Frage von Bethmannchen, 9

Wie entwickelt sich die Demographie einer isolierten Population?

Es geht mir um die Plausibilität dieser Entwicklung in einer Erzählung, die in einer fiktiven Welt spielt. Wie rechnet man so etwas aus?

Eine Raumstation für max. 1,5 Mio. Bewohner, wurde auf einem Planeten eingerichtet als Raumhafen für Güterumschlag und Personenbeförderung. Auf dem Planeten leben schon Jäger und Sammler in jeweils Gruppen bis 100 in der Gegend um diese Station. Nach und nach gelangen Eingeborene in die Station, werden geduldet, machen sich breit, richten sich dort am Rande der Alien-Gesellschaft ein, sind dort aber nicht sesshaft, noch eher Nomaden.

Die Station hat eine autarke, effiziente Infrastruktur, ist technisch gut ausgestattet, bietet alles zum Leben nötige, sowie reichlich Freizeitangebote (Alien-Touristik, Handelszentrum). Dann kommt die Entscheidung, diese Station komplett aufzugeben.

Eigentlich hätte man gar nicht erst Kontakte zu den Eingeborenen aufnehmen dürfen, aber was sollte nun passieren? Aus falsch verstandener Gefühlsduseligkeit boten sie fünf Stämmen der Jäger und Sammler an, die Station weiterhin zu bewohnen. Allerdings würde die Station dann hermetisch abgeschlossen werden, sie wären darin isoliert.

Nun zur Entwicklung: Jäger, Sammler ohne Technik-Erfahrung - Fehlbedienung und -behandlung und Vernachlässigung der Einrichtungen - Internet für Analphabeten? - was tun mit vieler Zeit (Jagen, Sammeln unnötig)? - Kulturverfall ohne adäquaten Ersatz - Kraft und Ausdauer früher Statusfaktor, jetzt irrelevant - Werte, Ethik und Moral krempeln sich um - Mythen und Sagen verlieren Bedeutung - Alte sind für Jugend keine Wegweiser, Vordenker mehr und büßen jeden Respekt ein... ________________________________________________________________________ Jäger und Sammler würden sich "wie die Karnickel" vermehren, weil sie eine hohe Sterblichkeitsrate unter Kindern und Alten kompensieren müssen. Das werden sie ja weiter tun. In der Station gibt es keine Feinde, schlechtes Wetter..., Kindersterblichkeit ist also niedriger als bisher, und die Lebenserwartung schon etwas erhöht.

Die Ausgangssituation ist eine gemischte, gesunde Population von 500 gesunden Individuen. Wann sind 500.000, wann 1 Mio., wann 2 Millionen Einwohner erreicht?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Daoga, 7

Jäger und Sammler sind meistens naturgemäß recht erfindungsreich und lerneifrig. Sie würden die Aliens imitieren, sofern die sie nicht gezielt anlernen (oder warum lassen die Aliens die Eingeborenen überhaupt auf die Station? - googel dazu mal den Begriff "Cargokult") und aus dem neuen Wissen ein Amalgam ihrer eigenen Kultur und der fremden bilden, das würde relativ fix gehen. Die Frage ist, inwieweit die Eingeborenen friedlich oder kriegerisch sind, zu welchen Zwecken sie das neue Wissen und die Technologien gebrauchen oder mißbrauchen würden, z. B. zu weiterer Eroberung ihrer eigenen Welt? Wäre auf lange Frist ein Zusammenleben mit den Aliens möglich oder nicht, wie kompatibel sind die zwei Rassen miteinander, oder würden die Eingeborenen irgendwann die Aliens einfach massakrieren? Welche Erfahrungen bringen die Aliens aus ihrer eigenen Kultur mit (z. B. zu Krieg/Frieden), und würden die Eingeborenen daraus lernen und darauf aufbauen oder nicht? In Kurzform, wären sowohl die Aliens als auch die Eingeborenen schlauer oder genauso dumm wie (als Vergleich) normale Erdenmenschen?

Kommentar von Bethmannchen ,

Ja, das gefällt mir, fasst die Sache zusammen, "erfindungsreich" und '"lerneifrig". Jemand anders meinte, die Eingeborenen würden sich aufführe wie Affen im U-Boot, bis sie aus Dummheit verreckt sind.

