Frage von Tommyyyy, 49

Wie funktioniert ein Audio Compressor?

Hallo Community.

Ich arbeite seit einer Weile im musikalischen Bereich (privat) und habe mich gänzlich wenig mit Compressoren beschäftigt, obwohl ich weiß, dass es sehr essentiell ist, um eine gewissen Balance zu schaffen und bestimmte Aspekte eines Projekts in den Vordergrund zu stellen.

Mir wäre es demnach wichtig zu wissen, wie ihr mit der Balance umgeht, etwas lauter oder leiser klingen zu lassen im Verhältnis zu anderen Instrumenten.

-Regelt ihr dafür den Gain Pegel oder eher den Threshold?
-Verläuft die Compression eines Pianos mit einer schnellen oder langsamen Release-/Attack-Zeit? (Und wie sieht das ebenfalls bei der Bassline aus?)

Danke für die Hilfe und mögliche Antworten.

Lg, Tomas

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Beatinfected, Community-Experte für Musik, 14

Ein Compressor lässt sich auf viele Arten einsetzen: Man kann damit Subgruppen und Busse verdichten, einzelne Spuren bearbeiten, sidechaining einrichten - es kommt immer drauf an, was du damit erreichen willst. Die häufigsten anwendungsgebiete sind:

RMS erhöhen: man kann bei einer einzelnen Spur die lautesten Signal-Anteile komprimieren und somit die leiseren lauter machen (wenn man anschließend gain hochzieht) -> die Spur wird besser wahrnehmbar und man kann ihr im Gesamtmix besser folgen. Achtung: zuviel kompression entfernt die Dynamik. (Das ist auch das wesentlich Argument gegen die moderne Überkompression in der Musikproduktion)

Transienten bearbeiten: Je nachdem ob man mehr oder weniger will, kurze oder längere Attack-Zeiten verwenden und Transienten abschwächen oder hervorheben.

Subgruppen / Busse verdichten: mit kleiner ratio, mittlerer attack und schneller bis mittlerer release-Zeit lassen sich gut mehrere Instrumente "verkleben", sodass sie kompakter und zusammengehöriger klingen. (Kompressor modus hierbei auf "rms" setzen)

Sonderfall Limiter: ein Limiter ist im Grunde ein kompressor mit max ratio und extrem schneller attack und release Zeit, der auf peaks reagiert. Wird meistens nur auf dem Master-Bus verwendet um vereinzelte unerwünschte Ausreißer zu mildern.

Sonderfall Deesser: das ist ein Kompressor, der nur im bereich um die 7kHz arbeitet und somit nur die Sibilanten entfernt.

Sidechaining: ist eine besondern bei Bassdrum und Bassline angewandte Technik, mit der ein Kompressor von einer fremden Spur gesteuert wird: der Kompressor bearbeitet dabei die Bassline, wird aber immer nur dann aktiviert, wenn die Bassdrum ertönt. Auf die Weise kommen sich die beiden weniger in die Quere. Sidechaining wird auch gerne benutzt um zb Flächensounds mehr dynamik zu verleihen: der Kompressor wird dann von rhythmischen Spuren getriggert und der Rhythmus geht auf die Fläche mit über.

Nun zu deinen Fragen: "Regelt ihr dafür den Gain Pegel oder eher den Threshold?" beides. Zunächst regelt man mit dem threshold bis eine erwünscht starke kompression geschieht, dabei auf Gainreduktion achten! (nicht zuviel komprimieren! über 10dB gainreduction macht man zb nur in den aller seltensten Fällen). Anschließend kann man mit dem Gain die gedrückte Lautstärke wieder erhöhen, fall erwünscht. (Man kann auch autogain benutzen, aber ich verlass mich lieber auf meine Ohren und regel das selbst.)

ps: Es gibt auch Kompressoren (besonders ältere, bzw nachgemachte retro-geräte), bei denen der threshold fest ist und man mit gain-in in den threshold reinfährt sozusagen. Beides kommt aufselbe hinaus: in der regel stellt man immer zuerst den threshold (und damit die stärke der kompression) ein und regeln nachträglich den gain-out.

