Frage von Kaytie10004, 26

Wie kann ich diese philosophischen Aussagen beschreiben?

Hallo. :) Ich soll ein Referat zur Kritik des Empirismus vorbereiten. Jedoch weiß ich nicht, wie ich folgende Aussagen beschreiben soll:

-Sinnesdaten sind begrenzt und unzuverlässig -Sinneserfahrungen haben oft nicht sinnliche Voraussetzungen -Wahrnehmen heißt nicht Abbilden, sondern auswählen, filtern und ergänzen -Verstand ordnet chaotische Sinneseindrücke

Das Problem ist, dass ich nur diese Stichpunkte finden konnte und nicht weiß, wie ich das in einen sinnvollen Text formulieren kann. Vielleicht kennt sich jemand ja besser damit aus.

Lg Kaytie

Antwort
von rolfmengert, 13

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass uns unsere Sinnesorgane nur Rohdaten aus der Umwelt und aus unserem Körper liefern, die für sich genommen praktisch ohne Wert sind, d.h. sie bieten keine Orientierung zur Bewältigung der aus der Umwelt auf den Organismus einwirkenden Probleme.

Erst mit Hilfe der vielfältigen Erfahrungen, die ein Lebewesen in seiner Individualentwicklung durchläuft, können die Sinnesdaten gedeutet und interpretiert werden. Damit werden sie für das Individuum brauchbar und bieten die erforderlichen Überlebensbedingungen. (z.B. lernt ein Kind, welche Objekte mit welchen Eigenschaften essbar sind, oder es findet Zugang zu den Phänomenen, die ihm Schmerzen oder Unlust bereiten und die es folglich vermeiden oder abwehren muss.

Es finden also in der Individualentwicklung vielfältigste Lernerfahrungen statt, bei denen die eintreffenden Sinneseindrücke zu sog. Gestalten synthetisiert werden, die ihrerseits dann als Ganzheiten bedeutungsmächtig werden. Wenn die Gestalten aus den Sinnesdaten konstruiert sind, werden sie als agierende Phänomene verfolgt, woraus wiederum Erfahrungen für das Individuum resultiert. Es lernt z.B. welche Aktionen sein Hund ausführen kann und welche nicht - im Gegensatz zur Mutter.

Da nun Sinnesinformation grundsätzlich in unklarer Form (mangelnde Beleuchtung; zu schnelle Abfolge; Abschattung durch andere davor befindliche Objekte; eigene Müdigkeit oder Unaufmerksamkeit) aufgenommen werden, sind Irrtümer ein täglich zu beobachtendes Phänomen. Aus diesem Befund resultiert die Kritik des Empirismus. Wenn also zwei Menschen ein und dieselbe Szene beobachten kann man nicht davon ausgehen, dass sie auch dieselbe Erfahrung gemacht haben. Ihr Vorwissen über vergleichbare Szenerien, ihr Aufmerksamkeitsgrad, ihre Perspektive zu den agierenden Objekten, ihre emotionale Gestimmtheit (Angst, Ekel oder auch Begehrlichkeit) können sehr unterschiedlich sein, so dass man folgern kann, dass die Beobachtung keine Garantie für eine unverfälschte Deutung ist. Genau solche Phänomene ließen sich für die Interpretation Deines Textes im zweiten Absatz anführen.

Kommentar von Kaytie10004 ,

Ihre Antwort hat mir sehr geholfen, vielen Dank! :-)

Antwort
von berkersheim, 17

Die Gegenposition zum Empirismus ist der Rationalismus in all seinen unterschiedlichen Ausprägungen. Das ist aber alles noch Vor-Kant, ein naiver Rationalismus. Selbst Kant, der sich letzlich zum Idealismus hinentwickelt hat, bestreitet nicht mehr, dass all unser Denken ohne Sinnesdaten leer wäre. Darum sind die oben gemachten Aussagen auch in sich widersprüchlich. Wenn der Verstand die Sinneseindrücke ordnet, was ordnet er dann ohne Sinneseindrücke? Jetzt stammen diese Auffassungen noch aus einer Zeit, als man allein dem Menschen als Krone der Schöpfung Anteil an der göttlichen Vernunft zugesprochen hat, Tiere als beachtenswerte Lebewesen gar nicht vorkamen, weil sie keinen Verstand und keine Vernunft besitzen, also nur - nach deren Überzeugung - von Sinnesdaten gesteuert sind. Was ordnet deren Sinnesdaten, oder laufen die alle im Kreis? Auch dass wir nicht 1-zu-1 abbilden sondern auswählen, filtern und ergänzen setzt doch voraus, dass da etwas ist, aus dem wir auswählen, filtern und ergänzen. Sinneserfahrungen ohne sinnliche Voraussetzungen sind ein Widerspruch in sich. Kurz, die Argumente des naiven Rationalismus sind mehr als schwach, schwächer sogar als die des naiven Empirismus. Beides ist ja längst überwunden.

Antwort
von ulrich1919, 3

Zwei ausführliche, gute Antworten; sehr erfreulich!
Noch eine Ergänzung: Wahrnehmen heisst nicht NUR abbilden, sondern auswählen. Die nach Auswahl als ,,relevant" empfundene Informationen werden zu einem ,,mentalen Modell" als Abbildung der uns umgebende Wirklichkeit zusammengesetzt. Das Modell ermöglicht uns, die Vergangenheit und die Gegenwart zu verstehen und die nahe Zukunft vorauszusagen. (Ein Glas fällt auf den Steinboden => es wird in Scherben zerfallen. Ich betätige den Lichtschalter => die Lampe wird erlöschen)

,,Erfahrung"  ist wesentlich für den Empirismus. (Griechisch Empeire = Erfahrung, Versuchung)

Antwort
von djNightgroove, 15

In einem Satz: Es gibt keine objektive Erkenntnis, alle Wahrnehmungen sind subjektiv.

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