Frage von ClowdyStorm, 41

Wie ist die Grammatik entstanden?

Wer und warum hatte die Idee Sprache zu grammatikalisieren? Nicht das es etwas schlechtes wäre. Mich würde es nur interessieren wie das alles zustande gekommen ist.

Antwort
von OlliBjoern, 14

Grammatik ist ja nicht einheitlich, sondern je nach Sprache unterschiedlich realisiert. Ich denke, man musste ja nicht nur Wörter "erfinden", sondern diese Wörter auch in Relation zueinander setzen. Das kann auf unterschiedliche Arten geschehen.

Manche Sprachen setzen stark auf die Reihenfolge, isolierende Sprachen wie Chinesisch zum Beispiel. Dort darf man die Reihenfolge nicht durcheinanderbringen, sondern man muss diese streng einhalten.

Andere Sprachen wie Latein haben eine ganz andere Grammatik, sie "flektieren" (Chinesisch macht das nicht). Dadurch braucht man "Affixe" z.B. Endungen. Aber man gewinnt den Vorteil, dass nun die Reihenfolge weitgehend frei ist.

Donec eris felix, multos numerabis amicos.

Man erkennt, dass multos und amicos zusammengehört, auch wenn was anderes "zwischendurch" kommt.

Manche Sprachen (wie Deutsch oder Schwedisch) benutzen Präpositionen wie "in" "aus" "auf" "unter" "von" usw. Andere drücken dasselbe durch Suffixe aus (Finnisch benutzt Kasus dafür, und verzichtet fast ganz auf Präpositionen).

Manche Sprachen markieren den Akkusativ, andere Sprachen markieren den sog. "Ergativ" (Baskisch zum Beispiel). Man kann also grob "Akkusativsprachen" von "Ergativsprachen" unterscheiden (bei denen, die überhaupt flektieren).

Jedenfalls muss man (wie auch immer) klären, wer "was macht" und wer "Ziel der Handlung" ist. Das Verb muss oft nicht nur die Handlung sagen, sondern auch wann das stattfindet (Tempus), und unter welchen Umständen (Konjunktiv?). Verben haben auch oft Singular/Plural-Unterscheidungen, viele haben "subject agreement" (wie im Latein).
Manche Verben haben auch "object agreement" (bei uns sehr unüblich).

In manchen Sprachen können Verben enorm komplex sein, und daher auch viel Information transportieren (z.B. in der nordpakistanischen Sprache Burúshaski). Im Deutschen können wir sehr lange Substantive bilden (Donaudampfschifffahrts...).

Wortstellung, Flexion, Prä- und Postpositionen, Kasus usw. dienen also dazu, die Relationen zwischen den Akteuren und Objekten zu klären. Wie das genau geht, kann sehr unterschiedlich sein.

Kommentar von OlliBjoern ,

Manche grammatischen "Erfindungen" werden nicht von anderen Sprachfamilien geteilt. Deutsch hat 3 Genus. Das muss keineswegs so sein, viele Sprachen kennen gar kein Genus (Finnisch z.B.). Artikel ("ein" "der") braucht man im Deutschen, im Finnischen gibt es so etwas nicht.

Die Zahlen 2, 3, 4 haben im Isländischen Genus.
fjórir menn  (4 Männer)
fjórar konur (4 Frauen)
fjögur skip   (4 Schiffe)
Man sieht im Deutschen noch einen "Restbestand" dieser Zahlunterscheidungen, wir können "zwei" oder "zwo" sagen.
"tveir" (maskulin) und "tvö" (neutral).

Manche Sprachen (z.B. auf Neuguinea) haben "object agreement", das Verb wird auch danach konjugiert für wen man das macht. Also "man pflückt etwas für eine Frau" ist anders als "man pflückt etwas für einen Mann", und man markiert das am Verb.

In manchen Sprachen gibt es Formen für "man pflückt tagsüber" oder "man pflückt nachts" (am Verb markiert).

Gerade bei den Verben ist es manchmal sehr fantasievoll, was "exotische" Sprachen für Informationen reinpacken.

