Frage von Cricz21, 79

Was machen Notärtzte bei einem schwerem Motoradunfall?

Die frage ist nicht so gut formoliert :D aber sagen wir mal ein Motorradfahrer rammt mit 100km/h ein auto und fliegt volle lotze hin und ist nicht ansprechbar was macht dann ein Notarzt um ihn zu stabilisieren oder so

Antwort
von DorktorNoth, 36

Die Traumavesorgung in Deutschland wird aktuell zunehmen von aus dem amerikanischen Raum importierten Algorithmen, also festgelegten Behandlungsabläufen, dominiert. Vertreter dieser Vorgehensweisen heißen PHTLS oder ITLS. Im Prinzip läuft eine Traumaversorgung nach dem sog. ABC-Schema ab. Dabei überprüfen die Rettungskräfte nach einem bestimmten Ablauf, ob und woher dem Patienten Gefahr droht.

A (= Airway, Atemweg): Es wird geprüft, ob der Patient frei atmen kann. Ist der Atemweg verlegt, wird er frei gemacht, aso z.B. Blut oder Erbrochenes daraus entfernt.

B (=Breathing, Atmung): Ist der Atemweg frei, wird überprüft, ob der Patient normal atmet und genug Sauerstoff bekommt. Durch Verletzungen am Brustkorb (Rippenserienfraktur, Pneumothorax, instabiles Thoraxwandfragment) oder Schädel-Hirn-Verletzungen kann die normale Atmung erheblich erschwert sein. Dies äußert sich z.B. durch zu schnelle oder zu langsame Atmung, durch blau-graue Hautfarbe (Zyanose) und Luftnot. Atmet der Pateint nicht ausreichend oder eventuell gar nicht, wird er umgehend künstlich beatmet, wenn notwendig, zunöchst mit einem Beatmungsbeutel, später wird er auch intubiert.

C (=Circulation, Kreislauf): Als nächstes wird überprüft, ob der Patient noch einigermaßen gut funktionierenden Blutdruck bzw. eine ausreichende Durchblutung aller Bereiche hat. Dazu wird im ersten Moment nur nach dem Puls getastet (ist der am Handgelenk tastbar, ist der Blutdruck meist über 70 mmHg, ist er dort nicht mehr tastbar ist das unter Umständen also doof ...), die Herzfrequenz beurteilt (sehr schneller Puls kann auf lebensgefährlichen Blutverlust und Schock hindeuten) und die sog. Nagelbettprobe zur Beurteilung der Mikroperfusion, also der Durchblutung des Kapillarbettes , durchgeführt.

Das reicht dann erstmal. Fällt in den Abschnitten A-C etwas lebensbedrohliches auf, wird es umgehend beseitigt.

Dann schließt sich der Bodycheck an, eine schnelle, aber gründliche Untersuchung des Patienten, um möglichst alle Verletzungen ausfindig zu machen. Bei bestimmten Verletzungen muss sofort etwas getan werden (Beckenschlinge bei instabiler Beckenfraktur, Stillen schwerer Blutungen, falls nicht bereits unter C geschehen ...).

Besteht größere Gefahr für Leib und Leben, schließt sich nun schnellstmöglich der Transport in eine geeignete Klinik an. Ist der Patient stabil, kann man überlegen, ob noch weitere Maßnahmen am Unfallort ergriffen werden müssen.

In regelmäßigen Abständen wird der Patient im weiteren Verlauf immer wieder nach ABC beurteilt, ob sich irgendetwas verändert. Hier wird jetzt unter anderem auch noch die Neurologie (Lähmungen, etc.) mit einbezogen.

Insgesamt kommt die Traumaversorgung mit wenig Geräten und besonderen Dingen aus. Mögliche spezielle Maßnahmen sind: Intubation/Beatmung mit Beatmungsgerät, Infusion bei Bedarf, Blutstillung mittels Torniket, Beckenschlinge, diverse Lagerungsmittel wie Vakuummatratze, Spineboard und Schaufeltrage (bitte googleln, was das ist) und noch etwas mehr. Der wichtigste Beitrag der Notfallretter ist die Stabilisierung am Unfallort und insbesodnere die Auswahl eines geeigneten Ziel-Krankenhauses, das für das Verletzungsmuster des Patienten die optimale Versorgung liefert.

So, ein Parforce-Ritt durch die Trauma-Versorgung. Nachfragen gern ... ;-)

Kommentar von Cricz21 ,

Oha oha oha :D ganz schön viel... Danke das du es so ausführlich erklärt hast

Kommentar von Logyc ,

Sind die 70mmHg systole oder diastole?

Kommentar von DorktorNoth ,

Systole. Diastole ist nicht tastbar. Ich weiß, dass oft statt der 70 auch 90 propagiert werden, ich finde aber, das ist oft nicht korrekt.

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