Frage von AnselmVomBach, 70

Was ist göttlich, oder ab welchem Punkt werde ich vom Atheisten zum Agnostiker/Gläubigen?

Ist eine "Ur-spannung/-energie", ein BigBang welcher aus "Nichts" Alles macht schon göttlich?

Angenommen der gemeine Atheist beruft sich auf "die Wissenschaft", so kommt er doch bei aktuellem Wissensstand bald an seine Grenzen, wenn es um den Ursprung alles Seins geht. Wird dann alles was hinter dieser Grenze liegt göttlich, angenommen natürlich er erkennt ein Sein hinter diese Grenze an? Klar gibt es wissenschaftliche Theorien darüber, aber es sind eben nur Theorien. Und ja, in der Wissenschaft ist alles nur Theorie bis es an jedem einzelnen Fall bewiesen wurde- ergo alles ist Theorie,- aber es soll hier um wirkliche theoretische Wagnisse gehen.

Sind diese Theorien, gestützt nur durch logische Modelle ohne stochastische Beweisführung, nicht auch eine Art Glauben, und wird der selbsterkorene Atheist, wenn er an diese "glaubt", dann nicht auch zum Gläubigen oder wenigstens Agnostiker?

Ein vielleicht blödes Beispiel, aber es sollte die Sache verdeutlichen: Ist Sheldon Cooper aus der Serie"The Big BangTheory" , wenn er die String Theorie aus dem Brustton der Überzeugung verteidigt und dafür einsteht, nicht auch nur ein Gläubiger einer "göttlichen Sache"?

Ich hoffe man versteht was ich meine und ich freue mich auf konstruktive Kritik an meiner Darstellung des Göttlich (oder wie auch immer), Aufklärung und/oder eine interessante Diskussion. Ein mich dahinschmetternder Einzeiler hätte wohl auch etwas für sich. :D

mfg Jakob

Antwort
von Digarl, 32

Schöne Frage.

Wenn du eine Abstimmung mit 10 Personen durchführst wirst du sicher ein sehr gespaltenes Ergebnis erhalten. Das liegt vermutlich daran weil du es so gut erklärt hast. Würde die Abstimmung allerdings stattfinden wenn du nur fragst:"Sind Anhänger von wissenschaftlichen Theorien, welche nicht an Gott glauben, eigentlich noch Atheisten" würden die meisten wohl dafür abstimmen, dass sie Atheisten sind.

Der große Unterschied ist ja, dass Physiker, Chemiker, Biologien (vor allem letztere beiden) sehr viele Belege haben. Da Physiker aber meist tiefer in die Materie gehen als es z.B. ein Genforscher tut wird dieser logischerweise auch schwerer an Belege kommen. Doch im Gegensatz zu den meisten Religionen sind Theorien wie z.B. die von dir angesprochene "Stringtheorie" nichts, was versucht alles gleichzeitig zu erklären. Außerdem sind sie auch nur solange denkbar, wie sie das Gesamtbild der bisher bewiesenen Thesen nicht stören, am besten ergänzen sie es. Also wenn die Stringtheorie jetzt mit einer bewiesenen Theorie aneinander raten würde und diese Theorien widersprechen sich, würde man vermutlich die bisher bewiesene Theorie noch einmal prüfen. Wenn diese sich wieder beweisen lässt könnte man die Stringtheorie als widerlegt abstufen und sich somit mit neuen Dingen befassen.

Ein religiöser Mensch forscht nicht um seinen eigenen Glauben zu untergraben, wäre ja auch ziemlich kontraproduktiv in diesem Kontext. Ein Wissenschaftler riskiert es allerdings jeden Arbeitstag, seine eigene These oder jene These die er angehört zu widerlegen. Wissenschaftler glauben also nicht wirklich an die einzelnen Theorien, solange es nur Theorien sind. Sie wollen sie beweisen, doch bis dieser Beweis gefunden ist wissen die Wissenschaftler das es sich lediglich um Theorien handelt. Ein religöser Mensch hält Gottes Existenz für einen Fakt, dass tuen die meisten Physiker mit ihren Theorien meist erst dann, wenn jene Theorien bewiesen wurden. 

Antwort
von rolfmengert, 4

Du hast Dein Problem sehr differenziert dargestellt, so dass ich meine, man sollte einige Mühe für einen Kommentar aufbringen.