Was wir nicht haben ist die Situation Chargocult, Indianer im Reservat, Inuit im Holzhaus, oder Aborigine in Australien. Die Alien haben und hatten niemals vor, den Planeten zu "erobern", zu "kolonisieren", seine Ressourcen "auszubeuten" oder "Kontakt mit einer Zivilisation" zu haben.

Zufällig auf diesem Planeten wurde nun dieser Weltraumhafen gebaut. Er wurde gewählt, weil biologisches Leben da ist, und auch genug davon, um die autarke Versorgung ener Milionenstadt mit Wasser und Lebensmitteln etc. sicherzustellen. (Die Stadt Wolfsburg wurde auch auf dem Reißbrett entworfen und dann in die Gegend gebaut.)

Diese Eingeborenen bleiben für die Alien noch lange Zeit unter dem Radar, sind kein Faktor für sie. Der Planet wird von den Alien nicht einmal erforscht oder nur von Spaziergängern aufgesucht. Es ist nur ein ziviler Flugplatz, der wegen seiner Größe die Infrastruktur seiner Großstadt hat.

Es gibt nicht einmal etwas zu holen, das man bewachen müsste, und wer latscht schon auf einem Rollfeld herum? Die komplexe Anlage hat Schächte, Öffnungen, Stollen etc. um die Versorgung zu ermöglichen. Da kümmert sich kein Alien drum, denn warum?

Über solche "Versorgungsöffnungen" gelangen dann einige dieser Jäger und Sammler ins Innere des Raumhafens, tauchen zufällig eifach auf. Man trifft friedlich aufeinander, wundert sich übereinander, lacht darüber, dass man einander nicht versteht. Es kommt zu keinem großartigen kulturellen Austausch, weil es nichts auszutauschen gibt.

Deine Frage, wer schlauer bzw. intelligenter sei, ist hier für beide Seiten zu relativieren. Der Eingeborene kann nicht lesen, weiß nicht, was da gleich auf Knofdruck passiert, und setzt prompt eine Wohnzelle unter Wasser. Drück dem Alien einen Speer in die Hand, er soll zum Abendessen doch mal ein Wildschwein mitbringen. Wer ist da dumm oder klug?

Die Eingeborenen nutzen den Raumhafen später nur als hermetisch abgeschlossenen Lebensraum mit autarker Versorgung.

Kommentar von Daoga ,

Kleiner Irrtum, Cargokulte gehen von Eingeborenen aus, nicht von Kolonialmächten, einfach weil der Affe alles nachmacht was er sieht, ganz egal was das ist. Deshalb kommt auch ein Kulturaustausch (in Richtung Eingeborene) automatisch zustande, sobald ein Kontakt da ist, außer die Eingeborenen in Deinem Beispiel sind ausgesprochen dumm geraten und wollen gar nix wissen. Aber echte Menschen sind nun mal neugierig und wollen alles ganz genau wissen, deshalb werden auch Eingeborene im Kontakt mit Aliens alles zerpflücken und auf ihre Nützlichkeit testen, was sie an fremden Gegenständen in die Finger bekommen. Ob sie dadurch auch schlauer würden steht auf einem anderen Blatt, wenn ihnen eine "Wissenschaft" (egal wie primitiv) fehlt. Aber auch in dummen Menschengruppen gibt es den einen oder anderen Einstein, der einen Mechanismus begreift, vor allem wenn auch Kommunikation ("Wie geht das? Was macht das? Wer macht das?" ... Kinderstimme...) stattfindet.

Antwort
von Daoga, 8

Rein rechnerisch mit menschlichen Maßen gesehen: Generationen werden der Einfachheit halber mit ca. 25 Jahren berechnet. Dann hängt es davon ab, wie viele Kinder pro Frau geboren werden (2 oder 5 oder wie viele) und wie hoch die durchschnittliche Lebenserwartung ist (der Einfachheit halber: 75 Jahre).

Man hat also 500 Anfangsbestand mit einem Anfangsalter von Schnitt 25 Jahre = je 250 Männlein und Weiblein + nach 25 Jahren (bei 4 Kinder pro Frau) 1000 Junge zusätzlich = 1500 (Höchstalter 50 Jahre).

