Wie ist die Ethik der Epikureer?

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1 Antwort

Ethik beantwortet die Frage, wie soll der Mensch leben, was ist sein Ziel? Um diese Frage zu beantworten, begründet der Mensch Werte als Orientierung, woher sie stammen, wo und wie sie verwurzelt sind und wie sie sein sollen. Verbunden damit muss die Frage beantwortet werden: Was ist der Mensch und was die menschliche Gesellschaft und wie sollten beide, das Individuum und die Gesellschaft funktionieren und sich zueinander verhalten? Welche Regeln soll es für beide geben und wie ist im Konfliktfall zu verfahren?

Mit allen antiken Philosophen hat Epikur die Einstellung gemeinsam, dass im Zentrum die Frage steht, wie man das aktuelle Leben als erfülltes Leben gestaltet, wie man im Auf und Ab des Lebens und den täglichen Problemen über die ganze Lebensspanne zu einem gelingenden, glücklichen Leben findet. Erst das Christentum lenkt die Lebensziele auf das ewige Leben danach und das aktuelle Leben ist nur eine Bewährungszeit. Dazu steht Epikur in scharfem Kontrast, weil es für ihn kein Weiterleben der Seele gibt.

Epikur ist ausschließlich diesseitig orientiert: Es gibt nur dieses Leben. Darin unterscheidet er sich von den Idealisten, Platon, Aristoteles und der Stoa, die an eine höhere Existenz glauben und an ein ewiges Sein des Geistes. Epikur ist Agnostiker. Er hält die Existenz von Göttern für möglich, aber auch die sind Teil dieses Seins, wovon auch der Mensch ein zeitlich begrenzter Teil ist. Doch spielen die Götter für uns Menschen keine Rolle, es sei denn, wir stellen sie uns als Idealbilder vor, die uns zu besserem Handeln anleiten. Epikurs Antwort auf die Frage, was ist der Mensch, fällt sehr modern in einem evolutionären Entwicklungsverständnis aus: Der Mensch hat sich aus der Natur entwickelt. Der Mensch ist ein gesellschaftlich organisiertes Wesen und auch die Gesellschaften entwickeln sich und mit den Gesellschaften die Werte.

Grundziel der Ethik als gesellschaftlich entstandene Werteordnung ist ein Ausgleich zwischen individuellen Erwartungen und Interessen und die Rücksicht auf die Erfordernisse eines gemeinsam organisierten Lebens. Epikur drückt es verbal aus: Wir können als Menschen nicht zu einem erfüllten Leben mit ausgeglichener Seelenruhe kommen, wenn wir nicht gerecht handeln und umgekehrt führt gerechtes Handeln zu einem erfüllten Leben mit ausgeglichener Seelenruhe. Zu beachten ist, dass er mit „gerecht handeln“ jeden in seiner persönlichen Verantwortung anspricht und nicht mit dem abstrakten Begriff „Gerechtigkeit“ den Anfang zu ganzen Buchreihen setzt, in denen bis heute noch nicht geklärt ist, was „Gerechtigkeit“ ist. Gesellschaftliche Gesetze und Normen bilden sich im Fortschreiten der gesellschaftlichen Entwicklung heraus nach dem Motto: „Es gibt keine Gerechtigkeit an und für sich, sondern sie ist ein im gegenseitigen Umgang miteinander an den beliebigsten Orten und Zeiten geschlossener Vertrag, einander gegenseitig weder zu schädigen noch Schädigung zuzulassen.“ (Epikur, Katechismus). Das ist die berühmte Grundformel des Gesellschaftsvertrags, wie er seit der Aufklärung Kern unserer modernen Gesellschaft wurde.

Epikurs Bestreben war nicht die Lust im Übermaß sondern Freiheit und Autarkie, Gelassenheit und Unempfindlichkeit gegenüber allem "haben müssen" oder "aus Angst dienen müssen". Seine Philosophie ist bestimmt von einer extrem kritischen Haltung gegenüber allen als Masken vorgeschobenen Idealismen. Aber in den überlieferten Interpretationen der Reste seiner Philosophie ist nur von der idealistischen Verzerrung der Lust als höchstem Gut zu lesen. Ein oberstes Ziel im Sinne des Idealismus als reine Definition ohne Anbindung an die Realität kennt Epikur gar nicht. Das Ansinnen Epikurs ist ein ausgefülltes, gutes Leben in möglichst viel freier Autarkie. Und auf dem Weg von mal Lust genießen zu nur noch Lust haben wollen geht leicht die Freiheit der Person, ihre Autarkie verloren. Nicht nur künstlich geschürte Ängste machen den Menschen unfrei sondern auch Sucht z.B. nach ununterbrochener Lust, nach politischem oder ökonomischem Erfolg, alles, was das Maß verliert und damit der Mensch die Freiheit, ungezwungen NEIN sagen zu können. Wenn man nicht mehr ungezwungen NEIN sagen kann, haben die Greifer der Sucht einen bereits gepackt oder schweißtreibende, unnatürliche Ängste, beide nur Positionen am Ende einer Skala, bei der man sich am besten in der Mitte aufhält. Epikurs idealer Ort ist ein grüner Bereich, in dem man sowohl mal Lust gut haben kann, in dem man aber auch mit Schmerzen und realen Ängsten umgehen kann, weil alles dies zum Leben gehört, das nicht in Schlaraffia stattfindet sondern auf unserer realen Erde.

Epikurs Ideal ist die Freundschaft, der erst aus nützlichen Überlegungen entsteht und sich dann in gegenseitigem Vertrauen und Verbundenheit vertieft. Auch hier findet man, dass Epikur immer in Prozessen denkt: Die Dinge entwickeln sich – nichts fällt vom Himmel. Auch die Tugenden der Antike sieht er positiv, aber nicht zwanghaft wie die Stoa. Auch die Tugenden sind keine göttliche Vorgabe sondern erwachsen aus der Einsicht und Erfahrung der Menschen, dass sie für ihre Gemeinschaft gedeihlich sind. Es ist zwar richtig, dass der Utilitarismus nach der Aufklärung im Kern auf Epikur zurückgeht. Doch im Unterschied zu Epikur formuliert der Utilitarismus positiv. Epikur vertritt eher – wie später Karl R. Popper – einen negativen Utilitarismus. Er zeigt auf, was schädlich ist, was man vermeiden sollte um nicht sich und der Gemeinschaft zu schaden. Ähnlich seiner erkenntnistheoretischen Falsifikation ist er eher dafür, Fehler zu erkennen und zu.

Der oft vom Epikur-Freund Horaz zitierte Satz: „Carpe diem“ sollte ergänzt werden mit „et respice finem.“ Frei übersetzt: Nutze den Tag, in freier Verantwortung das Glück deines Lebens zu schaffen und entscheide mit Weitsicht.“

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Kommentar von MasterQuintus
12.03.2016, 09:00

Danke für die super Antwort habe die gleiche Frage auch mit den stoikern gestellt vielleicht kannst du mir ja da auch weiterhelfen..........

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