben, ist er "nur einer von vielen". Klar wäre er rein fachlich fähig den Laden (respektive die Abteilung) zu leiten, dazu müsste er aber die Chance bekommen und die Chance bekommt er erst mit einem Festvertrag. Den Leuten mit Zeitvertrag geben sie nie Verantwortung ab und lassen sie nur exekutiv arbeiten. Ich werde ihm nahelegen, sich schon jetzt zu bewerben wie du gesagt hast. Die Idee mit der Möglichkeit der Kontaktaufnahme zum jetzigen Arbeitgeber gefällt mir, wenigstens für die Kenntnis darüber, ob um ihn gekämpft wird oder nicht. Bei einem Arbeitgeber, dem sein Personal nachweislich nicht wichtig ist, würde zumindest ich nicht arbeiten wollen. Bezüglich dem "Profil" werde ich recherchen anstellen, diese Option war mir bis jetzt mal gänzlich unbekannt.

Antwort
von Dreamer430, 25

Ein bissl kommt es mir so vor, als würdest du von mir reden. Ich habe das gleiche Problem gehabt wie dein Partner. Leider habe ich auch nie auf meine Partnerin gehört wenn sie etwas sagte. 

Irgendwann war es ihr natürlich auch zu bunt, sie hat mich dann kurzer Hand vor die Tür gesetzt. Erst da ist mir klar geworden was ich eigentlich gerade verliere. Ich habe die Zeit dann wirklich genutzt um mir darüber Gedanken zu machen was ich alles in der Vergangenheit gemacht habe. Und mir ist dann irgendwann auch klar geworden das ich eigentlich eine Beziehung mit meiner Arbeit hatte und meine Partnerin als die Arbeit gesehen hab. 

Ich hab mir die Augen dann geöffnet und erkannt was mir wirklich wichtig ist, das war und ist meine Familie. Leider muss man oft erst diesen krassen Weg gehen um zu sehen was man eigentlich alles verlieren kann. 

Ich hoffe das dein Partner den Weg zu dir zurück findet.

Kommentar von Bonbonglas ,

Danke, aber ich scheue mich, zu krasse Reaktionen zu zeigen. Er ist sehr sensibel und neigt dazu, sich zu verkapseln (die Scheidung seiner Eltern hat ihm als Jugendlicher nicht gut bekommen. Er ist emotional auf der Suche nach etwas Handfestem, lässt aber nicht zu, dass er sich zu sehr bindet, weil er diese Schlammschlacht seiner Eltern im Hinterkopf hat. Er hat Angst vor verhärteten Fronten und würde eher in Erwägung ziehen, mich gehen zu lassen, anstatt dass er sich an jemanden bindet, der mit ihm zu hart ins Gericht geht). Er fordert mir ein gewisses Fingerspitzengefühl ab, wo ich doch eigentlich eine recht radikale Persönlichkeit bin.

Antwort
von Bethmannchen, 6

Das scheint mir ein Fall von "auseinandergelebt" zu sein. 

("immer", "ständig", "die ganze Zeit", "nie" ... sind so Wörter, die er verwendet).

So etwas hört man häufiger von Kindern als Argumente: Nie darf ich, immer soll ich... "Tunnelblick" trifft es nicht genau genug. Das ist eher unreflektierte Verallgemeinerte Kritik. Die verwendet man meist dann, wenn man keine wirklich und konkret zutreffenden Argumente hat, meckert um zu meckern, oder einfach mit dem routinierten Trott (in der Beziehung) nicht (mehr) zufrieden ist: 

Es gibt da die schöne Geschichte von Roald Dahl: 

Beobachte da einmal die Rückblende ab 5:50 etwa, wie die beiden "perfekt aneinander vorbei leben, denken, handeln, reden und wünschen". Es passt einfach nichts: Sie das "Heimchen am Herd", und er steht als erfolgreicher Polizist mitten im Leben. Er will wohl etwas anderes als ein "Muttchen". Schon nach den ersten zwei Sätzen wird das für jeden deutlich, nur für Mary eben nicht, denn sie kommt nicht aus ihrer Spur; bis es zur Explosion kommt. 

Hätte er ihr das doch längst einmal gesagt, hätte sie sich längst ändern können, oder die beiden eben nicht geheiratet, aber so - das Unglück schreitet schnell. 

Mit was wird dein Freund also unzufrieden sein? Beziehung aufrecht erhalten ist "bequemer", bis es zur Explosion kommt. Warum kommt immer wieder so unqualifiziertes Gemäkel? Weil der wahre Grund für seine Gereiztheit nicht zur Sprache kommt. 

Du vermutest seine berufliche Überlastung als Grund (Mary auch), es kann etwas gaaanz anderes dahinter stecken. Es muss keine andere sein, aber irgend etwas will er wohl anders haben, weiß nur nicht so genau, wie und was, oder wie er dir das sagen soll. 

Aber auch du willst ja etwas anders haben, deshalb musst du seine Kritik mal gründlich hinterfragen oder ihm klar machen, welche Belange nicht in seine Kompetenz gehören. Vielleicht ist ihm auch gar nicht bewusst, dass er dann immer einen kränkenden Ton anschlägt. Kann auch sein, dass du zu sensibel bist.

Kommentar von Bonbonglas ,

Kann ich definitiv verneinen. Er ist sich dem SEHR bewusst, wie es bei mir ankommt, und wenn wir uns auseinander gelebt hätten, würde er bei Kochen nicht an mir kleben, wie er es so oft tut, sodass ich ihn regelrecht "verschäuchen" muss, bevor mir das Essen anbrennt. Er würde sich dann auch nicht automatisch an mich kuscheln, wenn er nach mir ins Bett kommt und er würde auch nicht mit mir "unsere Spielchen" spielen, die uns den Alltag etwas auflockern. Wir sind beide sehr sensibel, aber wir sind auch beide offen für (konstruktive) Kritik. Also nein, wirklich nicht das.

Kommentar von Bonbonglas ,

Im Übrigen ist der Job deswegen der Hauptverdächtige, da der Laden nach seiner Auffassung schlecht organisiert ist, er derjenige ist, der die Planungsfehler beim Kunden immer ausbessern soll, sein Chef macht sich über die hohe Fluktuationsrate keinerlei Gedanken, da er eh bald in Rente geht, er hat selbst nur einen Zeitvertrag, der Ende April ausläuft und bis jetzt wurde kein Kollege übernommen, der die 2 Jahre in diesem Büro überstanden hat. Mein Freund ist qualifiziert und hat hervorragend technisches Verständnis, aber sein Lebenslauf sieht sche!ße aus. Ich habe ihn als Arbeitslosen kennengelernt und angenommen, aber wenn ich zurückblicke, wie resigniert er war, bis sein Nachbar ihm die Stelle beschafft hat, denke ich, dass er jetzt Zukunftsängste hat. Aber wenn er die nicht zur Sprache bringt, kann ich ihm auch schlecht gut zureden (ich bin da eher pragmatisch und mache mich von unvermeidlichen Dingen nicht verrückt, er aber verbeißt sich "gerne"...).

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