Frage von Patriciiia, 50

Welche Zeitverhältnisse im AcI (Latein)?

Hallo, ich bin gerade etwas verwirrt, was den "Accusativus cum Infinitivus" in Latein angeht. Eigentlich habe ich ihn schon in über 4 Jahren Latein meist fehlerfrei übersetzt, jedoch habe ich in letzter Zeit Zweifel, was die Zeitverhältnisse angeht. Eigentlich heißt es ja: Wenn der Infinitiv Perfekt ist-> Nebensatz vorzeitig. Wenn der Infinitiv Präsens ist-> Nebensatz gleichzeitig. Wenn der Infinitiv Futur ist-> Nebensatz nachzeitig.

Jedoch werden oft die Sätze mit Konjunktiv | übersetzt. Hier ein Beispiel:

Magister discipulam bene scribere dixit. So müsste man nach der Regel gz übersetzen: Der Lehrer sagte, dass die Schülerin gut schrieb. Aber oft wird so ein Satz wie folgt übersetzt: Der Lehrer sagte, dass die Schülerin gut schreibe. Aber das ist doch nicht richtig...dann wäre doch der Nebensatz nachzeitig.

Und bei folgendem Satz bin ich mir überhaupt nicht sicher, wie man ihn richtig übersetzen kann (Da es mir nur auf die Zeitverhältnisse ankommt, habe ich den Satz gekürzt, also nicht wundern, falls er keinen Sinn ergibt).

Putares eas illas feminas esse.

Meine Übersetzung: Man hätte glauben können (Potentialis der Vergangenheit?), dass sie jene Frauen waren.

Übersetzung, die sinnvoller klingt: Man hätte glauben können, dass sie jene Frauen seien.

Aber man darf da doch nicht einfach "seien" schreiben oder doch?

Ich verstehe überhaupt nicht mehr, wie man nun einen AcI von den Zeiten her richtig übersetzt und wann man Konjunktiv benutzen darf usw...bitte helft mir :(

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Deponentiavogel, 19

Es handelt sich hier um ein rein deutsches Problem. Im Deutschen gibt es die consecutio temporum wie im Lateinischen oder den romanischen Sprachen nämlich nicht.

Der Konjunktiv 1 ist immer Konjunktiv 1 und zeigt als Sprachzeichen an, dass etwas von etwas anderem innerlich abhängig ist.

Ich glaubte, es gebe keine Hoffnung mehr.

Ich dachte, dass er ein Held sei.

In der gesprochenen Sprache wird hier einfach der Indikativ benutzt. In der Schriftsprache sollte man aber den Konjunktiv 1 benutzen (wobei er wiederum nur in der 3. Person Sg. einwandfrei funktioniert).

Einen AcI kann man ins Deutsche deshalb immer mit einem Konjunktiv 1 wiedergeben. Denn auch die Konstruktion AcI ist ja immer von einem Verbum des Sagens und Denkens abhängig (verba dicendi et sentiendi): denken, glauben, sagen, meinen, hoffen, … 

Die Vor-, Nach- und Gleichzeitigkeit kann man genauso fehlerfrei mit dem Konjunktiv wiedergeben:

»In meiner Kindheit habe ich es gehasst.«

--> Er bekannte, dass er es in seiner Kindheit gehasst habe.

»Ich hasse es wie die Pest!«

--> Er sagte, er hasse es wie die Pest.«

»Ich werde es immer hassen!«

--> Er prophezeite, dass er es immer hassen würde.

_________

Magister discipulam bene scribere dixit.

--> Der Lehrer sagte, dass die Schülerin gut schreibe.

Magister discipulam bene scribere dicit

--> Der Lehrer sagt, dass die Schülerin gut schreibe.

Aber: Magister discipulam bene scripsisse dixit.

--> Der Lehrer sagte, dass die Schülerin gut geschrieben habe.

Expertenantwort
von Willy1729, Community-Experte für Latein, 27

Hallo,

Du mußt beachten, was im Deutschen korrekt ist.

Du kannst schreiben: Man hätte glauben können, sie seien jene Frauen oder:

Man hätte glauben können, daß sie jene Frauen sind. Hier ist im Deutschen der Indikativ angebracht - unabhängig davon, ob hier im Lateinischen ein Konjunktiv steht.

Da hier der Infinitiv Präsens verwendet wird, bedeutet dies, daß die Tatsache, daß es sich um jene Frauen handelt, bis in die Zeit des Erzählers hinein gültig ist. 

Wäre die Tatsache nur für die Zeit, von der berichtet wird, gültig, stünde statt esse fuisse:

Putares eas illas feminas fuisse = Man hätte annehmen können, daß diese jene Frauen gewesen sind.

Herzliche Grüße,

Willy

Kommentar von Deponentiavogel ,

Warum ist hier der Indikativ angebracht?

Gerade bei Übersetzungen aus dem Lateinischen soll es doch förmlich oder feierlich klingen.

Man hätte glauben können, dass sie jene Frauen sind. -->

Man hätte glauben können, dass sie jene Frauen seien.

Glauben gehört eindeutig zu den verba dicendi et sentiendi, Konjunktiv 1 ist hier also mehr als nur angebracht.

Kommentar von Willy1729 ,

Wieso sollen Übersetzungen aus dem Lateinischen förmlich und feierlich klingen? Das waren damals ganz normale Leute, die sich auf Latein unterhalten haben. Es sind doch gerade diese gestelzten Übersetzungen, die den Schülern den Spaß an der Sache nehmen.

Kommentar von Deponentiavogel ,

Förmlich und feierlich ist Blödsinn, mein Fehler.

Es wird aber auch im Deutschen immer noch in der Schriftsprache der Konjunktiv 1 verwendet, wenn die Konstruktion von einem verbum dicendi et sentiendi abhängig ist.

Kommentar von Deponentiavogel ,

Das waren übrigens keine normalen Leute, die sich in dem Latein unterhalten haben, das wir in der Schule lernen. 

Dieses goldene Latein ist eine zurechtgeschusterte Fiktion. Die Sprache der Leute hatte nicht die vom lieben Gott gegeben Ordnung, die uns heute typisch lateinisch erscheint.

Kommentar von Willy1729 ,

Ich rede nicht vom Schulbuch-Latein, sondern von Originallektüre. In den Briefen Ciceros etwa ist durchaus Alltagssprache überliefert wie auch in manchen Komödien. Auch Cäsar wird nicht wesentlich anders geschrieben als gesprochen haben.

Kommentar von Deponentiavogel ,

Wie gesagt, goldenes Latein (also auch das was Cäsar geschrieben hat) ist eine vereinheitlichte Idealform einer in Wirklichkeit chaotischen Sprache. 

Das spricht dagegen, dass Cäsar so geschrieben wie auch gesprochen hat. 

Expertenantwort
von Volens, Community-Experte für Grammatik, Latein, Sprache, ..., 19

Das kommt auf den Unterricht an. 
Die meisten Lateinlehrer freuen sich, wenn die Vor-, Gleich- und Nachzeitigkeit überhaupt erkannt wird. Sie ist bei der Übersetzung wesentlich wichtiger als die deutschen Eigenbröteleien hinsichtlich der Konjunktivnutzung; diese entsprechen der Consecutio temporum sogar manchmal gar nicht.

Ich denke daher, dass jeder Lateinlehrer die Übersetzung vorziehen würde:
Du würdest glauben, dass sie jene Frauen waren.

Exakt gemäß der Zeitenfolge. Wenn nicht, würde der Lehrer euch dies bekanntgeben.

http://dieter-online.de.tl/Consecutio-temporum-\_-Zeitenfolge.htm

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