"-Verläuft die Compression eines Pianos mit einer schnellen oder langsamen Release-/Attack-Zeit? (Und wie sieht das ebenfalls bei der Bassline aus?)" Das kann man pauschal nicht sagen, weil es eben vom Ausgangmaterial und davon, was du vorhast abhängt. Hier einfach mal 2 gegensätzliche Beispiele:

"80s Bassdrum Kompression / Attack hervorheben": ratio 10:1, mittlere attackzeit, sehr schnelle releasezeit, peak-modus, hardknee (knee ist die weichheit der schwelle, ab der der Kompressor anfängt zu arbeiten, oft kann man sogar dB werte dafür einstellen. hardknee bedeutet harter übergang, also 0 bis kaum dB knee wert). Hierbei reagiert der Kompressor stark (ratio 10:1!) auf die spitzenwerte, allerdings setzt die kompression relativ spät ein (mittlere attack), wodurch die transienten durchgelassen werden -> der sound knallt besser.

"Hallpusher / weniger Attack, mehr Raumanteil": ratio 8:1, sehr schnelle attack, schnelle release-Zeit, rms-modus, hardknee. Hier reagiert der Kompressor sehr schnell auf die durchschnittliche Lautstärke, d.h. vereinzelte Spitzen kommen hindurch, sobald es aber über einen bestimmten Zeitraum anfängt lauter zu werden, setzt der Kompressor sehr schnell ein -> Transienten werden überwiegen abgeschwächt, es tritt mehr die Hallfahne danach in den Vordergrund.

Beste Grüße, hoffe ich konnte dir bischen weiterhelfen

Kommentar von Tommyyyy ,

Danke schon mal für deine Antwort, die bringt mich ebenfalls einen Schritt weiter. Mit der Compression will ich eigentlich einheitliche Lautstärke (balance) aber hauptsächlich mehr Dynamik erreichen. Meine Tracks klingen alle nicht authentisch und clean genug, während viele Produzenten selbst mit nem Low-budget Studio einiges mehr an Soundqualität erreichen

-Tomas

Kommentar von Beatinfected ,

Gerne ;)

Um einen sauberen Mix zu erreichen ist Compression natürlich wichtig, aber du musst auch die einzelnen Instrumente/Spuren im Frequenzgang und auch räumlich voneinander trennen, damit sie sich nicht in die Quere kommen.

Im Frequenzgang trennt man die ganz einfach mit einem EQ. Vor allem der tiefe Bereich ist sehr wichtig, weil dort immer am meisten Matsch entsteht.

Und räumlich trennt man die Intrumente durch: Lautstärke (je lauter, desto weiter vorne), panning rechts und links (wichtige Spuren in die Mitte, Begleitspuren tendenziell mehr nach außen), Reverb (mit mehreren gleichen Reverbs, aber mit unterschiedlichen Predelays kann man eine Tiefenstaffelung machen) und dem Höhenanteil (dumpfe Signale scheinen weiter hinten, weil hohe Frequenzen schneller von der Luft absorbiert werden. Wenn du jetzt zb einen Bass mehr nach vorne holen willst, sollte man ihm mit einem Exciter/Enhancer mehr Obertöne verschaffen).

Aso ein Tipp hab ich noch zum Compressor: Wenn du die Dynamik beibehalten und gleichzeitig die Lautstärke erhöhen möchtest, kann man den Compressor auf extreme Einstellungen stellen und das damit "totgequetschte" Signal dem Original-Signal dazumischen. Dadurch bleibt die Dynamik im oberen Lautstärkebereich überwiegend erhalten und man erhöht nur die leisen Bereiche und somit den RMS. (zb bei Lead-Intrumenten oder manchmal auch auf ganzen Gruppen sinnvoll)

Antwort
von Odorwyn, 21

Hallo Tommyyyy,

Ein Kompressor ist nicht dafür da sachen in den Vordergrund zu stellen. Die Positionierung eines Instruments ist eine Mischung aus Panorama + Volume + Reverb + Delay.

Eine Balance wird auch nicht durch den Kompressor geschafft, sondern durch gutes Mixing.

Der Kompressor dient lediglich dazu das ganze zusammen zu "kleben" bzw. zu glätten.

Zu den Attack-/Release-Zeiten kann man nichts pauschales sagen, das ist immer vom Track und Instrument abhängig.

LG

Kommentar von Tommyyyy ,

Hilft mir schon mal ne ganze Spur weiter, besten Dank 👌🏻

Kommentar von Beatinfected ,

Doch Kompressoren sind auch wichtig für die Balance, man kann damit den rms einzelner Spuren erhöhen und die somit präsenter machen, ohne die peaklautstärke zu erhöhen. Man kann auch mithilfe von sidechaining balance zwischen idR bassdrum und Bassline schaffen, etc etc.

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