Frage von student1617, 90

Welchen Einfluss hat die eigene Kindheit auf den Beruf des Erziehers/Sozialpädagogen?

Hallo alle zusammen,

Ich stehe kurz vor meiner Bachelorarbeit und bin nun auf der Suche nach ein paar offenen Persönlichkeiten!

Ich interessiere mich für die Frage, welchen Einfluss eigene Kindheitserfahrungen auf das professionelle Handeln haben. Während meinen Praktikas im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe ist mir aufgefallen, dass man ständig mit eigenen Erfahrungen, Werten, Meinungen, usw. konfrontiert wird die einen als Kind oder in der Jugend geprägt haben. Person und Professionalität ins Gleichgewicht zu bringen, kann somit manchmal zur großen Herausforderung werden.

Zur Anregung: Hat man beispielsweise selbst eine strenge Erziehung erfahren, könnte dies möglicherweise dazu führen einen autoritären Erziehungsstil in Kitas zu befürworten oder aber total abzulehnen? Hat man selbst traumatische Erfahrungen gemacht, können diese Erfahrungen unser Handeln vielleicht einschränken? Warum kommt es manchmal zu Missbrauchfällen durch Betreuer? Hat das etwas mit der Biografie der Person zu tun? Wie empfindet man den heutigen Wandel der Kindheit? Kann man dafür Verständnis aufbringen oder nicht? Und wie hängt das mit der eigenen Kindheit zusammen?

Wie empfindet Ihr dieses Thema? Vielleicht hat jemand Lust über seine eigenen Erfahrungen zu berichten? Es kann auch gerne eine anregende und ehrliche Diskussion entstehen.

Ich würde mich auf jeden Fall sehr darüber freuen :-)

Antwort
von Katie27, 37

hallo, ich versuche mal dir ein bisschen Inspiration zu liefern :D

ich finde das Thema nämlich auch sehr spannend, aber im Grunde hast du es schon recht gut erfasst. Es bezieht sich würde ich meinen aber auf fast alle Ebenen im Leben. Ob wir die Dinge die wir erfahren nun annehmen oder genau das Gegenteil tun und sie absolut vermeiden; beides hat den Charakter das sie uns prägen und damit eine Auswirkung auf unsere weitere Entwicklung haben.

Ich finde die Aussage "jeder lebt in seiner Welt", so doof das auch klingt sehr passend, da es einfach so ist. Jeder Mensch kommt bereits mit der Geburt unter bestimmten Einflüssen auf die Welt welche sich im Laufe der Erziehung und Erfahrungen die wir mit unserem Umwelt austauschen zu einem immer individuelleren Menschen und schließlich einen ganz eigenen Charakter entwickelt. Alles was man erlebt oder sagen wir das meiste, ist bedingt durch unser Denken, welches zuvor das Resultat erlebter Erfahrungen, mitgegebener Wertmaßstäbe und eigener Empfindungen war.

Jetzt könnte man im Prinzip auf versch. auch wissenschaftliche Ansätze zurückgreifen: wie das Gehirn und damit die größten Entwicklungsschritte in den jeweiligen Altersetappen ablaufen; welche medizinisch-biologischen Besonderheiten; evtl astronomisch-physi´kalische Aspekte, das zusammenwirken in unserer Welt dem Universum als Teil eines Ganzen, unsere Vorahnen und das Interagieren mit anderen wieder bis in die Biologischen Strukturen hinein was Vererbung, Genanlagen und allgemein das Bewerten in kulturellen und das jeweilige Zusammenwirken des Ganzen, die Synnergien, betrifft. Dazu der demografische Wandel mit seinem gesellschaftlichen Normen und die Entwicklung über die Zeiten hinweg, unseren Vorfahren und alles was die Entwicklung und damit auch die Erziehungsformen wie es sie gab und gibt geformt hat.


