Frage von Tront1888, 47

Was ist mit der Aussage gemeint, dass das Ego eine Illusion ist?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Enzylexikon, Community-Experte für Buddhismus, 18

Das "Ego" ist ein Teil deines Bewusstseins.

Dieses Bewusstsein wird durch Prozesse im Gehirn generiert, es ist eine Art Simulation aufgrund der elektrischen Prozesse im Gehirn.

Wenn man beispielsweise aus irgendeinem Grund bewusstlos wird, verschwindet auch die Vorstellung des "Ich" - das Ego hört auf zu existieren.

Wenn man dagegen nur träumt, dann ist das Bewusstsein noch aktiv genug, um die Vorstellung eines "Ichs" aufrecht zu erhalten.

Dieses Bewusstsein wird wie gesagt durch das Gehirn generiert.

Mein "Ich" unterscheidet sich von deinem "Ich" durch die unterschiedlichen Konditionierungen und Prägungen, die wir im Laufe unseres Lebens erhielten und den verschiedenen Vorstellungen, an denen wir festhalten.

Deshalb mag Person A zB grüne Äpfel und klassische Musik, während Person B stattdessen Birnen und Heavy Metal bevorzugt. Es ist lediglich eine Frage von Prägung und Lebenserfahrung.

Wie du außerdem sehen kannst, ist unser Ego nichts festes

Unsere Pläne und Vorlieben ändern sich ständig - eben wollte ich einen Kuchen essen, jetzt beschließe ich, stattdessen Gulasch zu essen.

Mein "Ich" hat also kein unveränderliches Merkmal des "Kuchenliebhabers", denn schließlich ändere ich meine Meinung und wähle etwas anderes.

Ich werde weder zum Kuchen wenn ich Kuchen esse, noch werde ich zum Gulasch, wenn ich Gulasch esse. Keines davon ist Teil von mir, etwas, das mich einzigartig macht, ein Charakteristikum, das nur ich habe.

Letztlich hat das Ego keine Substanz

  • Meine Vorlieben bin nicht ich...denn diese ändern sich
  • Meine Ideen bin nicht ich...denn diese ändern sich
  • Meine Pläne bin nicht ich...denn diese ändern sich.
  • Dieser Körper bin nicht ich...denn dieser ändert sich

Ein ewiges "Ich" gibt es im Buddhismus nicht. Daher ist das Ego letztlich ohne eigene Substanz, es kann nur in Abhängigkeit von anderen Dingen entstehen.

Dennoch sprechen wir von unserem Ich als etwas Absolutem und vertrauen der Bewertung dieses Ego praktisch immer.

"Diese Frau ist schön, das Essen lecker und die Party super"

Das sagen wir ganz so, als wäre das eine ewige Wahrheit.

Aber ein anderer Mensch findet die gleiche Frau unattraktiv, das Essen ungenießbar und die Party total langweilig. Wer hat nun Recht?

In Wirklichkeit ist die Frau weder schön noch hässlich, das Essen weder lecker noch ekelhaft und die Party weder spannend noch unspannend.

Das sind alles Bewertungen unseres Ego.

Doch wie wir sehen, sind diese Bewertungen auch veränderlich.

Drei Drinks intus, die Frau legt die Kleidung ab - und sie erscheint uns als attraktivstes Wesen der Welt.

Einmal ordenlich Chilisoße über das Essen - und sogar das zuvor eklige Zeug schmeckt ganz passabel.

Etwas andere Musik, ein anderer Gesprächsparter - plötzlich macht die Party wieder Spaß.

Unsere Wahrnehmung, unser Selbstbild, das Ego - alles ist lediglich nur ein Produkt unseres Geistes, dem wir blind vertrauen.

Wenn man einen anderen Maßstab anlegt, werden wir immer "ego-loser"

Wir sind "Paul"...Paul ist ein Hamburger...ein Hanseat...ein Norddeutscher... ein Deutscher...ein Europäer...ein Mensch...ein Primat....ein höheres Säugetier...ein Säugetier....ein Wirbeltier....ein Tier....ein Lebewesen....aus chemischen Molekülen...Atomen...Pro/Neutronen....

Letztlich unterscheiden wir uns nicht wesentlich von einem Affen, einer Blume, oder einem Stein - je nachdem welchen Maßstab wir anlegen.

Und obwohl wir letztlich nichts sind, als ein Haufen Atome und chemischer Verbindungen, nehmen wir unser Ego "Paul" so schrecklich wichtig...

