Wie hört beim Geige spielen das kratzen auf?

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5 Antworten

Hallo!

Erst mal:
Spielst Du immer noch Klavier (zusätzlich zur Geige), oder hast Du das Klavierspielen jetzt aufgegeben? Ich finde nämlich, daß es für das Erlernen eines Streichinstruments hilfreich sein kann, wenn man sich auf dem Klavier auskennt. (Obwohl das allerdings kein Rezept gegen das Kratzen ist.)

Wie ist Deine Nachbarin mit Deinem Klavierüben zurechtgekommen? Klavier ist doch eher noch lauter als Geige.

Dann zu Deiner Nachbarin:
Wenn Deine Mutter zu Dir hält, kann Euch wegen Deines Geigeübens gar nichts passieren. Es gibt gültige Gerichtsurteile, die jedem das Recht einräumen, eine bestimmte Zeit pro Tag ein Instrument zu üben. Und ein halbe Stunde pro Tag ist da sehr wenig: Du dürftest auch mehr. (Anders wäre es, wenn Du gleich lang die Stereoanlage laut drehen und passiv Musik hören würdest.)

Wenn zu Eurem Mietvertrag eine Hausordnung gehört: Schau nach, welche Ruhezeiten in Eurer Hausordnung stehen.
Außerdem kannst Du auf dem Rathaus (ich glaube, das Ordnungsamt ist zuständig) wegen der für Eure Stadt oder Gemeinde gültigen Lärmschutzverordnung nachfragen. Wenn Du all das einhältst, bist Du auf der sicheren Seite, und selbst wenn es Euer Vermieter wollte, könnte er nichts gegen Euch machen.

Zum Üben allgemein:
Gerade wenn man richtig übt, klingt das Üben nicht immer schön. Beim Üben muß man immer auch mal an die Grenzen gehen, und es gibt sogar Übungen, die gerade dann, wenn man sie richtig macht, schrecklich klingen.
Man kann sich das ähnlich vorstellen, wie wenn man ein Bild malt: Ein unfertiges Bild kann häßlich aussehen, aber ein Bild entsteht eben allmählich.
Jemand, der sich auskennt, weiß das und kann auch diesen schrecklichen Klang genießen, wenn er jemanden üben hört, weil er sich darüber freut, daß da schöne Musik am Wachsen ist. (Das ist wie bei einer Blütenknospe, die sich noch nicht geöffnet hat: Ohne die Knospe gibt es später auch keine Blüte, selbst wenn die Blüte schöner als die Knospe aussieht.)

Jetzt zum Kratzen auf der Geige:
Zuerst ein paar Begriffsklärungen, damit Du mich verstehst:
Mit der „Kontaktstelle“ meine ich die Stelle der Saite, an der die Bogenhaare die Saite berühren. Es geht also darum, ob Du näher am Steg streichst, oder näher am Griffbrett, oder irgendwo dazwischen.
Mit Bogengewicht meine ich das Gewicht, das durch die Bogenhaare auf die Saite übertragen wird.
Und dann gibt es noch die Bogengeschwindigkeit, also die Geschwindigkeit, mit der man den Bogen und damit die Bogenhaare über die jeweilige Saite streicht.
Über die Kombination dieser 3 Grundelemente des Bogenstrichs werde ich gleich schreiben.

Aber vorab noch etwas anderes:
Man sollte darauf achten, daß man immer gerade streicht. (Es gibt auch Ausnahmen, doch die können wir jetzt mal beiseite lassen.) Streich mal leere Saiten als gleichmäßige lange Töne vom Frosch bis zur Spitze, und dann wieder von der Spitze zum Frosch, und das ein paarmal. Der Bogen sollte immer im rechten Winkel zur Saite sein, und auch immer an der gleichen Kontaktstelle. Wechselt die Kontaktstelle während dieser Übung, so hast Du irgendwie nicht gerade gestrichen.

Das Geradestreichen wiederum klappt nur, wenn man in der Bewegung des rechten Arms die richtige Kombination zwischen dem Strich mit dem ganzen Arm (Unterarm und Oberarm gemeinsam: Die Bewegung kommt aus dem Schultergelenk) und dem Unterarmstrich (es bewegt sich nur der Unterarm, während dagegen der Oberarm ruhig bleibt: Die Bewegung kommt aus dem Ellbogengelenk) findet.
Grob gesagt: In der unteren Hälfte (also zwischen Frosch und Bogenmitte) Bewegung des ganzen Arms, in der oberen Hälfte (also zwischen Spitze und Bogenmitte) Unterarmstrich. Beide Bewegungsarten sollten so nahtlos ineinander übergehen (und zwar ungefähr in der Mitte des Bogens), daß der Eindruck einer einheitlichen Bewegung entsteht.
Ob der Übergang zwischen beiden Bewegungen genau in der Mitte des Bogens oder auch ein ganzes Stück daneben stattfinden soll, hängt von der Länge Deines Arms ab.
Wenn während der ganzen Übung mühelos die Kontaktstelle gleich bleibt, ist das ein Zeichen dafür, daß alle Bewegungsabläufe richtig sind. Sollte die Kontaktstelle schwanken (und das wirkt sich dann auch meist negativ auf den Bogenklang aus), mußt Du Dich nochmal um die Feinabstimmung der Bewegungsabläufe kümmern.
Sollte Dein Arm zu kurz sein, kann es sein, daß Du nur dann komplett gerade streichen kannst, wenn Du nicht ganz bis zu Spitze streichst.

