Frage von ichbindochwurst, 73

Was wäre wenn die Menschen weniger arbeiten würden?

Kapitalismus sucht alle Bedürfnisse und noch mehr zu befriedigen... Doch was ist mit dem Bedürfnis nach Zeit?

Was würden wir denn verlieren, wenn sich jeder entschließen würde, eine maximale Arbeitszeit pro Tag zu berücksichtigen, oder es ein nennenswertes derartiges Gesetz gäbe?

Welche unakzeptablen Konsequenzen würde das denn bedeuten, bzw. wie gering dürfte diese maximale Arbeitszeit sein?

Prinzipiell würde die Wirtschaft doch auch in einer Welt funktionieren, in welcher die Menschen z. B. mehr Schlaf bräuchten und deshalb weniger arbeiten.

Müssen die Menschen wirklich nur deshalb so viel arbeiten, wie sie es tun, weil sich alle Arbeitnehmer als Konkurrenten sehen müssen, bzw. weltweit die Staaten sich in wirtschaftlicher Konkurrenz sehen müssen?

Oder habe ich einfach nur zu wenig Ahnung von Wirtschaftswissenschaftichem?

Antwort
von nevercold24, 30

Hallo,

Ich glaube, dass deine Ansichten keinen falschen Ansatz haben. Dennoch denke ich viel mehr, dass die Menschen mehr Arbeiten als sie wollen um ihrerer Familie (besonders Frauen, wenn man bedenkt, dass sie sich früher dafür einsetzten selbständig Arbeiten zu dürfen und diesen Schutzinstinkt täglich haben) das Beste zu leisten. Das unterstützt der Kapitalismus.

Man kann das als ein guten Kompromiss verstehen. Du arbeitest, damit dir dein Arbeitgeber Geld zahlt, damit du das bekommst was du brauchst an Geld. Möchtest du mehr, musst du mehr Arbeiten. In einem kommunistischem System ist das unmöglich. Da verdient man fast immer so viel wie jeder Andere, egal welche Arbeit verrichtet wird.

Das dominante Konkurrenzverhalten vieler Unternehmen entstand anfangs durch verschieden Ansichten, das gleiche prinzipielle Unternehmen, aber unter anderen (subjektiv besseren) Bedingungen zu etablieren. Wie in dem Kampf um Kommunismus und Kapitalismus (Beispiel DDR).

Dieses Konkurrieren ist also eine Handlung auf geschäftlichen Niveau um der Welt seine Umsetzung eines am besten funktionierendes finanzielles System (Wirtschaft) zu suggerieren. Denke ich.

Sicherlich gibt es unter dem Arbeitnehmenden auch gewisse dominante Züge und Konkurrenz, das hat aber viel mehr mit dem Charakter oder der (fehlerhaften) Kommunikation zwischen diesen Personen zu tun.

nevercold24

Antwort
von berkersheim, 41

Das mit den Bedürfnissen ist wie mit einer Hydra: Man erfüllt ein Bedürfnis und es wachsen zwei und mehr nach! Außerdem sind Deine Geschichtskenntnisse mangelhaft. Die Menschen hatten noch nie mehr Freizeit als heute. Worte wie Freizeit und Urlaub waren vor 200 Jahren nur dem Adel und den sehr Wohlhabenden vorbehalten. Die anderen haben an 6 Tagen bis zu 14 Stunden gearbeitet - teils sehr schwer gearbeitet. Und vor Bismark gab es nicht mal eine Versicherung. Besuche mal einige Heimatmuseen und interessiere Dich nicht nur für Trachten sondern auch für die Lebensverhältnisse. Da gehen Dir die Augen auf. Aber je nach Alter kannst Du es abwarten. Der Kapitalismus wird ja langsam aus Deutschland vertrieben. Dann wird man sehen, wie man von Schulden satt wird. Dann haben wir auch viel Un-Freizeit, weil es keine Arbeit mehr gibt. Nur Geduld.