Aus diesen Gründen kann man durchaus sagen, dass die Vorstellungen eines ewigen, unveränderlichen "Ichs" eine Illusion ist.

Kommentar von Tront1888 ,

Ich finde deine Antwort sehr gut. Spannend ist, dass du davon ausgehst, dass Materie Geist erschafft. In der Quantenphysik wurde aber belegt(?) oder es wird davon ausgegangen, das Geist Materie erschafft. Was sich so esoterisch liest, sind einfach wissenschaftliche Belege. Im Endeffekt meint man, dass das Universum ein großer Geist ist und unsere Gehirne eigentlich eher wie Antennen funktionieren. Auch das Thema Quantenphilosophie ist in der Hinsicht interessant. Ja, das klingt wirklich sehr esoterisch, aber es ist eine Wissenschaft die beweist, dass unsere physikalischen Gesetze auf der Mikroebene nicht mehr greifen. Stichwort: "Ursache und Wirkung". http://www.ipn.at/ipn.asp?AKB

Kommentar von Enzylexikon ,

Ich bin kein Physiker, aber meines Wissens nach sind zumindest einige Konzepte der Quantenphysik bislang nicht vereinbar mit der Relativitätstheorie.

Sie sind damit zwar wissenschaftliche Erklärungsversuche, aber eben keine nachgewiesenen physikalischen Gesetze.

In der theoretischen Physik könnte ich auch behaupten, in einem Paralleluniversum existierte ein zweites Ich von mir als rosa Elefant und möglicherweise könnte man dies sogar durch logische Schlüsse plausibel erscheinen lassen - bewiesen ist es dadurch noch nicht.

Ich muss da immer an den bekanntesten Vertreter der Prä-Astronautik, Erich von Däniken denken. In seiner Fernsehserie war der markanteste Satz "nehmen wir einmal an..."

Ja, annehmen kann man viel, plausibel ist auch vieles - aber so lange der Widerspruch zu bislang geltende Lehren nicht geklärt und letztere als Irrtum widerlegt werden, bin ich da skeptisch.

Bereits jetzt sind ja "Schwingung", "Energie" und "Quanten" beliebte Begriffe im Bereich der Esoterik und man muss dann schon darauf achten, wie seriös die gemachten Behauptungen tatsächlich sind.

Vielleicht noch eine andere Denkrichtung

Kann es nicht sein, dass wir unser "Ich" so wichtig nehmen, das wir unbedingt glauben wollen, dass es in Form einer Seele, oder eines Astralkörpers unserem materiellen Selbst übergeordnet ist?

Für das Ego ist die Vorstellung, nur das Ergebnis eines Biocomputers (Gehirn) zu sein, sicher nicht sehr schmeichelhaft.

Vielleicht haften viele Menschen deshalb so sehr an spirituellen Theorien von ewiger Seele und Jenseits, weil es zu ego-demütigend wäre, sich mit der Möglichkeit zu befassen, dass mit dem Tod des Gehirns vermutlich alles vorbei ist und nichts mehr bleibt?

Ich bin jedenfalls kein Philosoph oder dergleichen, sondern ein Erfahrungsmensch.

Ich mache meine Erfahrungen mit diesem Körper, in dieser Welt und durch die Praxis der Meditation glaube ich, die Dinge klarer zu sehen, als es mir durch ständige Bewertung möglich wäre.

Kommentar von Tront1888 ,

Dass es auf der Mikroebene einen objektiven Zufall gibt, ist bewiesen. Auch vieles andere. Es sind eben keine Erklärungsversuche der Quantenphysiker. Eher die "normalen" Physiker versuchen eine Erklärung zu finden, wie es eine Wirkung ohne Ursache geben kann, um ihr Modell zu retten. http://www.spektrum.de/rezension/quanten/1046822

Glaubst du als Zen-Buddhistin eigentlich an etwas Spirituelles, Wiedergeburt usw.? Oder ist für dich alles Materie und nach dem Tod ist es vorbei? Ist das generell im Zen-Buddhismus so?

Kommentar von Enzylexikon ,

Der Zen-Buddhismus macht praktisch keine Aussagen über irgendein Jenseits, oder höhere Seinsebenen. Auch die Vorstellung der Wiedergeburt ist dabei von untergeordneter Bedeutung.

Meiner Meinung nach sprechen viele buddhistische Grundsätze gegen die Existenz eines Gottes, oder einer ewigen Seele.

