Wer oder Was ist das ''Ich''?

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10 Antworten

Hey Sia,

die Psychologie von heute entfernt sich eher von Freud's Ich, Über-Ich, und Es. Die Forschung nach dem Sitz der Persönlichkeit ist sehr aktuell und daher noch nicht mit absoluter Sicherheit beantwortbar. Es gibt viele Hinweise darauf, dass die Persönlichkeit eines Menschen maßgeblich durch die Strukturen im sogenannten präfrontalen Cortex gebildet wird. Eine interessante Fallstudie ist die des Phineas Gage, einem Eisenbahnarbeiter des 19. Jhdt, welchem bei einem Unfall eine Metallstange durch den Frontallappen getrieben wurde. Gage hat diesen heftigen Unfall durch glückliche Umstände überlebt. Es zeigte sich jedoch, dass die Verletzung seines präfrontalen Cortex zu stark veränderten Persönlichkeitszügen führte, u.a. wurde er sehr impulsiv, obwohl er zuvor als besonnen beschrieben wurde. Sowas wird heutzutage als Frontalhirnsyndrom bezeichnet.

Es gibt verschiedene Strömungen und Lehren der Psychologie. Diese lassen sich einer Stellung zur sogenannten Nature-Nurture-Debatte zuordnen. Dabei geht es darum, wie groß die jeweiligen Einflüsse von Nature (genetische Faktoren etc.) und Nurture (Erziehung, soziale Einflüsse etc.) auf die Persönlichkeit und den Charakter sind. Dabei sind die Biopsychologen natürlich sehr weit auf der Nature-Seite, der Behaviorismus wiederum sehr extrem auf der Nurture-Seite. Die aktuelle herrschende Meinung favorisiert keines der Extreme und vermutet, dass beide Seiten gleichwertige Einflüsse haben und sich sogar gegenseitig beeinflussen (z.B. dass Verhalten, Emotionen etc. die Expression von Genen mitregulieren können).

Wovon die heutige Psychologie definitiven Abstand genommen hat, ist der sogenannte Dualismus, der insbesondere durch René Descartes im 17. Jhdt bekannt wurde. Dabei wurde angenommen, es handle sich bei Körper und Geist um zwei getrennte und unabhängige Entitäten. Dieser Glaube wurde maßgeblich durch die Kirche und den Glauben an eine unsterbliche Seele aufgebracht und bestärkt.

Sehr kompliziertes Thema, um ehrlich zu sein! Um dabei nicht den Faden zu verlieren, muss man in den Vorlesungen wirklich gut aufpassen! ;)

Habe ich wenigstens einen Teil deiner Fragen soweit beantworten können?

Lieben Gruß :)

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Kommentar von JaniXfX
14.12.2015, 11:06

Hallo midnightblue,

ich setze mal meine Antwort unter die von Garfield, weil sie eben genau konträr zu seiner läuft und damit vielleicht klar wird, wie sehr die Psychologie heute streitet.

Nach wie vor gibt es unter allen Psychologen keine Einigkeit darüber, was die Psyche ist und wie sie funktioniert. Ich komme aus der Freud'ianischen Richtung, welche bei Weitem nicht stehen blieb - ganz im Gegenteil, viel angewendet, weiterentwickelt und adaptiert wurde. Unser Vorwurf an die Mainstreampsychologie, die u.A. auch Garfield vertritt, ist folgender:

- Sie hat überhaupt keine Vorstellung bzw. eine Definition des Untersuchungsgegenstandes Psyche. Damit sind nach wissenschaftlichen Grundlagen jegliche Formen von Methoden und Erhebungsinstrumenten in der Psychologie auch hinfällig - wer keine Ahnung hat, WAS er untersucht, der weiß auch nicht, WIE er es zu untersuchen hat... diese Spaltung passiert übrigens mit Wilhelm Wundt. Folglich der Vorwurf: Es gibt keine Einigkeit über die Vorstellung dessen, was nun Psyche (oder Seele) ist.

