Frage von BalalIslam, 48

Was hat die Mitgliedschaft in der EU und im Euro den Griechen gebracht?

26 Prozent Arbeitslosigkeit, 50 Prozent der Jugendlichen haben keinen Job, 30 Prozent der Bevölkerung "lebt" unter der Armutsgrenze, 17 Prozent können ihre Familie nicht ernähren, und 3,1 Millionen Griechen haben keine Krankenversicherung, weil viel zu teuer. Den Bewohnern von vielen Ländern in Lateinamerika, Afrika und Asien geht es im Vergleich viel besser. Was machen aber unsere arroganten Politfiguren und Medienhuren? Sie sagen, die Griechen wären faule Säcke und müssen sich noch spartanischer einschränken.

Antwort
von Interesierter, 15

Zunächst mal solltest du dir angewöhnen, einen gemäßigten Ton anzuschlagen. Du musst wissen, dass man dir genau so viel Respekt entgegenbringt, wie du das auch machst. 

Um es auf den Punkt zu bringen, die Fehler, die Griechenland in diese Situation gebracht haben, wurden ausnahmslos in Griechenland gemacht. 

Es ist eine unbestrittene Tatsache, dass die Löhne in Griechenland bei knapp 70% der deutschen Löhne liegen, griechische Betriebe jedoch nur etwa 40% der Produktivität deutscher Betriebe aufweisen.

Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Ebenfalls wahr ist, dass der griechische Staat seit Jahren und Jahrzehnten geplündert wird. Nicht von den Banken oder den Geldgebern, die Institutionen genannt werden. Nein, von den eigenen Landsleuten. Griechische Reeder gehören zu den reichsten weltweit, bezahlen aber keinen einzigen Euro Steuern. Die Steuervermeidung hat in Griechenland Konjunktur. Steuerhinterziehung ist Volkssport und wird von weiten Teilen der Bevölkerung betrieben. 

Dass ein Staat auf diese Weise nicht funktionieren kann, sollte eigentlich einleuchten. Deswegen bringen weder die aktuellen Sparmaßnahmen, noch ein Schuldenschnitt etwas. Ich hatte die Hoffnung, Syriza würde die eigentlichen Probleme (Produktivität, Steuerflucht, Klientelismus) angehen. In dieser Richtung passiert rein gar nichts. Aus diesem Grund wird Griechenland auch auf absehbare Zeit nicht auf die Füße kommen. Die griechische Regierung reagiert nur, wenn sie nicht mehr anders kann. Dabei sollte sie nicht reagieren sondern agieren. Sie sollte gestalten und nicht verwalten. 

Antwort
von Stefanos, 6

Interessant, welch allerlei Wutbürger und Stammtischexperten hier ihren Senf ablassen, ohne auch nur einen einzigen Umstand in den korrekten politischen/historischen Kontext einordnen zu können. Damit es auch der letzte AfD-Vollblutteutone versteht, werde ich bei Null beginnen:

1. Die Aufnahme Griechenlands in die Europäische Union 1981:

Griechenland ist seit nun mehr als 30 Jahren Mitglied in der EU (nicht zu verwechseln mit Eurozone). Nun wird in den letzten Jahren und zwar insbesondere in Deutschland, immer lauter geschrien, dass sich das Land in die EU "gemogelt" habe. Faktisch stimmt das, denn die Kriterien zur Aufnahme in die Europäische Union wurden damals nicht erfüllt. Aber:

erstens stellt sich die Frage, wieso diese Erkenntnis erst jetzt bei den Politikexperten in unserer Bevölkerung für Empörung sorgt und nicht schon weitaus früher. Das die Zahlen geschönt waren ist nämlich schon mindestens seit 1995 bekannt. Es könnte ja etwas mit dem systematischen Bashing unserer Qualitätsmedien zu tun haben, allen voran BILD und der Focus, die die uralte Suppe bis zum Überkochen aufgewärmt haben, damit auch der letzte Dorftrottel sich aufregen darf.

