Frage von WalterLemon, 158

Wie kann ich eine scheinselbstständige Arbeit umgehen?

Hallo,

kurz zu meiner Situation: Ich bin seit einem Jahr Student und möchte mir jetzt in den Semesterferien gern ein bisschen was dazuverdienen. Da ich selber gern viel Rad fahre, habe ich mich unter anderem als Fahrradkurier in einer kleinen lokalen Firma gemeldet. Soweit so gut. Schon in der ersten Mail stellte sich allerdings heraus, dass die Arbeit nur über Gewerbeschein akzeptiert wird.

Das machte mich etwas stutzig. Ich würde von dem Unternehmen - bislang mein einziger potenzieller "Auftraggeber" - meinen kompletten Umsatz beziehen, gleichzeitig jedoch Fahrten auf seine Weisung hin ausführen. Nach kurzer Recherche im Internet stand fest, dass es sich dabei um scheinselbstständige Arbeit handelt.

Da ich dadurch in ein illegales Verhältnis gerückt werde, gleichzeitig jedoch eine Menge zu beachten habe und mein Arbeitgeber selbst damit ein Risiko eingeht, möchte ich ihm anbieten, auf Lohnsteuerkarte zu arbeiten. Ich würde ihm anbieten, maximal 3 Monate zu arbeiten - danach geht ohnehin das neue Semester los - und gleichzeitig unter 950€ im Monat zu bleiben, sodass die Arbeit als Ferienjob quasi einen legalen Anstrich bekommt.

Jetzt zu meiner Frage: Ist dieses Angebot seitens des Arbeitgebers tragbar? Wie könnte er reagieren, wenn ich ihm mit meiner Ablehnung gegenüber einer Scheinselbstständigkeit konfrontiere und vor allem, welche Argumente könnte ich noch nutzen, um ihn von der kurzzeitigen Arbeit als Ferienjobber auf LSK zu überzeugen, um der Gewerbeschein-Voraussetzung zu entgehen? Welche Kosten hätte er zu tragen, falls es zu einer Beschäftigung auf Lohnsteuerkarte kommen sollte?

P.S.: An dieser Stelle sei noch angemerkt, dass der Arbeitgeber tatsächlich dringend Fahrer sucht, da nach eigener Aussage die Auftragslage den bisherigen Pool an Fahrern übersteigt. Ich denke, dass sollte mir ein wenig in die Karten spielen.

Vielen Dank im Voraus für euren Rat :)

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Jerne79, 25

Ich würde die Paranoia ein Stück weit runterschrauben.

Dass du Fahrten auf Weisung des Auftraggebers hin ausführen musst, liegt bei der Arbeit als Fahrradkurier in der Natur der Sache. Sollte also beispielsweise von Seiten der deutschen Rentenversicherung nachgefragt werden, wird das kein Problem darstellen. Ein größeres Problem bei der Scheinselbstständigkeit wäre übrigens, wenn du in den Räumen des Auftraggebers arbeiten würdest und dieser auch alle Arbeitsmaterialien stellen würde.

Dass du nur Aufträge von einem Auftraggeber annimmst, ist letztlich nicht die Schuld des Auftraggebers. Schließlich steht es dir in der Theorie frei, auch andere Aufträge anzunehmen. Da du diese Arbeit aber nur für einen begrenzten Zeitraum machen willst, ist auch hier Voraussetzung für Scheinselbstständigkeit "nur ein Auftraggeber über einen längeren Zeitraum" nicht gegeben.

Solltest du einen solchen Job über längere Zeit machen wollen, wäre die Frage, ob beispielsweise Arbeitsmaterial (hier z.B. das Rad) vom Auftraggeber gestellt wird.

Mein Vorschlag: Rede mit dem potentiellen Auftraggeber, sprich das Problem vorwurfsfrei und ohne Paranoia an. Wenn das Unternehmen nur mit solchen Konditionen arbeitet, hat man dort sicher Erfahrung mit dem Thema. Sollte eine abwiegelnde Reaktion oder ähnliches kommen, kannst du dir neu Gedanken darum machen. Aber nur aus den von dir geschilderten Punkten geht keine Scheinselbstständigkeit hervor.

Kommentar von WalterLemon ,

Danke auch dir für die etwas detailliertere Aufklärung zur Scheinselbstständigkeit. Unter diesen Umständen wäre das vermutlich tatsächlich nicht problematisch, allerdings sehe ich nach einiger Überlegung aus rein rechnerischer Sicht davon ab, als Fahrradkurier auf Gewerbeschein zu arbeiten. Die Arbeit würde mir unterm Strich - da ich mich selbst versichern und Abgaben leisten müsste - kaum etwas einbringen. Das wäre nur verschenkte Zeit und Verschleiß meines eigenen Fahrrads. Die Routen sind einfach viel zu weitläufig und dafür deutlich zu gering bezahlt (wie ich jetzt erst mitbekommen habe), als dass man auch nur in die Nähe des Mindestlohns kommen würde. Ich suche mir einfach einen anderen Job, bei dem ich fest angestellt bin :)

Antwort
von MWehrstedt, 9

Hallo,

Sie können als kurzfristige Aushilfe tätig werden, wenn es im Jahr nicht mehr als 70 Tageseinsätze sind. Wir reden hier also von ca. 1-2 Tagen je Woche. Wird dieser Weg der kurzfristigen Aushilfe gewählt, so fallen keine Sozialversicherungsabgaben an.

Steuerlich kann dann auf Steuerkarte gearbeitet werden (ich vermute hier Steuerklasse I), so dass grundsätzlich Lohnsteuern anfallen können, die der Arbeitnehmer selbst trägt. Allerdings muss hier erwähnt werden, dass tatsächlich erst Steuern bei monatlich 965 € anfallen. Unter diesem Betrag fallen gar keine Steuern an auch wenn auf Steuerkarte gearbeitet wird.

