Frage von Colorado5, 24

Was meint Epikur damit?

"Mein Körper strömt über vor Leichtigkeit, wenn ich von Brot und Wasser lebe, und ich spucke auf die Freuden des prachtvollen Lebens, nicht ihrethalben wohlgemerkt, sondern wegen der Beschwerden, die sie mit sich bringen."

Antwort
von berkersheim, 11

Diese Aussage Epikurs ist heute natürlich nicht mehr recht einzuordnen, wenn man nicht weiß, wie arm man zu seiner Zeit gelebt hat, wenn man nicht gerade zu den wenigen begüterten Adelsfamilien gehörte. Hier mal ein Eindruck:

Es gibt einen interessanten Aufsatz von Karl Hardach  „Nicht hungern, nicht dürsten, nicht frieren - Zum Lebensstandard der Athener zu Zeiten Epikurs“ im Sammelband Wirtschaftshistorische Studien, eine Festgabe für Othmar Pickl.

Darin heißt es z.B. „Die breite Masse (plethos) der Athener kam eigentlich zu einer wirklichen Mahlzeit - das heißt mit Fleisch - nur bei einem öffentlichen Festessen (hestiasis) der Polis.“ Und weiter: „Auch während der klassischen Zeit blieb die Ernährung der Griechen weiterhin und weitgehend pflanzlich und bestand aus Getreide, Hülsenfrüchten, Gemüse und Obst.“

Weiter heißt es: „Auf den Tisch kam Käse meist zum Frühstück und Mittagessen zusammen mit Brot oder Gemüse; ... Überreichlich vorhanden war indes im 4. Jh. auch Käse nicht, denn die Haltung von Schafen und Ziegen verlangte große Landflächen, die es in Attika in klassischer Zeit nicht mehr gab.“

Und was gab es sonst? Wenig ergiebige Frischgründe „nötigte die griechischen Fischer, deren Armut sprichwörtlich war, ihren Lebensunterhalt durch den Fang einzelner Fische in den Küstengewässern zu verdienen. Ein kleines Angebot und eine große Nachfrage, denn die Athener waren auf Fisch versessen, führten zu hohen Preisen ...“

Und wie war das mit dem Brot? „Weizenbrot, seit homerischer Zeit bezeugt, galt in Athen bis ins 5. Jh. eher als besonderer Luxus und wurde vorwiegend von der Oberschicht verzehrt. … Die breite Masse kannte - als eine Vorstufe von Brot - vor allem den Gerstenfladen (mäza), ein gekneteter und in einer Form getrockneter Teig, der dann mit Wasser angefeuchtet gegessen wurde.“

Und was aßen die Armen? „als typisches Arme-Leute-Essen, aber auch als Wunschkost der zu freiwilliger Armut verpflichteten kynischen Philosophen, galt den Athenern die Linsensuppe (phake). Zu den Zuspeisen (öpson) zählten zumeist vitamin- und ballaststoffreiche Blattgemüse, Knollengewächse und Salatarten, daneben als Gewürzkräuter Dill, Fenchel, Kümmel, Petersilie und Senf.“

Und weiter: „Ihr Trinkwasser veredelten die unteren Schichten, insbesondere in der Stadt nach Möglichkeit mit billigem Tafelwein, doch musste nicht selten auch ein aus den Trebern gewonnener, dem Essig nicht unähnlicher Nachwein genügen. Ein billiger Trunk gehörte zum einfachen Mahl, da ohne Anfeuchtung des Gaumens die oft stark gewürzten oder gesalzenen Speisen schwerlich zu schlucken waren.“

Fazit: „Ein erheblicher, wenn nicht der überwiegende Teil der Athener Bürger lebte somit ständig am Rand oder unterhalb einer ausreichenden Grundversorgung.“

Man musste sich also schon in die Oberschicht eines Platon oder Aristoteles hochkämpfen mit allen Risiken des Scheiterns, wenn man an deren Gelagen teilnehmen wollte. Wahrscheinlich hat Epikur in seinem Garten keine oder nur wenige Blumen angepflanzt sondern Gemüse und Früchte, die ihm und seinen Freunden ein auskömmliches Leben ermöglichten. Immerhin ist er unter den oben für viele erwähnten Lebensumständen 71 Jahre alt geworden.

Kommentar von berkersheim ,

Das "ich spucke auf die Freuden des prachtvollen Lebens" widerspricht dem immer zitierten Satz, dass die Lust das höchste Gut für Epikur sei. Gelassenheit in den Wechselfällen des Lebens, die zu Epikurs Zeiten ohne einen Sozialstaat mit allen seinen Absicherungen viel größer waren, und möglichst viel Autarkie, Selbstbestimmtheit waren für Epikur das Wichtigste. Dabei verachtet er ein gutes Essen oder Luxus nicht, weil er Luxus nicht mag. Er verachtet es, wenn es nur um den Preis zu bekommen ist, dass man sich selbst und seine selbstbestimmte Freiheit dafür verkaufen muss. Epikur sucht - anders als die Kyniker - um der Unabhängigkeit willen nicht bewusst die Armut. Doch Reichtum und Macht sind für ihn nicht erstrebenswert, wenn man dafür seine Seele und Unabhängigkeit verkaufen muss.

Kommentar von berkersheim ,
Antwort
von oelbart, 17

Ihm macht das einfache Leben nichts aus, sondern er freut sich, weil es einfach zu erreichen ist. Er hätte nichts gegen ein prachtvolleres Leben, aber da es nur unter viel Mühsal und Arbeit zu erreichen ist, will er es gar nicht erst versuchen.

Kommentar von Colorado5 ,

Danke.

Meint er aber von Brot und Wasser leben Wort wörtlich?

Kommentar von oelbart ,

Ich würds mal nicht vermuten, denn davon kriegt man Verstopfung ;)

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