Zweitens ist es absolut unwahrscheinlich, dass die die anderen Eurostaaten Griechenland die geschönten Zahlen einfach so abgenommen haben. Ein Staat, der neu in die EU aufgenommen werden soll, wird im Vorfeld auf Jahre genaustens beobachtet - das ist keine Entscheidung, die einfach so von heute auf morgen getroffen wird. Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass die anderen Eurostaaten Griechenland beim türken der Zahlen massiv unterstützt haben. Im Jahre 1981 gab es eine ganz andere politische Konstellation als heute: Europa war in den "Westen" und den "Osten" aufgeteilt und die Satelitenstaaten der Sowjetunion, namentlich: Bulgarien, Jugoslawien und bis 1961 Albanien umrundeten Griechenland. Die Gefahr in Mitteleuropa war genau so präsent, denn Allierte und Sowjets standen an der deutsch-deutschen Grenze kampfbereit gegenüber. Die Situation stand mehrfach kurz davor, zu eskalieren und der dritte Weltkrieg war nur einen Knopfdruck weit entfernt. Um die wichtige Südostflanke Europas nicht zu verlieren und seinen strategischen Einfluss auszubauen, wollte man Griechenland umbedingt in der Europäischen Union haben - koste es, was es wolle. Zu dieser Zeit regierte in der BRD die CDU unter Helmut Kohl - ein lupenreiner Demokrat wie wir heute alle wissen, der niemals Schmier und/oder Spendengelder in Millionenhöhe veruntreuen wurde und für seine absolute Ehrlichkeit bekannt ist.

Drittens ist es sehr fragwürdig, wenn die Einwohner eines Landes, welches schon mehrfach die Grenze der EU-Konvergenzkriterien (Maastrichtvertrag) ohne Erklärung oder Begründung überschritten hat, mit dem Finger auf Andere zeigen und Disziplin, Reformen und andere haarstreubende Einsparungen einfordern. Oder einfacher für unsere Affen für D-Markt ausgedrückt: wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen...

Viertens hat Deutschland in den vielen Jahren der gemeinsamen EU- und Euro-Mitgliedschaft mit Griechenland satte Gewinne eingefahren. Ständig hört man das unendliche Geflenne darüber, dass Griechenland viele Milliarden Euro an Subventionen über EU-Töpfe eingefahren habe. Stimmt auch teilweise. Aber das Griechenland durch den Euro spätestens seit 2001 nicht mehr mit seinen Partnerländern wirtschaftlich konkurieren konnte und das Deutschland (selbsternannter ehemaliger Exportweltmeister) jahrzehnteland dicke Profite durch billige Massenexporte aufgrund der gemeinsamen Währung in eben dieses Land erwirtschaften konnte, wird immer wieder verschwiegen. Der Wohlstand in Deutschland baut auf Exporten auf, das sollte wohl sogar dem letzten Hinterwäldler bekannt sein. Und ja, eben auch in die ärmeren südlichen Euroländer - das diese dabei stetig zugrunde gehen, war eine absehbare Entwicklung, über die unsere heimischen Qualitätsblätter kein Sterbenswörtchen verlieren. Mit der Einführung der gemeinsamen Währung Euro wurde die letzte Barriere für deutsche Massenexporte entfernt. Kein anderes Land hat so sehr vom Euro profitiert wie Deutschland; auch wenn das verlogene Geheule darüber genau so groß ist wie über faule Griechen und andere Südländer, diebische Rumänen- und Bulgaren, Flüchtlinge und alle anderen aufgeblasenen Themen, über die Michel sich vorm Schlafengehen aufregen darf.

2. Bezüglich der sogenannten "Hilfskredite" oder "Eurohilfen", die in Wirklichkeit absolut nichts mit "Hilfe" zu tun haben, kopiere ich an dieser Stelle eine von mir gegebene Antwort zu einem anderen Thread:

Die sogenannten "Hilfspakete", die die Griechen bekommen, sind mit "Reformen" verbunden.


