Frage von bvbistcoool, 209

Was sind die Grenzen des Utilitarismus?

Nennt ein paar Beispiele und Argumente!

Antwort
von Mohrsche, 104

Probleme am Utilitarismus...
Dass man nicht immer alle folgen einer Handlung voraus sehen kann
Das die frage im Raum steht welches Glück größer Ist als ein Unglück
Es gibt keinen generellen Schutz der Menschenwürde wie z.b bei Kant

Kommentar von bvbistcoool ,

Danke !

Expertenantwort
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 73

Günstig ist eine Erläuterung, welche Art von Grenzen gemeint sind und und ob es um Grenzen des Utilitarismus allgemein oder auch speziell um bestimmte Spielarten des Utilitarismus (z. B. »klassischer Utilitarismus«, Handlungsutilitarismus, Regelutilitarismus, Präferenzutilitarismus).

Grenzen können sich beziehen auf_

  • praktische Umsetzung des Utilitarismus
  • Schwächen/Schwierigkeiten des Utilitarismus als Ethik (Punkte, auf die sich Kritik/Einwände in einer Argumentation beziehen können)


zur praktischen Umsetzung

Gewöhnlich wird beim Utilitarismus ein universalistisches Prinzip vertreten. Das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl ist anzustreben. Die Individuen wollen und dürfen Glück erreichen, aber dabei ist ein Allgemeinwohl/ein Wohl der Gemeinschaft zu berücksichtigen. Verständigung, Kompromisse, ein Abgleichen/Aufeinanderabstimmen können wichtig werden.

Dabei sind die realen Menschen (als Einzelne und als Gruppen) mit ihren tatsächlichen Verhaltensweisen eine Grenze. Im Ausmaß der Bereitschaft und Fähigkeit, sich wirklich an einem Sozialprinzip zu orientieren und auf ein allgemeines Wohl zu achten sowie bei der Entscheidung sorgfältig und rational abzuwägen, liegt eine Schranke. Ausrichtung auf kurzfristigen eigenen Profit und Blickverengung sind Störfaktoren. Auch kann es z. B. bei Entscheidungen in Politik und Wirtschaft dazu kommen, in einer täuschenden Mogelpackung eigener Macht und Einnahmen dienende Maßnahmen als im Einklang mit dem Allgemeinwohl und übergeordneten Interressen nützlich auszugeben.

zu Schwächen/Schwierigkeiten des Utilitarismus als Ethik

a) Grenzen genauer quantitativer Berechenbarkeit des Nutzens

Die Anwendung eines utilitaristischen Kalküls (hedonistischen Kalküls; Nützlichkeitskalküls) stößt auf praktische Schwierigkeiten. In der theoretischen Annahme wird die Größe einer Lustbefriedigung aufgrund bestimmter Kriterien/relevanter Faktoren quantitativ berechnet. Dies setzt eine Gleichartigkeit und ein durchgängig verwendbares Maß (mitsamt einer Recheneinheit, wenn völlige Genauigkeit verlangt wird) voraus. Wie weit sind Freude/Lust und Leid/Schmerz/Unlust quantifizierbar? Inwieweit könnten physiologische Messungen eingesetzt werden? Wieviele Betroffene gibt es? Kann alles restlos gemessen und in einem Vergleich genau gegeneinander abgewogen werden?

Bedürfnisse und Interessen der von den Folgen einer Handlung Betroffenen sind schwierig sehr genau zu ermitteln. Welche Bedürfnisse Menschen in Einzelnen genau empfinden und woran sie ein wie starkes Interesse haben, ist nicht ohne weiteres genau bekannt.

