Frage von Methusalem969, 28

Wie genau kam es zum Tod Gottes in Nietzsches "also sprach Zarathustra"?

Antwort
von berkersheim, 28

Es gibt zwei Stellen bei Nietzsche mit der Aussage "Gott ist tot", die typisch Nietzsche, unterschiedliche Aussagen haben. Die bekannteste steht nicht im Zarathustra sondern in "Die fröhliche Wissenschaft" mit der Geschichte vom "tollen Menschen". "Gott ist tot" ist dort eben keine Sachaussage sondern ein Vorwurf, verbunden mit vielen Fragen, die es genau zu lesen gilt. Gerade im Bild der Sonne, von der wir die Erde losgekettet haben, kommt der Vorwurf, dass wir ein Orientierungszentrum zerstört haben, ohne es durch ein neues zu ersetzen, dass wir unsere Welt steuerlos gemacht haben. Am Ende deutet er mit dem Satz: "Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?" an, dass auch die Kirchen mit ihrem Dogmatismus und Machtstreben einen "lebendigen, Lebensorientierung spendenen Gott" getötet haben.

In der Zarathustra-Stelle (Also sprach Zarathustra (S. 348)) geht es eigentlich zentral um das Thema des verfehlten Mitleids. "wo in der Welt geschahen größere Torheiten, als bei den Mitleidigen?" Vielleicht verstehen wir diese Stelle besser, wenn wir in zehn Jahren auf die heutige "Willkommenskultur" und ihre Folgen zurückschauen. Auf die Realitätsblindheit der Gefühlsduseligen. Am Ende heißt es da: "Und jüngst hörte ich ihn (den Teufel) dies Wort sagen: »Gott ist tot; an seinem Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben.«" Da schließt sich nur andeutungsweise der Kreis zum "tollen Menschen". Denn man kann es so interpretieren: Gott hat aus Mitleiden mit den Menschen diesen erlaubt, sein erstes Gebot zu übertreten, das da heißt: Du sollst Dir kein Bild machen!" So haben sie ein Bild Gottes geformt, das ihren Wünschen nach Selbstüberhöhung entspricht, nach Grenzüberschreitung der Grenzen, nach Freiheit ohne Grenzen und Verantwortung, nach sich selbst als Über-Gott (was etwas anderes ist als Nietzsches Übermensch!). Gott als Selbstbindung des Menschen, als Repräsentant höheren an die Realitäten der Welt gebunden seins  ist von den Menschen in ihrer Selbstherrlichkeit weggesprengt. Nicht nur von den Bösen, sondern auch von den Mitleidigen, die maßlos sind in ihrem Idealismus.

Kommentar von Methusalem969 ,

Vielen Dank !

Eine solche Antwort hatte ich mir erhofft.

Kommentar von LiloB ,

super Antwort - und auch für Laien (wie ich es bin) verständlich. Danke dafür!!!

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