Frage von FrauFriedlinde, 154

Was ist los, wieso bin ich so eiskalt?

Meine Mutter (76) liegt im Sterben und ich empfinde gar nichts. Es ist genauso, als wenn jemand Fremdes im Sterben liegt. Achselzucken... Passiert halt. Zur Vorgeschichte : die ersten 5 Jahre meines Lebens wuchs ich in einer Bilderbuchfamilie auf. Dann wurde mein Vater Alkoholkrank und es gab mehrfach traumatische Erlebnisse. ZB Schoss er auf mich (2 mal), und nur weil er betrunken war, traf er nicht. Einmal ist er im Auto ausgerastet und schleuderte mit dem Wagen durch die Gegend, meine Mutter und ich saßen drin, wir dachten, er bringt uns um. Meine Mutter verließ ihn und zunächst wurde alles besser. Aber dann fing sie an uns Kinder zu vernachlässigen. Sie ging zB auf Party, Nachts und weil wir nachts nicht alleine sein könnten mit 5 nahm sie uns mit und stellte das Auto auf irgendeinen Parkplatz und sperrte uns da ein. Wir hatten schreckliche Angst. Das Jugendamt war oft bei uns, unternahm aber nichts. Meine Mutter wurde immer aggressiver und schlug meinen Bruder brutal. Wir Mädchen mussten zusehen. Mein Bruder kam dann ins Heim und es war ein paar Jahre ganz gut, aber als ich 14 war schlug meine Mutter dann mich. Total grundlos. Wir waren keine schwierigen Kinder, aber sie hat mich grün und blau gehauen und beleidigt und unterdrückt! Mit 16 bin ich dann ausgezogen und nach einer Zeit wo ich total abgedriftet war bekam ich mein Leben im Griff, hatte Karriere gemacht und so. Mit 23 hatte ich wieder Frieden geschlossen mit meiner Mutter und wir hatten eine ganz gute Zeit. Aber sie konnte das beleidigen und entwerten nicht lassen, sie fand immer etwas schlechtes, so dass besuche  immer schwerer wurden. Sie trampelte unglaublich auf meinem Selbstvertrauen herum, mir ging es immer schlechter ( psychisch). Dann hatten wir einen Riesenstreit und dann hatte ich keine Lust mehr. Ich konnte nicht mehr. Ich wollte sie nicht mehr sehen und von da ab lebte ich auch deutlich auf. Nun wird sie vermutlich in einigen Wochen oder auch kürzer von uns gehen. Und mir ist es egal. Ich könnte heulen, weil ich so kalt bin, es ist ja immerhin meine Mutter. Aber ich kann nicht. Alle sagen ich soll mich aussöhnen noch vorher. Aber es währe nur Heuchelei. Sie hat mir soviel angetan ( ist noch mehr passiert, als das was ich hier schrieb). Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich hab nur kurz Zeit, das zu entscheiden.

Antwort
von Bluemeli99, 35

Das du momentan so kalt bist, ist verständlich, nach alldem was passiert ist. Da wird jeder so reagieren, wie du, mach dir deshalb keine Vorwürfe! Wahrscheinlich bist du hin und her gerissen zwischen zwei Gefühlen: Einerseits, dass diese Person, die dir so viel schlimmes angetan hat, "endlich" geht und du nie mehr Probleme mit ihr bekommst. Andererseits weißt du auch, dass es deine Mutter ist. Deshalb bist du hin und her gerissen und weißt nicht, welchem du nachgeben sollst und deshalb stellt du dich auf kalt. Du überlässt es sozusagen dem Schicksal, weil du dich nicht entscheiden kannst. Das ist aber eine normale Schutzreaktion des Menschen in solchen Situationen.

Aber jetzt überlege mal: Welchem Gefühl willst du nachgeben? Nur dann lässt du deine Gefühle raus und du bist ihr gegenüber nicht mehr kalt.

1) Wenn du die ganze Vorgeschichte versuchst zu vergessen und nur daran denkst, dass sie deine Mutter ist, wirst du ihr jetzt was vorspielen müssen. Aber sie wird wahrscheinlich auch nicht mehr so aufbrausend sein, sondern dich verstehen und es bewundern, dass du den Schritt nochmal machst, denn sie kann es wahrscheinlich nicht mehr. Ihr könnt ein ruhiges Ende nehmen, vielleicht auch darüber reden, wenn sie es anspricht. Sie könnte sich bei dir entschuldigen, wäre das nicht gut es zu hören? Denn ihr Leben ging vermutlich mehr den Bach herunter als deines, sie sieht in sich die Schuld und das macht sie wütend und so weiter....Ich kann mir vorstellen sie war in einem Teufelskreis und hat sich selber dafür gehasst und nie den Schritt gewagt, es dir zu sagen, denn dann zeigt sie Schwäche...Nur du kannst sie und dich davon befreien. Ihr könnt in Ruhe Abschied nehmen. Du wirst zwar schlechte Erinnerungen an sie haben, aber du wirst auch den letzten Moment nicht vergessen.