Mehr als Annäherungen sind kaum erreichbar.

b) Unsicherheit bei der Annahme der Folgen, die Grundlage der Beurteilung sind

Utilitarismus enthält einen Konsequentialismus: Maßstab der Beurteilung einer Handlung sind beim Konsequentialismus die Folgen (Konsequenzen). Damit wird die ethisch richtige Handlung von Folgen abhängig. Die Folgen lassen sich aber nur begrenzt vorhersehen. Es gibt Grenzen der Prognostizierbarkeit. Ergebnisse stehen zu dem Zeitpunkt der Entscheidung (bzw. der ihr vorausgehenden Abwägung) nicht sicher fest. Dies erlaubt nur eine ungefähre Abschätzung, keine stets mathematisch exakt richtige Berechnung. Die Beurteilung ist irrtumsanfällig (dies trifft aber allerdings auch auf andere Entscheidungsverfahren zu).

c) Wünsche und Interessen enthalten nicht unbedingt etwas wirklich Gutes

Nicht alles, woran empirisch gesehen Interesse von irgendjemand bestehen kann, verdient auf einleuchtende Art, gleichermaßen in die Berechnung Eingang zu erhalten. Wünsche, Herrschsucht oder Eitelkeit zu befriedigen, Neid auszuleben, Aggressionen hemmungslos Raum zu geben, Gewaltvorstellungen umzusetzen, zu zerstören und zu quälen, müßten mit gleicher Gewichtung berücksichtigt werden, wenn unterschiedslos alles als Interesse Geltung erhält, unsoziale Interessen ebenso wie soziale (sozial akzeptable Interessen; für die Gemeinschaft eintretende Interessen). Wenn jemand besonders starke Lust/Freude an Grausamkeiten bzw. jemand intensive Wünsche dazu hat, würde dies einen hohen Wert in der Nutzenberechnung bedeuten.

Wünsche und Interesse als auftretende Erscheinungen sind alleingenommen keine ausreichende Grundlage. Allgemeines Wohlergehen soll ja erreicht werden und unsoziale Interesse sind dabei schädlich. Nötig ist eine Theorie zur kritischen Unterscheidung zwischen scheinbaren/vermeintlichen und tatsächlichen/echten/wahrhaften Interessen, zwischen beliebigen Möglichkeiten menschlichen Verhaltens und einem Verhalten, das Anlagen zu individueller Selbstverwirklichung und Leben in einer Gemeinschaft zu Entfaltung und Erfüllung bringt, um wirklich eine vernünftige Bestimmung des Glücks vorzunehmen.

d) keine Sicherung indivdueller Rechte durch klare Grenzziehung, die etwas als ethisch nicht erlaubt verbietet

Im Utilitarismus kann zwar für Grundrechte (Menschen- und Bürgerrechte) ein großer Nutzen dargelegt werden, aber es gibt keine Prinzipien, die eine klare Grenze festsetzen, deren Überschreitung ethisch nicht erlaubt ist. Was als gut und richtig gilt, bleibt von der Gesamtbilanz des Nutzens abhängig. Freiheiten einzelner Personen können unter Berufung auf einen Gesamtnutzen weggenommen werden. Tötungen Unschuldiger können als erlaubt erklärt werden, wenn dadurch die Rettung einer größeren Anzahl erwartet wird. Wenn z. B. ein Flugzeug mitsamt Passagieren entführt wird und damit ein Anschlag ausgeführt zu werden droht, kann ein Abschießen befürwortet werden. Folter kann für zulässig erklärt werden, um an eine Information zu gelangen, die mutmaßlich sehr nützlich ist. Es gibt kein striktes Folterverbot als Verstoß gegen die Menschenwürde.

e) keine Gewährleistung von Gerechtigkeit bei der Verteilung des Gesamtnutzens auf Individuen