Kurze Bogenstriche am Frosch werden mit dem ganzen Arm gemacht, kurze Bogenstriche an der Spitze nur mit dem Unterarm, kurze Bogenstriche in der Mitte mit einer Kombination aus beidem, also einem Unterarmstrich, bei dem der Oberarm noch ein bißchen mitgenommen wird.

Nun zur Kombination der 3 Grundelemente des Bogenstichs, nämlich Kontaktstelle, Bogengewicht und Bogengeschwindigkeit:

Jedes der 3 Grundelemente kann man verschieden dosieren. Die gewünschte Klangfarbe entsteht dadurch, daß man die Dosierung der 3 Grundelemente passend aufenander abstimmt.
Wenn man beispielsweise zu nah am Griffbrett streicht, recht langsam streicht und auch noch viel Bogengewicht nimmt, so wird es kratzen. Jetzt kann man wie ein Naturwissenschaftler vorgehen und ausprobieren: Was passiert, wenn ich die Kontaktstelle und das Bogengewicht beibehalte, aber viel schneller streiche? Und was passiert, wenn ich nun auch noch näher zum Steg gehe?
(Deine „Meßinstrumente“ sind Deine Ohren.)

Wenn Du sehr nah zum Steg gehst, aber sehr schnell streichst und wenig Bogengewicht nimmst, kann es passieren, daß es auch recht komisch klingt.

Faustregeln (aber immer selber überprüfen):
Näher am Griffbrett eher weniger Gewicht nehmen, mehr Bogengeschwindigkeit;
näher am Steg eher mehr Gewicht nehmen, weniger Bogengeschwindigkeit.
Auf tieferen Saiten mehr Gewicht und weniger Bogengeschwindigkeit, auf höheren Saiten weniger Gewicht und mehr Bogengeschwindigkeit.

Als Kratzen bezeichnet man es nur, wenn während des Tons ein Geräusch entsteht. Bei harten Tönen ist dagegen ganz zu Anfang des Tons ein Geräusch erwünscht, so eine Art kurzer Knacks (während des Tons aber nicht). Bei weichen Tönen darf am Anfang kein Geräusch sein.
Besonders schwierig sind laute Töne, die weich beginnen, und leise Töne, die hart beginnen.
Oft muß man also für einen harten Tonanfang am Anfang des Bogenstrichs ganz kurze Zeit mehr Gewicht nehmen als beim Rest des Bogenstrichs. (Die Dosierung muß man wiederum selbst ausprobieren.) Oder aber für einen weichen Tonanfang den Bogenstrich für einen Bruchteil einer Sekunde mit etwas vorsichtigerem Bogengewicht beginnen.

Etwas, was ich bei der Geige nicht weiß, was aber auf dem Cello eine deutliche Rolle spielt: Am Frosch und an der Spitze darf ich nicht gleich viel Armgewicht nehmen. Wenn ich einen Aufstrich von der Spitze bis zum Frosch mache, muß ich am Frosch Gewicht wegnehmen, weil es sonst kratzt. Probier einfach selber aus, wie das auf der Geige ist.

Etwas, von dem ich auch nicht weiß, ob es auf der Geige eine große Rolle spielt: Auf dem Cello muß ich bei Tönen in sehr hoher Lage deutlich näher am Steg streichen als bei Tönen in der 1. Lage.

Und dann geht es darum, zu überprüfen, ob jeder Saitenübergang (also der Wechsel von einer auf die andere Saite) gut klappt. Und ob Du aus Versehen noch eine zweite Saite mitstreichst, die gerade von einem Finger der linken Hand berührt wird.

Leere Saiten müssen wiederum etwas anders (vorsichtiger) behandelt werden als Töne, bei denen die linke Hand greift: Leere Saiten klingen leicht zu schrill, sprechen aber nicht ganz so leicht an wie gegriffene Töne. (Inwiefern dies auf der Geige ebenso relevant ist wie auf dem Cello, vermag ich nicht zu sagen.)

Und wenn Du alles dann in „Trockenübungen“ ausprobiert hast, kannst Du schauen, daß Du alles in Deine Stücke so einbaust, daß für jeden Ton die Kombination aus den 3 Grundelementen sowie das Geradestreichen stimmt.
Solange etwas gut klingt, ist alles o.k.; kratzt es, mußt Du die einzelnen Elemente genauer untersuchen.

