Frage von julianmaxi, 210

Wie entsteht ein "rechtes" Meinungsbild, wenn man nie beeinflusst wurde ?

Meine Eltern haben mir nie gesagt, wen sie wählen, weil sie mich nicht beeinflussen wollten und immer, wenn ich sie gefragt habe, sind sie ausgewichen. Meine Freunde haben mich auch nicht wirklich beeinflusst und einen großen Teil meiner Kindheit/ Jugend(bin jetzt 17) habe ich politische Dinge als neutral betrachtet. Erst mit der Zeit hat sich bei mir ein gewisser Patriotismus entwickelt und ich habe mich mehr und mehr mit meinem Land identifiziert und ein Gefühl von Nationalstolz bekommen. Jetzt vertrete ich eine national- konservative Ideologie. Manche würden es als "völkisch" bezeichnen, aber ich mag den Begriff nicht. Aus diesem Gefühl heraus habe ich dann erst die entsprechenden Parteien aufgesucht. Aber wie entwickelt sich das? Ich wurde ja nie von jemandem beeinflusst und Propaganda oder sonstiges ist auch nicht "verantwortlich" für meine Ansichten. Obwohl die meisten Jugendlichen ja "links" sind oder sich so bezeichnen, bin ich eher "rechts" was ja nicht zwingend negativ sein muss. Aber wie entsteht sowas? Wieso fühle ich Patriotismus zB und andere rein garnicht? Und wieso versteht das niemand?

Antwort
von Maxieu, 37

Also zunächst einmal:

Du machst die Einstellung links/ rechts in deinem Statement ja nur an der Frage Patriotismus/ Nationalstolz fest. Das ist doch aber nur ein Aspekt, der die Zuordnung zu einem politischen Lager nahelegt. Wie sieht es aus in den Bereichen Ökonomie, Soziales, Bildung, Umwelt etc.?

Die hier vorgebrachte Kritik an deiner Behauptung, du seist "nie beeinflusst" worden, teile ich. Das ist einfach unmöglich, auch wenn du vielleicht nicht gezielt in eine bestimmte poltische Richtung gedrängt worden bist.
(Seid ihr zu Hause nicht fußballinteressiert? Es gibt auf dem Planeten z. B. vergleichsweise wenige Menschen, die bei einem Länderspiel nicht der eigenen Nationalmannschaft die Daumen drücken. Deine Familie gehört zu den wenigen?)


Trotzdem spricht einiges dafür, dass Menschen spontan ein "rechtes Meinungsbild" in deinem Sinn entwickeln.
Dafür sorgt m. E. schon die Natur. Es ist normal, dass deine eigenen Bedürfnisse vor denen der Anderen Vorrang haben. Superaltruistische Exemplare einer Gattung sterben ganz einfach aus. Entsprechendes gilt für dein nahes Umfeld. Deine Familie wird im Normalfall vor anderen Familien
Vorrang haben, erst recht, wenn es um Fragen des Überlebens geht.
Wir sind also von Natur aus so gepolt, die eigene Gruppe, das eigene persönliche Umfeld zu bevorzugen.
Das ist frei von jeder Moral einfach so.

Die Sache kompliziert sich durch zweierlei:

1.Wir können diesen Vorgang reflektieren.

2. Wenn die Gruppen größer werden, den Rahmen des persönlich Vertrauten
sprengen, müssen die Grenzen des "Innen" und "Außen" neu festgelegt werden.

Das tut jedes Individuum auf seine Weise. Für einige dominiert total der Aspekt, dass wir eine Menschheit auf einem gefährdeten Raumschiff sind.
Geht es irgendwo auf dem Planeten einer Menschenseele schlecht, wird an die sog. "Solidarität"  der übrigen appelliert. Grenzen gehören für diese Leute sozusagen in die "Steinzeit" der wahren Menschheit.

Andere igeln sich egozentrisch ein und schlagen sich durch nach dem Motto: "Nach mir/ nach uns uns die Sintflut - oder auch gleichzeitig mit uns, wenn sie nur weit genug entfernt passiert".
Dazwischen gibt es alle Varianten und Kombinationsmöglichkeiten.