Schauen Sie dazu auch gern einmal folgenden Artikel an:

http://www.minijobs-aktuell.de/kurzfristige-aushilfen-in-den-ferien-abgabenfrei-...

Andere Möglichkeit

Eine andere Möglichkeit besteht dann auch noch in der BEschäftigung als Werkstudent. Hier kann maximal 20 Stunden je Woche sozialabgabenfrei in der Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung gearbeitet werden. Liegt der Verdienst über 450 € monatlich, fallen "volle" Rentenversicherungsbeiträge an. Diese betragen für den Arbeitnehmer und Arbeitgeber derzeit jeweil 9,35 % vomn Bruttolohn.

In den Fereien kann dann bei diesem Beschäftigungsverhältnis entspannt auf einen "Vollzeitjob" (in den Ferien) umgestellt werden, ohne dass höhere Sozialabgaben anfallen.

Steuerlich heißt es hier auf Steuerkarte (Stkl I) zu arbeiten und ggf. die Einnahmen lohnzuversteuern.

Ich hoffe ich konnte Ihnen etwas weiterhelfen.

Kommentar von WalterLemon ,

Vielen Dank für die Antwort. Ein paar der angesprochenen Punkte hatte ich mir zwar bereits angelesen, aber es war sehr hilfreich, ein paar Informationen extra auf einen Blick zu bekommen. Leider hat sich bereits herausgestellt, dass der Auftraggeber nicht zu einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis bereit ist. Er beruht hart auf einer Zusammenarbeit über Gewerbeschein. Aus Gründen der eigenen Absicherung und betriebswirtschaftlicher Sicht sehe ich davon aber ab - unabhängig von der Frage der Scheinselbstständigkeit.

Antwort
von tapri, 17

ob der AG sich darauf einlässt, dich einzustellen, kommt auf die Rahmenbedingungen an, also wie viele Tage und Stunden du im Monat arbeiten wirst für diesen Lohn.

Generell wäre es die beste und sicherste Art, wenn der AG dich ganz normal anmeldet. Allerdings nicht auf Lohnsteuerkarte, denn diese gibt es schon etwa ein Jahrzehnt nicht mehr ;-))))

Selbstständig ohne Scheinselbstständigkeit ist dann, wenn du mehr als einen Auftraggeber hast. Wenn du also für 3-4 Firmen fährst, dann währst du aus der Scheinselbstständigkeit raus

Antwort
von kevin1905, 90

Es gibt keine Lohnsteuerkarten.

Jetzt zu meiner Frage: Ist dieses Angebot seitens des Arbeitgebers tragbar?

Das Angebot des Arbeitgebers ist anhand deiner Schilderung auch nicht als legale Selbständigkeit mit einem Auftraggeber zu sehen. Wenn Arbeitszeit, Arbeitsort und Art und Weise der Arbeitsdurchführung vorgegeben wird, liegt ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis vor, basta!

Bei einem abh. Beschäftigungsverhältnis hat der Arbeitgeber anteilig seine Kosten der Sozialversicherung zu tragen.

Kommentar von WalterLemon ,

Danke für die begrifflichen Korrekturen. Es ist natürlich absolut richtig, dass der Arbeitgeber die Abgaben zu tragen hat, allerdings ging es in dieser Frage darum, ihn von einer rein legalen Beschäftigung zu überzeugen und ihm dabei möglichst einen Schritt entgegenzukommen. Nur stur auf die Realität zu pochen, ihn auf seine rechtlichen Pflichten hinzuweisen und notfalls noch mit Konsequenzen zu drohen, bringt mich kaum weiter. Ich habe schließlich selbst ein Interesse daran, den Job zu machen und mit ihm eine Zeit lang zusammenzuarbeiten. Es ging mir in der Frage deshalb explizit darum, ihm in meinen Fall Anreize zu schaffen, mein mögliches Arbeitsverhältnis in die Legalität zu rücken. 

Kommentar von kevin1905 ,

Du möchtest abhängig beschäftigt arbeiten.

Der Arbeitgeber möchte als gewerblicher Auftraggeber auftreten.

Ihr habt beide ein Interesse daran, dass hier Arbeit verrichtet wird.

Dann wäre auch die Frage zu stellen über welche Geldbeträge wir denn reden?

Kommentar von Nube4618 ,

Vielleicht wäre ein Weg, ihm vorzuschlagen die Mehrkosten die ihm erwachsen mindestens teilweise selbst zu tragen. Dann ersparst du dir den Aufwand eine (Schein-)Selbständigkeit aufbauen zu müssen, und ihn würde es nicht mehr kosten als die von ihm präferenzierte Variante. 

Kommentar von WalterLemon ,

Das wäre ein sinnvoller Kompromiss. Allerdings müsste ich dazu vorher prüfen, wie hoch die Kosten wären, die der Arbeitgeber in meinem Fall insgesamt abführen muss. Sozialversicherungen müssten in meinem Szenario soweit nicht gezahlt werden, allerdings ist mir bisher nicht ganz klar, wie das mit der Lohnsteuer und möglichen anderen Abgaben läuft, die auf den Arbeitgeber zukämen. Möglicherweise ließe sich eine Vereinbarung treffen, wenn klar ist, wie viel insgesamt gezahlt werden müsste.

Antwort
von Jamirco, 89

Sag dem Arbeitgeber, du machst keine Scheinselbstständigkeit. Das ist für den Arbeitgeber und dich strafbar. Wenn der Arbeitgeber dann immer noch sagt das ginge nur als scheinselbständigkeit dann sagst du zu ihm das du ihn deswegen anzeigen kannst

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