- Die Hoffnung etwas im Gehirn zu finden: finden wir schräg. Warum muss nun die Psyche verortet werden? Auch hier ist nie wissenschaftlich erwiesen worden, WIE aus einem Hormon oder Reiz im Hirn ein Gefühl entsteht. Es ist auch wissenschaftlich nicht nachweisbar.

Dennoch haben alle psychologischen Schulen ihre Daseinsberechtigung... Sie versuchen alle, etwas Unfassbares (so etwas schwammiges wie die Psyche) fassbar zu machen... leider bekämpfen sie sich viel zu sehr. Ich kenne jedoch auch Analytiker, die konsequent in ihrer psychoanalytischen Perspektive bleiben und dennoch diese mit der Neuropsychologie zusammenführen. Es muss sich nicht unbedingt ausschließen... Und sie kommen an unterschiedliche Ergebnisse - häufig können sie sich gegenseitig viel erzählen und bereichern...

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Kommentar von garfield262
14.12.2015, 11:33

Hallo Jani,
du hast recht, gerade aus diesem Grund, dass die moderne Psychologie (insbesondere bei dem Thema) noch weitestgehend im Dunklen stochert, ist es wichtig, ein breites Spektrum an Lehren abzudecken. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass Forschern wesentliche Entdeckungen entgehen.
Korrigiere mich bitte wenn ich falsch liege, aber ich war der Auffassung, dass auch die Psychoanalyse sich in nicht unwesentlichem Umfang auf den Nature-Aspekt beruft...
Ich wollte keinesfalls sagen, dass Freud's Ansatz in Gänze obsolet geworden ist! Du hast vollkommen recht, einige Bereiche der Psychologie stützen sich auf Freud's Arbeit. Was ich meinte war, dass z.B. dessen ursprüngliche These, jede psychische Störung sei auf eine Störung in der kindlichen psychosexuellen Entwicklung zurückzuführen, heutzutage nicht mehr angewandt wird, wohingegen andere Ansätze durchaus weiterverfolgt werden.
Wie siehst du das?
Lieben Gruß :)

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Kommentar von Midnightbluee
15.12.2015, 22:26

vielen dank für eure kommentare ihr beiden. Was meine meinung über freud angeht ist, dass ich auch aus erfahrung weiß dass man seinen theorien über zB die psychosexuelle entwicklung immer noch anwendet. Ich persönlich halte nicht viel von freuds theorien abgesehen von dem drei instanzen modell.

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Du wirst dazu keine endgültige Antwort erhalten, schon weil jeder anders definiert. Aber es gibt hier bereits sehr interessante Antworten. Ich empfehle Dir, wenn Dich das Thema tiefer interessiert, das Buch von Richard David Precht zu lesen: Wer bin ich, und wann ja, wie viele. Am Ende des Wälzers wirst Du feststellen, dass Du unheimlich viele Ideen und Aspekte zu dem Thema bekommen hast, aber keine Antwort. Der Philosoph Popper hat mal empfohlen, nicht zu fragen, was etwas ist. Dann kommt man vom Hölzchen aufs Stöcken bis ins Unendliche, wenn einem nicht vorher der Kopf geplatzt ist. Frag eher mal danach, wie ein Phänomen wirkt. Was "Ich" angeht wirst Du viele unterschiedliche Wirkungen und Wirkweisen feststellen und hin und wieder kommt man dann selbst auf die Frage, ob das alles von ein und demselben kommt, oder ob wir da nicht ein Bündel von Eigenschaften mit einem selbstidentifizierenden Namen belegen.

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Hallo Sia, ich grüße dich.

Einfache Frage, schwierige Antwort. Sitze, schließe die Augen und höre. Die die dann hört ist Ich. Öffne die Augen und schaue. Die die dann sieht ist Ich. Bewege einen Finger. Die die dann bewegt ist Ich und auch die sieht ist Ich. Klatsche in die Hände. Die die sieht, hört und bewegt ist Ich. Das Wort "Ich" ist ein Begriff für ein selbstständiges Gebilde, das wir auch Mensch nennen. Der Begriff verweist reflektorisch auf das eigene Sein. Er meint dieses Sein in all seinen Schattierungen - Persönlichkeit, Charaktereingenschaften, Gefühlszustände usw. Denn auch die die verliebt ist, ist Ich und auch die die heulend sitzt, sich grämt, vor Freude in die Luft springt usw. ist Ich.

