Frage von Freestylecookie, 129

Was macht der Rettungdienst bei mehrfacherkrankten Jugendlichen?

Hallo es geht um einen guten Kumpel von mir, er ist gerade 20 geworden und hat nach einem Gehirntrauma durch einem Unfall vor zwei Jahren eine Epilepsie und einen angeborenen Herzfehler, daran ist er erst vor fünf Jahren operiert worden , er hat eine riesige senkrechte Narbe auf seiner Brust. Er nimmt Herzmedikamente, so Wassertabletten und Medikamente gegen Epilepsie. Und er hat ein Notfallmedikament, was in den After eingeführt werden muss. Hinzu kommt dass er viele Unverträglichkeiten auf Notfallmedikamente gegen Epilepsie hat.Er hatte bisher drei Krampfanfälle, zweimal konnten die Eltern diese mit dem Medikament beenden, aber einmal war ich mit ihm alleine und er hat gekrampft.... richtig heftig, ich habe erstmal erste Hilfe geleistet ,und da er sein Medikament nicht da hatte, konnte ich ihm nichts geben. Als der Notarzt kam hab ich ihm gesagt welches Medikament und wie er es im Notfall bekommt , und dass er viele Unverträglichkeiten bei Notfallmedikamenten hat. Er hat ihm aber nicht das Medikament gegeben, was sonst gut bei ihm wirkt, und das versteh ich nicht. Denn er hat sehr schlechte Venen (hab ich auch gesagt), der Arzt hat paar mal vergeblich rumgestochert.Die haben ihn dann stark krampfend in den RTW gebracht, was sie weiter mit ihm gemacht haben weiß ich nicht.... Meine Fragen sind: 1) wieso weigert sich der Notarzt ihm schnell sein Mittel rektal (glaub das war das Problem für ihn) zu geben? 2) mein Freund hat noch keinen sogenannten Notfallpass, was wäre, wenn der Rettungsdienst zu jmd kommt, wo zb auch eine Herz OP ersichtlich ist , der patient sich aber nicht äussern kann?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von garfield262, 116

Moin,

zunächst ist ein venöser Zugang bei Krampfanfällen eine absolute Basismaßnahme, die erfolgen muss. Auch wenn Medikamente, welche über die Schleimhaut des Enddarms resorbiert werden, am Pfortadersystem vorbeigeleitet werden, damit nicht erst die Leber passiert und so schneller wirken, so schlagen intravenöse Medikamente noch deutlich schneller an. Darüber hinaus ist die Dosierung besser steuerbar, da man dann weiß, wie viel gespritzt wurde. Bei den Rectiolen (ich denke, dass das von dir beschriebene Medikament Diazepam als Rectiole ist) ist es immer möglich, dass das Medikament nicht vollständig resorbiert wird und somit statt z.B. 10 mg nur 4 mg ankommen. Darüber hinaus ist es für den Patienten auch ein Stück weit entwürdigend, sodass eher auf andere Applikationswege (wie z.B. die Nasenschleimhaut) zurückgegriffen wird. Die Wirkstoffe, welche Verwendung finden, sind dabei aber meist dieselben, i.d.R. Diazepam oder, noch besser da weniger lange wirksam, Midazolam.

Du solltest darauf vertrauen, dass sowohl das nichtärztliche Rettungsdienstpersonal, aber gerade auch der Notarzt genau weiß, was er tut, denn dies ist mit Sicherheit nicht sein erster Krampfanfallpatient. Wenn die Medikamente bspw. nicht anschlagen und der Krampfanfall fortbesteht, müsste ggf. über eine Narkose nachgedacht werden und dann wird der i.V.-Zugang wieder benötigt. Außerdem gilt: In Notfallsituationen wird die Strategie verfolgt, mit welcher der Verantwortliche (in dem Fall der Notarzt) am meisten Erfahrung hat, denn bei den Verfahren weiß er z.B. auch von möglichen Komplikationen, Nebenwirkungen und wie er zu reagieren hat.

