Frage von wildflowers, 74

Welche Rechte als Originalautor eines Textes?

Hallo,

ich habe eine etwas knifflige Angelegenheit.

Vor einiger Zeit habe ich eine Fanfiction auf Archive of Our Own veröffentlicht. Alles soweit schön und gut. Dann hat mich eine Person kontaktiert und gefragt, ob sie den Text für eine russische Seite übersetzen darf. Ich war zunächst damit einverstanden. Da ich aber auch Russisch spreche, bin ich auf diese Seite gegangen und habe mir die Übersetzung durchgelesen und festgestellt, dass sie absolut grauenhaft ist. Ganze Passagen aus dem Originaltext wurden weggelassen, er ist voller grammatischer Fehler und auch sonst hat sich die Übersetzerin viele Freiheiten herausgenommen. Um es kurz zu machen: Ich bin stinksauer. Ich habe diese Person bereits gebeten, die Übersetzung von der Seite zu löschen, aber sie weigert sich. Ich habe ebenfalls vergeblich versucht, die russische Seite zu kontaktieren und sie gebeten, den Text zu entfernen. Keine Reaktion.

Ich bin wütend und enttäuscht. Meine Frage wäre: Kann ich da noch irgendwas machen? Sollte ich vielleicht rechtlich gegen die Angelegenheit vorgehen? Mir geht es nicht um Geld, ich will lediglich, dass die Geschichte von der Seite gelöscht wird.

Ich wäre über jeden Vorschlag dankbar, insbesondere jedoch von Menschen, die sich mit Internetrecht und speziell mit russischem Internetrecht auskennen.

Vielen Dank!

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von ThomasMorus, Community-Experte für Copyright & Urheberrecht, 29

Hallo wildflowers,

du hast Recht. Die Frage ist extrem knifflig. Selbst für eine Frage aus dem Fanfiction Bereich und die sind schon generell immer ziemlich happig.

Ich gehe mal davon aus, du weißt, dass die meisten Fanfiction ohnehin Urheberrechtsverletzungen darstellen und nur überhaupt veröffentlicht werden können, weil sie von den Rechteinhabern geduldet werden. (mehr dazu: http://www.utopianreflections.net/recht-fuer-fanfiction-autoren/)

Entgegen der Mehrheitsmeinung in den bisherigen Antworten wäre die Rechtslage nach deutschem Urheberrecht völlig klar: Du hast eine Original-getreue Übersetzung deiner Geschichte genehmigt und damit lizensiert.

Die Geschichte dann falsch und unvollständig zu übersetzen wäre urheberrechtlich eine "Entstellung" nach §14 UrhG.

Der Urheber hat das Recht, eine Entstellung oder eine andere
Beeinträchtigung seines Werkes zu verbieten, die geeignet ist, seine
berechtigten geistigen oder persönlichen Interessen am Werk zu
gefährden.

Der Schutz vor Entstellung ist in Deutschland ein sogenanntes "Urheberpersönlichkeitsrechte". Das heißt du kannst es nicht abgeben oder veräußern. Es besteht unabhängig von allen Verträgen und Rechtsgeschäften. Deswegen würde es dem Übersetzer auch nicht helfen, dass er dich vorher gefragt hat.

Und eine schlecht und unvollständig übersetzte Geschichte verletzt definitiv deine "persönlichen Interessen", weil das ja ein schlechtes Licht als Autor auf dich wirft.

Leider hilft dir das im konkreten Fall nicht weiter. Weil die Publikation ja in Russland erfolgt ist.

Ich weiß im Detail nicht viel über russisches Urheberrecht, kann dir aber einige Grundsätze des internationalen Urheberrechts darlegen.

Russland ist Mitunterzeichner der "Berner Übereinkunft zum Schutz von Werken der Literatur und Kunst". Als solches müssen bestimmte Grundsätze des internationalen Urheberrechts auch in Russland gelten:

1. Schutzlandprinzip: Die Urheberrechte eines Bürgers eines anderen Landes, werden so behandelt, als sei er Bürger des eigenen Landes. Das bedeutet für die Publikation auf der russischen Fanfiction-Seite ist russisches Urheberrecht anzuwenden. (§5 Absatz 2, Alle Angaben nach der letzten Fassung der Berner Übereinkunft von 1971)

2. Urheberrechtsschutz hat gemäß der Berner Konvention jeder Künstler automatisch mit der Schöpfung seines Werks. Eine Anmeldung oder Kennzeichnung des Werks ist nicht notwendig. (§5 Absatz 2)

3. §2 Absatz 3 der Berner Konvention

 Den gleichen Schutz wie Originalwerke geniessen, unbeschadet der Rechte des Urhebers des Originalwerks, die Übersetzungen, Bearbeitungen, musikalischen Arrangements und andere Umarbeitungen eines Werkes der  Literatur oder Kunst.

