Frage von Lessuelsch, 151

Was ist "Normal" und wer bestimmt es?

Dass das, was die Allgemeinheit praktiziert, nicht immer richtig ist, hat die Geschichte doch nun öfters bewiesen. Natürlich bewähren sich gewisse Verhaltensweisen, aber auch das ist an kulturelle, zeitgenössische und geschichtliche Gegebenheiten gebunden. Wir sind immer ganz schnell, was das Bewerten und Beurteilen angeht. Innerhalb von Sek erstellen wir Diagnosen mit entsprechendem "Heilmittel". Alles was auch nur geringfügig von der Norm abweicht, versucht man direkt zu betiteln. Allein unsere Medizinbücher sind übersät mit unzähligen "Störungen". Mit dermaßen allgemeingehaltenen Symptomen, dass eigentlich jeder eine Störung besitzt, wenn er nur will. Und auch wir selbst googeln panisch nach jeder minimalsten Verhaltensanomalie um sicher zu gehen, dass wir auch ja nicht "gestört" oder anders sind und falls doch, dann zumindest mit dem richtigen Titel.

Bei Üübermässigem Stress weine ich, wenn mich etwas berührt und mir danach ist, dann weine ich auch, wenn ich etwas besonders Romantisches oder Trauriges sehe, weine ich ebenfalls, wenn mir danach ist. Und dennoch bin ich überwiegend ein sehr ausgeglichener und fröhlicher Mensch. Ich lebe meine Emotionen aus, wenn ich sauer bin, dann lebe ich es ebenso aus, wie wenn ich glücklich bin. Doch immer wieder merke ich, wie verzweifelt einige versuchen dies zu kategorisieren und zu betiteln. Es in irgendeine "Störungsform" hinzupressen. Wenn ich mal bei Stress weine, dann heißt es sofort "Burnout Syndrom", Depressionen, wenn ich längere Zeit mal glücklich bin, dann "verberge ich meine Gefühle unter einem Scheinlächeln" usw usw... Ich habe das Gefühl, dass viele sich und ihre Mitmenschen in emotionale Quadrate zwängen. Alle Emotionen im Rahmen dieser Quadrate sind erlaubt, aber sobald es etwas hinaus geht, werden direkt mit Diagnosen um sich geworfen. Wie sieht ihr das?

Expertenantwort
von Kajjo, Community-Experte für Medizin, Partnerschaft, Sexualitaet, 32
  • Du sprichst etliche richtige Punkte an, dennoch sehe ich die Sache etwas anders. Einerseits ist es richtig, dass der Begriff "normal" schwierig  ist, sobald man ihn versucht, genauer zu definieren. Gleichwohl ist der Begriff "normal" für die allermeisten Menschen einfach praktisch und wird in konkreten Situationen durchaus richtig verstanden. Ich finde es eigentlich schade, dass so ein nützlicher und überaus verbreiteter Begriff quasi politisch-korrekt totgeredet wird.
  • Normal im Sinne von "üblich und verbreitet" ist einfach ein ganz häufig verwendet Wort und das ist auch völlig in Ordnung so. Normal im Sinne von "einer Norm entsprechend" wird gar nicht so oft benutzt und wenn sind die zugrundeliegenden Normen meistens klar definiert -- egal ob so eine Norm dann gutgeheißen wird oder nicht, man weiß, was gemeint ist und darum geht es ja bei Kommunikation, oder?
  • Dass medizinische Normen und Definitionen von Störungen dazu benutzt werden können, den Großteil der Bevölkerung quasi krank zu reden, ist bekannt und richtig und sicherlich eine berechtigte Kritik. Gleichwohl liegt das nicht an dem Begriff "normal", sondern an dem Konzept und medizin-politischem System, egal wie man es nun nennt. Nicht das Wort ist falsch, sondern die Umgangsweise mit der natürlichen Streuung. 
  • Bedenke aber, dass auch wenn deine Kritik an allzu vielen "Störungen" und "Krankheiten" durchaus richtig ist, dennoch die typische und berechtigte Frage von Patienten immer wieder ist, "ist es normal, dass...?" und ganz oft die Frage wirklich so gemeint ist, "ist es natürlich und gesund, dass..." oder "ist es üblich und verbreitet, dass...".
Antwort
von Ottavio, 17

Liebe Lessuelsch, 

ja, das Wort "normal" ist ganz schlecht definiert, weil es einfach verschiedene Bedeutungen gibt, die wenig mit einander zu tun haben. Sicher gibt es ein paar wenige Bereiche, in den die Gesellschaft Menschen, z.B. Parlamente dazu bestimmt hat, z.B. Rechts-Normen festzulegen. Da könnte man das "normal" nennen, was diesen Normen entspricht. Das ist aber die Ausnahme.

