Frage von Maryxxixx, 40

was hat der prager frühling mit polen zutun?

Antwort
von Oelfrosch, 20

Das Jahr 1968 war auch in Polen ein sehr bewegtes. Aus durchaus mit der Tschechoslowakei  vergleichbaren Gründen kam es im März zu Studentenprotesten, die vom Regime niedergeschlagen wurden und in einer Säuberung mündeten. Die sogenannten „März­ereignisse“ versetzten das Land in einen Schockzustand. Zudem wurde eine „Antizionismus-Kampagne“ lanciert, die offen antisemitische Züge annahm. Nach der Beendigung dieser Kampagne Ende Juni trug die Beteiligung Polens an der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ zu einer weiteren weltweiten Verschlechterung des Ansehens des Landes bei. Daniel Limberger hat nun eine umfangreiche Analyse der polnischen Reaktionen auf den „Prager Frühling“ und dessen Beendigung durch die Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten im Jahr 1968 vorgelegt. Während die Haltung der politischen Führung bereits hinlänglich bekannt ist, betritt der Autor mit der Untersuchung der Reaktionen in der polnischen Gesellschaft, an der Parteibasis der PVAP und innerhalb der Kirche absolutes Neuland. Bei der Untersuchung von Gesellschaft und Kirche stützt er sich primär auf Quellen geheimdienstlicher Provenienz. Zur Einschätzung der Haltung der einfachen Mitglieder der PVAP werden die Protokolle der Parteikonferenzen herangezogen. Der Autor förderte eine enorme Fülle von Quellen zu Tage, die tiefe Einblicke in die Stimmung unter den Mitgliedern der analysierten Gruppen gewähren. Die Aussagekraft und Problematik der Quellengattungen werden hinreichend diskutiert. Die Frage nach den Ansichten der oft zitierten, auch auf der Basis dieser Quellen nicht zu erfassenden, „schweigenden Mehrheit“ muss jedoch offenbleiben. Bisher wurde zumeist davon ausgegangen, dass eben diese Gruppe Sympathien für den „Prager Frühling“ hegte und der Intervention ablehnend gegenüberstand. Limberger zieht diese unbelegte Annahme auf der Grundlage seiner Ergebnisse in Zweifel.

Im einleitenden Abschnitt referiert der Autor die Entwicklungen des „Prager Frühlings“ sowie dessen Niederschlagung. Hervorzuheben ist hier der vergleichende Abschnitt zu den Voraussetzungen und Wechselwirkungen zwischen den „Märzereignissen“ in Polen und dem „Prager Frühling“ in der Tschechoslowakei. Kritisch anzumerken bleibt, dass Limberger sich primär auf die polnischsprachige Forschungsliteratur stützt. Zahlreiche deutsch- und englischsprachige Publikationen der umfangreichen neuesten Forschungen zum „Prager Frühling“ finden nur am Rande beziehungsweise gar keine Berücksichtigung. Insbesondere die Arbeiten zur Haltung der SED zum „Prager Frühling“ hätten die Darstellung des Kontextes bereichert.

Die Ergebnisse Limbergers zeigen deutlich, dass sich die polnische Gesellschaft nach dem März 1968 zunächst nur in eingeschränkter Weise mit den Entwicklungen des „Prager Frühlings“ befasste. Die Aufmerksamkeit stieg erst nach der Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten vom 21. August 1968 erheblich an. In den ersten Tagen herrschte eine gewisse „Kriegspanik“ und es wurden Analogien zur Niederschlagung des ungarischen Aufstandes 1956 gezogen. Nach den Moskauer „Verhandlungen“ flachte das Interesse der Bevölkerung bereits Anfang September wieder deutlich ab. Zur Intervention selbst herrschte großteils Schweigen. Nur verhältnismäßig wenige ablehnende Äußerungen sind dokumentiert. Es fanden keine Protestaktionen statt. Auf Flugblättern erfolgte – wie auch in der Tschechoslowakei – oftmals eine Gleichsetzung der Sowjetunion mit dem „Dritten Reich“. Zudem traten mannigfaltige (pseudohistorisch begründete) antitschechische Stereotypen offen zu Tage. So wurden „die Tschechen“ häufig als Verbündete der Deutschen bezeichnet, während die Slowaken kaum Erwähnung fanden.

