Frage von slyrth, 166

Wie ist das mit der Vergangenheit in der deutschen Sprache?

Hi Community

Ich lerne nach wie vor Deutsch, und es gibt etwas was mir immerwährend Schwierigkeiten macht. Und zwar die Vergangenheit. Meine Muttersprache is Polnisch und in der polnischen sprache gibt es zwei Vergangenheitsformen der Verben.

Erste sagt nur über eine Tätigkeit die in der Vergangenheit geschehen ist - das heißt das etwas würde in der Vergangenheit gemacht - das sagt aber nichts über den Endeffekt, über Ergebniss.

Zwite Form sagt schon über Endefekt - das ist eine vollendete Gegenwart - die Tätigkeit in der Vergangenheit würde gemacht und beendet.

Ich muss hier leider einen Beispiel auf Polnisch schreiben - sonst weiss ich nicht wie ich das erklären kann.

czytac - lesen

czytalem - bedeuted nur das ich gelesen habe, diese Form bestimmt nicht wie lange habe ich gelesen, und sagt nichts über Endeffekt (du weisst nicht ob ich ein Ganzes buch gelesen habe oder ob ich nur ein Paar Seiten gelesen habe - du weisst nur das, dass ich z.B gestern eine unbestimmte Zeit gelesen habe)

przeczytalem - diese form weist darauf hin, dass ich nicht nur gelesen habe, sodern auch dass diese Tätigeit schon abgeschlossen ist (man weisst sofort das ich habe ein ganzes Buch gelesen)

Wie ist das jetzt auf Deutsch. Soweit ich weiss wenn ich sage:

Ich habe gestern das Buch, das du mir gegeben hast gelesen. - Bedeutet das ich ein ganzes Buch gelesen habe. Stimmt das ?

Ich hoffe dass ihr mir das irgendwie erklären können da ich kann dadurch nicht mehr schlafen :) ich muss das einfach wissen :) Ich habe noch keinen Lehrer getroffen, der mir das erklären konnte.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Johann242, 88

Na dann setze ich mal an:

Ihr Polen seid zwar auf den Vergleich mit Russen immer nicht so scharf, er ist aber angebracht. Das müsste etwa so ähnlich sein, wie die russischen Aspekte.

Aslo erstmal unterscheidet man im Deutschen 3 Vergangenheiten:

1. Präteritum (unvollendete Vergangenheit) hängt nicht vom Aspekt ab, es beschreibt eine Tätigkeit, die getan wurde: Ich las.

2. Perfekt (vollendete Gegenwart) Diese Zeitform beschreibt eigentlich den vollendeten Aspekt, geht aber in Richtung Vergangenheit: Ich habe gelesen. Er beschreibt, dass etwas gerade abgeschlossen ist. Es drückt aus, dass etwas vor dem Präsens passierte.

3. Plusquamperfekt (vollendete Vergangenheit) Diese Zeitform beschreibt ein Ereignis, das bereits in der Vergangenheit abgeschlossen war: Ich hatte ein Buch gelesen. Anders als im Perfekt, ist das Plusquamperfekt nicht unmittelbar vor dem Präsens geschehen, sondern kann auch weiter zurückliegen.

Innerhalb der drei Vergangenheiten (eigentlich nur 2, das Perfekt tendiert nur zu einer Vergangenheitsform) kann man allerdings ohne zusätzliche adverbiale Bestimmungen auch nicht sehen, ob man nun das ganze Buch oder nur ein paar Seiten las, denn an den Sätzen:

Ich las ein Buch.

Ich habe ein Buch gelesen.

Ich hatte ein Buch gelesen.

wird dies nicht deutlich. Viel mehr ist es Interpretationsfrage. In diesem Fall würde man dazu tendieren, zu denken, dass ein ganzes Buch gelesen wurde, weil man ein ganzes Buch als Objekt nennt. Sonst sagt man für gewöhnlich:

Ich habe (ein wenig) in einem Buch gelesen.

Das muss aber auch nicht immer sein, wenn du weiter nach Westen kommst, dann gibt es diese Ausdrucksform nicht mehr. Es ist sehr viel Interpretation im Deutschen nötig.

Mehr Fragen? PN oder Kommentar ...

Hoffentlich war das jetzt halbwegs anschaulich ...

Kommentar von slyrth ,

Jetzt ist mir das schon etwas klarer geworden. Ja, alle polnische Verben haben zwei Aspekte einen vollendeten und einen unvollendeten (hien von mir falsh als die zwei Vergangenheitsformen der Verben genannt).

.... ich muss noch viel lernen :)

Kommentar von Johann242 ,

Nicht nur die polnischen Verben - was hat mich das in Russisch genervt ... Aber ich bin durch!

Brauchste Unterstützung?

Kommentar von slyrth ,

Mark Twain hatte auf jeden Fall Recht - Deutsch ist manschmal zu schwer aber oft zu einfach um etwas zu ausdrücken. 

Ich muss bald TestDAF ablegen, deshalb lerne ich jetzt besonders intensiv und aus diesem Grund die Fragen .... ich werde sie ganz sicher öfter stellen :) 

Kommentar von Johann242 ,

Mark Twain meinte ja auch: "Man sollte die deutsche Sprache ehrfurchtsvoll zu den toten Sprachen legen. Denn nur die Toten haben Zeit, diese Sprache zu lernen!"

DAF-Test? Am Goethe-Institut? Sehr fleißig! Na dann frag mal, wir werden dir helfen.

Kommentar von slyrth ,

Nicht am Goethe-Institut - es gibt jetzt viele Schulen - weltweit wo man TestDAF ablegen kann. 

Falls ich noch Fragen habe, weiss ich an wem soll ich mich wenden :) 

Ich danke dir. 