Ich finde besonders diese wissenschaftlichen Ansätze in sich und dann insgesamt in welchen Zusammenhang es mündet sehr interessant. du könntest dir versch. Literatur besorgen und vielleicht gerade diese Schnittpunkte anhand eigener Erfahrungen neu beleuchten und noch weiter ergründen.

und das ganze natürlich dann auf deine jeweilige Fragestellung (Beruf) weiter präzisieren. Es bezieht sich ja im Grunde auf alle Ebenen, da ein Ursprung

Ich hoffe ich konnte dir ein wenig weiterhelfen.

Ich wäre wahnsinnig gespannt wie deine Arbeit am Ende gelaufen ist, wenn du mal darüber schreiben magst :)


Kommentar von student1617 ,

Vielen Dank für diese schnelle und interessante Antwort :) Du hast Recht, dass man das Ganze oder die "Welt" der Menschen betrachten muss. Kindheit besteht nicht unabhängig von diesen Dingen. Man muss einen Blick für die ganze Person bekommen und was das mit der Person als Professioneller macht.

Vielen Dank auch für die Tipps, wie ich meine Bachelorarbeit mit wissenschaftlichen Ansätzen aufbauen könnte. 

Auf jeden Fall hast du mir sehr viel geholfen :) Wenn man sich mit anderen Menschen über eine Thema austauscht, bekommt man einfach neue Perspektiven und ich glaube auch für meine Abschlussarbeit ist es wichtig unterschiedliche Perspektiven zu beleuchten :)

Kommentar von Katie27 ,

es freut mich wirklich sehr wenn dir mein Blickwinkel etwas Anregung geben konnte. bin sehr gespannt wenn du nochmal zu berichten hast. viel Erfolg für deine Arbeit weiterhin :)

Antwort
von Elektrourlaub, 8

Hallo Student,

ich habe mir die Frage auch schon des Öfteren gestellt. Auch habe ich mich gefragt, ob es überhaupt irgendwelche gegenwärtige oder künftige Situationen gibt, in denen die Vergangenheit keinen Einfluss hat.

Irgendwie fällt mir da wahrhaftig nichts ein.

Also gehe ich davon aus, dass die Vergangenheit in jeder Situation auf irgendeine Weise Einfluss nahm. Dazu gehört natürlich dann auch meine eigene Vergangenheit im Zusammenhang mit meiner Arbeit.

"Hat man beispielsweise selbst eine strenge Erziehung erfahren, könnte dies möglicherweise dazu führen einen autoritären Erziehungsstil in Kitas zu befürworten oder aber total abzulehnen?"

Nach meinem Verständnis beeinflusst und prägt also auch die eigene Vergangenheit die Vorstellungen von Moral, Vernunft, Werten und Normen.

Auch gehe ich davon aus Erfahrung davon aus, dass dieser Einfluss der Vergangenheit  auch als "einschränkend" bewertet werden kann.

Ich selbst bin in meiner Arbeit immer wieder damit beschäftigt, ungünstige Projektionen und Übertragungen zu vermeiden indem ich auch an mir arbeite.

Wenn ich bemerke, dass meine Vergangenheit nun so sehr in der Gegenwart "blicken lässt", so dass es sich einschränkend auf meine Arbeit auswirkt, benutze ich meistens folgende Möglichkeiten:

Ich lasse in der Situation meinen professionellen Anteil im Vordergrund und versuche möglichst die Gegenwart von der Vergangenheit zu trennen.

Später widme ich mich dem Teil, der da aus der Vergangenheit kommt und sich in der Gegenwart zu Wort meldete. Wenn dieser mal in einer traumatischen Situation entstanden ist, nehme ich mir ggf. professionelle Hilfe. ("Hat man selbst traumatische Erfahrungen gemacht, können diese Erfahrungen unser Handeln vielleicht einschränken?" ist damit vielleicht auch schon beantwortet.)

"Warum kommt es manchmal zu Missbrauchfällen durch Betreuer? Hat das etwas mit der Biografie der Person zu tun?"