Die Frage der Gerechtigkeit bereitet dem Utilitarismus Schwierigkeiten. Bei der Verteilung des Gesamtnutzens auf Individuen ist eine offensichtlich faire Verteilung nicht gewährleistet. Beim reinen Utilitarismus können individuelle Rechte, wenn Betroffene in der Minderheit sind, auf der Strecke bleiben. Denn wie die durch eine Handlung ausgelöste Menge an Freude/Lust und Leid/Schmerz/Unlust auf alle von einer Handlung betroffenen Individuen verteilt wird, ist für den Gesamtnutzen oft in beträchtlichem Umfang unerheblich. Eine sehr ungleiche Vermögensverteilung könnte erlaubt erscheinen, wenn die Gutgestellten starken Nutzen davon haben und sich sehr freuen, völlig unabhängig, wie fair es dabei zugeht. Ob eine einzelne Person es mehr als andere verdient hat, etwas zugeteilt zu bekommen, ist für die Bilanz des Gesamtnutzens unerheblich.

h) Kriterium der Nützlichkeit selbst ist nicht utilitaristisch aufzeigbar

Nützlichkeit ist die Eigenschaft, für etwas nützlich zu sein. Das heißt, etwas zu bewirken oder es zu fördern, das wünschenswert bzw. erwünscht ist. Nutzen bedeutet, gut für etwas zu sein, ist also immer auf ein „wozu“ (ein Kriterium) bezogen. Bei diesem tritt aber wieder die Frage, worin sein Gutsein besteht. Eine Beantwortung, die bloß Nützlichkeit angibt, ist nur eine Verschiebung, die niemals zu einem Ergebnis kommt. Das Problem beim Utilitarismus liegt darin, als Kriterium (Maßstab/Richtschnur) für den Nutzen ein höheres Ziel zu benötigen, das nicht utilitaristisch aufgezeigt werden kann. Der Utilitarismus kann nicht aus sich selbst heraus ein letztes Kriterium des Nutzens begründen. Daher ist eine kritische Einschätzung möglich, Utilitarismus tauge nur als relativierter Teilbestandteil einer Ethik.

Kommentar von bvbistcoool ,

Vielen Dank für die ausführliche Antwort

Antwort
von berkersheim, 81

Der Utilitarismus ist im Grunde ein Konzept zur Organisation der menschlichen Gemeinschaft. Wie bei allen solchen Konzepten zur "idealen Gestaltung unserer menschlichen Gemeinschaft" liegen die Grenzen in den realen Menschen. In allen Konzepten liegen der Vereinfachung wegen idealisierte Menschenbilder zu Grunde. Abweichungen der realen Menschen von den idealisierten Menschenbildern drücken sich in Verzerrungen des "idealen Konzepts" in der Wirklichkeit aus.

Der Utilitarismus ist ja ein "Kind" der angelsächsischen Aufklärung. Da geht man davon aus, dass die meisten Menschen in zwei Grundbedingungen ihrer Existenz einsichtig sind:

1) Es ist das Recht des Individuums für sich zu bestimmen, womit es ein erfülltes Leben findet, solange es dabei nicht andere in diesem Bemühen stört. Die verschiedenen Vorstellungen der Individuen, was zu ihrem Glück beiträgt ist in gegenseitiger Fairness verhandelbar - d.h. die Menschen sind in der Wertbedstimmung flexibel und kompromissfähig.

2) Niemand kann allein zu einem erfüllten Leben finden. Wir sind als Menschen gesellschaftliche Wesen und bedürfen einer wohlgeordneten Gemeinschaft, die dann optimal ist, wenn sie den Individuen optimalen Raum und Schutz zur Selbstverwirklichung bietet und umgekehrt alle Individuen die dazu notwendige Verantwortung übernehmen. Darum geht es im Utilitarismus nie - wie oft fälschlicherweise dargestellt - ausschließlich um die individuelle "Glücksoptimierung", sondern diese ist immer im Abgleich mit dem Wohl der Gemeinschaft verbunden.

Wie man leicht erkennen kann, sind das Definitionen, die innere Spannungszustände enthalten, die sich aus der Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft, letztlich auch noch Umwelt ergeben. Darum ist Utilitarismus kein starres Konzept. Das immer wieder erkennbare Bestreben der Menschen, sich allein oder meist in Interessengruppen eine vorteilhafte Machtstellung in Gesellschaften zu verschaffen, widerstrebt dem allgemeinen Interesse an Fairness am schärfsten und ist das Dauerproblem des Utilitarismus.