Insofern hast du kein Ich, sondern Du bist eine individuelle, selbstständige, lebende Funktionseinheit, die mit dem Begriff "Ich" sich selbst meint. "sich" = seine Eigenständigkeit, seine Unabhängigkeit, seine individuelle Ausgestaltung.

Womit der Sprecher des Begriffs "Ich" auf ein "dieses da" verweist, dass er mit all seinen bekannten oder unbekannten Inhalten, Vermögen oder Anlagen schon selbst ist.

Ich grüße Dich und bleib gesund.

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Du bist ein multidimensionales Wesen, welches im Moment eine Erfahrung als Mensch macht. Dazu benutzt du vorruebergehend einen Koerper. Der Chef im Koerper ist dein Bewusstsein, das ist der Teil von dir, der das jetzt liest und sich dessen bewusst bzw. gewahr ist. Du bist im Moment im Koerper gefangen, kannst aber auch Erfahrungen in der erweiterteten Realitaet machen, die meisten nutzen dazu Meditation oder ihre Traeume. Im Traum sind wir auf anderen Ebenen sozusagen aktiv, koennen uns aber meistens nicht mehr daran erinnern. Du selbst bist Niemand, aber trotzdem einzigartig, du bestehst nicht aus Materie, sonst koenntest du selbst die Gedanken, Gefuehle und die Materie selbst nicht wahrnehmen. Du bist ein Teil der Quelle, aus dem alles entsteht, manche sagen auch Gott dazu. Du bist ein maechtiges Schoepferwesen, das Materie nach Belieben erzeugen kann, aber das hast du vergessen, aber du kannst dich wieder erinnern. Alles Gute!

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Du wirst geboren und hast schon mal ein Grundkapital an Eigenschaften vererbt - mitbekommen.

Du bist Kind, lernst, machst Erfahrungen, entwickelst Dich in die eine oder andere Richtung.

Und irgendwann ist es zu spät, alles was man macht auf die Erziehung zu schieben. Man ist für sich selbst verantwortlich.

Du bist nicht einfach Du. Solange Du lebst veränderst Du Dich immer wieder mal. Das Gerüst ist zwar das selbe, aber immer wieder wird etwas Neues darangebaut oder etwas altes  weggenommen.

Und wie sagte Marc Aurel:

Auf die Dauer der Zeit  nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an.

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Kommentar von bliblablubfisch
14.12.2015, 00:54

Boah, dieses Zitat ist irgendwie etwas, was man sich gut vorstellen kann, aber zugleich irgendwie gruselig, oder?

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Das kannst du selbst durch Taten entscheiden.

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Das ist dein Selbstbewusstsein.

Du bist deiner Selbst bewusst.

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Du bist die Summe deiner Erfahrungen.
In Kombination zu deinen genetischen Voraussetzungen.

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Man muss das nicht immer und sofort verkomplizieren und zur Wissenschaft machen. Das "ich" bist du selbst. So wie du deinen ersten Absatz begonnen hast. Du hast von dir gesprochen. Das ich besteht aus dir selbst und deinem Verstand. Ohne Verstand kein ich. Den sogenannten Geist gibt es nicht. Da bleibe ich lieber bei den neurologischen Vorgängen.

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Es gibt kein "Ich".

Das, was du momentan als "Ich" definierst, ist die Summe deiner Erfahrungen. Bloß, diese ändert sich stetig - das, was du als "Ich" bezeichnest, wandelt sich permanent. Schließlich kannst du dieses "Ich" auch verlieren. Entweder kurzzeitig (tiefer meditativer Zustand) oder langfristig (starke Demenz). Was bist du denn dann?

Das, was du immer haben wirst solange du lebst, ist deine Wahrnehmung und dein Atem.

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