25 Jahre später sind es dann 2000 junge + 1500 alte (50 - 75 Jahre).

25 Jahre später ist die erste Generation (500) weggestorben, dann hat man 2000 + 1000 Alte + 4000 Junge = 7000.

25 Jahre später stirbt die zweite Generation (1000) weg, dafür vermehrt sich die letzte Generation (4000) auf 8000 Junge. = 2000 + 4000 + 8000 = 14.000.

25 Jahre später stirbt die dritte Generation (2000), dann hat man 4000 + 8000 + 16000 Junge = 28.000.

25 Jahre später stirbt die vierte Generation (4000), dann hat man 8000 + 16000 + 32.000 = 56.000.

Nach 150 Jahren. (Vorausgesetzt ich habe richtig gerechnet - Kopfrechnen schwach :) Und wie man das als Formel ausdrücken würde, null Ahnung.)

Und so weiter. Der Rest ginge dann aber beschleunigt, denn je mehr Menschen bei gleichbleibender Geburten- und Sterberate, um so mehr Nachwuchs.

Und Du kennst vielleicht die Geschichte von der Wasserpflanze, die jeden Tag um das Doppelte wuchs - eines Tages hatte sie nach langem Wachstum den halben See ausgefüllt. Wie lange brauchte sie dann noch, den Rest des Sees auch noch auszufüllen?

Ganz klar: einen Tag.


Kommentar von Daoga ,

Halt, da kommt doch eine Formel zum Vorschein. Von 7 auf 14 auf 28 auf 56 auf 112 --- simple Verdopplung! :) Mathematikstunden sind für mich schon ziemlich lang her... da paßt die Geschichte von der Wasserpflanze. :)))))

Kommentar von Dovahkiin11 ,

Oder alternativ eine Übergangsmatrix. Mathe ist doch für was gut ^^

Kommentar von Bethmannchen ,

Deine Zahlen sind "zu klein". Bevölkerung kann man nämlich nicht in Schritten von Generationen berechnen. Die Alterspyramide muss jahreweise berechnet werden. (500 Personen = 1 über 70, 4 über 60, 10 über 50, 50 über 40, 100 über 30, 100 über 20, 100 über 10, 75 Kinder

Es wird hier zu einem "Youth Bulge" kommen. Die Zahl der fertilen Frauen (14 bis 45 Jahre) von anfangs 125 wird in den ersten zehn Jahren noch konstant bleiben,  nimmt dann mit jedem Jahr kontinuierlich ergeblich zu, weil fast jedes Kind überleben wird. 

Im 14. Jahr werden 125, im 15. Jahr 150, 16. jahr 300... Frauen fertil. Dein niedlicher Vergleich mit der Wasserpfalanze hinkt also auf beiden Beinen.

Antwort
von howelljenkins, 4

Jäger und Sammler würden sich "wie die Karnickel" vermehren, weil sie eine hohe Sterblichkeitsrate unter Kindern und Alten kompensieren müssen. Das werden sie ja weiter tun. 

werden sie das? wieso? 

die wahrscheinlichkeit, dass eingeborene in einer ungewohnten und nicht beherrschbaren umgebung zufrieden leben, ist erfahrungsgemaess nicht besonders hoch. kulturverlust ist ein grosser negativfaktor.

meine prognose waere: gesundheitliche probleme (z.b. durch alkoholmissbrauch), aufgrund der geringen population natuerlich auch langfristig genetische probleme und am ende hohe sterblichkeit aus psychischen und physischen unzulaenglichkeiten heraus.

die 500.000 werden gar nicht erreicht. moeglicher weise stirbt die population sogar relativ schnell aus.

Kommentar von Daoga ,

... außer die Eingeborenen werden von den Aliens so auf Trab gehalten, daß sie gar keine Zeit haben, sich zu viel über Kultur den Kopf zu zerbrechen oder zu viel irgendwelchen Drogen zuzusprechen.

Kommentar von Bethmannchen ,

Vermehrungsrate: Die bisherige Lebensweise machte eine hohe Kinderzahl nötig. Dieser Faktor ist dann tradiert, und wird sich so schnell nicht ändern. Gesunder Kinder werden weiter positiv begrüßt. (s. INdien oder China vor der EIn-Kind-Politk)

Es wird also schon nicht bei den 500 bleiben. Im nächsten Jahr sind schon etliche Kinder mehr vorhanden, denn 250 Frauen entspr. mindestens 125 fertilen Frauen zwischen 14 und 45 Jahren. Wenn nur die Hälfte davon ein Kind bekommt, sind sie schon 560.