Manche Sprachen (z.B. bei den Inuit) unterscheiden "Männer-" und "Frauensprache", es kann sein, dass derselbe Begriff bei Männern und Frauen unterschiedlich ausgesprochen wird.

Gar nicht wenige Sprachen (auch Japanisch) haben Einteilungen der Substantive in Klassen (längliche Objekte, flache Objekte usw.). Manchmal kann man ein Substantiv in die Vergangenheit setzen (Schiff, vergangenes Schiff). 

Kommentar von OlliBjoern ,

Eine Sache fiel mir noch ein. Bei allen Unterschieden gibt es manchmal doch gemeinsame grammatische Ideen.

In einer Neuguinea-Sprache, die ich mir mal ein paar Tage lang angeschaut hatte, gibt es Hilfsverb-Konjugation. Man konjugiert ein "Standardverb" und die eigentliche Information bleibt unverändert.

Interessanterweise ist das ganz ähnlich zu folgendem deutschen Phänomen:
"ich tue mich schminken"
du tust dich schminken...

Man will nicht das eigentliche Verb (schminken) konfugieren, sondern man konjugiert das Hilfsverb (die "Allzweckwaffe") "tun".

Tu ma die Omma winken!

Jetzt der Sprung nach Neuguinea.
In "Wand Tuan" heißt "wand nand" sprechen. Dabei ist "nand" das Hilfsverb. (kumo ist laut)

ni kumo wand mand   sie (Männer) tun laut sprechen
ni kumo wand rind      sie (Frauen) tun laut sprechen

An der letzten Stelle gibt es sehr viele Formen mand, rind, wund...
aber "wand" bleibt gleich, egal wer es tut. Es gibt viele Verben dieser Form "wand nand" oder allgemein "X nand".
Wenn man weiß, wie man "nand" konjugiert, kann man automatisch alle Verben dieser Gruppe konjugieren.

Das heißt, unsere "Schantall" tut nicht nur die Omma winken,
sie tut auch noch so sprechen wie (manche) Leute aus Neuguinea.
Das tat mich etwas verblüffen.

Antwort
von MarioXXX, 21

Wie genau Grammatik entstanden ist, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben.

Also (zum Beispiel) Altschwedisch oder Isländisch haben eine sehr komplexe Grammatik. Da aber Schwedisch aber stark vom Norwegischen und Dänisch sowie vom Niederdeutsch beeinflusst wurde, hat sich die Grammatik stark vereinfacht. Altenglisch zum Beispiel ist mehr wie modernes Deutsch als modernes Englisch, da aber Englisch stark vom Altnordischen, Altfranzösisch und Latein beeinflusst wurde, hat sich die Grammatik stark vereinfacht. 

Das heißt im Allgemeinen: je stärker die Sprache beeinflusst wurde, desto einfacher ist die Sprache. Isländisch zum Beispiel blieb isoliert vom anderen Sprachen (Island ist eine einsame Insel) und daher ist die Grammatik komplexer. Deutsch ist einfacher als Isländisch (hat also mehr fremde Einflüsse) aber schwieriger als Englisch und Schwedisch.

Persisch ist auch einfacher als zum Beispiel Sanskrit.

Französisch hat auch einfachere Grammatik als Latein.

Deutsch ist einfacher als Proto-Germanisch.

Proto-Germanisch und Latein haben eine einfachere Grammatik als Urindoeuropäisch.

Und Urindoeuropäisch ist wahrscheinlich einfacher als Proto-Nostratische Sprachfamilie und darunter gehören vor allem die Finno-Ugrische wie Estnisch, Finnisch und Ungarisch.

https://de.wikipedia.org/wiki/Nostratisch

https://en.wikipedia.org/wiki/Nostratic_languages

Antwort
von RudolfFischer, 9

"Grammatikalisierung" (Entstehen von grammatischen Regeln) ist ein Untersuchungsgebiet der Sprachwissenschaft und Teil des Sprachwandels.

