Frage von CharlineJ, 84

Wie findet ihr die Situation mit dem 'Wolf' & wie steht ihr dazu?

Ich würde gerne mal mehrere Meinungen hören.

Antwort
von syncopcgda, 44

Das ist eine recht zweischneidige Sache. Einerseits ist es zu begrüßen, dass sich Wölfe auch bei uns wieder heimisch werden, nachdem sie vollständig ausgerottet waren. Andererseits haben viele Menschen Angst vor vor den Tieren und fürchten,  im Wald einem Wolf zu begegnen, sorgen sich um ihre Kinder. Dabei sind Wölfe recht scheue Tiere, die keine Menschen angreifen, wie das immer in Filmen so reißerisch dargestellt wird. Die Schäfer sind nicht begeistert, weil immerhin schon etliche Schafe gerissen wurden, sie müssen aufwändige Maßnahmen zum besseren Schutz ihrer Herden ergreifen, gute Hunde reichen nicht immer. Auch die Jäger sind nicht gerade begeistert, wenn sie ein vom Wolf gerissenes Reh finden, obwohl sie selbst ihre jährliche Abschussquote oft kaum erfüllen können. Da spielt ein Reh hie und da eigentlich keine wesentliche Rolle. Die Tierschützer wiederum sind natürlich begeistert von der Zunahme der Wolfspopulation.

Kommentar von MarkusKapunkt ,

Gute und verantwortungsvolle Antwort und auch Ansicht.

Antwort
von MarkusKapunkt, 41

Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Einerseits bin ich sehr für natürliche Artenvielfalt und ein Freund der freien Natur. Die Nachricht, dass der Wolf, der seit Jahrhunderten aus unseren Wäldern verschwunden war, nun wieder zurückgekehrt ist, hat mich sehr erfreut. Eine andere Frage ist, ob der Wolf in dieser Zeit noch einen Platz in unserem Ökosystem findet. Folgende Punkte muss man unbedingt bei seiner Meinungsbildung beachten:

Vor dem Verschwinden des Wolfes war Deutschland noch bei weitem nicht so dicht besiedelt wie heute. Wölfe sind Rudeltiere und benötigen Reviere von mehreren Quadratkilometern Größe. Früher konnten sie dem Menschen noch großflächig aus dem Weg gehen, heute nicht mehr. Früher gab es kein so dichtes Wege- und Straßennetz und auch keine Autobahnen. Der Wolf stellt wie jedes andere Wild auch eine Gefahr für den Straßenverkehr dar. 

Das Ökosystem in Deutschland hat sich seit Verschwinden des Wolfes insoweit entwickelt, dass es mit dem Menschen als Spitzenprädator gut zurecht kommt. Der Mensch siedelte erfolgreich sogar neue Arten von Jagdwild an, wie den Mufflon. Seit dem Auftauchen des Wolfes gehen die Bestandszahlen des Muffelwildes aber extrem zurück - sie haben dem Wolf nichts entgegen zu setzen und sind leichte Beute. Als mein Opa vor etwa fünf Jahren sein Revier (nahe Gardelegen in Sachsen-Anhalt) übernahm, gab es dort zwischen 250 und 300 Mufflons. Heute sind es nur noch knapp über 30! Natürlich hat der Wolf sie nicht alle gefressen, die meisten sind in andere Reviere abgewandert. Trotzdem haben wir im Revier bereits 19 Mufflonkadaver aufgefunden. Es ist also nicht von der Hand zu weisen, dass der Wolf als neues Raubtier einen gewaltigen Einfluss auf das Ökosystem hat.

Wölfe sind sehr klug. Sie finden schnell heraus, dass sie in der Nähe des Menschen viele und sichere Nahrungsquellen finden. Zuerst sind es - wie es jetzt bereits der Fall ist - Herden von Nutztieren wie Schafen und Ziegen, die ihnen zum Opfer fallen. Wenn die Wölfe die Scheu vorm Menschen verlieren und lernen, dass auch in den Dörfern etwas zu bekommen ist, werden sie wagemutiger werden (wie Waschbären und Füchse es bereits sind).

Da Wölfe eine extrem hohe Reproduktionsrate haben und bei guten Bedingungen sich mehrmals im Jahr fortpflanzen können, werden sie sich in Deutschland rasch vermehren. Der Mensch - und ich meine damit die Politik - muss jetzt aktiv werden. 

Wir müssen die jagdlichen und landwirtschaftlichen  Bedingungen an den Wolf als Neuankömmling anpassen, wenn wir ihn bei uns weiterhin zu der Artenvielfalt zählen wollen. Nutztierherden müssen angemessen geschützt und ein Eindringen des Wolfes in ihre Gehege unmöglich gemacht werden. Die Abschussquoten für Wildtiere müssen dort, wo der Wolf Teil des Ökosystems ist, angepasst werden. Auch für Wölfe brauchen wir Abschussquoten und geregelte Schonzeiten, damit sein Bestand gesund bleibt und er seine Scheu vorm Menschen nicht verliert.

