Frage von Inamarie, 60

Welche Auswirkungen kann die Situation in der Türkei auf das Land selbst, auf Deutschland und auf Europa haben?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von uyduran, 45

Für die Türkei haben die aktuellen Geschehnisse folgende Auswirkungen: Zunächst verliert die Gülen-Bewegung an Einfluss auf das Volk, da derzeit alle Institutionen und Vertreter aus dem Weg geschafft werden. Erdogan weitet seine Macht aus, indem er diverse Kritiker auf unrechtsstaatliche Weise mundtot macht. Es herrscht ein Klima der Angst unter dem oppositionellen Bürgertum. Die wenigen Fragmente eines demokratischen Rechtsstaates wurden entfernt: Es gibt keine Gewaltenteilung mehr, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit sind sehr stark eingeschränkt und Menschenrechte werden missachtet. Kurzfristig mag es Erdogan zur schnelleren und einfacheren Umsetzung seiner Ziele verhelfen, längerfristig wird es ihm aber zum Verhängnis werden. Die wichtigste Säule von Erdogans politischem Erfolg ist die Wirtschaft. Ebenso hält er sich dadurch an der Macht, dass er ständige Krisensituationen schafft und sich dann als rettender Anker inszeniert. Je autokratischer und repressiver er jedoch vorgeht, umso negativer wirkt sich das auf die wirtschaftliche Lage aus. Viele Investoren ziehen sich aus der Türkei zurück und auch der Tourismussektor bricht ein. Die Lira verliert an Wert, somit steigen die Auslandsschulden weiter an. Das wird zum großen Problem für Erdogan werden, denn die Türkei weist eine traditionell schlechte Handelsbilanz auf und das Wirtschaftswachstum erfolgte in erster Linie durch den Einfluss ausländischen Kapitals. Auch konnte sich der wirtschaftliche Aufschwung durch den Konsum des eigenen Volkes am Leben halten, dieser dürfte jedoch auch zurück gehen, da die Schulden in den privaten Haushalten rekordverdächtige Höchstwerte aufweisen. Früher oder später wird die Türkei also eine wirtschaftliche Krise erleben. Damit dürfte Erdogan viele seiner Wähler verlieren, addiert mit den 50% des Volkes, die ihn ohnehin abgrundtief hassen, wird sich also eine Mehrheit gegen ihn stellen.

Auswirkungen auf Deutschland: Die deutsch-türkischen Beziehungen sind angespannter denn je. Zwar bemüht sich Angela Merkel um ein partnerschaftliches Verhältnis zu Ankara, was vor allem damit zu tun hat, dass sie sich bei der Flüchtlingskrise den eigenen Hintern retten will. Deswegen möchte sie ja den umstrittenen Flüchtlings-Pakt mit Erdogan abschließen. Jedoch stößt die Türkei mit ihrem antieuropäischem, autokratischem und antidemokratischem Kurs auf große Kritik bei der deutschen Politik und Gesellschaft. Vor allem Opposition und Volk sind empört. Der deutschtürkische Teil des Volkes, der zu schätzungsweise 75% zu Erdogan hält, solidarisiert sich natürlich mit der Türkei. Aus dieser extremen Meinungsverschiedenheit wächst die Spaltung und Isolierung. Erdogan ist Identitätsstifter von einem Großteil der Deutschtürken.

Auswirkungen auf Europa: Von einem EU-Beitritt ist die Türkei weit entfernt. Erdogan weiß um die wirtschaftlichen Vorteile, die ihm dieser bieten würde, allerdings sieht er es nicht ein, die EU-Standarts, also die Kopenhagener Kriterien, zu erfüllen. Er befürchtet, seine Macht in der Türkei zu verlieren, wenn er sich den demokratischen und rechtstaatlichen Prinzipien beugt. Vor allem die Absetzung von Ex-Ministerpräsident Davutoglu, der eher proeuropäisch orientiert war, spricht Bände. Konsequenterweise müsste die EU der Türkei die kalte Schulter zeigen. Schließlich erhält die Türkei von der EU pro Jahr Millionenbeträge als "Heranführungshilfe". Heranführungshilfe wozu? Dazu, sich zu einem Staat zu entwickeln, der den Kopenhagener Kriterien entspricht. Unter aktuellen Umständen ist das ein Witz, da Erdogan nicht mal ansatzweise daran interessiert ist. Die Zufuhr dieser Gelder sollten also auf der Stelle unterbrochen werden. Mit einigen Wirtschaftssanktionen könnte man außerdem den wirtschaftlichen Einbruch in der Türkei beschleunigen und dadurch einen Sturz Erdogans evozieren. Da die Türkei aufgrund ihrer geographischen Lage als Brücke zwischen Abendland und Morgenland, zwischen Europa und Nahost eine wichtige Rolle spielt und zudem Nato-Mitglied ist, gestaltet sich dies jedoch schwieriger als es scheint.

