Frage von baerwolf, 86

Welchen Sinn hat das Leben im Budhismus?

Expertenantwort
von Enzylexikon, Community-Experte für Buddhismus & Religion, 27

Ich bin Buddhist und helfe dir gerne weiter.

Es gibt verschiedene Formen des Buddhismus, die über unterschiedliche Ansätze letztlich die gleiche  Lehre vermitteln. Dabei sind Lehren und Methoden verschieden, was zu voneinander abweichenden Interpretationen führt.

Allgemein gesagt:

Der Buddhismus sieht das Leben als leidvoll an, weil wir an massiven Anhaftungen leiden - an unsere Identität als "Ich", subjektiver Wahrnehmung, an gesellschaftlichem Status, usw.

Die buddhistische Praxis soll dazu beitragen, ein verantwortungsbewusstes Leben zu führen, in dem man sich ethisch korrekt verhält und anderen Wesen kein Leid zufügt und sich durch Selbsterkenntnis von Anhaftungen zu befreien.

Das ist der grundsätzliche Ansatz des Buddhismus, unabhängig von der jeweiligen Tradition.

Religiös betrachtet gibt es mehrere Ansätze, wenn es darum geht, den Sinn des Lebens zu benennen.

Im Theravada-Buddhismus geht es darum, durch eigene Praxis den Zustand des Erwachens (Bodhi) zu erfahren, um nach dem Tod aus dem Kreislauf der Wiedergeburten auszusteigen und endgültig im Nirvana zu verlöschen.

Im Mahayana-Buddhismus gibt es die Vorstellung, durch eigene Praxis ein Bodhisattva zu werden - jemand, der trotz seines Erwachens freiwillig weiter im Kreislauf der Wiedergeburt bleibt, um anderen Wesen bei ihrem Weg hinaus zu helfen.

Im Amida-Buddhismus, der zum Mahayana-Buddhismus gehört, geschieht die Befreiung nicht durch eigene Kraft, sondern indem man sich Buddha Amida anvertraut. Dann soll eine Wiedergeburt in einer Paradies erfolgen, wo man unter angenehmeren Umständen an der endgültigen Befreiung arbeiten kann.

Das ist natürlich nur ein grober Überblick, wenn du noch Fragen hast, kannst du dich gerne an mich wenden.

Meine persönliche Meinung

Meiner Ansicht nach ist die buddhistische Praxis des Mahayana der richtige Weg für mich und er erscheint mir sinnvoll und richtig für mein Leben. Was nach dem Tod geschieht, interessiert mich nicht.

Persönlich bin ich der Ansicht, dass es einen fest definierten Sinn des Lebens nicht gibt und jeder seinen eigenen Weg finden muss - sei er nun religiös, philosophisch, sozial, oder materialistisch motiviert.

Antwort
von Dukkhanirodha, 14

Lieber Baerwolf,

vielen Dank für Ihre Frage. Ich hoffe dir mit meiner Antwort weiterhelfen zu können, selbst wenn nur ein wenig. Um die Frage befriedigend beantworten zu können, möchte ich zuerst eine kurze Definition des Begriffs "Leben" und dessen Ursachen nach der Theravada-Tradition geben - einer Schule des historisch frühsten und damit authentischsten Buddhismus - um danach im weiteren Verlauf besser den "Sinn" dieses Lebens bestimmen zu können. Dabei möchte ich auch die verschiedenen Ebene der Sinnhaftigkeit etwas umreißen. Dies alles geschieht in Anlehnung an die frühbuddhistischen Lehrtexte des Palikanon - der Grund- und Leittexte der Theravada-Tradition - der in seiner Essenz bis in die historische Zeit des Buddha zurückgeht. In eigenen Worten und mit Zitaten aus diesen Urtexten möchte ich versuchen Ihre Frage zu beantworten -  dabei hoffentlich in angenehmer und nicht allzu langer Form für Sie. Die Textpassagen aus den Urschriften sind in Kursivschrift. Fehler in meiner Interpretation sind möglich.