Bedenke zunächst, dass die sog. "positiven Wissenschaften" ihre Erkenntnisse immer statistisch absichern. Also die begründenden Experimente sollten definitionsgemäß von jeden fachlich kompetenten Experimentator unabhängig von Ort und Zeit unter näherungsweisen gleichen Rahmenbedingungen zu weitgehend identischen Ergebnissen führen. Wenn also zwei Experimentatoren im Labor jeweils einen Schwingkreis mit einer bestimmten Kapazität und einer ebenfalls bestimmten Induktivität aufbauen, sollten sie bei gleichen Spannungen die gleiche Resonanzfrequenz messen können. Dass sie dieses Ergebnis unter gleichen Bedingungen auch in 100000 Jahren wieder ermitteln werden, ist ihre feste Annahme, ihr "wissenschaftlicher Glaube". 

Vollständig anders ist jedoch der Glaube religiöser Menschen beschaffen. Sie haben lediglich Deutungen bestimmter wundersamer Ereignisse oder Berichte von solchen Ereignissen vorliegen, die von unterschiedlichen Menschen je nach ihrem Bekenntnis und den anderen  biografischen Kenndaten  total divergent bewertet werden. Ihr Glaube ist ein diffuses Konglomerat von Anmutungen, die sie mehr oder weniger für wahr halten, je nachdem sie sich autoritären Ansprüchen von sog. Wissenden, wie Priestern oder Philosophen und den von ihnen propagierten Schriften unterwerfen können. 

Der Wissenschaftler befindet sich also in einer völlig anderen Position als der religiöse Mensch. Er hat belastbare Einsichten vor sich liegen. Ein Verbrennungsmotor funktioniert einfach, genauso wie ein Handy. Darüber kann man nicht diskutieren. Das ist keineswegs nur eine Theorie, sondern Realität, und genau daran glaubt auch ein Naturwissenschaftler nur.

Ganz anders verhält es sich mit den Deutungsmodellen in den Naturwissenschaften, also den Erklärungsversuchen. Sie unterliegen fast immer einer ständigen Verbesserung oder auch Wandlung. Wenn Thomas Kuhn von Paradigmen spricht, die sich in der Zeit wandeln würden, dann bezieht er sich immer nur auf die Deutungen, nicht auf die Fakten. Wie man also die Ursache des Drehimpulses von Elementarteilchen deutet, darüber werden sich die Meinungen in Zukunft sicher noch einige Male wandeln. Und an eine endgültige Lösung solcher Probleme glauben seriöse Naturwissenschaftler auch nicht, obwohl ihnen das wieder und wieder - besonders von Philosophen - vorgeworfen wird. Es ist nach meinem Gefühl eine unerträgliche Arroganz von Theologen und Philosophen, dass sie Naturwissenschaftlern immer wieder Ansichten und Haltungen unterstellen, die diese überhaupt nicht haben. 

Wenn ein Physiker also leidenschaftlich die Stringtheorie favorisiert, dann ist das sein gutes Recht. Er tut dies aber immer in dem Bewusstsein, dass sich in experimentellen Settings in der Zukunft herausstellen könnte, dass die Theorie hochgradig anfechtbar ist und besser fallen gelassen werden sollte. Nur wenn man sich für ein bestimmtes Konstrukt zunächst einmal stark machen will, ist es völlig kontrainduziert, wenn man bei jeder Aussage dazu begleitend anmerkt, dass es aber auch nicht so sein kann, wie man gerade versucht hat zu begründen.

Bilanz: Der Verteidiger der Stringtherie ist kein Gläubiger, sondern ein Mensch, der viele gute Daten zu einer momentan brauchbaren Theorie verdichtet verteidigt. Er fühlt sich als Wissender, weil andere Menschen mit der gleichen Datenlage im Blick zu entsprechenden Einsichten kommen. 

Trotzdem bleiben nur die reinen Fakten sicher, die sich in funktionierenden Systemen niederschlagen - ohne jede theoretische Interpretation. Ich gieße meinen Tee auf und genieße ihn. Theorien über Lösungsenergien, Dampfdruckentstehung und molekulare Bewegungsmomente brauche ich dazu nicht. Wenn ich aber als Physikochemiker darüber umfassende Kenntnisse habe, unterliege ich immer noch nicht einem Glauben, wie ich ihn im dritten Absatz versucht habe deutlich zu machen.