Kommentar von ichbindochwurst ,

Ich habe nichts gegen den Kapitalismus. Ich frage mich nur, ob man ihn - zumindest theoretisch - irgendwie verbessern könnte. Was die Geschichte angeht, so sollte der technologische Fortschritt wohl etwas an den Lebensverhältnissen verändert haben. Aber ich gebe zu, dass ich diesen Einfluss vielleicht etwas überschätze.

Und ob aus einem erfülltem Bedürfnis zwei nachwachsen, ist eine Frage der Einstellung; oder in diesem Kontext, der Kultur. Welche von gewissen wirtschaftlichen Interessen nun auch nicht unangetastet bleibt.

Wie viele Industrien produzieren heutzutage Produkte, die eigentlich niemand brauchen sollte? Wie viel Arbeit wird wegen geplanter Obsoleszenz verrichtet? Es scheint, als würden die Menschen mit der Armut der Arbeitslosigkeit bestraft, wenn sie keinen Weg finden, sinnlose Bedürfnisse zu wecken. Wenn man in einem rein theoretischem Gedankenexperiment mal die übermäßig optimistische Annahme macht, dass man den technologischen Fortschritt linear fortsetzen kann, sodass an einem gewissen Punkt für die meisten Menschen keine sinnvolle Arbeit mehr verfügbar ist, dann macht das System, wie es heute ist, offensichtlich keinen Sinn. Es kann also gar nicht den Anspruch haben, universell gerechtfertigt zu sein.

Aber ja, ich gebe zu, das ist etwas weit hergeholt. Tatsächlich würde ich sehr gerne all diese Zweifel beiseite legen und unsere Situation als eine Notwendigkeit akzeptieren. Aber das kann ich nicht, solange es möglich ist, dass der einzige Grund dazu ist, dass man keine besseren Systeme gefunden hat.

Kommentar von berkersheim ,

Ein realistischer Blick in die Welt des Adels im Rokoko (mal Rokoko googeln!) zeigt, dass es keine ausgeflippten Bedürfnisse geben kann, die es nicht gibt, obwohl rundum schlimmste Armut herrscht.

Was den Kapitalismus angeht, kann man den ökonomischen Teil nicht vom technologischen Fortschritt trennen. Beide bedingen sich. Dass Kapital in der Produktion die Arbeit verdrängt, ist ein historischer Prozess, der im ökonomischen Kapitalismus nur eine neue Qualität erreicht hat. Auch der Sozialismus kann sich dem nicht entziehen. Was ihn unterscheidet sind die Verfügungsverhältnisse. Im Kapitalismus "freiheitlicher" Prägung fallen die Entscheidungen dezentraler, im Kapitalismus sozialistischer Prägung fallen die Entscheidungen zentral. Das macht ihn so anziehend für alle, die meinen, über die Köpfe aller anderen die Welt nach ihrem Gusto verbessern zu müssen.

Im Kapitalismus "freiheitlicher" Prägung gilt die Auffassung, dass die (sanft gelenkte (Werbung), vorschriftenbestimmte (Staat)) Entscheidung der Verbraucher das Warenangebot bestimmt, im Sozialismus war es der zentrale Plan. Wenn man sich die Planerfolge des Berliner Flughafens anschaut, kann einem Angst und Bange werden. Die haben alle modernen, technischen Hilfsmittel zur Verfügung und bauen Mist über Mist - zu Lasten der Steuerzahler. Diese Misswirtschaft ist doch auch bezüglich des vergangenen realen Sozialismus in Erinnerung geblieben.

Kommentar von ichbindochwurst ,

Das Problem mit den Bedürfnissen ist, dass Menschen Bedürfnisse haben, die prinzipiell nicht auf kommerziellen Wege erfüllt werden können; und weiter diese Bedürfnisse an einem gewissen Punkt dringlicher sind als irgendwelche "ausgeflippten" Bedürfnisse, die kommerziell erfüllbar sind.

Sie müssen mich nicht darüber belehren, was die Geschichte über planwirtschaftliche Tendenzen zutage bringt. Darum geht es mir hier überhaupt nicht.

Anscheinend reden wir aneinander vorbei. Trotzdem Danke für Ihren Antwortversuch. Ich schätze ich konnte keine wirkliche Antwort auf meine Fragen erwarten.

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