Frage von PolluxHH, 72

Welches Prinzip ist für Dich das wichtigere und welches Prinzip wirkt prägender für Dein Handeln: Freiheit oder Liebe?

Es wäre zwar noch mit Inhalten zu füllen, was man unter Freiheit und was unter Liebe versteht, aber beide Prinzipien verhalten sich grundsätzlich entgegengesetzt. Wirkt Liebe eher in Richtung auf eine Auflösung zugunsten anderer, z.B. in der Ausprägung eines Altruismusses, so wirkt ein Streben nach persönlicher Freiheit, abzugrenzen zu einer kollektiven Freiheit, vordergründig eher verdichtend zu eigenen Gunsten.

Meine persönliche Auffassung ist dabei, daß die größtmögliche Freiheit des Menschen darin bestünde, sich die eigene Unfreiheit selber wählen zu dürfen, da ein Mensch nie vollkommen frei sein kann (er muß essen und trinken, ist statisch ortsgebunden und eine Veränderung des Standorts beinhaltet Transaktionskosten).

Auf diese Frage kam ich aufgrund einer vor kurzem gelesenen Antwort, welche subjektiv Freiheit deutlich über Liebe ansiedelte, wobei ich mich, ganz getreu Kant, fragte, ob dies überhaupt ein stabiles System in einer Gesellschaft zu erzeugen erlaubte.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von berkersheim, 12
Enthaltung

So wie ich Freiheit und Liebe verstehe formuliert die Frage eine unechte, von verzerrten Begriffen abhängige Alternativlosigkeit. Beide Begriffe sind schillernd und haben kulturgeschichtlich enorme Bedeutungswandel vollzogen. Nehmen wir den Apostel Paulus als Wegweiser für die Theologie: Für ihn ist Liebe die Voraussetzung größter Freiheit, weil in der Liebe alles Böse und Schädigende wegfällt. Jetzt muss man natürlich darauf achten, dass er unter Liebe etwas ganz anderes versteht als unsere Schlagerromantik. Für ihn sind wahre Menschen- und wahre Gottesliebe nicht zu trennen. Wer liebt, erfüllt Gottes Gesetz in größter Freiheit. Ganz anders Kant, der Feind aller Emotionen und Held des unerreichbaren Trockentals der Vernunft: Da ist Freiheit nicht von dieser Welt, sondern aus der Welt an sich schwappt sie in Fetzen der Vernunft zu uns Kausalgefesselten hinüber. Da soll sie uns aus den Fesseln der Kausalität befreien. Liebe ist eine kausalitätsgefesselte Emotion der unzuverlässigen Art. Vorsichtshalber hat er deswegen nie geheiratet.

Jetzt bin ich Epikureer und halte beides für Humbug. Nach Epikur sind wir Kinder der Evolution und Freiheit und Liebe nehmen in allen verschiedenen gesellschaftlichen Formationen immer wieder andere Gestalt an. Sie sind die jeweilig aktuelle Verknüpfung von individuellen und gesellschaftlichen Werten und Normen. Absolute Freiheit gibt es nicht in einer vernetzten Welt. Und Liebe ist nur ein Wort, das unterschiedlichsten Komplexitäten zwischenmenschlicher Beziehung angeklebt wird. Emotionen sind für Epikur eine starke Triebkraft des Lebens, die unser Handeln bewegt. Allerdings redet Epikur von Freundschaft, nie von Liebe, weil es Liebe in unserem Sinne in seiner Zeit (ca. 300 v.Chr) nicht gab. Damals waren die Großfamilie und Männerfreundschaften von existentieller Wichtigkeit, weil es sonst keine Sozialabsicherung gab.

In unseren extrem vernetzten Massengesellschaften von Freiheit im Sinne des Idealismus zu reden ist ein gigantischer Selbstbetrug. Schon die Kinder leben nach Terminkalender. Mein Eindruck ist: Je mehr wir uns gesellschaftlich selbst Fesseln anlegen, desto hirnrissiger träumen wir von absoluter Freiheit. Wir sind die Ameisen, die sich jede für einen Adler hält. Und in Zeiten, in denen Egozentrik blüht, träumen wir von Selbstaufgabe in Liebe: Besser der andere gibt sich für mich auf! Nenne mir die Sehnsüchte einer Zeit und ich erkläre Dir ihre wahren Schrecklichkeiten. Ein Volk von Einzelhaushalten und weltweit größter Kinderlosigkeit träumt von erfüllender Liebe, am besten in Kindern wie Babypuppen! Aufwachen!!!

Antwort
von Suboptimierer, 25
Liebe ist wichtiger als Freiheit, aber mein Handeln ist mehr auf Freiheit ausgerichtet.