Der Notfallpass (wie auch Allergikerpass, Antikoagulanzienpass, Herzschrittmacherausweis usw.) ist ne feine Sache, um zu wissen, was Trumpf ist. Wenn der nicht da ist, ist das auch nicht schlimm; der Ablauf ändert sich nicht. Der Fokus der präklinischen Notfallmedizin liegt in der Therapie akut lebensbedrohlicher Zustände und der Herstellung der Transportfähigkeit; die Maßnahmen dazu hängen meist nicht von der Patientenvorgeschichte, sondern vom aktuellen Status des Patienten ab. Interessant wird das wieder in der Klinik, wenn die definitive Versorgung beginnt. Aber auch hier ist es kein "Beinbruch", wenn die Pässe nicht dabei sind (auch wenn sie die Arbeit definitiv erleichtern, ich spreche da aus Erfahrung). Entweder ist der Patient in der Klinik bereits bekannt und die alten Arztbriefe, U-Befunde etc. sind über PC's abrufbar oder die letztbehandelnde Klinik wird kontaktiert und die nötigen Informationen weitergeleitet. Dies ist im Grunde nur eine zusätzliche Arbeitsbelastung jedoch i.d.R. kein großes Problem.

Konnte ich deine Fragen soweit beantworten oder ist noch etwas offen? In dem Fall frag gern noch weiter.

Lieben Gruß ;)

Kommentar von Freestylecookie ,

Zunächst einmal danke für die Antwort, aber so ganz werde ich da nicht schlau draus:

Zum Beispiel sprichst du von entwürdigenden Behandlung . Wenn es nur darum geht, warum gibt es dieses Medikament dann in solcher Verabreichungsform? Mein Vater und ich hatten vor zwei Jahren einen Autounfall, uns ist einer in die Beifahrerseite wo ich saß reingefahren, aber uns ist zum Glück fast nichts passiert bis auf Prellungen und kleine Platzwunden und die haben mich aus dem Auto geholt (war eingeklemmt), auf die Straße gelegt und mir meine Anziehsachen KOMPLETT aufgeschnitten, d.h. auch so dass mein Genitalbereich frei war und ich splitterfasernackt da lag.Und die standen mit mehr als 6 Leuten an Sanitätern, Notärzten, Feuerwehrmännern und Polizisten um mich herum, davon war nur eine Frau. Aber in dem Moment wusste ich ja ,es muss sein, und ich hatte echt andere Sorgen als mir darüber Gedanken zu machen, ob das entwürdigend ist oder nicht. ich stand nur total unter Schock. 

Kommentar von garfield262 ,

Nun, wenn es verschiedene Möglichkeiten gibt, dann sollte man grundsätzlich das Für und Wider abwägen.

Zu dem Medikament selbst: Diazepam in dieser Darreichungsform (ich kenne diese auch nur als "Diazepam Desitin Rectal Tube", möglicherweise ist dies auch der einzige Anbieter dieser Darreichungsform) hat den Vorteil der einfachen Anwendung; gedacht war es insbesondere für Laienhelfer (wie z.B. den Eltern deines Freundes), um ihnen abseits des i.v.-Zugangs eine Möglichkeit des schnellen Helfens bieten zu können. Auch in der Notfallmedizin war diese Darreichungsform nicht unüblich. Das hatte jedoch den Hintergrund, dass dem nichtärztlichen Rettungsdienstpersonal (Rettungsassistenten etc.) ebenfalls eine Applikationsform zur Verfügung stehen sollte, die in der Handhabung einigermaßen einfach und mit wenigen Risiken behaftet ist. Ich selbst habe vor dem Medizinstudium auch als Rettungsassistent gearbeitet und weiß, dass viele Kollegen sehr fit sind, was z.B. i.v.-Zugänge legen angeht, allerdings darf man nicht grundsätzlich davon ausgehen, dass jeder Rettungsassistent o.ä. diese Maßnahme sicher beherrscht. Unter Ärzten darf diese Annahme ruhigen Gewissens gemacht werden (auch wenn sie sich manchmal nicht bewahrheitet), was auch der Grund dafür ist, dass Ärzten eine deutlich breitere Palette invasiver Maßnahmen zur Verfügung steht.

Die Rectiole ist, zumindest in dem städtischen Rettungsdienst, in welchem ich einst tätig war, übrigens mittlerweile nicht mehr gebräuchlich, auch wenn sie auf RTW usw. noch vorgehalten wird. Zur Anwendung kommt nunmehr standardmäßig Midazolam, welches mit einer Spritze und einem speziellen Adapter (MAD, was für Mucosal Atomization Device steht) zerstäubt und so an die Nasenschleimhaut gespritzt werden kann. Anwendung noch einfacher als die Rectiole und etwas "humaner", wenn sich z.B. der Krampfanfall mitten im Hauptbahnhof ereignet.

