Was ist der Unterschied zwischen Epilepsie und Tics/Tourette?

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4 Antworten

Moin,

lass dich nicht von der landläufigen Meinung, Epilepsie setze grundsätzlich Grand-Mal-Anfälle voraus in die Irre führen.

Zunächst das Tourette-Syndrom: Hierbei handelt es sich um eine Störung, die sich vermutlich auf die sogenannten Basalganglien auswirkt. Dies sind subkortikale (unter der Hirnrinde liegende) Strukturen, bestehend aus dem Nucleus caudatus, dem Putamen und dem Globus pallidus. Zudem werden funktionell auch Teile des Mittelhirns wie die Substantia nigra zu den Basalganglien gezählt, wenn auch dies anatomisch nicht 100%ig korrekt ist. Hier ist es denkbar, dass Autoimmunkörper diese Strukturen angreifen. Diskutiert als auslösender Faktor wird auch eine (genetisch bedingte) Fehlfunktion dopaminerger bzw. serotoninerger Neurone. Symptomatisch sind extrapyramidale Symptome, insbesondere Hyperkinesien. Sichtbar sind meist die von dir angeführten Tics; diese können sowohl einfach als auch komplex ausgeprägt sein, sprich nur scheinbar willkürliche Bewegungen und Lautäußerungen oder komplexe Bewegungsmuster und eben auch Sprache beinhalten.

Epilepsie ist ein Oberbegriff für vielfältige Krampfleiden. Die Ursachen sind zahlreich, darunter z.B. Vererbung, blutige und unblutige Schlaganfälle bzw. allgemein zerebrale Hypoxie, Schädel-Hirn-Traumata, Tumoren, entzündliche Hirnerkrankungen und so weiter und so fort. Epilepsie beschreibt dabei allerdings nicht den Krampfanfall selbst, sondern das Vorhandensein einer Erkrankung des Hirns, die sich (unbehandelt) gehäuft in Krampfanfällen äußert. Hier steht ein Ungleichgewicht des glutamatergen (erregenden) und GABAergen (hemmenden) Systems im Fokus. Die Ausprägungen der Krampfanfälle können vielfältig sein. Am bekanntesten ist der Grand-Mal-Anfall, auch als generalisierter Krampfanfall oder tonisch-klinischer Krampfanfall. Hier besteht Bewusstlosigkeit und zunächst besteht der tonische Krampf, bei dem die Muskulatur stark gespannt ist und bleibt. Diese Phase dauert i.d.R. nur sehr kurz. Gefolgt wird sie vom klonischen Krampf, dies sind die typischen rhythmischen Muskelkontraktionen. Meist sind die Patienten nach abgelaufenem Krampfanfall nur bedingt ansprechbar und sehr desorientiert. Dies ist allerdings nur eine Facette.

Es gibt noch eine Vielzahl weiterer Ausprägungen wie der Petit-Mal Anfall (z.B. Absencen mit Bewusstseinsstörung und kongrader Amnesie), einfach- oder komplex-fokale Anfälle, die mit oder ohne Bewusstseinsbeeinträchtigung nur einen Teil des Körpers betreffen (z.B. Jackson-Anfälle) und so weiter.

Zusammenfassend: Während beim Tourette-Syndrom die Symptome oft permanent bestehen (sofern sie nicht medikamentös unterdrückt werden) besteht bei der Epilepsie nicht permanent ein Krampfanfall, egal ob generalisiert oder fokal. Die Häufigkeit der Krampfanfälle bei Epileptikern variiert stark und wird medikamentös so niedrig wie möglich gehalten, da jeder Krampfanfall das Hirn weiter schädigt.

Beide Themen sind sehr komplex und daher sprengen ausführliche Erklärungen den Rahmen. Darüber hinaus sind die zugrunde liegenden pathophysiologischen Prozesse beider Erkrankungen noch nicht abschließend geklärt. Ich hoffe dennoch, dass ich soweit Einblick verschaffen konnte. Konnte ich deine Frage soweit zufriedenstellend beantworten oder ist noch etwas offen? In dem Fall frag gern nach.

Lieben Gruß ;)

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Kommentar von Negreira
30.11.2016, 10:57

Super Antwort!

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Kommentar von Anonym0978
30.11.2016, 12:12

Ich mag es, wenn Leute antworten die Ahnung haben und nicht Schwachsinn labbern :)
Deine Antwort ist die beste!

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Bei Epilepsie verkrampfen sich ja oft die Extremitäten,bei Tourette nicht. Bei Tourette gibt es Zuckungungen und Rufe oder Schreie.

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Bei Epilepsie hat man Krampfanfälle, Tourette hingegen ist sehr weit gefächert. Das muss´sich nicht unbedingt in Zuckungen oder dem klischeehaften Schreien äußern.

Außerdem sind es bei Epilepsiee, wie gesagt Anfälle, wohingegen das bei Tourette nicht sein muss, dass es sich wirklich anfallartig äußert

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Bei Epilepsie kommt es (je nach Form der Erkrankung) für etwa eine Minute zum Krampf mit Ent- und Anspannung der Muskulatur. Dem geht häufig ein Sturz voraus, da die Muskeln verkrampfen. Nach der Minute ist der Krampfanfall häufig vorbei, der Patient ist erschöpft und fällt in eine Art Tiefschlaf.

Bei Tourette sind die Zuckungen meist beschränkt auf Körperteile, die unwillkürliche Bewegungen machen. Diese Zuckungen treten den ganzen Tag über auf.

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