Noch eine Übung:
Greif einen Ton und streiche ihn langsam und gleichmäßig auf eine Art, daß ein sehr lautes, gleichmäßiges Kratzen entsteht. (Man darf die Tonhöhe nicht mehr erkennen vor lauter Kratzen.) So, nun laß die Kontaktstelle und das Bogengewicht gleich, streich aber sehr viel schneller: Nun müßte ein sehr lauter angenehmer Ton ohne Kratzen entstehen.

Gleiche Übung leise:
Nun muß daß Kratzen extrem leise sein, aber wieder ganz gleichmäßig. Wenn Du jetzt sehr schnell streichst, müßte ein leiser, aber angenehmer Ton entstehen.

Weitere Übungen:
Probier bewußt all das aus, was Du eigentlich vermeiden möchtest, um dann, wenn es aus Versehen passiert, sofort intuitiv erkennen zu können, woran es liegt, und um dann sofort gegensteuern zu können: Krumm streichen, zu nah am Steg streichen, auf dem Griffbrett streichen usw.

Du merkst: Üben ist richtiges Experimentieren. Und wenn dies Deine Nachbarin nervt, so hat sie eben Pach gehabt!

Viele Grüße,
Merkantil

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Kommentar von Merkantil
17.07.2016, 11:31

Hallo JacquelineSnape,

danke für den Stern!

Ich gehe also davon aus, daß meine Antwort etwas geholfen hat. Was hat mehr geholfen: Mein Ratschlag zur Gelassenheit gegenüber Deiner Nachbarin, oder meine konkreten Tips zum Geigespielen?

Im Schlußsatz habe ich natürlich gemeint: „So hat sie eben Pech gehabt!“ (Immer diese Tippfehler!

Auf die 3 Fragen, die mir fürs Geigespielen nicht klar waren, habe ich bisher noch keine Antwort (ich muß mal Geigenkollegen fragen):
1.) Muß man auch auf der Geige am Frosch und an der Spitze verschieden viel Armgewicht nehmen (bzw. verschieden viel Bogengewicht wegnehmen)? Und wenn ja: Muß auf der Geige auch am Frosch weniger Gewicht angewandt werden als an der Spitze?
2.) Macht es auf der Geige für die Kontaktstelle auch einen großen Unterschied, ob man Töne in hohen oder in tiefen Lagen spielt? Muß man auch auf der Geige in hohen Lagen deutlich näher am Steg streichen?
3.) Macht es auch auf der Geige einen entscheidenden Unterschied, daß leere Saiten einerseits schriller klingen als mit Finger gegriffene Töne, andererseits aber schlechter ansprechen?

Übrigens:
Wie schon gesagt, soll man auf dem Streichinstrument ja in der Regel (es gibt durchaus Ausnahmen) im rechten Winkel zur Saite streichen. Auf dem Cello hat man nun das Problem, daß man ganz schräg auf die Kontaktstelle schaut: Das, was in Wirklichkeit ein rechter Winkel ist, sieht für den Cellisten gerade nicht wie ein rechter Winkel aus (und umgekehrt).
Deshalb kann ein Cellist den rechten Winkel nur indirekt kontrollieren: Einerseits, indem ihm ein geeigneter Zuschauer (der Lehrer oder ein anderer Assistent) immer wieder sagt, ob er im rechten Winkel streicht; und andererseits, indem er beobachtet, ob sich während des Streichens die Kontaktstelle andauernd ändert.

Ich glaube fast, daß man es auf der Geige in dieser Hinsicht einfacher hat: Da man von oben auf die Kontaktstelle schaut, müßte eigentlich ein rechter Winkel auch wie ein rechter Winkel aussehen. Oder?

Ich wünsche weiterhin viel Spaß beim wilden Geige-Üben und beim zivilisierten Vermeiden des Kratzens.

Viele Grüße,
Merkantil

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überprüfe ob dein Bogen die richtige Spannung hat 

bei mir kratzt es hauptsächlich dann wenn ich mit den Bogen im falschen Winkel über die Seiten streiche

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Bogen ein kolofonieren und ein hoteldämpfer kaufen und benutzen wen die Nachbarin zuhause ist. Darauf achten (im Spiegel gucken) das der bogen richtig geführt wird. Nicht zu oft den hoteldämofer benutzen sonst gewohnst du dich an den leisen klang. Lg

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Schau, dass dein Bogen richtig gespannt ist und pass auf, dass der Bogen nicht zu nah am Steg ist. Ich habe mit 13 angefangen Geige zu spielen und hatte genau das gleiche Problem. Wenn du Unterricht bekommst, frag doch da mal nach, was du machen kannst:)

Lg IloveGlitter

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üben üben üben, wenn man ein Gefühl für die Geige bekommt geht das weg :)

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Kommentar von JacquelineSnape
27.06.2016, 08:56

Ich versuchs ja, aber die Nachbarin beschwert sich immer :-(

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