2) Du gehst nicht zu ihr und begründest es mit der Vorgeschichte. Du willst dich nicht mit ihr versöhnen, weil sie dir so viel schlimmes angetan hat. Das willst du sie spüren lassen. Mal ehrlich: Ist das fair einem Menschen, der im Sterben liegt so zu ignorieren, egal was er angerichtet hat? Vesetz dich in ihre Position und überlege, wie du dich fühlst, wenn deine Tochter dich so behandelt. Findest du das Gefühl gut? Oder würdest du dir nicht wünschen, dass deine Tochter den Schritt macht und dich ein letztes Mal besucht? Und wenn du nicht hingehst,  wird es dich dein Leben lang begleiten, dass du diesen Schritt nie getan hast, du wirst immer Schuldgefühle haben, dass du den Versuch nicht unternommen hast. Denn sie kann es nicht, es liegt in deiner Verantwortung, wie ihr euch trennt. Willst du dir diese Schuldgefühle ein Leben lang zumuten? Du kannst es nie wieder gut machen, du hast nr diese kurze Zeit noch. Willst du nicht einmal einen Versuch wagen, euch zu versöhnen? Wenn es nichts war, dann kannst du dir später immer sagen, du hast es versucht und sie wollte nicht. Du hast damit ihr die Entscheidung gegeben, wie ihr euch trennt. Du hast deine Verantwortung an sie abgegeben und es liegt nun an ihr wie es weitergeht und nicht an dir.

Ich weiß es aus eigener Erfahrung wie es ist, wenn ein engverwandter plötzlich stirbt und das letzte Gespräch ein Streit war....Es ist bald 5 Jahre her und ich mache mir immer noch Schuldgefühle, dass ich damals nicht den Mut aufgebracht habe zu ihr zu gehen. Ich weiß nicht, ob ich dieses Gefühl jemals wieder wegbekomme. Im Nachhinein hätte ich alles machen müssen, um ein anderes Ende zu bekommen, doch ich habe es nicht gemacht und dafür hasse ich mich selber. Es lag in meiner Verantwortung, die Person konnte es auch nicht selber tun, doch ich habe es nicht getan...Mach diesen Fehler nicht, egal wie die Vorgeschcht war. Es wird dich ein ewig begleiten und dich von innen her zerstören, mehr als du denkt. Ich denke jetzt noch jeden Tag an diese Person....

Antwort
von skogen, 55

Versuch deine Mutter zu verstehen! Ich bin mir sicher, dass sie auch traumatisiert und überfordert war/ist!

Vielleicht hasst sie sich dafür, euch nie ihre Liebe gezeigt zu habe? Sie konnte es bestimmt einfach nicht. Sie hat halt Fehler gemacht. Aber mit deinen Vater hatte sie bestimmt auch viel Stress und dass ihre Vorstellungen von einer perfekten Familie zerbrochen ist, tut dem Herzen auch nicht unbedingt gut.

Versetz dich mal in ihre Lage.

Liebe Grüße

Kommentar von Goodnight ,

Super Idee, auf die Opfer auch noch Druck machen. Vernachlässigte Kinder müssen niemals Verständnis aufbringen für Vernachlässigung und Misshandlung!

Kommentar von Bluemeli99 ,

Das ist kein Druck, sondern die Wahrheit. Man muss im Leben auch vergeben können, denn niemand ist perfekt! Auch wenn ihre Mutter schlimmes getan hat, muss man nach 30-40 Jahren vergeben können

Kommentar von skogen ,

Ich bin auch schwer misshandelt worden und hasse meine Eltern, und trotzdem hab ich Verständnis! Natürlich macht das nichts Gut und das ist auch kein vergeben! Sie selbst hat gesagt, sie fühlt sich doof, weil sie nicht traurig ist - also soll sie sich das mal ausprobieren. Meine Therapeutin hat mal gesagt, dass man nur glücklich wird, wenn man vergibt oder weit weg geht und es akzeptiert. Ich hab das zweite getan. Anzeige, Rache, Neu anfangen.