Dies ist nämlich meine größte Sorge: durch zu spätes Handeln wird die Population des Wolfes nämlich unkontrolliert anwachsen. Große Rudel werden in den zu kleinen Revieren unweigerlich mit dem Menschen in Konflikt geraten. Wenn Wölfe ihre natürliche Scheu wegen Gutmenschen, die sie auch noch angefüttert haben, verlieren sollten, wird es nicht mehr lange dauern, bis sie den ersten Spaziergänger oder Pilzesammler reißen werden. Und dann befürchte ich einen Umschwung in der Gesellschaft: die Willkommen-Wolf-Euphorie wird in eine Ausrottungshysterie umschwingen, genau so, wie es schon einmal der Fall war. Deshalb ist jetzt ein rasches Handeln der Politik gefragt.

Kommentar von Nogli ,

Ich bin da völlig bei dir, nur mit der Reproduktionsrate mit mehrmals im Jahr ist nicht korrekt.

Kommentar von MarkusKapunkt ,

Du hast natürlich recht. Trotzdem ist die Reproduktion für ein Raubtier ausgesprochen hoch: eine Wölfin kann bis zu zwölf Welpen werden. Die Regel sind zwar so um die sechs Welpen, aber das ist trotzdem sehr viel. Wird der Bestand des Wolfes nicht kontrolliert, wird er sich schnell vergrößern - was bereits jetzt zu Problemen führt.

Kommentar von Nogli ,

Im menschenleeren Norwegen werden 200 Wölfe "geduldet". Hier im zersiedelten Industrieland Deutschland sind bereits 350 Wölfe und jährlich 1 Drittel mehr. Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf. Aber Realität und Menschenverstand wird komplett ausgeblendet. Ich bin kein Wolfsgegner, nur alles hat in der Natur seinen Sinn, und die Natur verschwendet auf Dauer nicht.

Kommentar von syncopcgda ,

Ausführliche, fundierte Antwort, alle Gesichtspunkte wurden beleuchtet.

Antwort
von xmarcix, 26

Ich finde, Wölfe sollten jetzt, da sie bei uns endlich wieder auftreten, besonders geschützt werden, damit sie sich hier wieder beheimaten. Natürlich nur in Wäldern, den dafür passenden Raum. Damit dürfte aber eigentlich kein Problem bestehen, da Wölfe von sich aus sehr scheue Tiere sind. Auch wenn die Menschen oft Angst haben, dass etwas passieren könnte, ist dies meistenfalls unbegründet.

Der Mensch hat schon für seine Ausrottung gesorgt, also soll er ihm nun auch einen Teil seines Lebensraums zurückgewähren und für seine Ansiedlung sorgen.

Kommentar von MarkusKapunkt ,

Wenn man sich mit Ökologie beschäftigt, ist eine Argumentation, wie du sie führst, unangebracht. Schuldfragen von vor mehr als 200 Jahren spielen da keine Rolle, und du musst auch an niemandes Gewissen apellieren, da niemamd mehr lebt, der an der Ausrottung damals beteiligt war. 

Du schreibst, dass es keine Probleme geben wird. Sorry, aber wie naiv bist du denn? Bereits jetzt klagen Schäfer über hunderte von gerissenen Schafen, und auch Jäger beklagen den Verlust von vielen Stück Reh-, Dam- und vor allem Muffelwild.

Probleme gibt es immer dann, wenn Menschen ihre Verantwortung und einen Handlungsbedarf nicht erkennen. Verantwortung sollte das einzige Argument in der Wolfsfrage sein. Der Bestand des Wolfes muss wie der jedes anderen Wildtieres auch durch jagdliche Maßnahmen kontrolliert werden, damit ein gesundes Ökosystem und ein Zusammenleben mit dem Wolf auf Dauer funktionieren kann.

Wer "willkommen Wolf" ruft, muss sich auch mit Ökologie beschäftigen. Und dann ruft er auch bald "Danke liebe Jäger".

Kommentar von xmarcix ,

Es wurde lediglich nach der Meinung gefragt und die kann man durchaus aus dem Gesichtspunkt sehen, vor allem da eine angegebene Kategorie "Tierschutz" ist. 

Im übrigen lässt sich über die Notwendigkeit der Jagd und der Eingriff in ein Ökosystem sehr ausgiebig diskutieren (naturwissenschaftlich, aber auch ethisch), da hier die Meinungen sehr auseinander gehen. Vor allem wenn mit dem Wolf  wieder ein Tier der Nahrungskette zur Verfügung stehen würde, das den Wildtierbestand regulieren könnte. Aber Jäger wollen sowas natürlich nicht gern hören (verständlicher Weise). 

Deswegen wird es zu diesem Thema immer viele verschiedene Meinungen geben.

Kommentar von xmarcix ,

Beim Kommentar ist wohl ein Zwischenteil verloren gegangen:

Der Bestand der Wölfe widerum kann, wenn nötig, ja durch den Menschen reguliert werden. 

Die Natur/das Ökosystem kommt ansonsten sehr gut selbst mit der Regulierung des Bestandes zurecht, (bis es sich wieder einpendelt ist natürlich Zeit und nicht mehr so starke Eingriffe nötig) wie vergangene Zeiten und aktuelle Gebiete, in denen dafür nichts getan wird, zeigen. (Aber Jäger wollen sowas natürlich nicht gern hören (verständlicher Weise).

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