Dann gibt es "normal" im Sinne der Ist-Norm. Statistiker bezeichnen als "normal", was für 80% der Strichprobenelemente der Fall ist, und Journalisten behaupten dann, es sei so, und unterschlagen dabei, mit welcher Wahrscheinlichkeit es denn so sei.

Und drittens gibt es die Soll-Normen. Die für Dich festzulegen, ist Dein vornehmstes Recht. Die Würde des Menschen besteht nach Kant darin, ein autonomes Wert setzendes Wesen zu sein, und kann gar nicht angetastet werden. Jede Maxime, von der Du wollen kannst, dass sie allgemeines Sittengesetz sei, ist Deine Soll-Norm. Du musst es nicht tatsächlich wollen, erst recht nicht durchsetzen wollen.

Ist es "normal", einzelne Symptome eine psychischen Störung zu haben? Als ist-Norm, ja. Das heißt aber nicht, eine "Störung" zu haben. Eine psychische "Störung" wird im allgemeinen anhand einer auf einer internationalen Übereinkunft beruhenden Liste bestimmt, in der für jede "Störung" etwa ein Dutzend Symptome aufgezählt sind. Nur dann, wenn jeweils die Mehrheit dieser Symptome auftritt, sprechen Psychologen von einer Störung. Das hat meine Tochter mir erklärt; sie hat Psychologie studiert.

Auf diese Weise wollen die Psychologen eine Art Objektivität erreichen. Ich halte es für eine Scheinobjektivität. Einige dieser Listen kenne ich. Oft sind die Symptome nicht klar voneinander abgegrenzt, oft ist es unklar, wie sehr ein Symptom auftreten muss, damit es gilt. Da nutzt dann auch alles Abzählen nicht. Aber es gibt natürlich auch klare Fälle.  Auf jeden Fall ist eine "Störung" erst dann gegeben, wenn jemand darunter leidet. Allerdings sehe ich das schon so, dass das auch jemand anders sein kann als die gestörte Person selbst.

Dass Du mal weinst und mal fröhlich bist, macht Dich liebenswert. Es ist menschlich. Du bist keine Göttin und solltest an Dich auch nicht den Anspruch stellen, eine zu sein. Auch kein Nerd. Ein kleiner Auszug aus Goethes Prometheus zum Schluss:

"Bedecke Deinen Himmel Zeus mit Wolkendunst

und übe Dich, dem Knaben gleich, der Disteln köpft, an Bergeshöh'n !

Ich Dich ehren ? Wozu ?

Hat nicht mich zum Manne geschmiedet die allmächtige Zeit,

meine Herrin und Deine ?

Hier sitze ich und forme Menschen

nach meinem Bilde, nicht nach Deinem,

zu Lieben, zu hassen, zu weinen, zu freuen sich

und Dein' nicht zu achten, wie ich."

Ich grüße Dich ganz herzlich,

Ottavio

PS.: Danke für das Kompliment !

Antwort
von Ottavio, 23

Liebe Lessuelsch, ich habe jetzt schon zwei Mal versucht, diese Frage zu beantworten, und beide Male hat das System mich rausgeworfen, als ich die Antwort abschicken wollte. Mistikack ! Ob die Antworten zu lang waren ?

Jedenfalls neigt sich mein Zeitfenster für heute dem Ende zu. Dann also bis zu nächsten Mal.

Herzlich

Ottavio

Expertenantwort
von Buddhishi, Community-Experte für Medizin & Psychologie, 53

Hallo Lessuelsch,

danke, tut das gut, Du sprichst mir aus der Seele :-)

Ein guter Prof. hat es mal so ausgedrückt: "Das Normale ist krank, und das Kranke ist normal."

Ich passe auch nicht so toll in diese ganzen sog. 'normalen' Muster/Rahmen, aber es geht mit bestens damit! Ich leiste mir den Luxus einer eigenen Meinung, die Freiheit, mein Leben so zu leben, wie es mir gefällt (selbstverständlich mit empathischer Rücksichtnahme auf meine Mitmenschen) und wenn mir danach ist, setze ich mich auch heute noch in meinem dazu viel zu hohen Alter auf eine Schaukel, weil ich von Kindheit an einfach schon gerne geschaukelt habe.

Und was andere über mich denken, geht mir ziemlich am Popo vorbei ;-) Und ich finde mich auch überhaupt nicht gestört, auch wenn andere mich nicht als normal einstufen.

