Frage von DramaLlama, 78

Wie bestimme ich die Struktur des Gedichtes?

Das Gedicht: Ulla Hahn: Keine Tochter

 Ja der Kuchen ist gut - Ich habe nie gern Süßes gegessen – Ich esse gern noch ein Stück

Nein mir geht es nicht schlecht. Viel Arbeit. Ja. Älter werde ich auch. Noch kein Mann? Nein kein Mann.

Vorm Eigenheim mit Frau und Kind des Sohnes wuchs der Ableger von der Clematis vorm Elternhaus an.

Überm Fernsehen schläfst du ein. Dein Kopf sackt nach vorn deine Schulter auf meine. Ich halte still.

Näher kommst du mir nicht. Ich bin dir wie vor meiner Zeugung so fern. Verzeih ich möchte auch keine Tochter haben wie mich.  * (U. H.: Spielende. Gedichte. 1983. S. 61)

Ich brauche Hilfe in den Bereichen: 1. Reim 2. Metrum 3. Strophen- und Gedichtsform 4. Die Epoche des Gedichtes

In diesen Bereichen bräuchte ich echt Unterstützung und danke schon mal im Voraus :D !!!

Zu dem wäre es auch noch Hilfreich, zu zeigen, wie ich eine Analyse zu dem Gedicht schreiben kann, im besonderen Hinblick auf die Kommunikationsmodelle von Karl Bühler und Schulz von Thun.

Vielen Herzlichen Dank DramaLlama

Expertenantwort
von LolleFee, Community-Experte für deutsch, 72

Wir können das gerne gemeinsam erarbeiten, indem ich Dir hinführende Fragen stelle:

Ich habe nun diese Form vor mir: http://www.biblioforum.de/forum/read.php?2,601,1605

1983 > Gegenwartsliteratur.

  • Strophenaufbau: Wie viele Strophen gibt es? Wie viele Zeilen pro Strophe?
  • Reim: Was reimt sich denn außer "an" und "Mann"? Und denkst Du, dass sie bei diesem einen Beispiel wollte, dass es sich reimt, oder ist das Zufall?
  • Versmaß: Lässt sich eine Regelmäßigkeit feststellen in Bezug auf Silbenanzahl pro Zeile? Auf die Betonungen?
  • Was ist noch ganz ganz auffällig?
  • Kommunikationsmodelle: Findet Kommunikation statt? Wenn ja, wo und wie?
Kommentar von DramaLlama ,

Danke ^^

Wenn ich die Antworten auf diese Fragen hier in die Kommentare schreibe, wird das dann hier überprüft? Oder was ist mit gemeinsam erarbeiten gemeint?Und soll Gegenwartsliteratur die Epoche sein? Ich dachte das wäredie Moderne

Kommentar von LolleFee ,

Manche sagen Gegenwartsliteratur, manche Moderne.

Es steht in meinen Mitteilungen wenn Du meine Antwort kommentierst; wenn Du also meinst,  ob das, was Du in die Kommentare schreibst, von mir "überprüft" wird, dann ja ;))

Kommentar von DramaLlama ,

ich glaube das Gedicht ist eine Ode weil es kein Reimschema hat. Und der Reim ,,an" und ,,Mann" ist nur per Zufall entstanden. die Verse sind von unterschiedlicher Länge und die Silbenanzahl ist nicht gleich. Ich denke das Metrum ist der Trochäus, da die Wörter "fallend" betont werden. Also die erste Silbe ist betont, die zweite nicht usw.

Kommentar von LolleFee ,

Nein, eine Ode ist ja eher feierlich - das ist fast das Gegenteil einer Ode! Ich sehe da keine bestimmte Gedichtform. Das Gedicht hat fünf Strophen, die ersten vier haben je drei Verszeilen, die letzte vier.

Ich würde von freien Versen sprechen - ich denke nicht, dass ein bestimmtes Metrum verfolgt wurde.

Was denkst Du denn über das Gedicht, mal ganz ab von der formalen Analyse? Was passiert da?

Kommentar von DramaLlama ,

ich denke mal das die Tochter, das lyrische Ich mit der Mutter, dem lyrischen Du vor dem Fehrnseher sitz und Kuchen ist. Allerdings schmeckt der Tochter nichts Süßes. Sie sagt aber, dass der Kuchen gut ist. Das weißt darauf hin, dass die Beziehung der beiden gestört ist. Folglich behandelt das Gedicht das Thema ,,Neue Subjektivität". Zudem fragt die Mutter die Tochter über ihr leben aus (vgl. Strophe 1). Die Tochter muss aber jede Frage abstreiten, da sie keinen Mann hat usw. Die Mutter macht das ganzr nicht besser, denn sie schwärmt von ihrem sohn, der ihren Erwartungen entspricht (vgl Strophe 3). In der vierten Strophe schläft dir Mutter auf der Schulter der Tochter ein und obwohl es der Tochter nicht gefällt, bleibt sie still. In der letzten Strophe entschuldigt sich die Tochter in einem inneren Monolog dafür, dass sie so eine schlechte Tochter ist - also sie gesteht es sich ein (das ist wahrscheinlich darauf bezogen, dass sie keinen Mann hat). → Es liegt in dem Gedicht eine eindeutige gestörte Kommunokation vor, denn die Tochter bestreitet ihre Unzufriedenheit, die Mutter macht ihr ein schlechtes Gewissen, indem sie ihren Bruder als Liebling darstellt. Danke noch mal für die ganze Hilfe ♡♡

