Frage von MyLinh76, 45

Was versteht man genau unter den Gleichnissen von Platon, vor allem das Liniengleichnis, kann mir bitte jemand diese genau erläutern?

Eventuell mit Beispielen

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 21

Ein Gleichnis ist eine der Veranschaulichung dienende (oft bildhafte) Gegenüberstellung von Dingen, die unter einem gemeinsamen Gesichtspunkt (tertium comparationis; «das Dritte des Vergleichs») miteinander verknüpft werden und mindestens teilweise verhältnismäßig ausführlich beschrieben werden. Zwischen Bereichen/Sphären Dingen aus verschiedenen Bereichen/Sphären besteht eine Ähnlichkeit. Es gibt Entsprechungen (Analogien), indem etwas, das im Gleichnis vorkommt, für etwas steht.

Gleichnisse von Platon sind Gleichnisse, die der Philosoph Platon in seinen Werken dargelegt hat.

Gleichnisse enthält z. B. auch die auf erkenntnistheoretische Fragen bezogene Darstellung von einer Wachstafel und einem Taubenschlag (Platon, Theaitetos 191 a – 196 d und 196 d – 200 d) und das Gleichnis vom Staatsschiff (Platon, Politeia 488 a - 489 a). Auf die Seelenlehre bezogen ist ein berühmtes Gleichnis von einem Seelenwagen mit Wagenlenker und zwei Pferden, die den Wagen ziehen, wobei allerdings die Darstellung insgesamt (Platon, Phaidros 246 a - 256 e) als Mythos verstanden wird.+

Platon hat in seinem Werk «Politeia» eine - im Rahmen einer näheren Erläuterung der Erziehung/Bildung (παιδεία [paideia]) der Philosophinnen/Philosophen geschriebene - zusammengehörende Abfolge von Gleichnissen geschreiben, hinter denen eine großangelegte Theorie steht: Sonnengleichnis (508 a – 509 d), Liniengleichnis (509 d – 511 e) und Höhlengleichnis (514 a – 517 a, mit anschließend gegebenen Hinweisen 517 a – 521 b und 532 a– 535 a und einem Bezug 539 d – 541 b) Eine methodische Hilfestellung des Autors selbst liegt im Hinweis, die Gleichnisse im Zusammenhang zu verstehen.

Liniengleichnis

Das Liniengleichnis stellt Erkenntnisbereiche, die zugleich auch Erkenntnisweisen/Erkenntnisstufen sind (der Bereich der Vernunfteinsicht ist der oberste/höchste), und ihnen jeweils entsprechende Bereiche der Wirklichkeit dar. So sind Erkenntnistheorie und Ontologie (Seinslehre) in ein Verhältnis gesetzt.

Das Liniengleichnis vergleicht die ganze Wirklichkeit mit einer senkrecht vorgestellten Linie.

Die Linie wird zuerst in 2 ungleiche Teile geteilt und dann diese beiden Teile noch einmal (in eine Teilung in einem Verhältnis entsprechend der Teilung) in 2 ungleiche Teile. Von den 4 Teilstrecken/Abschnitten sind die beiden mittleren gleich lang, wie sich aus der angegebenen Konstruktion ergibt.

Die Teilstrecken/Abschnitte der Linie stehen für 4 Erkenntnisweisen/Erkenntnisstufen, denen jeweils 4 Bereiche der Wirklichkeit als Erkenntnisgegenstände zugeordnet sind.

In einer Zweiteilung gehört die Meinung (δόξα [doxa]) zum sichtbaren, sinnlich wahrnehmbaren Bereich (von Platon genannt: ὁϱατὸς τόπος [horatos topos] = sichtbarer Bereich, auch τὸ ὁϱατόν [to horaton] = das Sichtbare, ὁϱατὸν γένος [horaton genos] = sichtbare Art), das Wissen/die Erkenntnis (ἐπιστήμη [episteme]) der Vernunft (νοῦς [nous]) dagegen zum denkbaren Bereich/geistig erfaßbarer Bereich/durch Vernunft einsehbaren Bereich (von Platon genannt: νοητὸς τόπος [noetos topos] = denkbarer Bereich, auch τὸ νοητόν [to noeton] = das Denkbare, τὸ γνωστόν [to gnoston] = das Erkennbare, νοητὸν γένος [noeton genos] = denkbare Art).

Dem Rang nach ist das Denkbare/geistig Erfaßbare/durch Vernunft Einsehbare (oben) höherstehend als das Sichtbare/sinnlich Wahrnehmbare (unten).

