Frage von italiangirl0802, 63

Was sind die Forderungen der Katalanen bzw warum wollen sie unbedingt die Abspaltung?

Würde mir sehr weiterhelfen wenn ihr mir Helfen könntet Dankesehr

Antwort
von Ferdinand1965, 43

Von 1923 bis 1930 wurde Spanien von einer Militärdiktatur regiert. Der damalige König Alfons XIII von Spanien ( Urgroßvater des heutigen König Felipe ) hatte sich mit diesem Regime arrangiert. Das wurde ihm schließlich auch zum Verhängnis als 1931 die 2. spanische Republik ausgerufen und die Militärdiktatur des Generals Primo de Rivera von dieser abgelöst wurde. Der König mußte ins Exil. Das kurzeitige politische Durcheinander in Spanien am Beginn der neuen demokratischen Regierung wurde wiederum von den katalanischen Republikanern ( heute wie damals vertreten durch die politische Partei ERC ) genutzt, um ihrerseits eine katalanische Republik auszurufen. Einige Tage später wurde diese Proklamation nach Verhandlungen mit der legitimen spanischen Regierung wieder zurückgezogen, nachdem den Katalanen ein weitgehend autonomer Status in Aussicht gestellt wurde. 1934 rief die katalanische Regierung angesichts der drohenden Machtübernahme durch die rechten Kräfte abermals die katalanische Republik aus. Allerdings ist es bis heute umstritten, ob es sich dabei um einen separatistischen Akt handelte oder vielmehr um den Versuch, die republikanischen und somit demokratischen Kräfte in Spanien zu stärken. Jedenfalls scheiterte dieses Unterfangen und die katalanische Regierung wurde abgesetzt und deren politische Führer verhaftet. Im Grunde war dies der Stein, der letztendlich den Beginn des spanischen Bürgerkriegs 1936 ins Rollen brachte. Die anschließende Militärdiktatur unter Franco schaffte alle erworbenen Autonomierechte Kataloniens und der anderen spanischen Regionen wieder ab. Die katalanische und auch alle anderen derivativen Sprachen Spaniens wurden verboten und kulturelle Identitäten unterdrückt. Dies betraf aber nicht nur Katalanen sondern das gesamte spanische Volk. Andererseits konnte sich die katalanische Bourgeoisie mit dem Franco-Regime gut arrangieren und sorgte dafür, daß Katalonien nicht nur aufgrund der günstigen geographischen Lage zum wichtigsten spanischen Wirtschaftsstandort wurde. So wurde Barcelona auf Anweisung Francos zur 1. Messestadt Spaniens noch vor Madrid. In den 50er und 60er Jahren emigrierten hunderttausende Spanier aus allen Regionen, insbesondere aus dem Süden, in die prosperierende Region und trugen als billige Arbeitskräfte entscheidend zum Wohlstand Kataloniens bei. Der zunehmende wirtschaftliche Erfolg Kataloniens erhöhte sukzessive auch das Selbstbewusstsein der Region. Während der politischen Transition ab 1975 hin zur Einführung der Demokratie in Spanien, nutzte Katalonien seine mächtige Lobby bei der Gestaltung und Ausarbeitung der neuen spanischen Verfassung. So wurden Katalonien wie schon 1931 weitgehende Kompetenzen und Rechte im Rahmen eines ausgeprägten Autonomiestatus eingeräumt. Dieser Status wurde über die Jahre immer mehr erweitert bis hin zu einem Autonomiestatus vergleichbar mit einem Bundesland in Deutschland oder Österreich. Doch die mehrheitlich nationalistischen Regierungen in Katalonien wollten noch mehr. Sie wollten erreichen, daß Katalonien den Status einer Nation erhält. 2006 wurde schließlich ein entsprechendes Statut mit der damaligen sozialistischen Regierung Spaniens ausgehandelt, das eben diese Passage enthielt. Das Statut wurde sogar vom spanischen Parlament abgesegnet. Das spanische Verfassungsgericht hat es jedoch später auf Antrag der heutigen Regierungspartei PP als verfassungswidrig eingestuft und zumindest teilweise annulliert. Begründung: die Verfassung sieht einzig und allein den spanischen Staat als legitime Nation vor. Eine katalanische Nation wäre demnach nicht damit kompatibel. Dieser Umstand führte zu einer Zuspitzung der Beziehungen zwischen der katalanischen Regierung und der Zentralregierung, die später von der rechtskonservativen PP in absoluter Mehrheit gestellt wurde. Die separatistische Bewegung erhielt immer mehr Auftrieb und Zulauf. Unterstützt von einem Konglomerat aus machtgierigen, korrupten Politikern, einem ideologisiertem Erziehungs- und Schulsystem, subventionierten und dogmatisierten Medienorganen oder als Bürgerinitiativen getarnten Zweckorganisationen wie z.B. die ANC stieg die Quote der Unabhängigkeits-Befürworter von ca. 10% - 12% in 2002 auf über 40% in der heutigen Zeit. Einer ganzen Generation ist systematisch eingetrichtert worden, der spanische Staat würde Katalonien wirtschaftlich benachteiligen und kulturell diskriminieren. Beide Behauptungen entbehren jedoch konkreter und wirklich nachvollziehbarer Beweise, weshalb die internationale Unterstützung für die Separatisten nahe null ist. Dennoch haben wohl über 2 Millionen Katalanen verinnerlicht, daß der spanische Staat Katalonien wie eine Kolonie behandelt, die man sukzessive ausplündert. Das Argument der Separatisten: ein unabhängiges Katalonien verfügte über mehr finanzielle Mittel, da die Steuern nichtmehr nach Madrid abgeführt werden müßten. Allerdings übergehen die Separatisten hierbei, daß Kataloniens Wirtschaft in erheblichem Maße von Restspanien abhängt. Fast 50% des katalanischen Exports geht in die restlichen spanischen Regionen. So erwirtschaftet Katalonien Jahr für Jahr einen Handelsüberschuss von über 20 Milliarden Euro mit Restspanien. Dennoch muß man feststellen, daß das spanische Solidarsystem im Rahmen des Finanzausgleichs unter den Regionen durchaus Verbesserungs-Potential besitzt. Allerdings betrifft das nicht nur Katalonien. Längst tragen Regionen wie Madrid oder die Balearen pro Kopf wesentlich mehr zum spanischen Solidarprinzip bei als Katalonien. Bei all dem muß man auch sagen, daß die verschiedenen spanischen Zentralregierungen es bisher versäumt haben, mit Fakten und effizienter Überzeugungsarbeit die Behauptungen der Separatisten zu entkräften.

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