"Unbeschadet der Rechte des Urhebers des Originalwerks" bedeutet, du behältst auch an einer Übersetzung deines Werks ein "Mit-Urheberrecht".

Wie das alles im russichen Recht konkret geregelt ist, und wie man solche Rechte geltend macht, damit habe ich leider keine Erfahrung. Du hast aber definitiv Urheberechte und kannst diese irgendwie geltend machen.

Dass was cherskiy geschrieben hat, könnte nur richtig sein, wenn es in Russland völlig anders wäre, als in allen anderen Mitgliedsstaaten. Du hast als Urheber eigentlich fast immer das Recht bei "Bearbeitungen" deines Werks darüber zu bestimmen, ob sie veröffentlicht werden dürfen. (Ich habe ihre Quellenangabe natürlich nur mit Google-Translator übersetzen können. Aber selbst danach, geht das, was sie sagt, nicht daraus hervor)

Kommentar von wildflowers ,

Erst einmal vielen, vielen Dank für deine ausführliche Antwort, sie ist schon sehr informativ. Der Kontakt zu der Seite hat, wie gesagt, nichts gebracht, da ich keine Antwort von denen erhalte. Ich fürchte, mir bleibt nur noch der Gang zum Anwalt, damit der denen metaphorisch in den Hintern tritt. Ich wollte das eigentlich vermeiden, sehe aber keine weitere Lösung des Problems.

Vielen lieben Dank nochmal!

Antwort
von OnkelSchorsch, 43

Du wurdest netterweise gefragt, hast zugestimmt und damit ist die Sache für dich beendet.

Beim nächstenmal weißt du dann Bescheid, dass du dir bei einer Übersetzung deines literarischen Werkes eine Kontrolle vorbehalten solltest.

Antwort
von 86StylePolizei, 33

Da kannst du nix machen weil du das ok ohne weitere Voraussetzungen gegeben hast

Antwort
von cherskiy, 34

die Übersetzerin

Vielleicht hättest Du bei ihr genauer hinsehen müssen. Stand da wirklich "знание языка" oder vllt. doch "работа языком"?

Kann ich da noch irgendwas machen?

Nein; von Deutschland aus schon gar nicht. Die Entfernung des Textes liegt in Deinem Fall komplett im Ermessen des Betreibers der Website bzw. desjenigen, der die Übersetzung veröffentlicht hat.

Auf folgendem Portal, das von der Föderalen Agentur für Druck und Massenkommunikationsmittel der Russischen Föderation unterstützt wird, kannst Du nähere Einzelheiten nachlesen:

http://www.copyright.ru/documents/zashita\_prav\_internet/

Kommentar von ThomasMorus ,

Hallo. Darf man fragen, wie du darauf kommst? Mindestens von der Hauptseite, die du verlinkst, geht das nämlich nicht hervor. (das ist klar, auch wenn ich sie natürlich nur mit Google-Translator checken konnte)

Das wichtigste ist aber: Wenn das, was du sagst, stimmen würde, würde das russische Urheberrecht der  "Berner Übereinkunft zum Schutz von Werken der Literatur und Kunst" widersprechen, die Russland unterzeichnet hat.

Grundsatz des internationalen Urheberrechts ist es, dass Autoren über die Veröffentlichung oder Nicht-Veröffentlichung ihrer Texte bestimmen dürfen. Weder "Rechteverwerter" wie Verlage und Websites noch "Übersetzer" haben da das Recht einfach irgendetwas zu publizieren.

Und eine Zustimmung zur Anfertigung einer Übersetzung rechtfertigt nicht eine Schrott-Übersetzung abzuliefern, für die der Autor sich schämen muss. Mindestens nicht nach dem Vertragsrecht irgendeines Landes, das ich kenne...

Kommentar von cherskiy ,

Der Fall des Fragestellers ist ähnlich wie in folgendem Absatz des oben geposteten Links nachzulesen ist.

"Но, как только любое Ваше авторское произведение появилось в Интернете, интеллектуальную собственность могут тут же украсть. Присвоить ее себе и даже быстренько оформить  документы, зарегистрировать права на Ваши авторские идеи, запатентовать разработку, зарегистрировать торговую марку.  И считаться законным их собственником, и зарабатывать на этом."

Er hat sein "Werk" an eine fremde Person weitergegeben, ohne es gekennzeichnet/registriert zu haben. Weiter lesen wir:

"А как же авторское право? А никак! Потому что, именно Вы должны защитить то, что принадлежит Вам - или это Вам не принадлежит. Так что защита прав - в Ваших руках."