Natürlich hat es auf den ersten Blick etwas Großherziges, die ganze Menschheit  umarmen zu wollen. Und, im einigermaßen überschaubaren
Rahmen eigene Interessen zu verteidigen, wirkt im Vergleich dazu borniert.
Das ist es auch, wenn es mit "Stolz" passiert, denn Stolz ist doch im Wesentlichen ein anderes Wort für Eitelkeit und Dummheit, weil der Stolze ja
Fremdes bzw. von Anderen Stammendes für Eigenes hält.

"Links" in dem von dir beschriebenen Sinn zu sein, schmeichelt also diesen
Leuten, weil sie sich absetzen können von der wirklich oder quasi naturgegebenen Borniertheit. Gerade zu jungen Menschen, die sich von ihrem
familiären Umfeld lösen, passt dieses emotionale Sich-selbst-Hinauskatapultieren ins Grenzenlose. 

Gegen traumtänzerische zur Schau gestellte "Selbstlosigkeit" ("Refugees welcome!") muss man sich m. E. wehren. Gleichermaßen demonstrative Borniertheit ("Nationalstolz"/ "Patriotismus") ist aber keine sinnvolle Antwort darauf. Man kommt vielmehr nicht darum herum, politische Präferenzen vernünftig zu begründen und die jeweiligen Folgen von politischen Entscheidungen aufzuzeigen. Dabei geht es immer um wohlverstandene eigene Interessen, d. h. solche Interessen, die auch die Bedürfnisse Anderer einbeziehen. Genau das ist das Feld der politischen Auseinandersetzung.

Sorry, ist ein bisschen lang geworden.

 



 

Kommentar von julianmaxi ,

Patriotismus war ein Beispiel, an dem ich diese Entwicklung erklärt habe :) in den anderen Punkten ist es ähnlich

Antwort
von Exisaur, 33

Da du hier bisher nur Antworten von "Gesinnungsgenossen" bekommen hast, versuche ich es mal so neutral wie möglich.

Wie jemand irgendwo schon angemerkt hat, ist es schlichtweg unmöglich nicht beeinflusst zu werden - außer du hast irgendwie in einem komplett sozial isolierten Raum gelebt. Da du aber hier Dinge im Internet fragen kannst und scheinbar auch Kontakt zu anderen Menschen hast, scheint das eher ausgeschlossen.

Wenn du wirklich wissen willst, wie du auf dein "rechtes" Meinungsbild gekommen bist, solltest du dir mal die Frage stellen, an welchen Stellen/in welchen Situationen du die Gefühle und Gedanken entwickelt hast, die du für deine Einstellung für entscheidend hältst und wo du recherchiert hast, um dir die Fragen zu beantworten, die du über Politik so hast/hattest.

Die grobe Tendenz, die ich wahrgenommen habe, bei denen, die sich als "rechts", "völkisch", "patriotisch" o.ä. bezeichnen würden, ist die zur Vereinfachung komplizierter Sachverhalte (wobei ich absolut nicht ausschließen will, dass in Teilen anderer Strömungen nicht auch vereinfacht wird; ich denke da z.B. an die Personalisierung der Kapitalismuskritik in großen Teilen der Linken usw.). Solche findet man vor allem auf entsprechenden Facebook-Seiten, die vermeintlich einfache Antworten auf die großen Fragen der Politik zu haben scheinen: "Du hast keinen Job? Das liegt nur dran, dass dir Ausländer den wegnehmen!", "Das Schwimmbad in deinem Ort muss zumachen? Das ist doch nur die Schuld der Regierung, weil die unser ganzen Geld den Griechen gibt!", "Es gibt Menschen die dich für das kritisieren was du sagst? Das liegt nur an der fiesen Lügenpressen, die falsche Informationen verbreitet!". Das Prinzip ist immer gleich: Irgendjemand muss schuld sein - und das sind immer irgendwelche anderen. Grade wenn man früh anfängt, sich mit Politik zu beschäftigen, ist es extrem schwierig, komplexe Zusammenhänge analysieren zu können. O.g. "einfache Antworten" sind dann doch etwas, zu dem man dann schnell neigt, um sich selbst die Welt und seine eigene Situation zu erklären.

