Frage von Zischelmann, 71

Was ist der Grund,das manche Lieder aus den Kirchengesangbüchern herausgenommen werden?

Antwort
von Nadelwald75, 20

Hallo Zischelmann,

man macht "der Kirche" gerne den Vorwurf, dass sie unzeitgemäße Texte und Lieder verwendet und nicht wandlungsfähig ist.

Gegenbeispiel ist dann im katholischen Bereich das 2013 neu erschienene Gotteslob für die deutschsprachigen Bistümer. Es ist die völlig neu bearbeitete Ausgabe des alten Gotteslobes von 1975.

Da man nicht alle Kirchenlieder aufnehmen kann, hat man die Lieder, wie vorher schon, in Allgemeinteil und Regionalteil unterschieden. Inzwischen stehen auch Lieder von nichtkatholischen Verfassern darin (Böhmische Brüder, Martin Luther), auch Volkslieder (Der Mond ist aufgegangen), auch wieder Lieder von in Rom nicht ganz so akzeptierten Verfassern wie Huub Osterhuis, - Die laufen dann, um der römischen Kritik vorzubeugen, unter dem Stichwort "Volksfrömmigkeit".

Es sind Lieder geblieben, die einen klassischen Hintergrund aus alten Volkslieder haben (Lindenschmidt-Ton: "Send deinen Geist, Herr Jesu Christ", Volkslied "Innsbruck, ich muss dich lassen" = "O heilge Seelenspeise").

Es sind Lieder darin geblieben, vor allem in den Regionalteilen, die beliebt und oft gesungen waren.

Manche traditionellen Lieder sind - auch schon im alten Gotteslob - in neuerer Fassung eingefügt, die dem Kirchenbild nach dem zweiten Vatikanum eher entsprechen.

Das sieht man z.B. an den Strophen der beiden Lieder "Fest soll mein Taufbund immer stehen" und "Ein Haus voll Glorie schauet".

Zusammenfassend: Aufgenommen ist, was heute in Theologie und Liturgie von den alten Liedern noch immer aktuell ist und Lieder, die nach dem Vatikanum II. dem heutigen Kirchenbild entsprechen.

Geblieben ist auch ein Großteil, der gregorianischen lateinischen Gesänge zu feststehenden Messteilen, denn die sind historisch älter als die tridentinische Messe vor dem Vat. II.

Antwort
von RudolfFischer, 19

Ein Teil der alten Lieder gibt in keiner Weise ein heutiges Gottesbild wieder. Schließlich muss man ja auch den Christen zutrauen, sich in Glauben und Einsicht in den letzten 500 Jahren weiterentwickelt zu haben. Wo bliebe sonst das Wirken des Heiligen Geistes?

Selbst im neuen Gotteslob (katholisch, Bistum Münster) gibt es noch Lieder, die ich zumindest bei einigen Strophen nicht mitsinge, da sich in mir alles dagegen sträubt.

Ich greife zwei Beispiele heraus:

1) In "Wunderschön prächtige..." (Bistumsteil, 865) drückt sich eine Marienverehrung aus, die Maria neben Gott stellt: "Gut, Blut und Leben, will ich dir geben; alles, was immer ich hab, was ich bin, geb ich mit Freuden, Maria, dir hin."

Oh nein, das gebe ich alles allein Gott hin und niemand anderem!

2) "O Haupt voll Blut und Wunden" (289, ökumenische Version), Strrophe 4:

"Was du, Herr, hast erduldet, ist alles meine Last; ich, ich hab es verschuldet, was du getragen hast. Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat; gib mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad."

Dieser Text erinnert mich an meine Kindheit, in der wir beschuldigt wurden, wenn wir etwas ausgefressen hatten: "Jetzt hat Jesus durch dich eine Wunde mehr am Kreuz!"

Die Erwachsenenversion lautet: Weil die Menschheit so abgrundtief böse war (Paulus, Römerbrief, Kap. 3), musste das durch den Tod eines Unschuldigen gesühnt werden (Was für eine Ethik!), und da es unter den Menschen keinen gab, musste Gott selbst bzw. sein Sohn herhalten. Wer ausnahmsweise nicht abgrundtief böse ist, der ist trotzdem mit schuld, da die generationenübergreifende "Sippenhaft" in Form der "Erbsünde" die ganze Menschheit umfasst. 

Das ist die Stelle, wo ich es keinem verübeln kann, sich entsetzt vom Christentum abzuwenden.

In modernen Gemeinden wird das auch nicht mehr gepredigt, aber das fällt kaum jemandem auf. Kirchenferne haben ohnehin kein Interesse, das zur Kenntnis zu nehmen.  

Zurück zu den Liedern: Es gibt sehr viele schöne neue Kirchenlieder, in denen dieses überholte Gottesbild vom Tyrannen, der das Blut seines unschuldigen Sohnes fordert, keinen Platz mehr hat. Die singe ich gern. Den Rest gründlich entrümpeln und die Liturgie dazu! 


Kommentar von Nadelwald75 ,

Hallo RudolfFischer,

gut dargestellt! Ich schließe mich mit einem Lied an, das auch noch im neuen Gotteslob steht: O Maria, voll der Gnaden ....(GL 861)

Da wird dann eine Vorstellung vom Fegefeuer vertreten, die man gerade noch als "Volksfrömmigkeit" werten kann.

Kommentar von RudolfFischer ,

Danke für den Kommentar. Lied 861 ist wohl im bistumsabhängigen Eigenteil, denn bei uns im Bistum Münster steht da ein anderes Lied.

Kommentar von Nadelwald75 ,

Hallo Rudof Fischer,

das Lied steht im Regionalteil für Köln.