Antwort
von sol88, 38

Ich kann dich gut verstehen und das war bestimmt richtig schrecklich für euch,aber wenn sie bald stirbt würde ich versuchen das geradezubiegen,nicht für die sondern für dich! Du würdest es glaube ich später bereuen wenn du so von ihr Abschied genommen hast.Aber dann ist es zu spät.

Kommentar von Tursikussi ,

Dem ist nichts hinzuzufügen und jedem Wort pflichte ich bei. Ich habe es ihr auch gesagt und eine negative, meinen Rat wertende Antwort erhalten. Ich könnte mir auch vorstellen, dass sie eigentlich hingehen möchte, aber zu feige ist. Dann hört man sich manchmal nach Stimmen um, die einem recht geben. Aber manche Dinge muss man alleine entscheiden, denn man muss alleine mit den Folgen leben - da kann das Leben gnadenlos sein. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass wenn man den ersten Schritt macht, man mit viel Entgegenkommen belohnt wird, vielleicht noch mehr als man erwartet hätte. Ich wünsche Dir, liebe Frau Friedlinde, dass du den Mut aufbringen wirst, deine Mutter im Krankenhaus zu besuchen - du wirst nachher ein freierer Mensch und zu Recht ein bisschen stolz auf dich sein, denn du hast dich selbst überwunden und bist dadurch gewachsen. Außerdem wirst du deiner Mutter auf ihre letzten Tag ein großes Geschenk machen, von dem du für den Rest deines eigenen Lebens etwas haben wirst. Lass dir das gesagt sein und dich nicht von Leuten, die mit ihren eigenen Verletzungen noch zu beschäftigt sind zu Härte und Kälte raten, hinter denen sich nur Schwachheit und Feigheit versteckt. "Fürchtet euch nicht!" sagt der Engel zu den Hirten auf dem Feld. Wie sehr jeder Mensch diesen Satz braucht! Möge er bei dir ankommen!

Antwort
von Bluemeli99, 18

Sie bedeutet dir etwas, sonst würdest du dir die Frage nicht stellen, warum du kalt bist. Deshalb würde ich sie an deiner Stelle besuchen gehen, denn sie ist dir nicht egal und du wirst es später bereuen. Klar es entschudigt nicht ihr Verhalten, aber sie ist trotzdem deine Mutter und in einem kleinen Flecken deines Herzen bedeutet sie dir etwas

Antwort
von Cinder67, 44

Ich würde ihr auch nicht verzeihen. Nur weil jemand stirbt, macht ihn das nicht zu einem besseren Menschen, der Vergebung verdient hat.

Antwort
von Goodnight, 54

Deine Mutter ist in dir schon viel früher gestorben. Da hattest du Trauer und Elend. Wo waren denn da die Leute die so schlau daherreden von Versöhnung. Dich zu drängen hilft anderen nicht dir. Die können gar nicht nachvollziehen was du erlebt hast. Deine Reaktion auf das was geschehen ist ganz einfach normal.

Kommentar von Tursikussi ,

Und wenn sie es mal bereut - wirst DU da sein, und sie trösten und ihr sagen, sie hätte alles richtig gemacht?

Kommentar von Goodnight ,

Gerne! 

Sie wird es nicht bereuen. Gefühle kann man nicht an und an knipsen wie es das Umfeld gerne sehen möchte.

Jedes Gefühl beim Sterben von Eltern Freunden etc. ist ok. Werturteile anderer braucht es nicht, die schaden nur. 

Kommentar von Bluemeli99 ,

Sie wird es bereuen, ich spreche aus Erfahrung

Kommentar von Goodnight ,

Misshandelte und Vernachlässigte Kinder bereuen das nicht, dazu gibt es keinen Grund. Die waren traurig als sie sie verloren haben, nicht dann wenn sie sterben. Meine Erfahrung.

Menschen zum Verzeihen und Trauern zu drängen hinterlässt schwere Schäden.

Kommentar von Tursikussi ,

Ich spreche aus einer Erfahrung, die ich hätte machen können und heute dankbar dafür bin, dass ich mich anders entschieden habe.

Antwort
von Lumpazi77, 53

Dass Du die Vorkommnisse nicht vergessen kannst ist klar. Jetzt aber solltest Du verzeihen und Dich mit ihr versöhnen. Tust Du das nicht, wird es Dich den Rest Deines Lebens belasten !

Kommentar von Goodnight ,

Falsch, die se Theorie ist längst überholt, sie schadet den Opfern. Es geht auch nicht ums Verzeihen in der Frage, sondern um Trauer die nicht da ist. Die Reaktion der Fragestellerin ist völlig normal und verständlich.