Liebe ist langfristig wichtiger. Ohne Liebe ist die größte Freiheit trostlos.
Liebe bereichert (mich) mehr als Freiheit.
Echte Liebe nimmt einem das Gefühl, gebunden zu sein. Es läuft schließlich, wie man es besser nicht erwarten würde.

Die Gewichtung von Liebe und Freiheit ist ein Prozess. In jungen Jahren ist einem meistens die Freiheit wichtiger. Später ist man satt der Freiheiten und will sich binden. Familie ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Punkt.

Antwort
von RevatiKKS, 15
Liebe ist wichtiger als Freiheit und ich handele zumeist aus Liebe.

Wie du schon festgestellt hast sind wir niemals wirklich frei, sondern immer irgendwelchen Zwängen ausgesetzt.

Aber aus Liebe können wir bereit sein, auf unsere (scheinbare) Freiheit zu verzichten. Können bereit sein, die Erfüllung der Wünsche anderer über die eigenen Wünsche zu stellen, können uns freiwillig Einschränkungen auferlegen.

Wenn wir die eigene Freiheit über alles stellen, dann kann kein Zusammenleben auf Dauer funktionieren. Sei es in einer Ehe/Partnerschaft, oder in der Gesellschaft.

Antwort
von rolfmengert, 14

Nachdem doch nun die Mehrzahl der Psychologen und Philosophen in langen und scharfsinnigen Abhandlungen festgestellt haben, dass es "Freiheit" absolut nicht gibt, kann ich nicht so genau erkennen, wo Du hier hier eine Alternative in der möglichen Realisierung von Lebensglück meinst ausmachen zu können. 

Freiheit von äußeren Zwängen, die zudem noch stark unlustbesetzt sind, lassen wir beiseite. Sie zu erlangen, ist grundsätzlich geboten. Doch die "inneren Freiheiten" sind es doch, die du vermutlich in Deiner Fragestellung gemeint hast. Und die inneren Freiheiten kann man besser charakterisieren, wenn man sie als sich erweiternde Möglichkeiten zur Lebensgestaltung sieht. Damit lässt sich hier ein mehr oder weniger als positiv resp. negativ bewerten. Wer also in einer gegebenen Lebenssituation viele Handlungsoptionen verfügbar hat, erlebt "subjektiv" ein höheres Maß an Freiheit als einer, der auf wenige oder gar nur eine einzige Option zugreifen kann. 

Der Reichtum an Handlungsoptionen kann nun natürlich irgendwie mit Handlungsoptionen im erotischen Feld verglichen werden, doch da würde ich viel eher auf die andrängende Bedürfnislage situativ meine Entscheidungen abstimmen. Sollte ich momentan unter einer spürbaren Vereinsamung leiden, dann ist die aktive Ausschau nach möglichen Partnerbeziehungen eindeutig vorrangig. Wenn ich jedoch in einer glücklichen Beziehung leben, habe ich Freiheitsgrade zum Ausleben spezifischer Neigungen oder zu vermehrter beruflicher Weiterbildung und Entfaltung. 

Bilanz: Nach meinem Dafürhalten ist die Alternative "Freiheit oder Liebe" wenig zielführend für die Gestaltung eines glücklichen Lebens. Beides gewinnt mehr oder weniger Bedeutung - je nach der momentanen Bedürfnislage.

Kommentar von PolluxHH ,

Wie gesagt war die Frage aufgebaut auf einer vor kurzem gelesenen Antwort. Dabei, einmal abgesehen von der Frage selber, mußte ich feststellen, daß die damalige Aussage, hier nochmals wiederholt (Nettozahler) recht gut dem Zeitgeist zu entsprechen scheint. Deshalb konnte ich nicht in dm Maße reduzieren und differenzieren, wie es sinnvoll gewesen wäre, weshalb ich einen relativen Freiheitsbegriff in Deinem Sinn latent einzufügen versucht habe. Mir ging es gerade auch darum, solche Ausführungen wie von Dir zu erhalten, vielen Dank dafür!

Antwort
von Dxmklvw, 1
Liebe ist wichtiger als Freiheit und ich handele zumeist aus Liebe.

Freiheit zu einer Entscheidung ist abhängig von dem Kriterium, ob wir etwas für gut oder für schlecht halten. Deshalb meine ich, daß Freiheit, wenn es sie überhaupt wirklich gibt, nur in der Form existiert, daß wir wählen können, ob wir etwas mögen oder nicht.

Damit nimmt Liebe die oberste Stellung ein, denn wenn wir uns für und nicht gegen etwas frei entscheiden, dann deshalb, weil wir es mögen bzw. weil es uns in den Kram paßt.