(Mein Beispiel ist nicht angelehnt an Aborigines in Australien oder Indianer im Reservat) In der Fiktiven Welt gibt es keinen Alkohol, Drogen, Straßenverkehr, Flugzeuge. (War mal eine unterirische Raumstation) Es ist für sie keine unbeherrschbare Umgebung.

Sie kommen für ihre eignen Bedürfnisse mit den Einrichtungen und der Infrastruktur gut zurecht. Sie sind schließlich lernfähig. Dass die Rechner der Bibliothek nicht laufen, spielt für sie keine Rolle, da sie doch Analphabeten sind.

Warum sollte man krank werden, oder die Population im Laufe der Zeit Krankheiten entwickeln? Die Gesundheit müsste sich im Gegenteil noch stabilisieren, weil sie keinen ganz neuen Erregern ausgesetzt werden, für die sie dann erst eine Abwehr entwickeln müssten.

Ihr Kulturverlust würde doch eher kompensiert werden durch Spaßgewinn, Schlaraffenland-ähnliche Versorgung... Herausforderung dadurch, dass die frühere Lebensweise ersetzt wird durch die (mehr schlecht als recht erlernte) neue Lebensweise.

Es wird sich nach und nach eine neue, adaptierte Kultur entwickeln. Ihre Naturgötter, die sie in Höhlen verewigt hatten,  könnten z.B. durch die überall noch vorhandenen Piktogramme der Alien übeall ersetzt werden und eren Bedeutung (adaptiert) übernehmen.

500 gesunde Menschen dürften in der Ausgangssituation ein genügend großer Genpool sein, um genetische Anomalien (Inzucht, Erbkrankheiten, negative genetische Mutationen etc.) nicht bis zum aussterben auswachsen zu lassen.

Jedes Dorf hat schließlich seinen Dorftrottel, und in einer "bequemen" Welt kann man ein paar Blinde und Lahme mit durchziehen, ohne dass ein Volk dadurch gleich ausstirbt.

Kommentar von howelljenkins ,

das aussterben haette ich jetzt auch nicht am genpool festgemacht, sondern an ungesunder lebensweise und psychischen problemen ...

dein szenario ist das eines zoos. ein nomadenvolk in einen zoo einzusperren, auch wenn es ein grosser zoo ist, halte ich fuer problematisch und ich habe da durchaus vertrauen in eine gewisse kulturresistenz bei den betroffenen.

wenn du generell davon ausgehst, dass es keine unzufriedenheit gibt bei den einwohnern, alle gesund und gluecklich bleiben, ist die frage dann nicht unnoetig kompliziert gestellt?

es geht doch dann im grunde nur noch darum, wie lange es dauert, bis 500 fortpflanzungsfreudige, gesunde menschen eine population von 500.000 erreicht haben. 

Kommentar von Daoga ,

Das Wachstum wäre wohl nicht das Problem (wenn sich die Eingeborenen wie Menschen vermehren... bei solchen, die Eier legen wie Vögel oder sich klonen können ginge es noch viel fixer...) sondern eher, wie wäre das Wachstum zu stoppen, sobald die erträgliche Maximalgrenze erreicht wird? Ratten töten sich gegenseitig, begehen Selbstmord oder werden steril, sobald in begrenztem Raum das erträgliche Maß an Bevölkerung überschritten wird. Indien und China sind insofern keine guten Beispiele, da dort die Bevölkerungsmehrheit immer noch recht primitiv auf dem Land lebt und keine andere Alterssicherung hat als eben viele Kinder. Außerdem findet dort seit jeher eine geschlechtsbezogene Auswahl zu Gunsten von Söhnen statt, was unter Ein-Kind-Beschränkung eine Generation später die Vermehrung bremst, weil auf viele Männer zu wenige Frauen kommen.

Kommentar von Bethmannchen ,

Das Wachstum wäre wohl nicht das Problem...

Doch, genau das ist es doch, wonach ich hier frage. Wie lange würde es dauern, bis aus den 500 Individuen dann 500.000, 1 Mio, 2 Milionen geworden sind. Wie berechnet man so etwas?

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