Kommentar von Lumpazi77 ,

Die Lebenserfahrung sagt das aber ganz anders. Das habe ich im Bekanntenkreis schon öfters erlebt.  Deine Theorie ist für die Tonne.

Kommentar von Goodnight ,

Also keine persönliche und keine berufliche Erfahrung! Deine schon längst veraltete Theorie richtet massiven Schaden an.

Kommentar von Lumpazi77 ,

Goodnight, sag mal kannst Du nicht lesen, oder verstehst nicht was ich geschrieben habe? Deine "Lehrbuchmeinung" richtet Schaden an !

Kommentar von Tursikussi ,

Trauer, die "nicht da ist", kann trotzdem existieren und noch viele Jahre später ganz überraschend an die Tür klopfen. Manchmal bringt sie noch jemanden mit - die Reue. Noch hat die FS Zeit - und dass sie sie im Grunde gerne richtig nutzen möchte, beweist ihre Frage hier. Es geht bei ihr im Moment weniger um die Trauer (es macht ihr niemand einen Vorwurf, dass sie die nicht empfindet), als um ihre grundlegende Pflicht als Tochter, sich um ihre sterbende Mutter zu kümmern auf irgendeine erkennbare Art und Weise. Tut sie es nicht, wird sie sich höchstwahrscheinlich später damit auseinandersetzen müssen. Jetzt wäre besser - für ihre Mutter und für sie.

Antwort
von pilot350, 66

Sag mal Du bist doch schon bestimmt 50 Jahre alt und du fragst in einem Forum wo das Durchschnittsalter gerade 14 ist. Meinst Du doch wohl nicht ernst.

Kommentar von Hope124 ,

ich glaube nicht das sie 50 ist

Kommentar von pilot350 ,

Na die Mutter ist 76, da wird sie ja wohl nicht jünger als 30 sein.

Kommentar von Tursikussi ,

Ja, aber das ist nur die Abteilung "Ich liebe ein Mädchen, liebt sie mich auch...?" oder "Bin ich/ 16 vielleicht schwul?"... es gibt bei den 2 Mio Nutzern schon noch andere Teilnehmer. Ich habe, nebst "Kleinkram" schon mal einen wirklich hilfreichen Rat bekommen, den ich auch umgesetzt habe - und diese Person war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlilchkeit über 14.

Kommentar von FrauFriedlinde ,

Seit wann ist hier das Durchschnittsalter 14? Das betrifft wohl eher die Art der Fragen!

Antwort
von Tursikussi, 46

Hallo. Es ist dir jetzt egal. Wenn es zu spät ist, wird es für immer zu spät sein, kann es labilen und zu leichten Depressionen neigenden Menschen, zu denen du meiner Einschätzung nach gehörst, psychische Probleme bereiten - Reue, für deren Linderung es dann nur noch einen Psychiater oder Seelsorger gibt, kann einem sehr zusetzen. Niemand kann dich zwingen, deine Mutter zu lieben (obwohl ich nicht glaube, dass sie euch völlig grundlos geschlagen hat und ihr die reinen Engelchen wart - aber das dahingestellt) - ABER tu die nächsten Wochen noch wenigstens das Allernötigste für sie (besuchen und ihr das Gefühl geben, dass sie dir nicht egal ist) - sonst wirst du es später bereuen, und wenn es erst nach Jahren ist. Und ich sage dir - das Gefühl des unwiderruflichen Zu spät könnte dich einmal bittere Tränen weinen lassen, besonders, wenn du an die guten Zeiten mit ihr zurückdenkst. Es ist ein tausendmal schöneres Gefühl, sich ruhig und reinen Gewissens sagen können: ich habe meine Möglichstes getan oder ich habe es wenigstens versucht, es ist mir vielleicht nur teilweise gelungen, aber ich brauche mit keine Vorwürfe zu machen. Ich drücke dir die Daumen! PS: das mit dem Parkplatz zeigt, dass ihr ihr nicht völlig egal wart. Sie wollte euch in der Nähe haben, sonst hätte sie euch einfach zu Hause gelassen.

Kommentar von Goodnight ,

Einfach ungeheuerlich dein Text!

Kommentar von Tursikussi ,

Was findest du daran ungeheuerlich?

Kommentar von FrauFriedlinde ,

Ich bin auch gerade ziemlich entsetzt über dein Schreiben! Eine Mutter, die ihre Kinder schlägt, gehört aufs Schärfste verurteilt! Selbst wenn die Kinder keine Engelchen waren! Und eine Mutter, die ihre Kinder während eines Discobesuches ins Auto sperrt ist unter Garantie keine gute Mutter. Ich kann es gerade nicht glauben, was du schreibst!

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