Frage von sporty894, 156

Welche Sprache wurde vor 1500 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands gesprochen?

Antwort
von Archaeopterix, 27

Verschiedene. Kommt drauf an, welchen Teil Deutschlands du meinst. Es geht also etwa um das Jahr 500.

Westgermanisch: Im Großteil Deutschlands wurden germanische
Dialekte gesprochen. Sie gehören zur westgermanischen Gruppe und aus
ihnen haben sich die heutigen deutschen Dialekte entwickelt. Sie hatten
allerdings noch nicht die hochdeutsche Lautverschiebung mitgemacht,
waren also insgesamt noch sehr anders als unser heutiges Deutsch und unterscheidet sich auch etwas von der ältesten überlieferten Sprachform des Deutschen, dem Althochdeutsch.
Im Nodosten Deutschlands, von Lübeck bis Leipzig, war die Besiedlung aber zu der Zeit gerade sehr ausgedünnt, weil viele Germanen in die bislang römischen Gebiete in Süd- und Westdeutschland gezogen waren. Im 6. und 7. Jahrhundert wurde Nordostdeutschland dann von Slawen besiedelt.

Nordgermanisch: Nur ganz im Norden, in Schleswig-Holstein, wurde auch nordgermanisch gesprochen.

Romanisch: An der Mosel, im Rheinland und im Südschwarzwald (und möglicherweise auch in Südbayern) gab es zu der Zeit noch Reste der gallisch-römischen Bevölkerung, was durch romanische Personen- und Flurnamen nachgewiesen ist.

Keltisch?: Möglicherweise sprachen manche der romanisierten Gallier im Rheinland zu der Zeit noch eine keltische Sprache. Dafür gibt es 3 oder 4 Indizien. Insgesamt also etwas unsicher.

Natürlich muss man immer auch mit Migranten und Streusiedlungen rechnen: Romanen und Germanen siedelten gemischt, es gab sicher auch romanische Dörfer in germanischem Gebiet und Juden, die neben der lokalen Sprache auch Hebräisch sprachen, usw.

Antwort
von Eselspur, 32

verschiedene germanische und vereinzelt auch slawische Sprachen, sie sich noch nicht zur deutschen Sprache entwickelt haben.

Expertenantwort
von adabei, Community-Experte für Sprache & deutsch, 22

Hier hast du ein Beispiel für frühes Althochdeutsch, das in etwa der Zeit entspricht, die du angefragt hast. Ich glaube kaum, das du das ohne Übersetzung verstehen würdest:

http://www.stefanjacob.de/Geschichte/Unterseiten/Textproben.php?Multi=54

Hear quhidit umbi dhea bauhnunga dhero dhrioheideo gotes
1. Araugit ist in dhes aldin uuizssodes boohhum, dhazs fater endi sunu endi heilac gheist got sii.
2. Oh dhes sindun unchilaubun Iudeoliudi, dhazs sunu endi heilac gheist got sii, bidhiu huuanda sie chihordon gotes stimna hluda in Sinaberge quhedhenda: "Chihori dhu, Israhel, druhtin got dhin ist eino got."
3. Unbiuuizssende sindun, huueo in dheru dhrinissu sii ein got: fater endi sunu endi heilac gheist, nalles sie dhrie goda, oh ist in dhesem dhrim heidem ein namo dhes unchideiliden meghines.
4. Suohhemes nu auur in dhemu aldin heileghin chiscribe dhesa selbun dhrinissa.
5. In dhemu eristin deile chuningo boohho sus ist chiuuisso chiscriban: "Quhad Dauid Isais sunu, quhad gomman, dhemu izs chibodan uuard umbi christan Iacobes gotes, dher erchno sangheri Israhelo: Gotes gheist ist sprehhendi dhurah mih, endi siin uuort ferit dhurah mina zungun."
6. Endi saar, dhar after offono araughida, huuer dher gheist sii, dhuo ir quhad: "Israhelo got uuas mir zuo sprehhendi, dher rehtuuisigo manno uualdendeo strango Israhelo."
7. Dhar ir quhad "christ Iacobes gotes", chiuuisso meinida ir dhar sunu endi fater.

Wörter wie "fater", "got", "gheist", "namo"  usw, würdest du sicher verstehen, aber die würdest du z.B. auch in "Altenglisch" verstehen.


Kommentar von sporty894 ,

Wenn ich das jetzt richtig verstehe sind das Heutige "Deutsch" und das moderne "Englisch" einem Ursprungs?