- Davon gehe ich aus, weil die Biografie nun mal auch zur Vergangenheit gehört. Warum kann ich nicht sagen, vielleicht findest Du bei Google individuelle Hintergründe für Missbrauch. In einer Fortbildung lernte ich mal, dass das Abhängigkeitsverhältnis Täter möglicherweise dazu einlädt, dies auszunutzen.

"Wie empfindet man den heutigen Wandel der Kindheit? Kann man dafür Verständnis aufbringen oder nicht? Und wie hängt das mit der eigenen Kindheit zusammen?

Was meinst Du mit Wandel der Kindheit?

Wenn ich das so lese fällt mir ein: Die Jugend von heut im Gegensatz zu früher..

Dazu würde ich sagen: Als ich ein Kind war, habe ich die Kindheit aus Kindersicht gesehen. Heute bin ich erwachsen und sehe die Kinder heutzutag´ aus Erwachsenensicht. Ich kann diesen Wandel also überhaupt nicht beurteilen. Klar sehe ich, viele Dinge, die es früher nicht gab und heute schon oder umgekehrt. Sei es Technik, Moral und Ethik ect.

Aus dieser Sichtweise bin ich einfach nur beeindruckt, wie sehr sich die "Kindsgesellschaft" und auch die Erwachsenen anpassen können an Fortschritte. Natürlich gibt es dadurch auch andere Probleme als früher (z.B. wenn Kinder es mit dem Medienkonsum übertreiben, so dass die Erwachsenen sich sorgen...)

Aber ich glaube dass die Probleme sich einfach nur verlagert haben, genau wie die Vorteile.

Deshalb stehe ich der Veränderung sehr positiv gegenüber und nenne es mal Wachstum.

"Wie empfindet Ihr dieses Thema?"

Ich finde das Thema hochinteressant und finde es wichtig, dass jeder Pädagoge sich mit der eigenen Biografie auseinandersetzt und auch später im Beruf immer wieder bereit ist, an sich zu arbeiten. . Dafür reicht Reflexion allein nicht aus, auch die Möglichkeiten sehen zu können, welche Lösungen es für den Einzelnen gibt, finde ich wichtig. Ich empfinde es außerdem als wirklich sinnvoll, ein Gespür für Projektion und Übertragungen zu bekommen.

"Vielleicht hat jemand Lust über seine eigenen Erfahrungen zu berichten?"

Nicht wirklich. :)

Trotzdem mal ein paar Beispiele:

Zwei Pädagogen haben unterschiedliche Ansichten, ob ein Handy am Tisch benutzt werden darf oder nicht.

Der Pädagoge ist bei einer Blutentnahme seines Klienten anwesend und kann (aus persönlichen Gründen aus der Vergangenheit) selbst kein Blut sehen.

Der Pädagoge hat in der Jugend gelernt trotz starker Erkältung und Fieber zur Arbeit zu gehen und setzt dies um. Deine Arbeit ist an diesen Tagen "eingeschränkt"

Der Pädagoge tröstet ein schreiendes Kind und er selbst ist dabei z.B. durch die in der Vergangenheit erlernte Empathie emotional sehr berührt, so dass er sich beherrschen muss nicht selbst weinen zu müssen.

usw.

 

LG

 

 

 

 

 

 

 


 

Antwort
von dfllothar, 35

Rückblick auf meine Kindheit:

Meine Mutter war alleinerziehend. Sie hatte kein Interesse sich mit meinen Wünschen und Problemen abzugeben. Als Junge war ich ihr oft lästig, sie wollte mich nicht verstehen, weil ich anders als ihre Tochter geartet war.

Bei Gesprächen über mich unter der Verwandschaft kam fast immer deren Meinung auf, ich würde nichts taugen, der wird nur mal ein Kanalarbeiter werden, wenn er nicht besser sein Englisch lernt.

Ich hatte viele Freunde, die meine Mutter aber nicht akzeptieren wollte.