Es gibt bei den Erkenntnisweisen/Erkenntnisstufen von unten nach oben eine Zunahme an Deutlichkeit/Sicherheit/Zuverlässigkeit und Wahrheit (Wahrheitsgehalt).

Das Sichtbare/sinnlich Wahrnehmbare wird in Abbilder von Gegenständen und die Gegenstände selbst unterteilt, das Denkbare/geistig Erfaßbare/durch Vernunft Einsehbare in mathematische Dinge und Ideen.

Wirklichkeitsbereiche

Es gibt ingesamt 4 Bereiche der Wirklichkeit:

1) Abbilder von durch Sinneswahrnehmung erfahrbaren Dingen (Gegenstände/Lebewesen)

2) durch Sinneswahrnehmung erfahrbare Dinge selbst (Gegenstände/Lebewesen selbst)

3) mathematische Gegenstände und Formen

4) Ideen, mit der Idee des Guten an der Spitze

Erkenntnisbereiche/Erkenntnisstufen

Es gibt insgesamt 4 Erkenntnisbereiche/Erkenntnisstufen, die auf die 4 Bereiche der Wirklichkeit bezogen sind:

1) Mutmaßung (εἰκασία [eikasia])

2) Fürwahrhalten/Überzeugung (πίστις [pistis])

3) Verstand/hin- und herlaufendes (diskursives) Denken (διάνοια [dianoia])

4) einsehendes/geistig erfassendes Denken (νόησις [noesis]), mit Hilfe von begrifflichem Denken - von Platon Dialektik/dialektische Kunst genannt (Politeia 532 – 534) - Erkenntnis der Ideen

Der Bereich der Ideen ist der höchste Abschnitt und entsprechend als Erkenntnisvermögen die darauf bezogene Vernunft. Das Erfassen mittels der Kraft von Dialektik geht bis zum voraussetzungslosen Ursprung des Ganzen (ἵνα μέχϱι τοῦ ἀνυποθέτου Ἕπὶ τὴν τοῦ παντὸς ἀϱχὴν ἰών Platon, Politeia 511 b) und nach dem vollständigen Erfassen mit seinen Zusammenhängen steigt es schließlich die Ideen hindurch hinab. Der voraussetzungslose Ursprung/Anfang (ἀνυπόϑετος ἀϱχή), ein unbedingtes Prinzip, das nicht auf etwas Höheres zurückgeführt werden kann, ist die Idee des Guten (vgl. auch Platon, Politeia 534 b – e zur Dialektik mit Bezug auf das Gute).

Es gibt in der Erkenntnissuche ein Allgemeines, das ein Zusammenfassen verschiedener Merkmale zu einer Einheit darstellt, unter Fernhalten dessen, was nicht dem Wesen nach zu dieser Sache gehört.

Der zweitoberste Abschnitt enthält Gegenstände des begrifflichen Denkens, die Hypothesen genannt werden. Gemeint sind offenbar mathematische Grundbegriffe wie gerade, ungerade, geometrische Figuren, Winkel, Quadrat, Diagonale. Diese Hypothesen benötigen eine Begründung. Sie sind Ausgangspunkte, um zu den Ideen als grundlegenden Prinzipien zu kommen.

Der dritte Abschnitt enthält als Gegenstände Lebewesen, Pflanzen und Artefakte (künstlich hergestellte Dinge), auf die sich die Meinung richtet, die auf Sinneswahrnehmung beruht.

Der vierte, unterste Abschnitt enthälkt Abbilder wie Schatten und Spiegelbilder, Bei ihnen ist nur Mutmaßung (vermutendes Raten) möglich.

zu Sonnengleichnis und Höhlengleichnis:

https://www.gutefrage.net/frage/was-wollte-platon-mit-seinen-hoehlengleichnis-sa...

https://www.gutefrage.net/frage/wie-genau-beim-sonnengleichnis-platons-die-analo...

https://www.gutefrage.net/frage/idee-des-guten-platon

Antwort
von michi4560921, 18

Im Liniengleichnis wird die gesamte erkennbare Wirklichkeit mit einer senkrecht vorgestellten Linie verglichen. Die Linie ist in vier ungleiche Abschnitte geteilt, die für vier Erkenntnisweisen und die diesen zugeordneten Erkenntnisgegenstände stehen. Zwischen ihnen besteht eine hierarchische Ordnung. Die Erkenntnisweisen sind nach ihrer Zuverlässigkeit, die Erkenntnisgegenstände nach ihrem Rang geordnet. Den zwei Hauptabschnitten der Linie entsprechen die Bereiche des sinnlich Wahrnehmbaren (unten) und des rein Geistigen (oben).

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