Antwort
von Giustolisi, 11

Angenommen der gemeine Atheist beruft sich auf "die Wissenschaft", so kommt er doch bei aktuellem Wissensstand bald an seine Grenzen, wenn es um den Ursprung alles Seins gehtDarum geht es beim Atheismus, nämlich einfach seine Grenzen anzuerkennen. Ein Atheist kennt den Ursprung des Seins einfach nicht und hat auch nicht das Bedürfnis, diese Lücke mit Fantasiegestalten zu füllen.
Als Atheist muss man mit unbeantworteten Fragen umgehen können.

In der Wissenschaft gibt es Hypothesen, Theorien und Fakten. Der Unterschied zu den Gläubigen besteht darin, dass Theorien auch wenn sie nicht belegt sind, zumindest schlüssig sein müssen, will man sich als Wissenschaftler nicht blamieren. Man muss sie logisch herleiten.
Bei den Gläubigen muss nichts schlüssig sein.

Antwort
von Andrastor, 31

Wissenschaftler glauben nicht und niemand der Wissenschaft ernst nimmt "glaubt" an sie.

Es gibt Theorien und Thesen. Wer Wissenschaft ernst nimmt, kann sich verschiedener Theorien anschließen, oder sie ablehnen, jedoch niemals an sie glauben oder nicht daran glauben.

Betrachtet man sich selbst als Mensch der Wissenschaft, so muss man sich zwangsläufig damit auseinandersetzen widerlegt werden zu können. Neue Erkenntnisse können die Theorien und Thesen denen du dich angeschlossen hast widerlegen und dann musst du dich damit abfinden können.

Genauso wie du dich damit abfinden können musst Unwissen zuzugeben. Jedoch bedeutet ein mangelndes Wissen oder mangelnde Erkenntnis um eine Sache nicht dass ein göttlicher Einfluss dahinter steckt. Sie zeigt nur dass man noch auf diesem Gebiet zu lernen hat.

Sheldon Cooper ist eine fiktive  Figur, ich würde derartige Figuren keinesfalls als Beispiel anführen.

Antwort
von Dogvahkiin, 13

Interessanter Ansatz. 

Aber für mich ist ein fester Glauben, in die Nicht-Existenz eines göttlichen Wesens kein Glauben sondern einfach Atheismus. Das sehen die Hardcore-Philosophen vielleicht anders, denn warum einfach machen, wenn es schwer geht ^^

Aber wenn einer denkt, dass seine Theorien, vielleicht hinfällig sind, oder sich zumindest eingesteht, dass er sie nicht beweisen kann, dann ist er entweder eine theistischer Agnostiker (ich glaube an Gott, kann ihn aber nicht beweisen) oder ein atheistischer Agnostiker (ich glaube nicht an Gott, kann ihn aber auch nicht widerlegen).

Peace

Antwort
von Grautvornix16, 19

Hi,- vorab der von dir befürchtete Einzeiler: "Ich weiß, dass ich nichts weiß und deshalb glaube ich auch nicht, etwas zu wissen (Platon). :-))

Ja, Rationalität ist unser einziges Mittel, zu "wissen" aber dabei immer auch die (aktuellen) Grenzen von Wissen zu "wissen" ohne zukünftige Erweiterungen von Wissen grundsätzlich auszuschließen.

Rationalität ermöglicht uns eben sowohl Wissen als auch ein kritisches Verständnis des Begriffes selbst,- also Prozesse des Verstehens zu verstehen.

Und: Ja, natürlich,- auch Wissenschaftler können zu "Gläubigen" werden, wenn sie Wissen mit Gewißheit verwechseln und damit zum Dogmatiker in eigener Sache werden. (das hat aber meistens ganz irdische Gründe).

Und es ist Aufgabe, Auszeichnung und stolzes Selbstbewußtsein eines aufgeklärten Wissens zugleich, es nicht nötig zu haben, sich selbst gottgleich als absolute Gewißheit von Irgendwas und aus welchen Motiven auch immer präsentieren zu müssen.

Deshalb haben hier weder Religion noch dogmatische Wissenschafts-"Gläugigkeit" Platz - nur Freiheit im Denken und ein rationaler Geist, der sich bei seinen Entscheidungen der Vernunft verpflichtet fühlt und dabei weiß, das er in seinem Wissen (wahrscheinlich) immer unvollständig sein wird und deshalb kein Gott ist mit Anspruch auf absolute Wahrheit.

Und bis zum Beweis des Gegenteils wäre alles andere krank und eine Frage der Psychologie.

Gruß

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