Frage von frstrich, 28

Was kann ich tun, um weniger nachtragend zu sein?

Ich stelle immer wieder fest, das ich sehr nachtragend bin. So erinnere ich mich genauestens an einen Zwist mit einer Lehrerin, der dementsprechend lange her ist, der sogar im Guten endete, ich habe die Lehrerin auch sehr schätzen gelernt. Dennoch verkrampft sich bis heute mein Magen, wenn ich daran zurück denke. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Ich trage viele solcher negativen Erinnerungen von Personen mit mir herum. Heute wurde mir (war einfach so daher gesagt) der Tod an den Hals gewünscht und ich komme darüber nicht hinweg. Seit Stunden bin ich sogar kurz davor zusammenzubrechen, wegen einer gefühlt so kleinlichen Sache. Alles Wissen, dass die Person das in einem Moment der Wut und Unbesonnenheit gesagt hat nützt nichts und jedes Mal, wenn so etwas passiert kommen die alten Erinnerungen wieder hoch. Ich möchte den Menschen aber nicht mit dem Misstrauen entgegentreten, was dadurch entsteht. Gibt es Möglichkeiten, die es mir erleichtern zu verzeihen?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Schattentochter, 5

Ich find's grad wirklich cool, wie alle sagen "Lass die negativen Gedanken los", aber keiner erklärt, wie eigentlich. :D

Tipp Numero Uno: Atmen. Und zwar nicht so dieses meditative Beruhigungsatmen, sondern eher ein Schnaufen/Knurren. Leg den ganzen Ärger in ein Geräusch und lass es raus - das löst nicht alles auf, aber machts für viele etwas leichter. So ein richtig angepisstes "Seufzen" hilft dem Körper, Spannung abzubauen.

So, das aber nur für die Akutsituation, was die Langfristigkeit angeht: Nun gut, dass dieser Mensch das mit dem "Tod" in einem irrationalen Anfall gesagt hat, ist dir auf rational-kognitiver Basis klar - emotional aber nicht. Also würde ich mir, bevor ich das mit dem Vergessen angehe, erst einmal zugestehen, dass es ein ausgesprochen mieser Sager war. Wenn man Dinge wegschiebt, bleiben sie hartnäckig - wenn man ihnen zumindest einen gewissen Status für eine Weile einräumt, lässt sich leichter mit ihnen umgehen. Es wirkt vielleicht wie eine Kleinigkeit - aber jemandem den Tod an den Hals zu wünschen ist in Wahrheit gar nicht so klein - und ich glaube, ein Teil von dir spürt das deutlich.

Das nächste wäre Empathie - mach dir nicht auf rationaler Basis klar, dass ärgerliche Dinge "schon irgendwo erklärbar" sind, sondern versuche ganz bewusst, dich in die andere Person hineinzufühlen. Insbesondere, wenn du weißt, dass es eine Affektsituation wie die mit diesem Todeswunsch-Sager war - stelle dir vor, du wärst so unendlich wütend, dass du jemandem, der dir wichtig ist, den Tod an den Hals wünscht - und mache dir bewusst, wie du dich währenddessen und danach fühlen würdest. Etwas zu wissen, bringt oft recht wenig - es zu erleben allerdings häufig recht viel.

Und das Letzte ist: Versuche, dir innerlich vorzustellen, wie eine Mutter auf ihre Kinder reagiert. Das klingt jetzt vielleicht etwas schräg - aber die Sache ist die: Kinder können ganz fürchterliche Fratzen sein - aber eine Mutter wird dennoch so gut wie immer einen Weg finden, sie deshalb kein Stück weniger zu lieben. Diese "Liebe allem zum Trotz" muss man sich aufbauen, eine gewisse Nachsicht und Großzügigkeit. Gerade wütende Menschen haben sehr viel von Kindern - sie wissen in dem Augenblick nämlich eigentlich nur begrenzt, was sie da gerade tun. Stelle dir diese Unbeholfenheit bewusst vor und versuche, zu verstehen, wie klein man sich innerlich fühlt, wenn man so "auszuckt". Ich will damit nicht sagen, dass du die Menschen nicht ernst nehmen sollst, sondern, dass es gut ist, wenn wir uns eine gewisse "Großzügigkeit" visualisieren im Umgang mit Ärger. Jeder Mensch versucht in Wahrheit nur verzweifelt, irgendwie durch's Leben zu kommen, ohne großen Schaden zu erleiden oder zu verursachen - diese Probleme kennst auch du. Versuche, mit den Menschen, die dich ärgern, auf dieser Basis einen Verbindungspunkt zu finden - innerlich. Dann wird es vielleicht leichter für dich, sie nicht so sehr als "Gegner" zu empfinden.