Das habe ich persönlich vor einigen Jahren erlebt.

Was kann der Fragesteller zukünftig tun, damit sich der Fall nicht wiederholt? z.B. die Seite, auf der das Werk veröffentlicht ist, mit dem Copyright-Zeichen versehen, die Urheberrechte auf den Content registrieren, vor Veröffentlichung des Werks einen Lizenzvertrag (лицензионный договор) zwischen Betreiber und einem oder mehreren Autoren des Contents abschließen; auf der Website sollten zudem Regeln der Contentnutzung, die sog. правила использования контента сайта, einsehbar sein.

Wie Du Dein Werk registrierst, kannst Du hier nachlesen: http://www.copyright.ru/ru/documents/registraciy\_avtorskih\_prav/registratsiya\...

Kommentar von ThomasMorus ,

Ich bin für deine Quellenbelege auf einen holprigen Google-Translator angewiesen. Nichtsdestotrotz habe ich den starken Eindruck, dass du die Textstelle, die du oben eingefügt hast, falsch verstehst. Darin wird nämlich die Kennzeichnung eines Texts mit dem Copyright-Zeichen nur angeraten. Du aber scheinst zu glauben, dass es eine juristische Voraussetzung für den Urheberrechtsschutz sei.

In der "Berner Übereinkunft zum Schutz von Werken der Literatur und Kunst" die Russland und 165 andere Nationen unterschrieben haben, ist fest gelegt, dass Urheberrechte ab Schöpfung des Werks automatisch bestehen. Man muss das Urheberrecht weder anmelden, noch das "Werk" mit einem Copyright-Zeichen versehen, um Urheberrecht daran zu haben.

Diese Maßnahmen haben keine juristische Bedeutung und wären lediglich praktische Maßnahmen, um die eigene Urheberschaft nachzuweisen. Das ist in diesem Fall aber gar nicht notwendig, weil die Urheberschaft nicht bestritten werden kann.

Denn es besteht ja ein Lizenzvertrag. Ein Vertrag besteht aus zwei übereinstimmenden Willensäußerungen und muss nicht unbedingt schriftlich geschlossen werden. Die E-Mail Korrespondenz von Wildflower mit der Übersetzerin ist also ein Lizenz-Vertrag. Und über die E-Mails ist auch nachweisbar, dass ein solcher über die Nutzung des Texts besteht. (Und selbst wenn die Gegenseite die Echtheit der E-Mails bestreitet: In diesem Fall hätte sie ja überhaupt keine Rechtsgrundlage gehabt, die übersetzte Geschichte zu veröffentlichen. Denn die Ursprüngliche Geschichte ist nachweislich auf einer deutschen Website erstveröffentlicht worden)

Ein Vertrag ist nach Treu und Glaube auszulegen. (Mindestens in allen Rechtssystemen, die ich kenne) Das bedeutet, der Inhalt eines Vertrags (in diesem Fall der Mails) ist so zu verstehen, wie die jeweiligen Vertragsparteien ihn in ihrem Zusammenhang verstehen müssen.

"Ich mache eine Übersetzung von der Geschichte" heißt also, dass die Übersetzerin das anfertigt, was ein normaler Mensch unter einer "Übersetzung" verstehen würde. Und das ist nun einmal kein fehlerhafter Text, für den man sich als Autor schämen muss.

Und nochmal zu deiner Äußerung:

Nein; von Deutschland aus schon gar nicht. Die Entfernung des Textes liegt in Deinem Fall komplett im Ermessen des Betreibers der Website bzw. desjenigen, der die Übersetzung veröffentlicht hat.

Wie kommst du darauf, dass die Veröffentlichung in irgendeiner Weise im Ermessen des Website-Betreibers läge? Der ist der Einzige, der in der ganzen Konstellation definitiv keine Urheber- oder Nutzungsrechte hat. Und inwiefern macht es irgendeinen Unterschied in welchem Land sich wildflowers befindet? Urheberrechte an einer Veröffentlichung in einem Land bestehen unabhängig vom eigenen Sitzland.

Kommentar von cherskiy ,

Darin wird nämlich die Kennzeichnung eines Texts mit dem Copyright-Zeichen nur angeraten.

Nein, da steht, dass man den Text mit einem Copyright-Zeichen versehen soll.

dass Urheberrechte ab Schöpfung des Werks automatisch bestehen.

Die Praxis beweist leider das Gegenteil. Es ist tatsächlich so, wie ich oben geschrieben habe.