LG


Kommentar von atzef ,

Kann man weitgehend uterschreiben. Unsinn ist lediglich die These, 3/4 der Türken in Deutschland würden Erdogan unterstützen. Das ist das genaue gegenteil. Laut Wahlergebnissen und Wahlbeteiligung unterstützen von der Gesamtzahl der Türke in Deutschland ca. 25 % Erdi.

Kommentar von uyduran ,

Unsinn ist lediglich die These, 3/4 der Türken in Deutschland würden Erdogan unterstützen. Das ist das genaue gegenteil. Laut Wahlergebnissen und Wahlbeteiligung unterstützen von der Gesamtzahl der Türke in Deutschland ca. 25 % Erdi.

Nein, da wendest du die Zahlen falsch an. In Deutschland leben ca. 3 Millionen türkischstämmige Bürger (Stand 2012). Für die vergangene Wahl in der Türkei, die du hier als Beispiel aufführst, waren gerade mal 1,4 Millionen Deutschtürken wahlberechtigt. Von diesen 1,4 Millionen wurden dann wiederum gerade mal an 6,6% Termine vergeben. Es hat also nur eine kleine Minderheit der Deutschtürken überhaupt an der Wahl teilgenommen. Insofern sind deine Zahlen nicht repräsentativ. Nehmen wir wirklich alle 3 Millionen Deutschtürken, vor allem auch die jungen Leute, dann finden sich definitiv mehr als 25% Erdogan-Sympathisanten.

Kommentar von Nightsong ,

Und was ist mit den Auswirkungen auf die Isis und die Türkei ein öltransitland und den Stützpunkte der Nato dort? 

Ich fürchte dass Erdogan sich mithilfe von Kooperationen mit der Isis und anderen extremistisch eingestellten Gruppen und Ländern wirtschaftlich und politisch oben halten kann und dazu noch einen weiten Teil der türkischen Bevölkerung islamistisch radikalisieren kann.

Und dann, wenn Erdogan in so 5 Jahren (wenn sein machtergreifungsplan überhaupt aufgeht) fällt, haben wir eine Türkei. Die wirtschaftlich am Boden ist, mit einer radikalisieren Bevölkerung, ohne Führung und umgeben von gewaltbereiten Gruppen, die die Türkei als Brücke nach Europa missbrauchen..

Kommentar von uyduran ,

Das von dir aufgeführte Negativszenario ist mehr als unwahrscheinlich. Der Deash gilt in der Türkei längst offiziell als Terrororganisation, hat Anschläge verübt und wird von der Regierung kritisiert. Im Umkehrschluss hat der Daesh der Türkei den Kampf angesagt und Erdogan als Verbündeten der USA angeprangert. Hinzu kommt noch, dass die Türkei auf Druck von Russland ihre Syrien-Politik geändert hat. Statt wie früher islamistische Rebellengruppen zu unterstützen, sucht man nun den Kontakt zum Assad-Regime.

Dass sich der konservativ eingestellte Bevölkerungsteil der Türkei in den kommenden Jahren vergrößern wird, davon ist auszugehen. Die Regierung versucht dies mit allen Mitteln, indem z.B. haufenweise Moscheen und Imam-Hatip-Schulen gebaut werden, es jungen Paaren finanzielle Vorteile bringt, wenn sie früher heiraten und natürlich allgemein konservativ-sunnitische Werte propagiert werden sowie der Stolz auf angebliche osmanische Errungenschaften (Stichwort Entdeckung der Kugelform der Erde oder Entdeckung Amerikas). Hinzu kommen Eingriffe in das Bildungssystem sowie die Übernahme religiöser Regeln in das Gesetzbuch.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Erdogans Ära bei einer wirtschaftlichen Krise enden wird (schlimmstenfalls in blutigen Aufständen und daraus resultierenden Bürgerkriegszuständen). Ob dies schon in 5 Jahren geschehen wird oder erst später, lässt sich schwer vorhersagen.

Antwort
von Modem1, 22

Erst zeigt er Alle an und nun macht er einen Rückzieher mit seinen Anzeigen: "Geste des guten Willen"? Na wie gnädig. irgend wie scheint der Mann mit sich und seiner Umwelt ein Problem zu haben da er sich wie zänkischer alter Gnom verhält.Irgendwie verhält er sich wie die iranische Führung. Da er gründlich "aufgeräumt" hat wird bald die Verfassung so geändert das sie "Islamistisch" wird.Das hat er vor dem Putsch schon langsam versucht aber mit Widerstande der Medien welche er jetzt geschlossen,verboten hat.Und Merkel-Deutschland kritisiert wie ein zahmes Schaf seine diktatorisches Verhalten mit einen leisen Mäh,Mäh.Wirtschaftliche Beziehungen sind wichtiger als allgemeine Menschenrechte.Um abzulenken von seinen Vorhaben schiebt er alles der Gülen Bewegung in die Schuhe.Seine Landsleute werden im Laufe der Zeit wach werden .

Expertenantwort
von atzef, Community-Experte für Politik, 16

Erdogan befindet sich nun auf dem Höhepunkt der Macht. Gleichzeitig markiert er damit auch schon seine Fallhöhe... :-)

Die Auswirkungen für die EU und Deutschland sind eher vernachlässigbar.

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