Frage von Alexis1994 01.06.2010

Was ist das "Nicht-Ich" nach Fichte?

  • Antwort von frank1968 01.06.2010
    4 Mitglieder fanden diese Antwort hilfreich

    Das Ich definiert sich, indem es sich dessen bewusst wird, was nicht zum Ich gehört.

    Um es auf einen einfachen Nenner zu bringen, könnte man sagen, dass Alles, was nicht zum Ich gehört, die Außenwelt darstellt. Indem das Ich die Außenwelt, und Alles was zu ihr gehört, wahrnimmt, erkennt es sich selbst.

    Also, das Nicht-ich ist Alles, was nicht zum Ich gehört, und absolut nötig, um zu erkennen, was das Ich ausmacht.

  • Antwort von Albrecht 09.07.2010
    3 Mitglieder fanden diese Antwort hilfreich

    Das Nicht-Ich ist der Bezugspunkt der nach außen gerichteten Tätigkeit, das Andere des Ich.

    Im Satz der Identität A = A wird dem Subjekt-A ein Objekt-A gleichgesetzt. Das zweite A ist ein Objekt, weil es nicht das schlechthin gesetzte ist (dies ist das erste, das Subjekt-A), sondern als objektiv prädizierbare (aussagbare) Eigenschaft des ersten Ich und somit ein Objekt der Reflexion gesetzt wird. Den zweiten A wird durch die ursprüngliche Handlung der Entgegensetzung ein Nicht-A entgegengesetzt. Das Entgegensetzen ist nur unter der Bedingung der Einheit des Bewußtseins des Setzenden und des Entgegensetzenden möglich. Damit der Satz vom zu vermeidenden Widerspruch denkbar ist, ist ein Entgegensetzen und ein Entgegengesetztes als Ergebnis der Entgegensetzungshandlung nötig. Ein dem Ich selbst Entgegengesetztes ist nötig, damit es die Tathandlung der Entgegensetzung geben kann, die das Ich leistet.

    Die neuartige Leistung des Ich, die beim zweiten Grundsatz vorliegt, ist das Entgegensetzen. Der Inhalt des zweiten Grundsatzes ist bedingt, weil das Entgegensetzen ein vorausgegangenes Setzen voraussetzt. Der erste Grundsatz ist Grundsatz in vollem Sinn, indem er ein Satz ist, der absolut unbedingt gilt. Der zweite Grundsatz ist in seiner unbedingten Form unbedingt gültig, jedoch in seinem Gehalt bedingt. Im Entgegensetzen des Nicht-Ich erweist sich das Ich als Prinzip der Objektivität bzw. als Prinzip der Gegenstandskonstitution.

    Aus dem ursprünglich unbestimmten Ich entsteht als Ergebnis einer Tathandlung das Nicht-Ich. Das Ich hat einen Bezug zu etwas, das es begrenzt.

    Für das Ich kann es keine Bestimmtheit ohne Endlichkeit geben und gleichermaßen ist das Ich bestrebt, seine Begrenzung aufzuhaben. Setzen ist eine theoretische und praktische Tätigkeit des Subjekts, durch die der Gegenstand, auf den es sich bezieht, erst hervorgebracht wird.

    Kants Lehre vom transzendentalen Ich als Subjekt wird zu einer Selbstsetzung des (allgemeinen, nicht des individuellen) Ichs gesteigert. Zugleich wird der Gedanke übernommen (von Karl Leonhard Reinhold wenige Jahre vor Erscheinen der Wissenschaftslehre aufgestellt), von einem einzigen obersten Grundsatz auszugehen.

    Fichte, Wissenschaftslehre 1794 I § 1, 7: „Dasjenige, dessen Sein (Wesen) bloß darin besteht, daß es sich selbst als seiend setzt, ist das Ich, als absolutes Subjekt. So wie es sich setzt, ist es; und so wie es ist, setzt es sich; und das Ich ist demnach für das Ich schlechthin und notwendig. Was für sich selbst nicht ist, ist kein Ich.“

    Ich und Nicht-Ich beschränken sich wechselseitig, die Realität des einen hebt die Realität des anderen auf.

    II § 4, A1 und A2: „Das Ich setzt das Nicht-Ich als beschränkt durch das Ich.“ „Das Ich setzt sich selbst als beschränkt durch das Nicht-Ich.“

    Dies ist eine Tätigkeit des Selbstvollzugs, die in sich sogar die Differenz von Ich und Nicht-Ich (Natur) setzt.

    Bei Kant gibt es die transzendentale Apperzeption, wodurch die Bewußtseinsform des „Ich denke“ als ursprüngliche Einigung sinnlicher und begrifflicher Vorstellungen die grundlegende Bedingung der Ermöglichung von Erfahrung und Erkenntnis ist.