Kommentar von LolleFee ,

Die ersten zwei Strophen sind auch für mich ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter - dabei stehen innere Gedanken (ich habe nie gern Süßes gegessen) neben Ausgesprochenem. Es hört sich gezwungen an, eigentlich haben sie sich nichts zu sagen, aber sie sind eben Mutter und Tochter, da redet man halt miteinander. Die Mutter weiß nichts von ihrer Tochter (ich habe nie gern Süßes gegessen). Der Leser erfährt fast ausschließlich, was die Tochter sagt, und kann daraus schließen, was die Mutter sagte: [Schmeckt Dir der Kuchen?] - Ja der Kuchen ist gut -  [Willst Du noch ein Stück?] - (innerer Gedanke: Ich habe nie gern Süßes gegessen) Ich esse gern noch ein Stück. - [Geht es Dir schlecht? Du siehst schlecht aus.] - Nein mir geht es nicht schlecht. - [Hast wohl viel zu tun.] - Viel Arbeit. Ja. - [Alt bist Du geworden.] - Älter werde ich auch. - Noch kein Mann? - Nein kein Mann.

Was die Mutter auch sagt, ist für die Tochter ein Vorwurf: Sie arbeitet zu viel, sieht alt aus, sieht schlecht aus, hat noch keinen Mann. Und dann sieht die Tochter in Gedanken ihrend Bruder - mit Eigenheim, Familie. Ein friedliches, ruhiges Idyll, das Ideal für die Mutter - der Sohn als symbolischer Ableger.

Dann weiter nur noch innerer Monolog: Überm Fernsehen schläfst du ein.Dein Kopf sackt nach vorn deine Schulter auf meine. Ich halte still.

Nach "Ich halte still" ist ein Einschnitt, eine Pause. Und ich denke, dass dieser Moment für die Tochter zwei Seiten hat - einerseits kann es durchaus sein, dass sie den Kopf der Mutter auf ihrer Schulter nicht mag. Andererseits ist diese Pause zwischen den Strophen für die Tochter auch ein Moment der Sehnsucht. Kinder wollen eigentlich Nähe zu ihrer Mutter, und in dem Moment ist die Mutter ihr zumindest physisch nah.

Zu Beginn der letzten Strophe dann die Ernüchterung: "Näher kommst du mir nicht." Dass die Mutter ihr überhaupt physisch nah geommen ist, liegt daran, dass sie eingeschlafen ist. "Ich bin dir wie vor meiner Zeugung so fern." ist sowohl reine Feststellung als auch stummer, resignierter Vorwurf der Tochter, denn vor der Zeugung existierte die Tochter nicht - und sie existiert für die Mutter eigentlich auch jetzt nicht. Ihr Kontakt scheint reines Plichtgefühl.

Ich denke nicht, dass sich die Tochter tatsächlich in einem inneren Monolog dafür entschuldigt oder sich eingesteht, dass sie eine schlechte Tochter ist. Für mich ist der letzte Satz ein beißender, indirekter Vorwurf, nicht so geliebt worden zu sein, wie sie ist, und immer mit Erwartungen konfrontiert worden zu sein.

Kommentar von DramaLlama ,

Oh mein Gott danke *_* damit wird meine analyse perfekt meinst du Ulla Hahn hat dieses Gedicht als pädagogisches Erziehungsbuch verfasst?

Kommentar von LolleFee ,

Nein. "Kindheit" ist zwar ein Thema (ihr Roman "Das verborgene Wort" handelt auch von einer Kindheit), und ihre eigene Kindheit war auch nicht rosig, aber ich denke nicht, dass eine erzieherische Absicht den Eltern gegenüber dahintersteckt. Der "Lerneffekt", wenn es denn einen gibt, besteht im Bewusstwerden von Kindheit und dem Erwachsensein, das dann auch durch ein Entwachsensein gekennzeichnet sein kann. Ich wäre vorsichtig damit, der Autorin Erziehungsarbeit zuzuschieben oder den Wunsch, sich für ihre eigene Kindheit zu rächen oder sie zu verarbeiten.

Noch zum Bezug Form und Inhalt: Die Sätze stehen zusammenhangslos nebeneinander wie Mutter und Tochter. Das Versmaß ist ebenso formlos wie ihre Beziehung. Die Enjambements symbolisieren Zerrissenheit. 

Wenn Du magst, schick mir mal die Analyse, ich würde mich freuen! 

Kommentar von DramaLlama ,

Das Problem ist, dass ich morgen eine Klausur über Gedichte schreibe. Und das schaffe ich nicht mehr. Aber du hast mir echt geholfen :D ♥-lichen Dank

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