Kommentar von adabei ,

Schau dir hier die Entwicklung der germanischen Sprachen an.

https://de.wikipedia.org/wiki/Germanische\_Sprachen

Ganz grob: Altenglisch ist aus der Sprache der eingewanderten Angeln, Jüten und Sachsen entstanden.
Nach der normannischen Eroberung 1066 hat sich die altenglische Sprache durch den Einfluss des Französischen vor allem im Vokabular stark verändert. > Mittelenglisch > zu einem frühen Neuenglisch (schon zu Shakespeares Zeiten).
Von der Struktur her zählt Englisch aber auch heute noch zu den germanischen Sprachen.

Hier das "Vater unser" auf Altenglisch:

http://www.fb10.uni-bremen.de/khwagner/altenglisch/pdf/Vaterunser.pdf



 

Kommentar von adabei ,

Fæder ure þu þe eart on heofonum;


Si þin nama gehalgod


to becume þin rice


gewurþe ðin willa


on eorðan swa swa on heofonum.


urne gedæghwamlican hlaf syle us todæg


and forgyf us ure gyltas


swa swa we forgyfað urum gyltendum


and ne gelæd þu us on costnunge


ac alys us of yfele soþlice.


Antwort
von MarkusKapunkt, 21

Im Frühmittelalter wurden auf den Gebiet des heutigen Deutschlands mehrere mitunter sehr unterschiedliche Sprachen gesprochen. Im Südwesten war Latein und Altfränkisch die Umgangssprache, im Südosten wurde gebaiert, in Mitteldeutschland gesächselt, im Norden waren das Anglische, das Friesische und das Jütische verbreitet. Eigentlich hatte so ziemlich jeder Stamm seine eigene Sprachen, Mundarten und Dialekte, die überwiegend zu den germanischen Sprachen, aber auch wendischen und slavischen Sprachen gehörten. Hättest du dich auf einer Reise durch dieses Gebiet gefunden, wärst du ohne Dolmetscher, ja wahrscheinlich ohne ein ganzes Gefolge von Dolmtschern nicht zurecht gekommen. Mit dem heutigen Deutsch sind diese Sprache kaum noch zu vergleichen und zu verstehen für den Laien unmöglich.

Antwort
von Karl37, 9

Fränkisch, war die Eigenbezeichnung der Germanen. Die Bezeichnung "Germanien" ist eine Fremdbezeichnung der Römer.

Bei der Reichstrennung des Frankenreiches des Karl d.Gr. in einen Westteil unter Karl dem Kahlem und einem Ostteil unter Ludwig dem Deutschen besiegelte man die Übereinkunft in den Straßburger Eiden.

Da nun sich die Menschen im West- und Ostreich nur in lateinischer Sprache verständigen konnten, fasste man die Eidesformel schriftlich in altfranzösisch und altfränkisch ab.

Hier der Text in altfränkisch, der Sprache der heutigen Deutschen.

In godes minna ind in thes christanes folches ind unser bedhero gehaltnissi fon thesemo dage frammordes so fram so mir got geuuizci indi mahd furgibit so haldih thesan minan bruodher soso man mit rehtu sinan bruodher scal in thiu thaz er mig so sama duo indi mit ludheren in nohheiniu thing ne gegango the minan uillon imo ce scadhen uuerdhen.

Für die Liebe Gottes und des christlichen Volkes und unser aller Erlösung, von diesem Tage an, soweit mir Gott Wissen und Können gibt, werde ich meinem Bruder Karl beistehen, sowohl in der Hilfeleistung als auch in jeder anderen Angelegenheit, so wie man seinem Bruder beistehen soll, auf dass er mir genauso tue, und ich werde niemals ein Abkommen mit Lothar treffen, das willentlich meinem Bruder Karl zum Schaden sei.

Antwort
von HansH41, 93

Deutsch. Genauer Mittelhochdeutsch.

Kommentar von sporty894 ,

Also hätten wir mit unserem Modernen Hochdeutsch die Leute vor 1500 Jahren Verstanden?

Kommentar von Zumverzweifeln ,

Nein - 

Kommentar von HansH41 ,

"Also hätten wir mit unserem Modernen Hochdeutsch die Leute vor 1500 Jahren Verstanden? "

Beurteile das selbst. Ich kopiere dir den mittelhochdeutschen Beginn des Nibelungenliedes ein. Ich finde, mit Einfühlungsvermögen kann man es verstehen:

Uns ist in alten mären gar wunders vil geseit
von helden lobebäen, von großer arebeit,
von freuden, hochgeziten, von weinen und von klagen,
von küener recken streiten muget ir nu wunder hören sagen.