Und letztlich: Visualisiere dir deinen Ärger. Wut, vor Allem lang anhaltende, nagt und zehrt massiv an uns. Durchaus sogar buchstäblich - denn negative Gefühle sind nicht gut für's Immunsystem, wenn sie zu lange anhalten. Stelle dir also deinen Ärger (nur als Beispiel, da kann sich jeder sein eigenes Bild basteln) als schwarzes Ekel vor, das sich an dir festsaugt und dich schwächt. Und dann stelle dir vor, wie du genau dieses Ding aus dir herausreißt und weg wirfst.
Dieser Tipp hilft nicht jedem - es kommt darauf an, ob man jemand ist, der mit Visualisierungen und Metaphern viel anfangen kann, oder nicht.

Das sind halt so meine Methoden und Taktiken - für mich funktionieren sie. Manchmal sogar zu gut - ich kann nämlich selten jemandem allzu lange böse sein - nicht zuletzt, weil ich Wut als etwas schrecklich Unangenehmes empfinde. Ergo will ich sie immer möglichst sofort los werden.

Ich hoffe sehr, dass da irgendwas dabei ist, das dir hilft. Falls nicht, tut's mir leid.

Liebe Grüße

Kommentar von frstrich ,

Ich danke dir. Ich muss gestehen, dass ich gestern Nacht noch bis fünf wachgelegen habe, weil mich das nicht losgelassen hat. Aber das sind wertvolle Tipps. Heute Nacht passiert mir das nicht mehr. Ich bezweifle zwar, dass die Person selbst darunter leidet, da er sich im Recht wägte und außer sich vor Wut war (zugegebener Maßen, war es ein Fehler von uns beiden, aber hauptsächlich von mir), aber wahrscheinlich hast du Recht, und es bleibt mir nichts anderes übrig, als ihn als impulsiven Idioten abzustempeln, auch wenn ich eigentlich das Pauschalisieren von Menschen (Persönlichkeiten) nicht leiden kann. So denke ich, wenn er sehen würde, was dieser Satz von ihm angerichtet hat, würde er die eigene Tragweite begreifen. Wahrscheinlich gehe ich tatsächlich viel zu rational an die Sache ran, anstatt einfach mal zu akzeptieren, dass es hier nur eine emotionale Lösung gibt. Aber nochmal: Vielen Dank!

Kommentar von Schattentochter ,

Langsam, ich habe absolut NICHT gemeint, du sollst ihn als impulsiven Idioten abstempeln. Ich meinte bloß, dass du die Wut nachvollziehen sollst, damit dir das Ganze nicht so nahe geht.

Und wenn du Mist gebaut hast, dann entschuldige dich und erwähne in deiner Entschuldigung, dass dieser Satz von ihm dich sehr verletzt hat - mach ihm doch die Tragweite, die du erwähnst, bewusst. Vielleicht denkt er vor lauter Ärger gar nicht darüber nach.

Kommentar von frstrich ,

Oh, dann habe ich dich falsch verstanden. Aber gut, denn ich hab gemerkt, dass ich das auch nicht so einfach kann. Hat er nämlich nicht verdient. Auch wenn sein Verhalten tief blicken lässt, macht ihn das nicht zu einem schlechten Menschen. Aber ich glaube nach all dem kann ich es hoffentlich auf sich beruhen lassen...

Kommentar von Schattentochter ,

Genau um dieses "macht ihn nicht zu einem schlechten Menschen" geht es - je mehr du es schaffst, das nicht nur kognitiv zu wissen, sondern auch emotional zu empfinden, desto leichter fällt's dir, nicht so nachtragend zu sein - was natürlich nicht heißt, dass du kein Recht auf deine Grenzen hättest. :)

Antwort
von barbarinaholba, 7

Deine Empfindlichkeiten in Sensibilität umzuwandeln...ist ein erster Schritt......

Sensibilität.  ist echt.. sie macht uns zu einem echten Menschen..

. Verzeihen ist die beste "Rache"....

Deine Reaktionen werden dich stärker  machen....du lernst gerade damit umzugehen....

Nachtragende Gedanken.. verbrauchen unheimlich viel Energie...du hast das bereits erkannt....und kannst dich nun zurück lehnen.!

Du bist sehr mutig...  denn du reagierst mit Besonnenheit.... und dein Gegner lernt daraus.

Bleib mutig und reagier mit Köpfchen.    

Antwort
von Patrickson, 17

Sei dir  selber gegenüber genau so nachtragend, wie du es anderen gegenüber bist: so wirst du weniger nachtragend werden! 

Kommentar von frstrich ,

Danke, nur sind gerade meine eigenen Fehler die, die sich noch mehr in mein Gedächtnis einbrennen... Aber das ist wiederum ein anderes Problem...

Kommentar von Patrickson ,

Werde ein gelassener und zufriedener Mensch. Soll die welt doch untergehen, so gehe mit wehenden segeln unter! Eine gute Freundin hat mir einmal gesagt: Wenn du den Feind nicht besiegen kannst, verwirre ihn! 

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