Pharmakologisch ist Midazolam dem Diazepam (meiner Ansicht nach) übrigens auch überlegen, da es eine deutlich kürzere Halbwertszeit als Diazepam hat, damit schneller eliminiert ist und der Patient so schneller wieder neurologisch beurteilbar ist. Darüber hinaus ist Midazolam potenter als Diazepam.

Zum Thema Entkleidung, z.B. beim Polytrauma(verdacht): Dies ist eine absolute Muss-Maßnahme, die in jedem Fall erfolgen muss. Einer der Merksprüche (auch wenn ich die meisten selbst nicht nutze) aus diesem Gebiet lautet: Keine Diagnose durch die Hose.

Auf der anderen Seite jedoch ist, gerade beim Polytrauma(verdacht) der Wärmeerhalt von absolut immenser Bedeutung für das Outcome des Patienten. Der RTW hat daher vorgewärmt zu sein und der Patient wird erst in diesem entkleidet. Es gibt immer Situationen, in denen das dann doch nicht möglich ist und ein Kompromiss gemacht werden muss, aber der Regelfall ist, dass die Entkleidung erst im RTW und nach Schließen der Türen zu erfolgen hat, u.a. auch aus Gründen der Pietät.

Konnte ich deine offenen Fragen soweit beantworten oder hast du noch etwas auf dem Herzen?

Lieben Gruß ;)

Kommentar von Pilotflying ,

Toller Beitrag!👍

Kommentar von garfield262 ,

Vielen Dank für die netten Worte, freut mich zu hören. ;)

Antwort
von Weisefrau, 89

Hallo, der Notarzt handelt immer aus der Situation heraus. 

Es reicht nicht das du etwas sagst. 

Stell dir vor du verwechselst etwas und der Notarzt gibt das Medikament und der Mensch stirbt weil es das Falsche Medikament war.

Dann hat der Arzt ein Problem und nicht du.

Dein Freund hätte einen Notfallpass bei sich haben müssen!

Ich hoffe das er sich erholt.

Kommentar von ASRvw ,

Moin.

Einen Notfallpass sollte er bei sich haben, aber er muss es nicht. Ein solcher erleichtert dem RD nur die Arbeit. Ich kenne diese Situation von beiden Seiten, sowohl als San als auch als Analgetika-Allergiker.

Kaum jemand trägt seinen Pass um den Hals. Manchmal ist dessen Existenz schlicht nicht bekannt, manchmal kommt man auch einfach nicht ran oder es fehlt die Zeit ihn zu suchen.

Es kommen die Standard-Notfallmedikamente zum Einsatz und wenn sich darauf eine allergische Reaktion zeigt, wird diese erkannt und es werden Gegenmaßnahmen eingeleitet. Alles dafür erforderliche findet sich standardmäßig auf jedem RTW.

ASRvw de André

Antwort
von Nevermind1992, 20

1. wahrscheinlich weil er das besagte Medikament einfach nicht da hat. Die Rettungswägen haben meistens nur Medikamente für den intravenösen Gebrauch und sind auch keine fahrenden Apotheken. 

2. tun Rettungsdienst und Krankenhaus alles Menschenmögliche für die beste Versorgung deines Kumpels. Der Rettungsdienst wird versuchen deinen Kumpel in ein Krankenhaus zu bringen in dem er schon behandelt wurde und das Krankenhaus wird die Vorgeschichte aus dem System suchen um deinem Kumpel mit den passenden Medikamenten und Maßnahmen optimal helfen zu können.

3. ja ich weiß du hast kein 3. aber mir macht das grad Spaß mit der Liste. Also
3. haben Rettungsdienst und Krankenhaus nur das Beste für deinen Kumpel im Sinn. Der Notarzt will sicher keinen Patienten sterben lassen und der venöse Zugang ist nunmal Pflichtprogramm wenn dein Kumpel behandelt werden soll. Wenn sie ihn in krampfend in den Rettungswagen gebracht haben dann wahrscheinlich damit sie den venösen Zugang unter besseren Verhältnissen nochmal probieren konnten. Oder damit du nicht zusehen musstest wie deinem Kumpel in den Knochen gebohrt wird damit ihm intraossär Medikamente gegeben werden. Oder weil du sie zu sehr genervt hast. Im Notfall kann niemand einen Angehörigen brauchen der ständig fragt "was machen sie da" und "warum machen sie das nicht so und so". Der Arzt hat studiert und das restliche Personal weiß auch was es tut. Vertrau denen doch einfach

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