Kommentar von akesipalisa ,

Zu Deinem Punk 2 (Perfektform): Das Ereignis kann schon länger her sein, z. B. "Ich habe vor 35 Jahren geheiratet".

In der Umgangssprache geht es oft drunter und drüber mit den Zeitformen: Wenn eine Zeitangabe im Satz steht, wird das Futur durch die Gegenwartsform ersetzt (wie übrigens auch im Ungarischen): "Ich gehe nächstes Jahr in Rente."

Das Präteritum ist weitgehend zugunsten des Perfekts verschwunden (außer "war", "wurde" und "hatte"). Das Futur II kommt so gut wie gar nicht mehr vor. Wer sagt schon noch: "Ich werde den Brief geschrieben haben" oder "Die Kartoffeln werden gekocht worden sein"?

Das Plusquamperfekt wird meist falsch angewandt: "Ich war gestern im Kino gewesen."

Antwort
von OlliBjoern, 53

Danke für die gute Erläuterung der polnischen Formen. Also "ich habe gestern das Buch gelesen" heißt schon, dass ich das Buch ausgelesen habe (ansonsten hätte man gesagt "ich habe gestern in dem Buch gelesen", vielleicht nur ein paar Seiten). Das ist Perfekt.

Plusquamperfekt: ist eine "Vorvergangenheit", meist in einem Zusammenhang gebraucht: "als ich das Buch (aus)gelesen hatte, klingelte es an der Tür". Das Klingeln war schon Vergangenheit, und das Lesen war noch davor abgeschlossen. 

Der Unterschied zwischen Präteritum (es klingelte) und Perfekt (es hat geklingelt) ist vorhanden, wird aber in der Umgangssprache nicht mehr so wahrgenommen. Das heutige Umgangsdeutsch bevorzugt meist die Perfektformen (Präteritum ist aber häufig bei ich war, ich hatte, ich sollte, ich musste, also bei Modalverben).

Das Präteritum steht bei Dingen, die weit in der Vergangenheit liegen und keinen Bezug mehr zur Gegenwart haben. Märchen beginnen mit "Es war einmal" und nicht mit "Es ist einmal gewesen".

Bei einem Gegenwartsbezug steht das Perfekt: "die Brücke ist gestern fertig geworden" ("die Brücke wurde gestern fertig" ist natürlich auch verständlich, klingt aber komisch).

Expertenantwort
von Volens, Community-Experte für Grammatik, Sprache, deutsch, 35

Die Theorie ist:
das Perfekt heißt im Deutschen "Vollendete Gegenwart", weil sie (eigentlich) eineTätigkeit bezeichnet, die bis eben noch getan wurde und jetzt abgeschlossen ist.

"ich bin angekommen"

Da der Deutsche im Umgang mit seiner Sprache mehr als salopp ist, wird das nicht immer so klar gesehen. Aber im Deutschen verwendet man auch das nahe Futur wie Präsens und bekommt dafür oft eine schlechte Übersetzung in andere Sprachen hin, die es mit dem Futur genauer nehmen.

"ich komme morgen an" ist nämlich eigentlich falsch. Es müsste heißen:
"ich werde morgen ankommen"

Aber so ist das eben mit der Umgangssprache.

Das Verständnis für den Zusammenhang im Präteritum lässt bei vielen auch zu wünschen übrig. Die deutsche Bezeichnung "Unvollendete Vergangenheit" meint nicht, dass die Tätigkeit heute noch unvollendet ist, sondern, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Beschreibung unvollendet war. Dass auch ein Bastian Sick dies nicht durchblickt, wie wir im Zitat in einem anderen Posting lesen konnten, spricht nicht für ihn, - wie auch manche andere Äußerung nicht, die er so macht.

"Ich wartete an der Haltestelle" - das ist zum Zeitpunkt der Schilderung durchaus noch nicht beendet.

Kommentar von Volens ,

Die Beendigung ist erfolgt, wenn man sagt:

"ich hatte an der Haltestelle gewartet", denn dann ist man inzwischen eingestiegen. Diese Zeit heißt "Vollendete Vergangenheit" (Plusquamperfekt). Sie wird auch so in vorzeitigen Nebensätzen gebraucht:

"nachdem ich an der Haltestelle gewartet hatte, stieg ich in den Bus ein"

Expertenantwort
von adabei, Community-Experte für Grammatik, Sprache, deutsch, 40

Vielleicht interessiert dich dieser Artikel:

http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/zwiebelfisch-abc-imperfekt-praeteritum...

Antwort
von Rudolf36, 23

Hi slyrth,

1. czytalem entspricht dann wohl dem Imperfekt im Deutschen, das für Erzählungen und für nicht abgeschlossene Handlungen benutzt wird: ich las gerade ein Buch (als du mich anriefst) / Es war einmal eine schöne Königstochter . . .

2. przeczytalem scheint dem deutschen Perfekt zu entsprechen: ich habe das Buch gelesen (weil es mir empfohlen wurde). Das Perfekt beschreibt angeschlossene Handlungen. 

3. Darüberhinaus gibt es im Deutschen noch das Plusquamperfekt für Ereignisse, die noch früher abgeschlossen wurden. - Ich hatte das Buch schon gelesen, bevor du es mir empfohlen hast (Perfekt). 

Ich hoffe, das ist einigermaßen verständlich. Wenn nicht, frag bitte.

Kommentar von Johann242 ,

Es gibt im Deutschen kein Imperfekt ...

Kommentar von Rudolf36 ,

Das Imperfekt gibt es sehr wohl. Ich habe es in der Schule gelernt, im Deutschen und Lateinischen etwa gleichzeitig. 

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