Antwort
von Yamato1001, 83

Hallo
Ich finde deine Frage sehr interessant. Helfen kann ich dir leider bei der Antwortfindung selbst wenig.
Was deine Situation betrifft, so ist es bei mir genau das selbe. Meine Eltern eher mitte-links und ich rechts.
Ich behaupte allerdings, dass ich mich nicht wirklich in dein Problem einfühlen kann, da ich aus der Schweiz komme und gemäss Umfragen und auch den letzten Wahlen rund 33.3% der "jungen" Befragten (18-20 Jahre alt) mit meiner Position übereinstimmen.
Falls ich dir doch irgendwie helfen kann oder dir ein Erfahrungsaustausch weiterhilft kannst du gerne kommentieren oder mir natürlich auch im Privat-Chat schreiben.
Lg

Kommentar von julianmaxi ,

In Deutschland ist es aber vollkommen anders, zumindest in meiner Altersgruppe, da die meisten mit "Flüchtlinge rein, Nazis raus" oder sonstigem ankommen und sich der "Antifa" zuordnen etc. daher hat man es als rechtsdenkender, junger Mensch ziemlich schwer. Und Offenheit ist auch schwierig, da man gleich angefeindet wird. Habe mich lange mit dieser Frage beschäftigt, aber kann es mir nicht erklären.

Kommentar von Yamato1001 ,

Genau das finde ich das extreme bei der deutschen Politik. Bitte endschuldige, dass ich immer Quervergleiche zur Schweiz ziehe (denn bei uns ist natürlich auch nicht alles rosig) aber ich kenne mich hier einfach etwas besser aus. Eine Partei ist meines Wissens bei uns noch nie so extrem niedergetrampelt worden wie die AfD in Deutschland. Ich finde es so extrem, dass ein staatliches Fernsehen in derartig starker Weise parteiisch ist. Das kenne ich aus kaum einem anderen Land. Das Problem mit der Nazi-Keule ist, so denke ich ein Problem, welches sich mit der Zeit selbst lösen wird. Denn wenn die AfD weiterhin so an Fahrt gewinnt, so ist es nicht mehr möglich sie so einfach als Nazi-Partei zu diffamieren. Das würde sonst behaupten, dass man 15% der Bevölkerung als rechtsradikal bezeichnet, und das ist schlicht und einfach nicht wahr! Also ich würde sagen, solange du nicht immer weiter nach rechts abrutschst kannst du diese Vorwürfe an dir abperlen lassen. Und kopf hoch, es wird kaum nur linke jugendliche in Deutschland geben. :)

Kommentar von julianmaxi ,

Ich bin derzeit bei der AfD aktiv und habe wirklich mit den Meinungen anderer zu kämpfen, da ich ständig als Nazi oder sonstiges bezeichnet werde. Das komische ist aber, dass viele Deutsche kein nationales Bewusstsein oder ähnliches haben oder sich teilweise für ihre Heimat schämen und dieses antideutsche macht mich ziemlich wütend und traurig. Ich hatte Kontakt mit der  NPD, halte mich aber bis jetzt noch fern von ihr... Einfach noch zu viele Unsicherheiten und Zweifel für einen Beitritt in dieser Partei.  Und ich bin mit dem Handy online und privatchat geht da nicht :D

Kommentar von Yamato1001 ,

Das in Deutschland Nationalstolz verpönt ist, liegt wohl leider an der Geschichte. Das finde ich sehr vedauerlich, denn einen gesunden Nationalstolz (nicht im extremen Masse) ist durchaus positiv. Wenn du sagst, du hältst dich bis jetzt von der NPD fern, heisst das dann, dass du dir überlegst dich ihr anzuschliessen? Falls du tatsächlich kein Nazi bist, so kann ich dir das nicht empfehlen. Denn die NPD macht nicht einmal ein Heel daraus, dass sie das 3. Reich gut findet. Und ich finde es krank so etwas gutzuheissen.

