Frage von Ikanos, 61

Was sind die folgen des Antisemitismus?

Ich wollte fragen was genau zurückgeblieben ist von dem Antisemitismus ( Judenhass ), ob die Juden vielleicht noch Angst haben oder was allgemein zurückgeblieben ist.

Antwort
von LordFantleroy, 22

Der Antisemitismus hat den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden, um es mal provokant auszudrücken, die Ausdrucksformen des Antisemitismus haben sich nur gewandelt.

Da der Antisemit von heute nicht mit den Nazis in einen Topf geworfen werden möchte, bedient er sich bestimmter Chiffren und Codes um seinen Antisemitismus zu verschleiern. So spricht man heute nicht mehr von den "Juden", sondern von den "Zionisten" und nutzt Israel als Projektionsfläche für sein Ressentiment. Statt von dem "internationalen Finanzjudentum" spricht man von den Rothschilds, einer alten jüdischen Bankiersfamilie, statt "jüdischer Weltherrschaft" nebulös von einer "Neuen Weltordnung" (NWO), ein besonders häufig gebrauchter Ausdruck in verschwörungstheoretischen Kreisen.

Dabei bedient man sich aber genau der selben Klischees, die seit dem Mittelalter existieren. Unterstellte man dem Juden des Mittelalters noch Kinder in Ritualmorden zu opfern, unterstellt man den Israelis/Zionisten heute ebenfalls Kinder zu ermorden, der Schlachtruf "Kindermörder Israel" war und ist immer wieder die Begleitmusik auf antiisraelischen Kundgebungen und Demonstrationen. Auch das alte Stereotyp des "jüdischen Brunnenvergifters" taucht heute immer wieder in Bezug auf den israelisch-palästinensischen Konflikt immer wieder auf, wenn Israel vorgeworfen wird, das Grundwasser der Palästinenser zu vergiften.

Die Tatsache, dass andere Menschen in anderen Regionen der Welt wesentlich schlimmeren Repressionen ausgesetzt sind, dass die Palästinenser von ihren eigenen arabischen Brüdern wesentlich schlimmer behandelt werden, interessiert den "Israelkritiker" dabei herzlich wenig. Niemand hat jemals dagegen protestiert, dass die Palästinenser im Libanon seit Jahrzehnten in Flüchtlingslagern leben, hat niemand hierzulande auf die Straße getrieben und auch die Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern interessieren niemanden, wenn man nicht die Israelis meint als Täter ausmachen zu können.

Die Verfolgung der Bahai im Iran, der Kurden in Syrien, Irak, Iran und der Türkei haben ebenfalls keine vergleichbare Priorität für deutsche Friedensaktivisten. 

Überhaupt ist "Israelkritik" ein Begriff, der einzigartig ist. Außer noch in Bezug auf die USA findet er über keinen anderen Staat der Welt seine Anwendung. Jeder Staat der Welt kann, darf und muss kritisiert werden können, doch würde niemand sich selbst als "Spanienkritiker", "Frankreichkritiker" oder "Polenkritiker" bezeichnen, wenn einem ein Aspekt der Politik der entsprechenden Regierung nicht passt.

Als sekundärer Antisemitismus wird die Holocaustleugnung sowie seine Relativierung bezeichnet, auch das ein beliebtes Betätigungsfeld heutiger Antisemiten. Verkürzt kann man es auf die Formel bringen, dass der Sekundärantisemitismus die Juden nicht trotz, sondern wegen Auschwitz hasst. Die Juden erinnern allein durch ihre bloße Existenz die Deutschen an den von ihren vorangegangenen Generationen begangenen Genozid während der NS-Zeit. 


Die Leiden der Juden werden hierbei aufgerechnet gegen die Leiden der Deutschen Zivilbevölkerung während der alliierten Bombenangriffe und den heutigen Juden wird pauschal unterstellt, die würden Kapital aus dem Holocaust schlagen wollen (hier spiegelt sich wieder das alte Stereotyp des Juden als Schacherers und Zinswucherers wider), den Deutschen nicht verzeihen zu können und die ihnen vorgeblich immer wieder nur die alten Taten vorhalten um sie zum Schweigen zu bringen, wenn es darum geht, die israelische Politik zu kritisieren. Man unterstellt außerdem, mit einem "Meinungskartell" konfrontiert zu sein, gar eine "Medienkontrolle" (ebenfalls ein altes Stereotyp, das man noch in den erfundenen "Protokollen der Weisen von Zion" wiederfindet), wenn man nur die leiseste Kritik an Israel übe. Tatsache ist aber, dass wohl kein anderer Staat so häufig und häufig auch so unsachlich kritisiert und verzerrt dargestellt wird, wie Israel.

Dazu ein paar Studien, die es etwas genauer beschreiben und mehr in die Tiefe gehen:

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/077/1707700.pdf

http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Themen/Gesellschaft-Verfassung/EX...

Antwort
von Harald2000, 43

In Deutschland so gut wie nichts - außer der ständigen peinlichen Erinnerung daran. Inzwischen ist diese Erscheinung überollt worden durch Araberwelle etc., so dass sich vernünftige Leute an die früheren Zeiten zurücksehnen (z.B. an die jiddische Sprache = Erinnerung an unser mittelalterliches Deutsch). Wenn jetzt von Antisemitismus die Rede ist, dann handelt es sich fast ausnahmslos um eine importierte Erscheinung.

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