Frage von Blingding, 24

Wen meint Martial mit "Avitus" in seinem Epigramm (steht unten), wenn es nicht der weströmische Kaiser war?

Sie sind gut, einige (wörtl. gewisse) sind mittelmäßig, die meisten sind schlecht, von denen du hier liest: Ein Buch wird nicht anders gemacht, Avitus.

Antwort
von Albrecht, 7

Avitus ist ein Freund und Gönner Martials, der ebenfalls dichtet, wenn auch nur aus Liebhaberei in seiner Freizeit und anscheinend nicht öffentlich als Dichter hervortretend. Nach verbreiteter Meinung ist er der Senator Lucius Stertinius Avitus.

In einem Namensregister in einer Martialausgabe (Buch) kann herausgesucht werden, wo der Name Avitus bei Martial vorkommt. Es sind bei Martial, Epigrammata:

1, 16 (in der Fragebeschreibung übersetzt); 6, 84; 9 praefatio; 10, 96 (Vers 1 und 16); 10, 102; 12, 24 (Vers 9); 12, 75 (Vers 7)

Ob es sich bei Avitus an diesen Stellen immer um denselben Mann handelt, ist nicht völlig sicher. Im Vorwort (praefatio) von Buch 9 steht mit großer Wahrescheinlichkeit etwas über denselben wie in 1, 16 (denn dort ist Avitus angesprochen als jemand, der Martials Gedichte lesen wird und Dichtung beurteilen kann, und im Vorwort von Buch 9 ist Avitus, der zuesrt mit dem weiteren Namenbestandteil Stertinius erscheint, jemand, der offenbar Gedichte liest und ein Bildnis Martials in seiner Bibliothek aufstellen will, zu dem Martial ein Epigramm als Bildnis-Unterschrift schreibt).

Martial, Epigramma 9 Vorwort (praefatio):

Have, mi Torani, frater carissime. epigramma, quod extra ordinem paginarum est, ad Stertinium clarissimum virum scripsimus, qui imaginem meam ponere in bibliotheca sua voluit. De quo scribendum tibi putavi, ne ignorares Avitus iste quis vocaretur. Vale et para hospitium.

Note, licet nolis, sublimi pectore vates,

   cui referet serus praemia digna cinis,

hoc tibi sub nostra breve carmen imagine vivat,

   quam non obscuris iungis, Avite, viris:

'ille ego sum nulli nugarum laude secundus,

   quem non miraris sed puto, lector, amas.

maiores maiora sonent: mihi parva locuto

   sufficit in vestras saepe redire manus.'

M. Valerius Martialis, Epigramme : lateinisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Paul Barié und Winfried Schindler. 3., vollständig überarbeitete Auflage. Berlin : Akademieverlag, 2013 (Sammlung Tusculum), S. 595:

„Sei gegrüßt, Toranius, liebster Bruder! Das Epigramm, das nicht in den Zusammenhang des Buches gehört, habe ich an Stertinius, diesen ausgezeichneten Mann, gerichtet, der ein Bild von mir in seiner Bibliothek aufstellen wollte. Ich glaubte, dir von ihm schreiben zu müssen, damit dir nicht unbekannt bleibe, welcher Avitus da angeredet wird. Lebe wohl und bereite mir ein Willkommen!

Der du bekannt bist, wenn auch gegen deinen Willen, als ein feinsinniger Dichter,

dem erst spät ein später Tod den verdienten Lohn bringen wird,

dies kurze Gedicht soll für dich unter meinem Bild leben,

das du, Avitus, unter die Bilder von nicht unbedeutenden Männern einreihst.

»Ich bin derjenige, der mit seinen poetischen Nichtigkeiten hinter keinem an Ruhm zurücksteht,

den du, Leser, nicht bestaunst, sondern, glaube ich, liebst.

Größere mögen von Größerem tönen: Für mich, der nur Unbedeutendes geäußert hat,

genügt es, wenn ihr mich oft wieder in eure Hände nehmt.«“

Stertinius Avitus ist ein äußerst angesehener/ausgezeichneter/berühmter Mann (ein vir clarissimus), hat demnach eine hohe Stellung in der Gesellschaft. Er hat die Absicht, ein Bildnis/Abbild (imago; ob eine Statue/Büste oder ein Gemälde ist nicht ganz deutlich) Martials in seiner privaten Bibliothek aufzustellen. Stertinius Avitus ist also jemand, der den Dichter Martial (Marcus Valerius Martialis) wertschätzt und bewundert. Sonst würde er nicht daran denken, ein Bildnis Martials in Bildnisse bedeutender Männer einzureihen. Stertinius Avitus ist selbst auch ein Dichter (vates ist dafür ein ziemlich erhabener/gewichtiger Ausdruck, der auch Prophet, Weissager, Seher bedeuten kann; der Dichter Horaz hat sich als vates bezeichnet). Stertinius Avitus scheint aber nicht öffentlich mit eigenen Gedichten hervorzutreten (sonst wäre er nicht gegen seinen Willen als Dichter bekannt), sondern sich als Verfasser von Gedichten auf einen privaten Freundeskreis zu beschränken.

Die übliche Auffassung ist, er sei der Senator Lucius Stertinius Avitus.

Nina Johannsen, Dichter über ihre Gedichte : die Prosavorreden in den »Epigrammaton libri« Martials und in den »Silvae« des Statius. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 2006 (Hypomnemata : Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachleben ; Band 166), S. 98:

„Es ist, wie wir aus Martials Erklärung für Toranius erfahren, an den Senator L. Stertinius Avitus gerichtet, der sich in seiner Freizeit auch als Dichter betätigte.“

Elke Stein-Hölkeskamp, Das römische Gastmahl : eine Kulturgeschichte. 2. Auflage, unveränderter Nachdruck. München : Beck, 2011, S. 69:

„Silius Italicus scheint für Schmeicheleien dieser Art durchaus empfänglich gewesen zu sein; denn in einem weiteren Epigramm, in dem Martial einen namentlich nicht genannten Kritiker seines Werkes massiv angreift und persönlich verunglimpft, brüstet sich der Dichter damit, daß «der unsterbliche Silius» seinen Werken einen Platz in seiner Bibliothek eingeräumt habe - genau wie L. Stertinius Avitus, Consul des Jahres 92 und ebenfalls ein Freund und Gönner Martials. Avitus sei, so schreibt Martial in seinem Widmungsbrief zum 9. Buch an seinen Freund Toranius, sogar noch weiter gegangen als der Dichter der Punica. Dieser clarissimus vir, der sich selbst ebenfalls als epischer Dichter versucht hatte, habe in seiner Bibliothek nämlich eine Büste des Martial in seine Bildergalerie berühmter Männer eingereiht und dem Epigrammdichter damit einen ehrenvollen Platz neben den großen Dichtern früherer Generationen zuerkannt.“

Lucius Stertinius Avitus war consul suffectus (Suffektkonsul; nachgewählter Konsul) vom 1. Mai bis zum 31. Auguist 92 n. Chr.

Vgl. zu ihm Edmund Groag, Stertinius 12) In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft : RE III A.2 Sparta bis Stluppi. Stuttgart : Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 1929, Spalte 2453

Antwort
von Ansegisel, 12

Avitus war ein Freund Martials und wahrscheinlich ebenfalls ein Dichter.

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