Am stärksten wühlte noch die Beteiligung Polens an der Intervention auf. Weit verbreitet war die Ansicht, dass die Sowjetunion den Einmarsch alleine hätte durchführen können. Die Beteiligung der polnischen Armee am Einmarsch wurde als großer Schaden für das Ansehen Polens erkannt. Auch wenn Limberger dies nicht explizit anspricht, so scheinen seine Quellen die zeitgenössische Annahme zu bestätigen, dass in diesem Zusammenhang insbesondere die angenommene gemeinsame Beteiligung der Nationalen Volksarmee der DDR und der polnischen Streitkräfte einen bitteren Beigeschmack besaß. Die Gründe für diese Haltung der Bevölkerung sieht der Autor in der inneren Lage Polens nach den „Märzereignissen“. Die polnische Gesellschaft befand sich gleichsam in einer „Schockstarre“. Gleichzeitig fungierte die „deutsche Gefahr“, mit der zwar primär die Bundesrepublik Deutschland gemeint war (ohne dass die DDR aber jemals vollkommen ausgenommen worden wäre) als landesweit funktionierendes Argument zur Rechtfertigung des Vorgehens.

An der Parteibasis wurde die Lage in der Tschechoslowakei im Rahmen von landesweiten Parteikonferenzen im Mai, Juli, August und September diskutiert. Bereits im Mai sprach man von der Möglichkeit eines militärischen Eingreifens. Deutlich zeigte sich die Bereitschaft der großen Mehrheit, der „Erpressungspolitik“ der polnischen Staats- und Parteiführung gegenüber der Tschechoslowakei zu folgen. Das polnische Vorgehen vom März galt sogar als Vorbild für den Umgang mit der tschechoslowakischen Reformbewegung. Nach der Intervention wurde diese Argumentation als Rechtfertigung herangezogen. Vor der Intervention bestimmte vor allem die angeblich „antipolnische“ Berichterstattung in der Tschechoslowakei im Gefolge der „Märzereignisse“ die Diskussion. Deutlich erkennbar war auch hier das Bestehen eines negativen Bildes von „den Tschechen“, während die Slowaken relativ neutral gesehen wurden. Zentral war jedenfalls auch in dieser Personengruppe der „deutsche Komplex“. Der Antizionismus spielte bei der Beurteilung des „Prager Frühlings“ eine geringere Rolle. Anfangs tauchten noch Stimmen auf, die die Ansicht vertraten, dass die Juden nun versuchen würden, die Tschechoslowakei unter Kontrolle zu bekommen. Nachdem Gomułka der Antizionismuskampagne ein Ende gesetzt hatte, waren derartige Äußerungen nur noch Randerscheinungen. Die Masse der Parteibasis schwenkte angesichts der „Märzereignisse“ auf die Linie der Parteiführung ein. Manche forderten sogar ein entschiedeneres Vorgehen. Nach der Intervention wurde lediglich die Beteiligung der polnischen Streitkräfte problematisiert. Zudem gab es auch in diesem Forum gewisse Vorbehalte gegenüber der Sowjetunion. Die Haltung der PVAP wurde gleichsam zu einer Machtdemonstration nach außen, um im Inneren für Ruhe zu sorgen.

Auch die Kirche, der in Polen zumeist generell eine oppositionelle Haltung zugeschrieben wird, hielt faktisch still. Zum „Prager Frühling“ existierten kaum Stellungnahmen. Die Intervention änderte dies nur geringfügig. Auch im Klerus war die Ansicht verbreitet, dass die Sowjetunion den Einmarsch alleine hätte realisieren können. Es erfolgte keine offizielle Stellungnahme gegen die Intervention. Lediglich Würdenträger aus der zweiten Reihe äußerten öffentlich Kritik. Ausschlaggebend hierfür dürfte die Angst gewesen sein, sich zu exponieren. Somit ergibt sich abschließend ein stimmiges Bild einer zu großen Teilen infolge der „Märzereignisse“ in Schockstarre verharrenden Bevölkerung, deren Interesse am „Prager Frühling“ sich in Grenzen hielt. Limbergers Buch leistet somit einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der internationalen Perzeptionen des „Prager Frühlings“.

Maximilian Graf, Wien

Zitierweise: Maximilian Graf, Wien über: Daniel Limberger: Polen und der „Prager Frühling“ 1968. Reaktionen in Gesellschaft, Partei und Kirche. Frankfurt a.M., Berlin, Bern [usw.]: Lang, 2012. 590 S. ISBN: 978-3-631-62259-9, http://www.dokumente.ios-

Kommentar von Maryxxixx ,

Danke, aber ich ich soll über die größten Flüchtlingsbewegungen aus Polen schreiben. wenn ich es jedoch richtig verstehe, gab es gar keine flüchtlinge 1968 aus Polen ?

Kommentar von Oelfrosch ,

Gab es-bitte googeln

Kommentar von Maryxxixx ,

ich google schon die ganze zeit, finde jedoch nicht das was ich brauch

Kommentar von Gugu77 ,

Maryxxix. Suche mal nach "Polen,  Emigration, jüdischer Herkunft, 1986, .

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