Definition

Nach erwähnter Theravada-Tradition, lehrte der Buddha das alles Sein oder Leben in ein mehrfach-tausendfaches Weltsystem eingebettet ist (vergleichbar mit den kosmischen Vorstellung der modernen Astronomie, u.a. beruhend auf ihren Beobachtungen der verschiedenen Galaxien und unseres hiesigen Sonnensystems) (Anm. 1; siehe unten). In diesem äußerlichen Weltsystem wandern die Wesen je nach ihren Taten - in guten Umständen bei guten Taten, in schlechten Umständen bei schlechten Taten - von Wiedergeburt zu Wiedergeburt. Die Unterteilung dieser Weltsysteme geschieht des Weiteren auf einer detaillierteren Ebene in die fünf Daseinsgruppen (pali: khandha): Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmung, Geistesformationen und Bewusstsein. Dieses Wandern wird Traditionsübergreifend als "Sangsara" (in der Sprache des Pali, wörtlich: "beständiges Wandern") bezeichnet. Dieses Umherziehen im Kreislauf der Wiedergeburten wird dabei als seit anfanglosen Zeiten, ohne erkennbaren Anfang, sich vollziehend und im letztendlichen Grunde als leidvoll (pali: dukkha) dargestellt (Anm. 2 u. 3). Der Grund für den Fortbestand der Wesen in Sangsara ist ihr Unwissen (pali: avijja) und ihr Durst (pali: tanha). Unwissen bezeichnet dabei das Nichterkennen der wahren Natur der Dinge als vergänglich und damit einhergehend als in seiner Essenz leidvoll (pali: dukkha) und unpersönlich (pali: anatta). Aus diesem Nicht-Erkennen resultiert der Durst nach dem scheinbar dauerhaften, glückbringenden und kern- oder seelenbehafteten Dasein in den fünf Daseinsgruppen (siehe oben unter Khandha) bzw. Sangsara, oder anders: der Durst nach Formen, Düften, Tönen etc. Nach den Anmerkung weitere Ausführung des nun bestimmbaren Sinnes.

(1) "„So höre denn, Ānanda, und achte wohl auf meine Worte.“—„Ja, o Herr!“ erwiderte der ehrwürdige Ānanda. Und der Erhabene sprach: „Wie weit, Ānanda, Sonne und Mond kreisen, die Himmel im Glanze erstrahlen, tausendmal so weit reicht eine Welt. In jener tausendfachen Welt gibt es tausend Monde, tausend Sonnen... Das, Ānanda, nennt man ein kleines tausendfaches Weltsystem. So weit nun, Ānanda, ein kleines tausendfaches Weltsystem reicht, es gibt eine Welt, die ein tausendfaches davon ist: und diese nennt man ein mittleres Weltsystem, (nämlich) ein tausendfaches in zweiter Potenz (dvisahassī majjhimā lokadhātu). Und so weit ein solches mittleres tausendfaches Weltsystem reicht, es gibt eine Welt, die ein tausendfaches davon ist; und diese nennt man ein großes tausendfaches Weltsystem, (nämlich) ein tausendfaches in dritter Potenz.""(Die Lehrreden des Buddha aus dem Anguttara Nikaya; 3, 80) 

(2) ""Und was, Freunde, ist die Edle Wahrheit von Dukkha? Geburt ist Dukkha; Altern ist Dukkha; Tod ist Dukkha; Kummer, Klagen, Schmerz, Trauer und Verzweiflung sind Dukkha; nicht bekommen, was man sich wünscht, ist Dukkha; kurz, die fünf Daseinsgruppen, an denen angehaftet wird, sind Dukkha."" (Die Lehrreden des Buddha aus dem Majjhima Nikaya, 141)

(3) ""Unbekannten Anfangs, ihr Bhikkhus, ist dieser Umlauf der Geburten; nicht kennt man einen ersten Beginn bei den Wesen, die, in dem Hemmnis des Nichtwissens, in der Fessel des Durstes gefangen, (von Geburt zu Geburt) umherwandern und umherlaufen. Was haltet ihr davon, ihr Bhikkhus? Was ist wohl mehr: die Tränen, die euch entströmt und die von euch vergossen worden, da ihr, so lange Zeit hindurch (von Geburt zu Geburt) umherwandernd und umherlaufend, über Vereinigung mit Unliebem und über Trennung von Liebem klagtet und weintet, oder das Wasser in den vier großen Meeren?" - "Wie wir, Herr, die von dem Erhabenen gepredigte Lehre verstehen, sind mehr die Tränen, die uns entströmt und die von uns vergossen worden, Herr, da wir, so lange Zeit hindurch (von Geburt zu Geburt) umherwandernd und umherlaufend, über Vereinigung mit Unliebem und über Trennung von Liebem klagten und weinten, als das Wasser in den vier großen Meeren." - "Gut, gut, ihr Bhikkhus! Gut ja versteht ihr Bhikkhus auf diese Art die von mir gepredigte Lehre. Mehr sind, ihr Bhikkhus, die Tränen, die euch entströmt und die von euch vergossen worden, da ihr, so lange Zeit hindurch (von Geburt zu Geburt) umherwandernd und umherlaufend, über Vereinigung mit Unliebem und über Trennung von Liebem klagtet und weintet, als das Wasser in den vier großen Meeren. Lange Zeit hindurch ist von euch, ihr Bhikkhus, der Tod der Mutter ausgekostet worden. (Mehr waren) die Tränen, die euch entströmt und die von euch vergossen worden, da ihr, den Tod der Mutter auskostend, über Vereinigung mit Unliebem und über Trennung von Liebem klagtet und weintet, als das Wasser in den vier großen Meeren. Lange Zeit hindurch ist von euch, ihr Bhikkhus, der Tod des Vaters ausgekostet worden - ist der Tod des Bruders ausgekostet worden - ist der Tod der Schwester ausgekostet worden - ist der Tod des Sohnes ausgekostet worden - ist der Tod der Tochter ausgekostet worden - ist der Verlust von Verwandten ausgekostet worden - ist der Verlust des Vermögens ausgekostet worden.""(Die Lehrreden des Buddha aus dem Sangyutta Nikaya; 15, 3)

