Frage von Happiness88, 15

Was hat die Aussage "Gedanken aus dem Schmerz" im Zusammenhang mit dem Philosophie- und Ethikunterricht (Friedrich Nietzsche) zu bedeuten?

Antwort
von berkersheim, 13

Der Satz Nietzsches steht in der Vorrede zur zweiten Ausgabe der „Fröhlichen Wissenschaft“. Ich empfehle, da mal reinzulesen. Es ist eine dichterische Sprache, eine gewaltige Sprache.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3245/2

Ich zitiere eine größere Passage (fett von mir), einmal, um in diese pathetische, dichterische Sprache einzuführen, dann aber auch, um das kurze Zitat in einen Zusammenhang zu stellen.

„Wir (Philosophen) sind keine denkenden Frösche, keine Objektivir- und Registrir-Apparate mit kalt gestellten Eingeweiden, – wir müssen beständig unsre Gedanken aus unsrem Schmerz gebären und mütterlich ihnen Alles mitgeben, was wir von Blut, Herz, Feuer, Lust, Leidenschaft, Qual, Gewissen, Schicksal, Verhängniss in uns haben. Leben – das heisst für uns Alles, was wir sind, beständig in Licht und Flamme verwandeln, auch Alles, was uns trifft, wir können gar nicht anders. … Erst der grosse Schmerz, jener lange langsame Schmerz, der sich Zeit nimmt, in dem wir gleichsam wie mit grünem Holze verbrannt werden, zwingt uns Philosophen, in unsre letzte Tiefe zu steigen und alles Vertrauen, alles Gutmüthige, Verschleiernde, Milde, Mittlere, wohinein wir vielleicht vordem unsre Menschlichkeit gesetzt haben, von uns zu thun.“

Wir reden heute davon, dass wir unser Herzblut geben, dass uns weder Philosophie noch Ethik oder Pädagogik kalt lassen, keine herunterzubetenden Phrasen sind, die, kaum ausgesprochen, uns nicht mehr berühren, uns nichts mehr angehen. Nietzsche sagt uns in gewaltigen Worten, dass er um seine Philosophie gerungen hat, dass er das nicht einfach so aus dem Ärmel schüttelt. Es geht ihm um echte Lebensprobleme, die weh tun können. Das Leben praktisch und geistig zu bewältigen, erlaubt kein Blabla. Wer das nicht „rafft“, nicht nachvollziehen will – das geht an die Schüler – der hat nicht die Philosophie verfehlt, sondern ein evtl. wertvolles Stück seines Lebens, weil er an Erkenntnissen vorbeigerauscht ist, die seinem Leben Bedeutung und eine gesunde Einstellung geben könnten.

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