Was wollte der Maler René Magritte mit seinem Kunststück "La condition humaine" seinem Betrachter mitteilen? İch würde mich über jede Antwort sehr freuen?

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3 Antworten

Was sehen wir? Ein Fenster, das den Blick in die Natur freigibt. Davor steht eine Leinwand, auf der ein Maler den Ausschnitt der Natur gemalt hat, den man auch aus dem Fenster sieht. So verfremdet das realistische Bild nichts sondern ist nur eine andere Ebene dieses Realitätsausschnitts. Genau genommen ist das Bild ein Ausschnitt im Ausschnitt.

Der gezeigte Gesamteindruck des Bildes ist selbst nur ein Ausschnitt in der Zeit. Denn wenn die Wolken weiterziehen, erweist sich das Bild bereits als ein Ausschnitt aus der Vergangenheit, erst recht, wenn es draußen dunkelt, bleibt das Bild ein Ausschnitt des sonnigen Nachmittags. So erscheint das Bild nur gerade dann als eine Illusion der Wirklichkeit in dem Moment, wo es vielleicht nur für Minuten mit dieser deckungsgleich ist. Das aber ist die wirkliche Illusion des Bildes, dass es nur diesen kurzen Moment festhält. In Wirklichkeit ändert sich der Ausschnitt des Blicks aus dem Fenster beständig. Und man kann ihn auch nicht nehmen und wegtragen. Das Bild dagegen ist nur die Fixierung eines Momenteindrucks, das man danach sogar im Keller aufhängen könnte oder sonstwo und überall könnte man sich diesen einzigen Moment eines Blicks aus dem Fenster anschauen, auch wenn das Fenster längst zugemauert wäre, der Baum gefällt oder Schnee über der Landschaft liegt.

Aus dieser Analyse, die immer noch der Bildaussage ohne große Spekulation entspricht, lassen sich natürlich viele Fragen und Hypothesen ableiten. Ist unsere Sehnsucht, Schönes in Bildern festzuhalten in Wirklichkeit Ausdruck unserer Furcht vor Veränderung? Dazu muss der Ausschnitt weder verfremdet werden (z.B. expressionistisch) noch überschönt (Romantik). Schon eine schöne Situation real festzuhalten ist eine Illusion, die die Zeit still stehen lassen will. Gibt es überhaupt eine "naturalistische Malerei", wenn auch sie nur einen Zeitausschnitt festhalten kann? Gibt es angesichts der Fixierung überhaupt eine "realistische Malerei"?

Natürlich kann man jetzt weiterfragen: Mal unterstellt, unser Weltbild sei nur ein Puzzle von im Kopf gespeicherten Bildern, alles nur eine Bildersammlung, wie realistisch kann unser Weltbild dann sein, wenn wir uns nicht bemühen, Veränderungen in der Zeit zuzulassen und die Einsicht, dass wir immer nur begrenzte Ausschnitte wahrnehmen? Wie sehr halten wir an Sonnenbildern fest, wenn in der Realität längst schon Schnee alles weiß zudeckt?

Was wäre, wenn der Maler ein Bild mit geometrischen Formen und Farbvariationen gemalt hätte. Wir sähen auf dem Bild doch nur ein Gemälde vor einem offenen Fenster zu einer bestimmten Zeit. Selbst der gemalte Ausschnitt des Fensters ist wahrscheinlich nicht wirklich wahr, weil der nur einen Sekundenausschnitt des Lichts und der Wolken festhält und auf Grund der langsamen Maltechnik konstruiert wurde, auch wenn der reale Anblick längst ein anderer ist. So zeigt das Bild eine doppelte Illusion. Schon der gemalte Fensterausschnitt ist eine Illusion. Das in den Ausschnitt passend gestellt Bild ist eine doppelte Illusion. Wieviel unserer Weltsicht, kann man daher fragen, ist nur eine Spiegelung der Spiegelung einer Spiegelung? Usw.!

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Kommentar von Happiness88
23.01.2016, 14:15

Vielen herzlichen Dank für die supertolle ausführliche Antwort!

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Ja, die Welt ist in unserem Kopf.

Dazu gibt es ein schönes Zitat von Magritte:

Und so sehen wir die Welt: Wir sehen sie als etwas außerhalb von uns
Befindliches, obwohl sie nur eine geistige Darstellung dessen ist, was
wir in uns erleben. –Rene Magritte

Diese Ansätze findet man auch sehr häufig in philosophischen Abhandlungen, die sich mit unserer Beziehung zum "Sein" befassen.


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