Kommentar von adabei ,

Das Nibelungenlied wurde in der Tat in Mittelhochdeutsch aufgeschrieben, aber das war im Mittelalter, also erst sehr viel später.
https://de.wikipedia.org/wiki/Nibelungenlied

Kommentar von sporty894 ,

Sehr interessant. Die Sprache von damals glich sehr stark der Sprache von heute. Die Aussprache und das Wort Repertoire hat sich gesteigert. Im groben hätte man sich dennoch verständigen können. Danke 💪🏼😅

Kommentar von adabei ,

Das Nibelungenlied stammt aber erst aus einer späteren Zeit und hat nichts mit dem Zeitraum zu tun, den du angefragt hast. Die Leute, die vor 1500 auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands siedelten, hättest du wohl kaum verstanden.

Kommentar von metbaer ,

Vor 1500 Jahren war es allerdings noch Althochdeutsch. 

Eiris sazun idisi
sazun hera duoder.
suma hapt heptidun,
suma heri lezidun,
suma clubodun
umbi cuoniouuidi:
insprinc haptbandun,
inuar uigandun.
Kommentar von andreasolar ,

Diesen "Merseburger Zauberspruch" musste ich weiland noch auswendiglernen ;-).

Kommentar von HansH41 ,

...so wie ich das Nibelungenlied. Ich kann die erste Strophe immer noch (siehe oben).

Kommentar von Dahika ,

LOL ... soviel zu der Auffassung, dass ein heutiger Deutscher das verstanden hätte. Ich hätte jetzt auf Isländisch getippt. Heptidun, idisi... was soll das denn heißen?

Antwort
von Bswss, 16

Ganz frühe Formen des WESTGERMANISCHEN, aus dem sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte das ALTHOCHDEUTSCH entwickelte.

Im östlichen Teil des heutigen Deutschlands (etwa von Lübeck einschl. ostwärts) und erst recht weiter östlich (im heutigen Polen z.B.) sprach man  frühslawische Dialekte, denn erst im 11./12. Jh. wurde der Osten  Deutschlands(gemeint hier:  D. in den Grenzen von 1937)  durch die "Ostkolonisation" allmählich deutschsprachig.

Die Sprache, die man vor 1500 Jahren im Norden Deutschlands sprach,  war nahezu noch identisch mit der Sprache, welche die  "Angelsachsen" aus Norddeutschland auf die Britischen Inseln "exportierten".

Kommentar von kgunther ,

Das deutsche Sprach- und Siedlungsgebiet hat mit den "Grenzen von 1937" nichts zu tun. Diese Bezeichnung ist nichts weiter als eine Nachkriegs-Propagandabezeichnung der Westalliierten. Sie wollten damit ausdrücken, daß sie anläßlich von Friedensvertrags-Verhandlungen davon ausgehen wollten, daß die völkerrechtlich gültige Vereinigung mit den Sudetengebieten und mit Österreich nicht anerkennen wollten.

Tatsächlich ist jedoch bei Friedensvertrags-Verhandlungen von den VORKRIEGSgrenzen auszugehen, also von den Staatsgrenzen Deutschlands am 30. August 1939, also dem Tag der Generalmobilmachung Polens, die mangels einer Kriegserklärung den Beginn des polnisch-deutschen Krieges bezeichnet.

Das Siedlungsgebiet der Deutschen reichte (je nach dem betrachteten Zeitpunkt) weit über die Grenzen Deutschlands 1939 hinaus. Zur Zeit der Ostkolonisation war der Raum im Osten so dünn besiedelt, daß die Gründung deutscher Städte und Dörfer ohne Verdrängung oder gar Vertreibung der Einheimischen möglich war.

Antwort
von Flintsch, 77

Schau mal den Artikel an, da erfährst du die Entwicklung der deutschen Sprache:

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Sprachgeschichte

Antwort
von derhandkuss, 51

Dieses Mittelhochdeutsch hat zum Beispiel Walter von der Vogelweide (1170-1230) gesprochen:

https://www.martinschlu.de/kulturgeschichte/mittelalter/hochmittelalter/walter/w...

Kommentar von MacWallace ,

Die Schreibweise erinnert stark an das heutige niederländisch. Zum Beispiel "frouwe" gibt es auf niederländisch heute fast identisch immer noch "vrouwen". Ich gehe mal davon aus, dass es wie im niederländischen "Frauen" bedeutet.

Kommentar von adabei ,

Das liegt aber nicht 1500 Jahre zurück.

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