Frage von Happiness88, 37

Was ist eigentlich unter filmischer Bildkompetenz zu verstehen?

Stefan Maeger hat dazu geschrieben, dass es erprobende Rollenübernahme, İdentifikation und die Auslotung des eigenen narrativen Selbst unter fiktiv veränderten Rahmenbedingungen impliziert. weiterhin bedeutet es die Fähigkeit sich angesichts fremder, auch kultur- und epochenfremder Rollenverständnisse in seinem eigenen kritisch zu hinterfragen. Wie soll ich das verstehen? Ich habe echt grosse Schwierigkeiten zu verstehen, was Maeger hiermit genau zu sagen versucht.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von berkersheim, 16

Der Kernbegriff ist Kompetenz. Dazu schreibt Wikipedia
(bezogen auf das Fachgebiet Pädagogik):

„Gemeint ist die Fähigkeit und Fertigkeit, in den genannten Gebieten Probleme zu lösen, sowie die Bereitschaft, dies auch zu tun. Im erziehungswissenschaftlichen Kompetenzbegriff sind also sachlich-kategoriale, methodische und volitionale Elemente verknüpft, einschließlich ihrer Anwendung auf ganz unterschiedliche Gegenstände. Der Bedeutungskern umfasst Fähigkeit, Bereitschaft und Zuständigkeit.“

Ob sich die Pädagogik mit dieser umfangreich wohlklingenden Definition nicht übernimmt, müssen die Pädagogen untereinander klären. Bezogen auf Bilder gilt zu verstehen oder verständlich zu machen, welch hohe Informationsdominanz in unserer „Bildkultur“ das Bild hat, dem von den meisten Menschen immer noch direkte Realitätsabbildung zugesprochen wird. Nur wenige ahnen, wie schön man mit Bildern lügen kann. Das gilt nicht nur für Gemälde. Das gilt auch für Fotos. Das gilt erst recht für das „bewegte Bild“ des Films, das im fertig geschnittenen Film so nahtlos daherkommt, vor allem, wenn die Bildschnitte gut gesetzt sind.

Der Begriff „filmische Bildkompetenz“ verwirrt eigentlich in der Kürze. In Langform müsst es heißten: Kompetenz im Umgang mit bewegten Filmbildern. Umfassender müsste es heißen, Kompetenz im Umgang mit dem Medium Film. Der Unterschied zu einzelnen Bild ist ja, dass im Film nicht ein Einzelbild zur auslegenden Interpretation ansteht, sondern dass im Film mit einer geschickten Anordnung und Folge von Bildern eine Geschichte erzählt wird. Hier wird die Nähe zum Theater deutlich (Film-Theater). Ursprünglich waren ja frühe Filme abgefilmte Theateraufführungen.  In diesem Umfeld werden dann Begriffe wie „erprobende Rollenübernahme, İdentifikation und die Auslotung des eigenen narrativen Selbst unter fiktiv veränderten Rahmenbedingungen“ deutlicher. Da gibt es die Rolle des Schauspielers, die Identifikation sowohl des Schauspielers mit seiner Rolle wie des Betrachters mit der gespielten Rolle des Schauspielers. Theater wie Film wollen etwas erzählen, schaffen dazu „fiktive Rahmenbedingungen“ (Bühnenbild, Filmstudio (so wurde z.B. der Film Casablanca ausschließlich im Studio in Hollywood gedreht, da war nie jemand in Casablanca.)).

Der Film kann uns nicht nur in fiktiv dargestellte Erzählrahmen mitnehmen, er kann auch, wie z.B. der Film „Cleopatra“ mit Elizabeth Taylor, Richard Burton und Rex Harrison in eine längst vergangene Zeit und Kultur mitnehmen und nicht Wenige verlassen nach dem Film das Kino in der Meinung, dass sie jetzt „zu Gast“ im alten Rom und Alexandria waren. Jetzt ist es relativ leicht, Kompetenz dahin gehend zu vermitteln, dass in Cleopatra nur eine dramatisch geführte historische Deutung vorliegt, dass wir in die inneren Beweggründe der historischen Personen, die uns im Film wie selbstverständlich präsentiert wurden, überhaupt kein Wissen haben.

Noch problematischer ist die Bewertung von sog. Dokumentarfilmen, weil der Zuschauer immer nur zwangsweise die Position, die Perspektive und die Ausschnitte der geführten Kamera einnehmen kann. Ob der im Filmschnitt unterstellte Zeitablauf wirklich so war, kann der Zuschauer nicht beurteilen, weil er nicht weiß, wo der Schnitt „springt“, zur Darstellungsabsicht Unpassendes „wegschneidet“.

Kompetenz zum Medium Film bedeutet viel: Fähigkeiten, die Erzählabsicht zu erkennen und evtl. zu durchschauen. Dieser Tage zeigt SAT 1 den Film „Hugo Cabret“. Wie viele Schüler der Philosophie würden erkennen, dass hier stoisches (oder Spinoza) Gedankengut erzählerisch aufbereitet wird? Die Erzählmittel mit ihren fiktiven Potentialen zu erkennen (Ausstattung, Lichtführung, Schnitt, Ton, Trick). Man betrachte „Schein-Dokumentarfilme“ wie die Tierfilme über Pinguine, die uns mit allen Tricks scheinbar in die Lebenswelt der Pinguine hineinziehen, in denen die Pinguine vernehmbar „denken“.