Kommentar von bvbistcoool ,

Danke für deine Antwort!!! Könntest du bitte ein konkretes Beispiel machen wann der Utilitarismus an seine Grenzen stößt ?

Kommentar von berkersheim ,

Im Utilitarismus wird gern generell vom Staat geredet. Da der aber demokratisch bestimmt wird und Parteien Träger der Demokratie sind werden die Regierungen in den einzelnen Perioden immer wieder von Parteien und ihren speziellen Interessen gebildet. Dann kommt es noch darauf an, auf Grund welcher Wahlversprechen eine Partei zur Bestimmung der Politik gewählt wurde und wie dann hinterher ihre Erfüllung der Versprechen aussieht. Wer wird in die entscheidenden Ämter gehoben? Wie fair werden Regierungsaufträge ausgeschrieben und vergeben? Lassen sich Interessenseilschaften ausmachen, die weit vorbei gehen am Versprechen, zum Wohle aller zu regieren? Das sind alles die realen Probleme der praktischen Politik fernab von den Idealen.

Kommentar von bvbistcoool ,

Aber was ist daran utilitaristisch ?

Kommentar von berkersheim ,

Das oben als Beispiel Beschriebene zeigt die Grenzen des Utilitarismus auf. Das wolltest Du doch. Nach dem Utilitarismus sollte eine Regierung zum Wohl aller handeln. Eine Regierung jedoch, die sich an Interessenseilschaften gebunden hat und in ihrer Wahlpropaganda beim Stimmenfang die Wähler belügt, allgemeine Interessen vorgibt um hinterher andere zu vertreten, handelt nicht utilitaristisch. Hier ist die Grenze des Utilitarismus das vorgegaukelte Versprechen mit gegenläufiger Absicht. Der Utilitarismus setzt in seinen hohen Werten aufmerksame, aufgeklärte und interessierte Wähler voraus, die sich nicht so leicht an der Nase herumführen lassen. Die hohen Werte des Utilitarismus sind keine Selbstläufer. Sie brauchen Menschen, die sich um die Erfüllung kümmern.

Kommentar von bvbistcoool ,

Achso jetzt habe ich es verstanden danke dir
Könnte man sagen dass alles was nicht zum Wohle des Volkes entschieden wird nicht utilitaristisch ist ? Weil das Volk ja die Mehrheit ist

Kommentar von berkersheim ,

Jain. Utilitarismus ist ein Programm der Selbstverantwortlichkeit der Bürger. Historisch war vor dem Utilitarismus und der Aufklärung die Feudalherrschaft von Adel und kirchlichem Klerus. Die haben von oben herab bestimmt, was rechtens ist. Nach den bürgerlichen Revolutionen in Frankreich und England ging es darum, wie sich die Bürger als freie Bürger selbst organisieren konnten, sich ihr eigenes Recht und ihre eigene Ökonomie geben konnten.

Korrekt muss es daher heißen: ... dass alles, was nicht durch das Volk eigenverantwortlich zu seinem gemeinsamen Wohl entschieden wird, nicht utilitaristisch ist. Nicht utilitaristisch ist, wenn sich Gruppeninteressen über das Wohl der Allgemeinheit stellen und das Volk zu seinem Nachteil "entmündigen".

Kommentar von bvbistcoool ,

Vielen Dank hast mir sehr geholfen

Antwort
von PurpurSound, 44

Dem vorredner ist fast nichts hinzuzfügen. Um ein eindrucksvolles beispiel zu nennen müsste man von der extremform des U. ausgehen: was nützt zu allererst mir?? Und da dürften deine ideen dann von selbst purzeln. Oder überlege ob aktuell auch ganze staaten so agieren!? Lg max

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