Antwort
von SteamTitanbein, 71

Also ich bin auch rechts und ich wurde auch nie wirklich beeinflusst wenn überhaupt dann eher in Richtung links.

 Ich habe mir meine eigene Meinung gebildet. so richtig ging es los als dieser ganze Mist mit der Flüchtlingskrise anfing und da habe ich mich immer mehr mit Politik beschäftigt und bin zu dem Schluss gekommen, dass einiges schief läuft und unsere jetzige Politik es nicht auf die Reihe bekommt. 

Ich habe mir die verschiedene Programme angesehen und die der konservativen Parteien haben mir da einfach mehr zu gesagt.

Kommentar von sanoj12345 ,

zu dem Thema Flüchtlinge habe ich auch lange nachgedacht. Ich bin eigendlich ziemlich mittig eingestellt. Aus folgenden Gründen

linke Meinung: "Flüchtlinge können bei und zuflucht finden!" - das finde ich falsch: man kann nicht einfach jeden ins Land rein lassen. Ich habe aus eigener erfahrung gemerkt, das sich viele Flüchtlinge ... ich sag jetzt mal wie die Sau benehmen.

rechte Meinung: "Flüchtlinge solle doch bitte drausen bleiben!" - Das finde ich schon übertrieben: manche brauchen echte hilfe und sind uns sehr Dankebar und wollen sich intigrieren und dem staat nicht uf der Tasche leigen.

Es ist wahnsinnig schwer zwischen beiden Fällen zu unterscheiden.

Kommentar von dielauraweber ,

konservative parteien sind die cdu bspweise. das was du meinst sind die naziparteien wie npd oder afd und das ganze geschmeiß. es läuft viel falsch und ganz oben steht dem naziwahn einzudämmen und zu beenden. nazis haben keine meinung.

Antwort
von Helfenderuser, 73

Wenn du glaubst, nicht beeinflusst geworden zu sein, darfst du auch die letzten zwei Jahre nicht im Internet verbracht und auch sonst keine Medien gesehen haben. Das bekam man einfach mit, ob bewusst oder unbewusst beeinflusst.. Ziemlich egal.

Kommentar von julianmaxi ,

Aber ich habe ja nichts gelesen, was rechte Ansichten befürwortet hat

Expertenantwort
von atzef, Community-Experte für Politik, 20

"Ich wurde ja nie von jemandem beeinflusst..."

Das ist schon der Anfang einer Lebenslüge. :-) Oder möchtest du uns weißmachen, du habest dich als autistischer Eremit ohne jedwede soziale Beziehungen selber erzogen?

Antwort
von Germandefence, 16

Es entsteht durch die Dinge für die man sich im erwachsen werden interessiert und mit dehnen man sich beschäftigt würde mich auch als National-Konservativ bezeichnen bin aber nur halb deutsch

Antwort
von SaVer79, 66

Du wirst immer von deiner Umgebung beeinflusst! Das kannst weder du noch deine Eltern, Freunde etc verhindern! Die Einstellung zeigt sich in alltäglichen Verhaltensweisen und auch im allgemeinen Umgang miteinander

Kommentar von dandy100 ,

Die politische Einstellung wird nicht zwangläufig durch das Umfeld beeinflußt, sondern durch das eigene Denken - es ist durchaus möglich, sich durch den eigenen Verstand eine ganz persönliche politische Meinung zu bilden und dabei alles in Frage zu stellen, was die Anderen denken - es wäre ja auch schlimm, wenn es nicht so wäre, denn dann wäre der Mensch ja komplett kritikunfähig.

Kommentar von SaVer79 ,

Ich bleibe dabei: man bildet sich dadurch seine politische Meinung, dass man Reaktionen, Meinungen, Verhaltensweise etc der eigenen Umwelt sieht und entweder entscheidet, dass man in die gleiche Richtung tendiert oder eben in genau die entgegengesetzte! Niemand entwickelt eine Einstellung ganz für sich alleine, sondern immer durch Reflexion über das, was man erlebt, hört etc

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