Text:

O Maria voll der Gnaden, sieh, mit welcher großen Qual deine Kinder sind beladen in des Fegfeurs Jammertal. O du Mutter, mild und treu, mach sie doch von Sünden frei.

Mutter, Tröstrin der Betrübten, sprich für sie ein tröstend Wort; eil zu retten, die dich lieben, aus der Qualen dunklem Ort! Was die Mutter fromm begehrt, gern wird es vom Sohn gewährt.

Fleh für sie zu deinem Sohne, Mutter der Barmherzigkeit, dass sie bald an Gottes Throne sich erfreun in Ewigkeit! Gott, den Vater, Sohn und Geist ewig dann ihr Jubel preis.

Kommentar von RudolfFischer ,

Liebe(r) @Nadelwald75, danke für den Text.

Er zeigt, wie sehr über diese alten Glaubensvorstellungen neu nachgedacht werden muss. Auch der Rosenkranz wird ja zur Bitte für die armen Seelen herangezogen.

Ich habe da meine eigenen Vorstellungen vom Fegefeuer, aber sie zu erläutern würde hier zu weit an der ursprünglichen Frage vorbeigehen.

Antwort
von nachdenklich30, 13

Weil sich der Musikgeschmack ändert.

Weil sich die Sprache ändert.

Weil die Kirchen keine Museen für alte Gesangbuchlieder sind, sondern weil in ihnen Lieder gesungen werden sollen, die heute gut tun.

Manche der alten Lieder tun auch heute noch gut. Aber viele eben nicht mehr.

Von den Gesangbuchliedern für Beerdigungen aus einer Antwort hier habe ich in den letzten 20 Jahren bei Beerdigungen nur drei oder vier gesungen, und auch die nur ganz selten. Schon allein deswegen, weil niemand sonst auf den Beerdigungen sie hätte mitsingen können.

Antwort
von quopiam, 24

In den Sakristeien werden Bücher geführt über verschiedene statistische Daten, z. B. wieviele Abendmahlsgäste da waren, wieviele Gottesdienstbesucher und so weiter. Beim Gottesdienstplan werden auch die Lieder notiert, die die Liturgen (= Leiter der Gottesdienste) verwenden. Diese Daten werden gelegentlich von den Kirchenleitungen nachgefragt. Wenn sich herausstellt, daß bestimmte Lieder seit Jahren im Gottesdienst nicht mehr vorkamen, werden sie im nächsten neuen Gesangbuch nicht mehr berücksichtigt. 

Das ist zwar oft schade, läßt sich aber nicht ändern.

Neue Lieder werden in eigenen Gesangbüchern (meist kleine Taschenbücher oder Liederhefte) erprobt. Nimmt die Gemeinde (oder die Leitung) diese Lieder an, werden sie ins neue Gesangbuch aufgenommen. 

Das ist auch oft ein Griff daneben, läßt sich aber auch nicht ändern.

Behalte die alten Bücher, wenn Dir die Lieder gefallen. Du kriegst sie sehr oft aus zweiter Hand. Gruß, q.

Antwort
von Ichthys1009, 47

Sowohl beim Evangelischen Gesangbuch als auch beim neuen Gotteslob wurden eigentlich alle alten Lieder weiterhin aufgenommen.

Falls doch eines fehlen sollte, passt es vom Text oder der Melodie her vielleicht nicht mehr in unsere Zeit und wurde sowieso nirgends mehr gesungen.

Dann gibt es auch noch Lieder, die nur im regionalen Anhang stehen. Da kann es auch Anpassungen daran geben, welche Lieder aktuell noch in Gottesdiensten verwendet werden.

Welche Lieder vermisst du denn darin?

Kommentar von Zischelmann ,

Ich selbst bin zwar nicht evangelisch(gehöre der Neuapostolischen Kirche an) Jedoch meine Oma war evangelisch und in ihrem alten Gesangbuch aus den 60-er Jahren waren viele Lieder die sehr viel über den Tod sich handelten. Heute sind diese Lieder bestimmt in einem speziellen Grabgesangbuch denke ich mal

Kommentar von Ichthys1009 ,

Neben dem EG wird in den evangelischen Kirchen auch heute kein spezielles Grabgesangbuch verwendet. Hier sind mal einige Lieder, die zu den Bestattungen und beim Totengedenken aus dem EG gesungen werden:

516 

Christus der ist mein Leben

517 

Ich wollt, daß ich daheime wär

518 

Mitten wir im Leben sind

519 

Mit Fried und Freud fahr ich dahin

520 

Nun legen wir den Leib ins Grab

521 

O Welt, ich muß dich lassen

522 

Wenn mein Stündlein vorhanden ist

523 

Valet will ich dir geben

524 

Freu dich sehr, o meine Seele

525 

Mach's mit mir, Gott, nach deiner Güt

526 

Jesus, meine Zuversicht

527 

Die Herrlichkeit der Erden

528 

Ach wie flüchtig, ach wie nichtig

529 

Ich bin ein Gast auf Erden

530 

Wer weiß, wie nahe mir mein Ende

531 

Noch kann ich es nicht fassen

532 

Nun sich das Herz von allem löste

533 

Du kannst nicht tiefer fallen

534 

Herr, lehre uns, dass wir sterben müssen

Kommentar von Zischelmann ,

Früher gab es noch die Lieder "Wohin o müder Wandrer Du", Wohin soll ich mich wenden, Wo findet die Seele die Heimat die Ruh

Antwort
von Kuestenflieger, 37

hoffentlich , weil sie für die gemeinde nicht singbar sind .

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