Für den Erzähler bedeutet Kompetenz zum Medium Film die Fähigkeit, eine Erzählabsicht „filmisch“ zu denken und aufzubereiten, was letztlich Kenntnis aller filmischen Möglichkeiten einschließt. Für den Betrachter bedeutet diese Kompetenz, die Absicht zu erkennen und die Mittel, mit denen sie filmisch umgesetzt wurde. Wenn man sich auf GuteFrage viele Äußerungen z.B. zum Film MATRIX anschaut, wird deutlich, wie sehr sich viele von dieser fiktiven Welt gefangen nehmen lassen und im Gegensatz zu einer Sachdarstellung beim Film jede kritische Distanz verlieren.


Kommentar von Saragoza ,

Verehrter Herr :
Wikipedia ist hier recht  fachlich/ sachlich "inkompetent",
oder hast du den Artikel geschrieben? eher zutreffend ist dies hier:

(Sachbezogen-er zudem)

"Auf einer dritten Ebene sind Bilder integraler Bestandteil eines
didaktisch reflektierten Philosophie- und Ethikunterrichts. Bilder als
polyvalente und vage Konstrukte stecken bei genauerem Hinsehen voller normativer Elemente. Diese normative Dimension der Bil-dersprache bezieht sich vor allem auf die expressiven (illokutionären) und appellativen (perlokutionären) Aspekte. Welche Wertnuancierungen werden mit welchen Mitteln transportiert? Unter einer Bildoberfläche von Formen, Farben, Perspektiven oder räumli-chen Figurationen stecken nicht selten mehr oder minder subtile Wertsetzungen in Form von Parteinahme, Kritik oder Provokation. Zum anderen fragen sich die Schüler, wie wirkt
das Bild auf mich? Welche Gefühle löst es in mir aus? Warum reagiere ich so und nicht anders? Was macht das Bild mit mir? Der Blick auf die Bilder ist also ein Blick in den Spiegel. All diese Fragen zielen auf die Fähigkeit zur Selbstreflexion, wohl einer der wichtigsten
Voraussetzungen für eine kritisch-reflexiv geprägte Medienkompetenz, die Schüler davor schützen kann, leichte Opfer von Manipulationen durch Bilder zu werden."

aus:

http://www.information-philosophie.de/?a=1&t=2948&n=2&y=1&c=66


zur eigen-ständigen Beantwortung war also "zu wenig Zeit" vorhanden, das einfach mal "wiki"  beffagt wurde, sehr oberflächlich?

Kommentar von berkersheim ,

@saragoza

Danke für den überflüssigen Hinweis. Wenn man nur den ersten Abschnitt gelesen hat, wo ich zur Definition von Kompetenz Wikipedia zitiere (und kritisiere!), kommt sowas raus. Ich würde mal weiterlesen! Du hast Dich auch von dem Kurztitel "filmische Bildkompetenz" zum Thema Bildkompetenz verführen lassen, das aber mit den in der Frage aufgeworfenen Begriffen keine Berührung hat. Ich habe dann ausdrücklich ausgeführt, dass es hier nicht um Einzelbilder geht, wie von Dir wortreich zitiert. Also, alles lesen und erst dann eine Meinung bilden und nicht gleich zu Anfang eine Meinung haben und den Rest nicht mehr lesen. Das ist schlampig!

Kommentar von Happiness88 ,

Danke danke danke lieber Berkersheim! Perfekter hätte man das echt nicht erklären können! Superlieben Dank dafür 👍👍👍👍👍

Antwort
von Saragoza, 10

Also wie dem auch sei,  dieser Stefan Maeger ist/ steht nicht allein in seiner differnzierten Fragestellung, ( da es sich  um weiter verbreitete Problemstellungen  kritischer Filmanalyse handelt, ebenso, .. )
etwas vereinfacht daher:

1. Das man / frau sich möglichst ebenso kritisch hinterfragt,  was das eigene Verhalten/ Rollen Verständnis angeht, wenn man  filmisch / narrativ besehen, veränderte oder andere / fremde Rollen/ Lebenssituationen betrachtet und sie in "filmischer" Absicht etwa behandelt, oder in filmische Handlungen integriert, (bei Autoren dito recht ähnlich / oder Drehbuchschreibern, etc)
- was aber ebenso oft schief läuft, man/ frau beztrachte nur die mannigfaltig  falsch oder einseitig verstandenen Rollenclichees/ Zuordnungen in Filmen und Serien ( besonders aus "Deutsch-Land", .)?

2. Dieser Punkt ist nur eine erweiterte Folgerung aus, (1.) da es darum geht/ gehen könnte, sich selbst in der eigegen Lebenssituation ebenso (aber das ist nur ein "kritischer" Ansatz/ Standpunkt, in anderem auch  filmischen Verständnis, wird ebenso oft "affirmativ/ bejahend oder nach Geldabsicht gearbeitet, etc) -
sich also dessen bewusst zu sein / zu werden, wie  in anderen Epochen, unter anderen LebensUmständen, in anderen, fremden Lebensituatione agiert wurde, was das  für Folgen und Auswirkungen gehabt haben könnte und wie  man das in Bezug etwa zu eigenem Erleben und eigenen Weltanschauungen ( falls man/ frau  überhaupt welche hat ) setzen könnte,.oder dies auch jene verändert!?

Das ist aber, wie schon betont, eher ein (sozial-) kritischer Ansatz, der nicht unbedingt weit verbreitet ist, derzeit, ..

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