Antwort
von IamSecretly, 34

Ich würde die Frage ob Liebe oder Freiheit so interpretieren, dass man sich zwischen der Partnerschaft mit einem Menschen und der eigenen Freiheit entscheiden muss. Ich bin allerdings der Meinung, dass man nur eine Partnerschaft eingehen sollte in der man sich trotzdem vollkommen frei fühlt, das zu tun was man möchte. Man sollte keine intimeren Momente mehr mit anderen erleben wollen und das Treffen von Freunden oder das Ausgehen mit der besten Freundin sollte vom Partner nicht "verboten" werden.

Kommentar von PolluxHH ,

"Wichtiger als" bedeutet, welches Prinzip das andere dominiert, es ist nicht ausschließend zu verstehen. Wenn in einer Partnerschaft beide absolute Freiheit suchten, dann fehlte Kompromißbereitschaft und die Partnerschaft wäre höchstens eine Zweckgemeinschaft, die solange funktioniert, wie der andere einem ein "mehr" an Freiheit ermöglichte.

Es hängt dann davon ab, was man unter Liebe versteht. Man könnte es auch umdrehen und sagen, daß Liebe eigentlich nur die eigene Freiheit zugunsten des anderen beschränkt und bei Wechselseitigkeit sich daraus Freiheit für beide ergäbe. In dem Falle dominierte Liebe Freiheit.

Ein Entweder-Oder wäre m.E. etwas extrem gedacht.

Antwort
von AlphaundOmega, 11

Es gibt keine Liebe ohne Freiheit und ohne Freiheit können wir nicht lieben...

Wir handeln aus Liebe , wenn wir innerlich frei sind ...

Liebe ist in uns sowie Freiheit ...nimmst du eines weg, hast du beides verloren...

Der Einklang, ist die höhere Schwingung für mein Handeln... ;)

Kommentar von Buchstabenfrau ,

wie wahr :)

Kommentar von AlphaundOmega ,

Ich , ....danke dir  :)

Kommentar von AlphaundOmega ,

gearade fällt mir ein ..; kein Weg endet am Ziel , da es immer nur eine Zielrichtung gab... :)

Antwort
von schneeflocke49, 11
Liebe ist wichtiger als Freiheit, aber mein Handeln ist mehr auf Freiheit ausgerichtet.

Diese Frage verschönert meinen Tag. Spontan ist mir eingefallen, dass man sagt:" Was man liebt, das lässt man frei." 

Die Liebe einer Mutter muss sich erst an die Freiheiten des Kindes gewöhnen. Wenn sie das nicht schafft aus falsch verstandener Liebe, wird das Kind unfrei.

Ich persönlich kann es mir momentan erlauben relativ frei zu handeln. Also egoistisch. Und das mit Vorsatz. Könnte mir nicht vorstellen diese Freiheit in einer Beziehung aufzugeben. 

Auf der anderen Seite sollte die wahre Liebe auch Freiheit gewähren. 

Gesellschaftlich ist unsere deutsche Freiheit viel Wert im Vergleich zu anderen Ländern. Unsere Freiheit wird subtiler beschnitten. 

Muss noch weiter drüber nachdenken...

Antwort
von DerKleineRacker, 13
Freiheit ist wichtiger als Liebe, aber ich handele vornehmlich nach anderen Prinzipien.

Zu deinem Argument "Liebe = Auflösung zugunsten anderer" muss ich sagen, dass auch Selbstliebe ein Faktor ist, der mich davon abhält selbstzerstörerisch und rein altruistisch zu handeln. Diese Selbstliebe führt mich dann auch dazu, zu eigenen Gunsten zu handeln falls dies niemand anderem konkret Schaden zufügt, was dann als "Streben nach Freiheit" gedeutet werden könnte. Ich sehe es also nicht so, dass es sich um zwei entgegengesetzte Prinzipien handelt.

Kommentar von PolluxHH ,

Woher weißt Du, daß ich eigentlich ein Freund dialektischer Betrachtungen bin? :D

Aber die Vorlage für diese Frage war dichotom gehalten, also mußte ich es übernehmen, was anur dann möglich ist, wenn man die Betrachtung auf nach außen gerichtete Liebe beschränkt, denn das Streben nach individueller Freiheit ist auch als eine Ausprägung von Selbstliebe (oder einer Kompensation fehlender Selbstliebe) zu verstehen.

Aber Danke für diesen Ansatz, der meinem Denken näher ist als eine dichotome Betrachtung.

Antwort
von Sternschnuppe40, 22

Liebe heißt nicht das man eingesperrt ist ,es bedeutet auch sich Freiheiten zu nehmen .

Kommentar von PolluxHH ,

Es geht ja auch nicht um den Gegensatz, sondern um die Paarung, also mehr die Frage, ob das Prinzip Liebe zu Freiheit führt, oder aber in welchem Maß man Liebe zulassen kann, wenn man in seinem Handeln primär auf die eigene Freiheit abhebt.

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