Kernelement des Zen ist die Betonung des "Hier und Jetzt" und der konkreten Praxis in der Gegenwart. Im Soto-Zen gibt es den Grundsatz, dass die Praxis des Zazen bereits die Verwirklichung der Erleuchung ist und Zielstreben uns nur von der konkreten Erfahrung entfremdet.

Daher spielen irgendwelche komplexen spirituellen Theorien über Chakras, Lichtkörper usw. für mich persönlich keine Rolle, sondern ich sehe sie eher als Hindernis an.

Was die Wiedergeburt angeht, so folge ich einer Interpretation, die beispielsweise auch vom japanischen Mönch Shohaku Okumura gelehrt wird.

Demnach sind die sechs Daseinsformen der Wiedergeburt lediglich symbolische Darstellungen für unsere jeweils dominierende geistige Grundverfassung.

Höllenwesen fügen sich gegenseitig Leiden zu und quälen sich, ohne dadurch etwas dauerhaftes zu erreichen. Solch ein Verhalten können wir teilweise täglich im Fernsehen sehen.

Hungrige Geister wollen immer etwas besitzen, doch egal wie viel sie erhalten, es reicht ihnen nie. Sie zeigen extremes Konsumverhalten.

Tiere sind ihr ganzes Leben lang am Arbeiten. Nahrung suchen, Revier verteidigen, Partenersuche, Kinder aufziehen - sie arbeiten ihr ganzes Leben lang

Asuras, kämpfende Dämonen, gehen auf einen altindischen Gott der Gerechtigkeit zurück. Sie streiten ständig und wollen immer Recht haben. So haben sie nie Frieden.

Menschen sind nicht so leicht befriedigt wie Tiere, denn sie denken an die Zukunft, wollen ihre Zukunft absichern, vorsorgen, Erfolge haben, sie haben Zukunftsangst.

Himmelswesen/Götter haben alle Wünsche erfüllt, doch sie neiden einander den Wohlstand, haben ständig Angst ihn zu verlieren, oder ausgenutzt zu werden. Dadurch sind sie einsam.

Ich denke, wir kennen alle irgendwelche Menschen in unserem Umfeld, die in einer dieser Daseinsformen leben.

Im Rahmen der Wiedergeburtstheorie beschließt beispielsweise irgendwann eine Person, die bislang nur für den Lebensunterhalt arbeitete (Tier) nun Karriere zu machen und etwas zu erreichen (Mensch). dieser Mensch setzt sich mit Ellenbogen durch (Asura) und wird ein mächtiger Manager (Himmelswesen).

In Wirklichkeit ist diese Wiedergeburtstheorie  also lediglich eine Beschreibung unseres gegenwärtig vorherrschenden Bewusstseinszustands.

Diese Erklärung passt meiner Meinung nach zu den anderen Lehren des Buddha, denn er lehnte es stets ab, über metaphysische Dinge zu sprechen.

Er begründete es damit, dass es einfach Dinge gibt, die wir nicht wissen können und die exzessive Beschäftigung mit diesen unbeantwortbaren Fragen, diese extreme intellektuelle Kopflastigkeit oder übertriebene spirituelle Suche könne sogar zum Wahnsinn führen

Daher halte ich diese Erklärung der Wiedergeburt für viel mehr in Übereinstimmung mit den Lehren des Buddha, statt die komplizierten Tulku-Systeme wiedergeborener Lehrer in Schulen des tibetischen Vajrayana-Buddhismus.

Kommentar von Tront1888 ,

Vielen Dank, für deine ausführlichen Antworten. =) Und was hältst du vom Theravada-Buddhismus?

Kommentar von Enzylexikon ,

Ich respektiere den Theravada-Buddhismus als Grundlage späterer buddhistischer Strömungen und habe auch keine Vorbehalte gegen Sangha-Mitglieder des Theravada.

Allerdings sind mir einige Aspekte - etwa das Ideal des Arhat - zu konservativ und in gewisser Weise auch nicht selbstlos genug, um für mich attraktiv zu sein.

Antwort
von Suboptimierer, 22

Ich denke, es wird so etwas gemeint sein wie dass man sich nur so sieht, wie man sich sehen will. Das Ego ist nichts physisches, sondern entsteht im Kopf. Es entspringt der Vorstellungskraft.

Das Ego, das Ich existiert (→ "Ich denke, also bin ich"), nur kann man es nicht zu fassen bekommen. Wir können es weder bildhaft, noch sprachlich ausdrücken.

Antwort
von TheCrafter5455, 11

Hm, schwer zu erklären, ich hab mal dazu ein Youtube Video gesehen, ich fand es sehr interesant, kann ich nur empfehlen!

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community