Ich finde es im Gegenteil nicht normal, wenn andere nur mal als Beispiel ihr Leben in einer ungeliebten Arbeit hingeben, nur um ein tolleres Auto als der Nachbar zu haben, etc.

LG

Buddhishi

Antwort
von Matahleo, 10

Hallo Lessuelsch,

ja, was ist schon normal? 

Als normal wird bezeichnet, was die tatsächliche oder vermeintliche Mehrheit macht, für "gut" befindet, toleriert.

Ich finde auch, dass viele Menschen immer versuchen alles in "Schubladen" zu packen. Schließlich ist ein Schrank mit Schubladen viel leichter überschaubar und somit kontrollierbar als ein offenes Regal in dem alles durcheinander steht.

So  denke ich, dass es dem Drang nach Ordnung entspringt, dass der Mensch an sich versucht alles zu betiteln. 

Dadurch fällt vielen das Leben leichter. 

Man muss das ja nicht mitmachen. 

Für mich ist es völlig normal, mit  Junkies umzugehen, andere finden das ziemlich komisch. Aber es ist mein Beruf.

Für mich ist es normal, mit Straftätern zusammen zu sein, andere lehnen das total ab, weil sie sich fürchten. Aber es ist mein Beruf.

Für mich ist es normal, zu  weinen, zu lachen, Gefühle zu zeigen, andere versuchen alles zu verstecken und in sich rein zu fressen. 

Also, wer ist jetzt normal?

Alle Fische schwimmen mit dem Strom, das ist normal, aber ich glaube, nur tote Fische schwimmen mit dem Strom, bin ich deshalb unnormal?

Oder will ich unter diesen Bedingungen überhaupt normal sein?

LG Mata

Antwort
von PurpurSound, 33

In bestimmten lebensbereichen bestimmt das individuum seine "normalität", etwa bei sexualverhalten und -praktiken. Hier geht es um individualität. Eine normalität existiert dort nur sehr begrenzt.

In anderen lebensbereichen bestimmen institutionen was "normal" ist, etwa in moralischen oder rechtlichen dingen. So zählt es in unserer gesellschaft als normal die eltern zu ehren, kinder zu erziehen, seiner steuerpflicht nachzukommen oder sich an verkehrsregeln zu halten. Hier geht es um zusammenleben, und das erfordert die festlegung von normen.

Diese unterscheidung ist wichtig wenn man über den begriff der normalität soricht! Lg max

Antwort
von Dreamer86, 38

Das sehe ich genauso. Als emotionaler Mensch wirst du schnell komisch angeguckt und man versucht zu diagnostizieren warum du so "überreagierst"
. Mittlerweile gibt es ja sogar Kurse zur "Aktiven Meditation".

Dort lassen Menschen all ihre angestauten Emotionen raus weil es sich offenbar nicht mehr gehört, dass in der passenden Situation zu tun. Man hebt es sich auf bis zum nächsten Kurs und dann schreit man rum und lacht und weint.

Ich finde es schade das die Menschen sich für ihre Emotionen schämen und zum Beispiel weinen als unmännlich gilt. Unterstützt wird das ganze durch Messenger wie whatsapp auf den Handys. Man packt einen Emoticon ans Ende des Satzes und bringt damit eine Emotion rüber, während man emotionslos auf Senden drückt. Zum Beispiel einen Lach-Smiley, obwohl man am anderen Ende gar nicht lacht, weil die anderen Leute in der S-Bahn das sicher komisch finden würden.

Ich denke immer sehr viel nach und bin auch emotional. Und ich war schon oft in der Depressionsschublade. Das mit den Symptomen sehe ich genauso. Du kannst Symptome eingeben und dir aussuchen welches Krankheitsbild du nimmst.

Antwort
von Grinchie, 54

die allgemeinheit bestimmt, was normal ist, jeder der anders ist als die allgemeinheit, wird ausgestoßen, ganz einfach :)

Antwort
von PrinceOfLook, 6

Normal ist das was die Mehrheit bzw die meisten oder sogar fast alle Menschen tun

Antwort
von rudelmoinmoin, 15

normal ist alles das, wo du dich wohlfühlst, und das bestimmst nur du, tust du das nicht, entstehen Depressionen, und das ist nicht normal  

Antwort
von RabbytJ, 32

Es gibt kein "normal".

Ich bin auch nicht "normal".

"Moral ist eine Erfindung der Menschheit um ihr völlig verblendetes und zerstörtes Weltbild ins rechte Licht zu rücken und es normal nennen zu können."

ein Zitat, welches ich mal einem Professor bei einer freiwilligen Lesung über Moral und Normalität, Moral und Gesellschaft genannt habe und er hat mir voll und ganz zugestimmt.

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