Zu den "Hilfspaketen":

Hilfspaket bedeutet, dass den Griechen Kredite gegeben werden, um ihre Schulden zu bezahlen. Diese Kredite verursachen Zinsen. Das heißt, das das wirtschaftlich angeschlagene Griechenland nicht nur die Kredite
zurückzahlen muss, sondern obendrauf noch Zinsen für eben diese Kredite. Das ist bekanntlich ein Teufelskreis. Ökonomen haben berechnet, dass Griechenland längst wieder überlebensfähig wäre, würden sie nicht ständig von der Last der Zinsen erdrückt.


Nun zu den sogennanten "Reformen":

Etwas zu reformieren bedeutet eigentlich, veraltete, unbrauchbare, unnütze Strukturen abzuschaffen und durch neue, wirtschaftliche und effektive Maßnahmen zu ersetzen. Im Falle Griechenlands heißt Reformen jedoch etwas anderes:


Reformen ist eine nette Umschreibung für die Erhöhung der Mehrwertsteuer (von 13% vor der Krise auf jetzt 24%), Erhöhung der Benzinsteuer (2,15€ im Jahr 2010 pro Liter), Senkung der Renten (ca. 55% Rentenkürzung seit 2009), Senkung des Mindestlohns (auf 586€),Reduzierung des Staatsapparats (Entlassung/Nichtwiederbesetzung von über 30.000 Personen), Erhöhung der Heizölsteuer, Wegfall diverser Subventionen für Bauern, usw.

Hierzu gehört auch der Verkauf von Staatseigentum
.

Ganz richtig, Griechenland wurde durch die Troika vorgeschrieben, Staatseigentum zu "privatisieren". Aus den Erlösen der Verkäufe sollen Schulden abbezahlt werden. Dazu zählen: die staatliche Bus- und Bahngesellschaft, diverse Häfen, Flughäfen, Wasser- und Elektrezitätswerke, usw. Dabei wurde Griechenland gezwungen, alle staatlichen Unternehmen, die Miese machten, zu behalten, während alle staatlichen Unternehmen, die (große) Gewinne erwirtschafteten, umgehend zu verkaufen. Und so kam es, dass die Häfen von Thessaloniki und Piräus (größter Hafen Europas) in private Hände gingen, ebenso diverse Flughäfen auf Ferieninseln, die große Gewinne durch den boomenden Tourismus einfuhren.


Diese 14 Flughäfen schnappte sich übrigens die Firma Frapport aus Frankfurt zum Schnäppchenpreis. Frapport gehört zu 51% der Stadt Frankfurt und dem Land Hessen. Oder mit anderen Worten: gewinnbringendes griechisches Staatseigentum ist zum Spottpreis zu deutschem Staatseigentum geworden.

Nun kann man sich fragen: wie soll Griechenland sich erholen und selbständig wirtschaften, wenn alle gewinnbringenden Unternehmen verkauft wurden? Die Antwort: es ist schlicht nicht erwünscht, dass Griechenland wieder auf eigenen Beinen steht. Nur solange die Griechen durch Troikageld überleben, kann ihnen auch der wirtschaftliche Selbstmord diktiert werden. Nur so fließen weitere Zinsen an die Geldgeber. Der Ausverkauf Griechenlands geht also weiter.

Kommentar von MusiToo ,

Interessant, wie du zuerst alle anderen Meinungen als Stammtischpolitik, als falsch und als Unwissenheit der Verfasser darzustellen versuchst, anderen sogar eine rechte Gesinnung unterstellst, um hinterher in gleicher Weise unausgewogen und politisch richtungsgeprägt hier deine Meinung zum Ausdruck zu bringen.