Sinnhaftigkeit des Lebens

Das Leben an sich hat also letztendlich den Sinn überwunden zu werden. Der Buddha lehrte: "Nur eines... jetzt wie früher: Das Leiden und das Ende des Leidens.“ (Die Lehrreden des Buddha aus dem Sangyutta Nikaya; 44,2). Damit also das Überwinden jeglicher Existenz und damit jeglichen Leidens, welchem innerhalb der Existenz (der fünf Daseinsgruppen, Sangsara) unausweichlich zu begegnen ist. Diese Überwindung ist dabei, laut dem Buddha und seiner Jünger, aber keineswegs als etwas Negatives anzusehen, denn diese führt zum völligen Erlöschen im höchsten Glück, dem Nibbana (wie im Pali gennant), weitläufiger bekannt als Nirvana (so genannt im Sanskrit) (Anm. 1).

(1) "Wahrlich, ihr Mönche, dies ist der Friede, dies das Erhabene, nämlich das Zuruhekommen aller Karmabildung, Loslösung von allen Daseinssubstraten, Versiegung des Begehrens, die Aufhebung, die Erlöschung, das Nirwahn."
(Die Lehrreden des Buddha aus dem Anguttara Nikaya; 3, 32)."

Der edle achtfache Pfad führt dabei zur Verwirklichung des Nibbana. Allerdings existieren früh- wie auch spätbuddhistische Lehren (mahayana- buddhistisch), die erst einmal eine Verbesserung der Umstände der einzelnen Wesen beabsichtigen. In diesem Sinne, aber auch als Bestandteil des Weges zum Erlöschen, lehrte der Buddha eine umfangreiche Ethik (in Bezug auf Arbeit, Familienleben, allgemeine Gesellschaft etc.) einhergehend mit rechten Anschauungen religiöse Lehren betreffend und Geistesschulung (Meditation) in Ruhe und Einsicht auf verschiedenen Ebenen, je nach dem Entwicklungsstand desjenigen, den der Buddha unterrichtete. Ein Sinn kann also, um zusammenzufassen, auf im Prinzip zweierlei Ebenen ausgemacht werden: zum einen in Bezug auf eine ganzheitliche Weltüberwindung (höchstes und letztendliches Ziel allen buddhistischen Strebens) und zum anderen in Bezug auf eine Verbesserung der Lebensumstände der einzelnen Wesen oder - vielleicht besser - die Leidminderung in diesen Umständen.

Ich hoffe die Antwort war hilfreich

Herzlichst

Dukkhanirodha

p.s. im Anhang noch ein Bild welches den Kreislauf der Wiedergeburten grafisch darstellt.

Antwort
von ArbeitsFreude, 32

Enzylexikon hat das sehr gut beantwortet -

gerade weil es so viele verschiedene Richtungen im B. gibt, gibt es auch viele verschiedene "Lebenssinne".

So ist bspw. bei den Nichiren-Buddhisten auch der Sinn, Leid zu lindern und Glück zu mehren - eigenes sowie fremdes.

Dabei gehen die Nichiren-Buddhisten allerdings davon aus, dass man andere nicht dadurch glücklich macht, dass man ihre Probleme für sie löst (so nach dem Samariter-Prinzip),

sondern dass man andere (wo immer möglich) dazu befähigen soll, dass sie ihre Probleme selbst überwinden.

Buddhistische Praxis ist damit eine Art tätige Hilfe zur Selbsthilfe - die oft einfach nur die Form einer angemessenen Ermutigung haben kann.

Antwort
von 2001Jasmin, 38

Mehr Verantwortung würde ich jetzt spontan sagen:D

Antwort
von Garfield0001, 16

Die frage klingt nach "wie funktioniert die Schwerkraft in Afrika?"

Entweder gibt es einen Sinn oder es gibt keinen :-)

Antwort
von Irmin1888, 49

Leben ist Leid. Nutze deine Chance als Mensch wiedergeboren zu sein und versuch dem Kreislauf der Wiedergeburt zu entkommen.

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