Man muss das Urheberrecht weder anmelden, noch das "Werk" mit einem Copyright-Zeichen versehen

Wie willst Du sonst nachweisen, dass es Dein Werk ist, wenn Du es unangemeldet an Dritte zur Publikation freigibst?

um die eigene Urheberschaft nachzuweisen.

Richtig. Aber wie man bei uns zu sagen pflegt: без бумажки ты - букаша - No document - no man.

Im Zivilgesetzbuch der RF lesen wir: Лицензионный договор заключается в письменной форме. Договор о предоставлении права использования произведения в периодическом печатном издании может быть заключен в устной форме. Mit anderen Worten: der Lizenzvertrag wird generell in schriftlicher Form abgeschlossen. Eine Ausmahme bildet lediglich die Einräumung von Nutzungsrechten in einer periodisch erscheinenden gedruckten Zeitschrift. Elektonische Medin sind also davon ausgenommen.

Die E-Mail Korrespondenz von Wildflower mit der Übersetzerin ist also ein Lizenz-Vertrag.

Dies würde bei uns nicht durchgehen. Es muss ein schriftlicher Vertrag her.  Für Software Produkte gibt es noch die оберточная лицензия, die sog. shrink-wrap license, die auf der Packung aufgedruckt ist.

Auf den  Grundsatz Treu und Glauben, der auf das römische Recht zurückgeht wird nur in der EU und in einigen anderen Ländern Bezug genommen. Unser Rechtssystem kennt diesen Begriff nicht.

Wie kommst du darauf, dass die Veröffentlichung in irgendeiner Weise im Ermessen des Website-Betreibers läge?

Wenn der Autor kein Dokument, dass der Betreiber der Website unterschrieben hat, in der Hand hat, ist er zu nichts verpflichtet. Mündliche Absprachen sind in diesem Fall nichtig.

Kommentar von ThomasMorus ,

Auf den  Grundsatz Treu und Glauben, der auf das römische Recht zurückgeht wird nur in der EU und in einigen anderen Ländern Bezug genommen. Unser Rechtssystem kennt diesen Begriff nicht.

"Treu und Glaube" ist ein internationaler Rechtsgrundsatz, der zB. auch Gegenstand von UNO-Konventionen war und ist. Ich bin in meiner bisherigen juristischen Bewertung natürlich davon ausgegangen, dass Russland sich an völkerrechtliche Verträge hält, die sie unterschrieben haben. Nach der völkerrechtswidrigen Annektion der Krim ist das natürlich fraglich.

Wie willst Du sonst nachweisen, dass es Dein Werk ist, wenn Du es unangemeldet an Dritte zur Publikation freigibst?

Zeugen. Metadaten. Notarielle Beglaubigung. Nachweise über Lizenzverträge. Oder (in Deutschland) über die Urheber-Vermutung nach §10 UrhG. In den demokratischen Staaten sieht man ja, dass Urheberrecht auch ohne staatliche Registrierungsbehörden funktioniert.

In den USA musste man das Copyright auch bis in die 70er anmelden. Die Regelung wurde abgeschafft, weil die USA der Berner Konvention beitreten wollten und weil ihnen aufgefallen ist, wie viel sinnloser Verwaltungsaufwand damit verbunden ist. Im autokratischen Russland, hat der Staat aber natürlich ein dezidiertes Interesse daran, sämtliche Publikationen zentral zu erfassen...

Im vorliegenden Fall ist die Rechtslage ganz einfach: Der ursprüngliche Text ist ja auf einer deutschsprachigen Seite erstveröffentlicht. Und über Server-Logdaten, die für den Autoren unmöglich zu manipulieren wären, lässt sich im Zweifelsfall eindeutig nachweisen, dass die Geschichte dort vor der russischen Übersetzung erschienen ist.

Der Lizenzvertrag bedarf der Schriftform. Die Vereinbarung über die Gewährung des Rechts, um die Arbeit in einer Zeitschrift zu verwenden kann mündlich geschlossen werden.

Das war mir nicht bekannt. Welcher § des russischen Zivilgesetzbuchs ist das? Und ich beschwere mich immer schon in Deutschland, dass das Recht den digitalen gesellschaftlichen Realitäten nicht entspricht...

Im vorliegenden Fall macht das die Rechtslage ja aber noch eindeutiger. Wenn Lizenzverträge nach russischem Recht nur schriftlich geschlossen werden dürfen, dann ist die Vereinbarung zwischen der Autorin und der Übersetzerin nichtig. Das bedeutet die Übersetzerin hatte überhaupt kein Recht die Übersetzung auf der russischen Seite zu publizieren.

Und da die Autorin über die ursprüngliche Geschichte auf der deutschen Seite nachweisen kann, die Urheberin des Texts zu sein, lässt sich der Urheberrechtsverstoß ja klar belegen.

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