So habe ich mich also selbst erzogen, habe ja schließlich meine Zukunftsvorstellungen gehabt und auf eigenen Wunsch die Realschule besucht. Später dann das IngenieurStudium absolviert und dann in der Industrie mit Erfolg als Entwicklungs-Ingenieur gearbeitet. Also, Kanalarbeiter wurden dann halt andere.

Da ich aber stets Gute Freunde hatte, besonders in der Kindheit, widme ich mich heute sehr gern Kindern und auch Jugendlichen, kann ihre jeweiligen Situationen und Probleme erkennen und versuche sie mit meiner Hilfe so zu kompensieren, wie ich´s mir in meiner Kindheit immer gewünscht hätte.

So entstand dann auch mein Logo dfl Initiative Kinderhilfe, "dfl" abgekürzt heißt " Dein Freund Lothar ".

Kommentar von student1617 ,

Vielen Dank auch an sie für ihre Offenheit! Ich finde es sehr berührend wie sie diese Erfahrungen konstruktiv umgesetzt haben. Viele Menschen können mit solchen Erfahrungen nicht umgehen. Sie haben daraus eine Stärke gemacht und können Kindern und Jugendlichen helfen indem sie ihre Probleme erkennen und verstehen. Machen sie das privat oder ist dies eine öffentliche Initiative? 

  

Kommentar von dfllothar ,

Grüß dich student1617, ich mach das rein privat. Die Bezeichnung dfl hat mir mal ein von mir in seiner Freizeit betreuter Junge im Alter von 10 Jahren vorgeschlagen, ist mittlerweile auch schon 10 Jahre her.

Ich hab dann ein Logo-Bild kreiert, das ein großes rotes Herz zeigt mit der innerhalb aufgedruckten Bezeichnung dfl. Darunter steht Privatinitiative Kinderhilfe mit Angabe meiner Handy-Rufnummer.

Das Ganze habe ich dann auf wetterfester Auflebefolie drucken lassen, hängt seit dem an meiner Hauswand und auch an meinem Auto mit dem zusätzlichen Hinweis Soforthilfe Tel. ... .

Vielen Dank für deinen wohlwollenden Kommentar!

Antwort
von Joergi666, 35

Interessante Frage. Ich bin Sozialarbeiter und hab als Kind selber eine unzureichende Erziehung mit gelegentlicher Gewalt erfahren. Entsprechend reagiere ich heute (beruflich wie privat) ohne Verständnis, wenn ich jegliche Form von Gewalt gegen Kinder mitbekomme. Tatsächlich ist das aber noch viel schlimmer geworden, seitdem ich selber Vater bin. Hab zuvor auch schon eine Weile beim Jugendamt gearbeitet- heute würde mir das gerade in Fällen mit jeglicher Form von Gewalt viel schwerer fallen. Aber auch insgesamt hast du natürlich recht- berufliches Handeln ist da immer ganz eng mit der eigenen Erfahrung verknüpft- ich würde mittlerweile sogar behaupten, dass die persönliche Erfahrung mehr Anteil am Handeln bewirkt wie die Dinge der Ausbildung-insofern vermag dies in seltenen Fällen auch dazu führen, dass Betreuer selber Täter werden- aus meiner Sicht aber ganz klar Einzelfälle.

Kommentar von student1617 ,

Vielen Dank für diesen bewegenden Einblick! Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Erfahrungen eine große Herausforderung im Beruf des Sozialarbeites darstellen. Besonders beim Jugendamt wird man mit Themen wie Gewalt, Vernachlässigung und Missbrauch konfrontiert. Verständnis für die Situation und die Eltern aufzubauen und dann nicht mit Ablehnung zu reagieren wenn man ähnliche Erfahrungen gemacht hat, stelle ich mir unheimlich schwierig vor. 

Ich finde ihre Aussage auch sehr interessant, dass die persönliche Erfahrung mehr Anteil am Handeln bewirkt wie die Dinge der Ausbildung. 

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