Schade, eigentlich finde ich deinen faktengestützten Ansatz in der Diskussion ganz gut und hatte auf eine ausgewogene Erörterung gehofft, leider beginnst du deine Antworts bereits so beleidigend und einseitig, dass man deine Antwort gar nicht zu Ende lesen mag. Schade, am Ende kommt - trotz deines ganzen Aufwands - nur destruktive Kritik heraus.

Kommentar von Stefanos ,

Elemente politischer Satire miteinzubinden und/oder die Verwendung überspitzer Formulierungen sollte dich nicht dazu bringen, 95% des Kommentars einfach als beleidigend o.ä. abzutun und die teilweise bittere Faktenlage, die dahinter steckt, zu ignorieren. Ebenfalls ist nicht nur der Ansatz faktengestützt, sondern der komplette Kommentar.

Und wenn ich mir zum Vergleich die anderen Kommentare unter der von BalalIslam gestellten Frage durchlese, erscheinen mir meine zwei, drei Überspitzungen als Kinderbuchrhetorik.

Antwort
von TheAllisons, 25

Viele hundert Milliarden EU Hilfe, die sie nicht zurückzahlen können. Ist doch nicht schlecht.

Antwort
von Bitterkraut, 18

Vor 10 Jahren war die Arbeitslosenquote deutlich unter 10 %.

Beim EU-Beitritt 1981 war Griechenland ein verarmter Agrarstaat. Die Frage müße heißen. Was ist in den letzten 10 Jahren passiert?

Antwort
von bastidunkel, 20

Die Griechen haben bei der Euro-Einführung gelogen, dass sich die Balken biegen. Nur leider wurden sie dafür nie bestraft, sondern mit Steuergeldern aus der EU für ihren Betrug auch noch belohnt.  Ohne die EU wäre Griechenland schon vor 12 Jahren PLEITE gewesen.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/konjunktur/euro-raum-griechenland-erschwin...

Antwort
von FrageSchlumpf, 1

Nun, dann schau mal in die andere Richtung.

Der griechische Milliardär ( ja , auch die gibt es zu Hauf ) war faktisch vollkommen verarmt, weil er Anleihen seines eigenen Staates hatte, die niemals zurückgezahlt werden konnten.

Nur durch die Mitgliedschaft in EU und Euro war es überhaupt möglich, dass ein Institution eine solche Dummheit begeht, im die Anleihen abzukaufen, damit er sein Geld sicher in die Schweiz schaffen kann, um niemals niemals niemals "seinen Beitrag" zur Lösung des Problems leisten zu müssen.

Antwort
von archibaldesel, 2

Das verdanken die Griechen weder dem Euro noch der EU, sondern ihren jeweiligen Regierungen der letzen Jahre. Die haben sich so maßlos verschuldet, kaufen lassen und die öffentliche Verwaltung nicht im Griff. Zudem haben sie bei den Stabilitätskriterien gelogen und betrogen, dass sich die Balken bogen.

Hier wollen wir mal nicht Täter und Opfer verwechseln.

Antwort
von voayager, 1

Tja, den Griechen hat die EU viel Leid gebracht, vor allem seit 2015.

Antwort
von Aliha, 20

Und du glaubst wirklich, es wäre ohne EU-Mitgliedschaft anders?

Kommentar von bastidunkel ,

Ohne EU-Mitgliedschaft wäre es definitiv anders, denn dann wäre Griechenland schon seit vielen, vielen Jahren pleite!

Kommentar von Aliha ,

Da hast du natürlich recht.

Antwort
von armabergesund, 14

da kannst du mal sehen, dass regierungen auch nur von menschen geführt werden, die nicht von allem ahnung haben könnne...

die regierung von griechenland hat das getan, was das beste für den staat zu dem zeitpunkt war. nicht das beste für die bewohner griechenlands aber auf lange sicht unvermeidbar.

griechenland ist als land schon lange gescheitert, konnte es aber bis zum eu-beitritt ganz gut verschleiern..

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