    Bei Fichte soll Erkenntnis nicht nur der Form, sondern auch dem Inhalt nach aus der reinen Tätigkeit des nun absolut verstandenen Ichs entspringen. In der intellektuellen Einheit setzt das Ich sich selbst (Thesis) und das Nicht-Ich (Antithesis) und umgreift schließlich beide (Synthesis), indem es sich in der intellektuellen Anschauung seiner Tätigkeit von sich als dem reinen = absoluten Ich, das heißt Grund beider bewegt.

    Peter Rohs, Johann Gottlieb Fichte. 2., überarbeitete Auflage. München : Beck, 2007 (Beck´sche Reihe : Denker) . ISBN 978-3-406-56230-3

    Dem empirisch zugänglichen Gemüt liegt ein elementares nichtsinnliches Ich zugrunde, von dem man in intellektueller Anschauung weiß und das als setzend tätig ist (S. 41/2).

    Alles, was in unserem Gemüt vorhanden ist, ist vollständig aus ihm selbst zu erklären und zu begreifen (unter Rückgriff auf das elementare nichtsinnliche Subjekt). Fichte vertritt die formale These, Philosophie müsse auf einen obersten Grundsatz gebaut werden.

    Es findet eine Reflexion auf die logische Struktur der Philosophie selbst statt (S. 43). Setzen ist eine dem empirischen Gemüt notwendig vorauszusetzende nichtsinnliche Tätigkeit (S. 46).

    Das Postulat (die Forderung), im Ich solle alles aus ihm selbst erklärbar sein, erzwingt um der Intersubjektivität willen die Annahme eines identischen Moments an der Wurzel aller Subjekte (S. 48).

    Eine Tathandlung (Tätigkeit des Setzens) liegt allem Bewußtsein zu Grunde und macht es allein möglich (S. 49). Der Ausdruck Tathandlung bezeichnet eine Identität von Tat und Handlung, in der Tätiges und Produkt der Tätigkeit zusammenfallen. Die nichtsinnliche Tätigkeit hat eine essentiell (wesentlich) reflexive Struktur.

    Beim zweiten Grundsatz geht es in der Sache um das Entgegensetzen (S. 50). Zu der auf das Ich selbst gerichteten nichtsinnlichen Tätigkeit tritt gleich ursprünglich eine nach außen gerichtete, die als Tätigkeit von der anderen nicht ableitbar ist. Wissender Bezug auf sich selbst auf und der Bezug auf Anderes hängen unauflösbar zusammen. Nur wer von sich weiß, kann von Anderen wissen; nur wer von Anderem weiß, kann von sich wissen.

    Das Nicht-Ich bestimmt das Ich (Fremdbestimmung für das Ich), das Ich bestimmt sich selbst“ (Selbstbestimmung), beide Sätze müssen synthetisch vereinigt werden (S. 51).

    Im Wechselverhältnis gibt es zwei Synthesen: Kausalität: Leiden durch Tätigkeit des Nicht-Ich bedingt.

    Substantialität: Bezogenheit der beschränkten Tätigkeit auf die unbeschränkte, absolute Tätigkeit

    Das Ich ist Substanz, insofern es alle Realität umfaßt; insofern seine Tätigkeit beschränkt ist, ist in ihm ein Akzidens.

    Rainer Schäfer, Johann Gottlieb Fichtes <Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre> von 1794. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2006, erläutert den zweiten Grundsatz S. 54 – 61

    Aus dem ersten Grundsatz folgt nicht vollständig die Existenz einer zum Setzen entgegengesetzten Tätigkeit. Fichte führt eine gewöhnlicherweise nicht sinnvoll bezweifelbare Tatsache des Bewußtseins auf die Bedingungen ihrer Möglichkeit zurück. Diese Tatsache ist der Satz vom zu vermeidenden Widerspruch (die Tatsache beim ersten Grundsatz war der Satz der Identität A = A). Etwas kann nicht zugleich (in derselben Hinsicht) es selbst und nicht es selbst sein. Dieser Satz kann nach Meinung Fichtes aber auf Handlungen und Leistungen des Ich zurückführt werden. Erst wenn diese in einem Satz festgehalten werden, erhält man den Grundsatz.

    Das verneinende Urteil bei der Entgegensetzung kann nicht vollständig als logische Verbindungsfunktion von Urteilsgliedern aus dem setzenden Urteil der Identität hergeleitet werden. S. 56: „Daher muss die Nichtidentität gegenüber der Identität eine selbständige logische Bedeutung haben; nämlich das Entgegensetzen, d. h. das Nichtidentifizieren.“

    Setzen und Entgegensetzen werden als zwei verschiedene Bewußtseinsleistungen auseinandergehalten, aber notwendigerweise vom selben Bewußtsein geleistet.

    Damit es die (transzendentale) Handlung der Entgegensetzung geben kann, die das Ich leistet, muß es auch ein dem Ich selbst Entgegengesetztes geben (keine Handlung ohne Akteur). Zum bloßen Ich ist ein „Nicht-Ich“ das Entgegengesetzte.

  • Antwort von iepet 01.06.2010

    Zur Ergänzung von frank168 treffender Antwort: Durch das Nicht-Ich wollte Fichte das nebelöse kantsche Ding-an-sich überwinden

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