Grob vereinfacht kann man den Vorgang so erklären:

Im Sprachwandel gibt es zwei gegenläufige Tendenzen: Zum einen werden häufige verwendete Sprachelemente abgeschliffen, was Unregelmäßigkeiten verursacht. Zum anderen gibt es eine Tendenz zum Strukturieren, die die Speicherung von Sprachelementgruppen erleichtert. Aber auch die Sprachproduktion, da wegen der Regelmäßigkeit Analogieschlüsse möglich sind, um auch korrekte Ausdrücke zu produzieren, die man nie gehört hat.

Beispiel aus der Verbkonjugation:

"Starke" Verben ändern ihre Formen durch Variation des zentralen Stammvokals: sIngen, sAng, gesUngen. Da diese Variation aber unregelmäßig ist, muss man diese Formen einzeln auswendig lernen, und sie können sich nur deshalb einem Sprachwandel zur größeren Regelmäßigkeit hin widersetzen, weil sie häufig gebraucht (und deshalb besser behalten) werden.

Grammatikregel: "Schwache" Verben bilden ihre Formen mit -te (Präteritum) und ge-t (Partizip). Es genügt dann zu wissen, ob ein Verb "schwach" konjugiert wird, um auch bei noch nie verwendeten Verbformen die richtige Form bilden zu können. Das ist der Vorteil der Regelmäßigkeit.

Interessant ist, dass im Zuge des Sprachwandels fast ausnahmslos starke Verben zu schwachen werden, selten nur umgekehrt. Wohl, weil die Variation des Stammvokals keine augenfälligen Vorteile für das Behalten und die Verwendung der Verbformen mit sich bringt, die schwachen Verbformen jedoch wohl. So breitet sich die o.g. Grammatikregel für Verbformen im Zuge des Sprachwandels aus.

Das Entstehen ener _neuen_ Grammatikregel (wenn auch nur in der Wortgrammatik) haben wir alle vor einigen Jahren verfolgt.

Alte Regel: "Weil" leitet nur Nebensätze ein.

Neue Regel: "Weil" kann (neben "denn") auch Hauptsätze einleiten.

Wie entsteht so eine neue Regel?

Nun, es beginnt damit, dass einige Sprachteilnehmer eine neue Sprachform verwenden, die dann von immer mehr anderen als elegant empfunden und nachgeahmt wird (Imitationsdrang). In den allermeisten Fällen setzt sich die Neuerung nicht durch und bleibt eine sprachliche vorübergehende Modeerscheinung. In wenigen Fällen breitet sich die neue Form aber aus, bis sie sogar als "richtig" empfunden wird.

Bei "weil" begann es mit einer kleinen dramatischen Verzögerung:

"Ich finde dieses Titelblatt schlecht, weil: (kleine Pause) Das sieht nicht aus."

Hier gehorchte man noch der alten Regel, weil man nach dem Doppelpunkt mit einem neuen Hauptsatz aufsetzte. Damit folgte man übrigens einer neueren Tendenz, Nebensätze zu vermeiden, um verständlicher zu sein (Vereinfachung des Satzgefüges).

Da diese Sprechweise Furore machte und nach und nach alle (auch ich selbst) sie nachahmten, fiel dann die kleine Pause weg, da sie als unnötig empfunden wurde, und so heißt es heute:

"Ich finde dieses Titelblatt schlecht, weil das sieht nicht aus." anstatt wie früher: "weil es nicht aussieht".     

So ist eine neue grammatische Regel (der Wortgrammatik für "weil") entstanden. Es gibt auch gezielte Ansätze, neue Grammatikregeln zu kreieren, vor allem in der Werbung, um aufzufallen: "Da werden Sie geholfen." Ob sich dann sowas durchsetzt, entscheidet die Gemeinschaft der Sprachteilnehmer. Eine weitere Quelle grammatischen Wandels sind Einflüsse anderer Sprachen, heutzutage vor allem des Englischen: "Ich erinnere das nicht." statt: "Ich erinnere mich nicht daran."

Antwort
von Dahika, 8

Vor 120.000 Jahren saß der Altsteinzeitmensch vor seiner Höhle. Er langweilte sich und dachte in der Sonne so vor sich hin. Ihm kam die Idee, dass die Aneinanderreihung von Uff und Wam und Bum langweilig sei und wollte Ordnung in die Sprache bringen.


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