Was möchte der Philosoph Kierkegaard damit sagen?

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4 Antworten

"Verloren" wird hier als Gegensatz von "gerettet" gewertet. Die verlorenen Seelen waren die, die nicht der Erlösung teilhaftig wurden. Man kann sie auch als die Verdammten ansehen, weil der christliche Glaube hier eine recht alternative Sicht als gegeben annimmt. 

Das verlorene Individuum ist also dasjenige, das sich nicht im existentiellen Aufschwung der Erlösung durch die christliche Botschaft zugewendet hat, denn Kierkegaard hatte eine klare Ausrichtung auf die christliche Erlösungslehre. 

Die komplett erklärte Welt ist die Welt, die man durch Aufklärung erhält. Die Sichtweise, dass man durch eine immer weiter geführte Aufklärung schließlich zur Einsicht geführt wird, um die Erlösung für sich verwirklichen zu können, hält Kierkegaard nun aber gerade für eitel, d.h. für ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen.

Sein erklärtes Ziel ist die "Existenz", die durch noch so intensives Denken nicht zu erreichen ist, sondern nur durch freien verstehenden Daseinsvollzug (Existentialisierung). Damit ist eine Verwandlung von Verstehen in Existenz durch Geist gemeint. Das reine Denken kann seinen eigenen Grund nicht angemessen denken, es sei denn im existentiellen Vollzug, als religiöser Glaube.

Zweifellos muss man sich, um diese Sichtweise für sich selbst transparent machen zu können, auf die existentielle Interpretation vieler Lebensprozesse erst einmal einlassen. Dann aber kann man doch eine Ahnung von dem bekommen, was Kierkegaard mit der in der Überschrift vorgetragenen Aussage gemeint haben könnte.

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Kommentar von berkersheim
18.11.2016, 11:28

Wunderbar erklärt. Kierkegaard ist ja eine Mischung aus Theologe und Philosoph, geprägt von existentiellen Ängsten, die er nur loszuwerden meint, wenn er sich ganz auf Gott einlässt, wo immer er das dazu passende Gottesbild hernimmt. Da ist für Nichtglaubende eine Fülle von Widersprüchen und Kierkegaard scheint das geahnt zu haben, weil er die Vernunft der Aufklärung nicht für erlösungsfähig hält. Das Denken der Aufklärung kann seine Denk-Widersprüche kritisieren, doch es macht die Menschen nicht frei von ihrer existentiellen Angst, so wie er sie empfindet. Kant hat ihn nicht zu erlösen vermocht. Kierkegaard zu lesen ist insoweit aufschlussreich, als man dabei auch in die Seele eines Menschen schaut, der seine existentiellen Ängste über einen fast krankhaften Glauben bannen will. Es hilft, die Kraft von Ängsten und Sehnsüchten zu verstehen, die mit Logik nicht zu erfassen sind.

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Eigentlich ist jeder Satz zur hervorragenden Antwort @rolfmengerts überflüssig, aber ich erlaube mir noch einen kleinen Satz von Adorno der mir zu diesem Thema einfiel einzuschreiben: „Zur Religion kommt es bei ihm [sc. Kierkegaard] nicht durchs unwiderstehliche Vorbild, sondern durch einen Denkprozess, der schließlich Denken, als endliches der endlichen Kreatur, bricht und die Wahrheit dem vorbehält, was nicht mehr gedacht werden kann und was dem Denken absolut widerspricht.“ (Adorno „Kierkegaard noch einmal“ In: Michael Theunissen und Wilfried Greve (Hrsg.) „Materialien zur Philosophie Søren Kierkegaards“, Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1979, S. 569)

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Hey,

was Kierkegaard damit meint weiß ich nicht. Ich selbst würde den Satz "...dass Kierkegaard von der Verlorenheit des Individuums in der komplett erklärten Welt ausgeht..."

folgendermaßen interpretieren:

Kurz:

Die Individualität der einzelnen Person geht flöten, wenn alles in der Welt komplett definiert und begründet ist."

Denn wenn alles definiert und begründet ist, und das vielleicht sogar für alle, haben die einzelnen Personen keine Möglichkeit mehr sich individuell zu entfalten, sie stellen keine Fragen, Lösungen brauchen sie nicht finden...

Für mich gibt es keine absolute Realität, wir haben so viele Möglichkeiten und Sichtweisen, und es gibt so viel Unerklärtes. Wunderschön! Und selbst das Erklärte ist manchmal noch des Überdenkens Wert und des neu Definierens. Voll doll toll!

Das sagt mir: Meine Individualität nach Kierkegaard noch nicht verloren😊

Ein Philosoph würde wahrscheinlich erstmal den Satz auseinandernehmen und fragen:

Was könnte Kierkegaard mit "Verlorenheit" gemeint haben?

Was umfasst alles den Begriff "Individuum"?

Was könnte er mit "komplett" gemeint haben?

Wie weit reicht bei ihm der Begriff "erklärt"?

Was bedeutet für ihn "davon ausgehen"?

Ich hoffe, das konnte ein wenig helfen.

LG Meinlein

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Schöne bei Philosophen ist, niemand hat Recht oder Unrecht.
Nachteil, dich bezahlt nie jemand weil er nicht weiss ob er Recht oder Unrecht hat :D
Ich finde eine Interpretation gut, ganz ehrlich.

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Kommentar von TheDemander
17.11.2016, 22:53

Vielen Dank! :)

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