Was hat Atomistik mit der Vorstellung der Götter zu tun?

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2 Antworten

Zu Zeit der Vorsokratiker hat in Griechenland, besonders in Athen, ein Wandel stattgefunden, der mit der Aufklärung im 18-ten Jahrhundert vergleichbar ist. Er kennzeichnet einen Wandel vom mythischen zu naturphilosophischen Denken.

Im mythischen Denken der Zeit, in der die großen Mythen entstanden sind (etwa 1000 bis 700 v.u.Z.) wurden Mensch und Natur gedacht als ganz und gar der Willkür der Götter/innen ausgeliefert, denen Feste geweiht waren, an denen (erst Menschen, dann) Tiere geopfert wurden.

Das Blutopfer wurde später durch das Weinopfer abgelöst, Dionysos als Gott verehrt, Musik in den Kult aufgenommen und die Pompe', die Prozession zu seinen Ehren nach Athen. Zur Zeit der Vorsokratiker hatte sich aus dem Gottesdienst das Theater entwickelt, die Götter/innen wurden reduziert auf Figuren in Tragödien.

Das mythische Zeitalter war damit am Ende, das mythische Denken wurde abgelöst durch den Versuch, Naturvorgänge als solche zu erklären, ohne dafür die Götter/innen zu bemühen. Denen größten Schritt taten dabei die Atomisten.

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Zwischen Atomismus und Vorstellung der Götter/über die Götter bestehen in mehreren Hinsichten Zusammenhänge.

Allgemein ist Atomismus mit dem Versuch verbunden, die Wirklichkeit/die Welt/das Seiende mit allen Zuständen und Vorgängen natürlich und rational zu erklären.

Atomismus enthält eine Ontologie (Seinslehre) und diese ist ein Rahmen zur Frage der Existenz oder Nicht-Existenz von Gottheiten, zur Frage einer Weltentstehung (Kosmogonie) und zur Frage, wovon die Wirklichkeit/die Welt/das Seiende geleitet wird.

Es gibt Beziehungen zwischen Ontologie und Erkenntnistheorie, weil eine Auffassung über die Beschaffenheit der Wirklichkeit/der Welt/des Seienden Auswirkungen darauf hat, was für Erkenntnisvermögen und Möglichkeiten des Zustandekommens von Wahrnehmungen, Vorstellungen und Gedanken angenommen werden können. Vorstellungen über Gottheiten sind in diesem Rahmen zu erklären.

Bei den Vorsokratikern sind Leukipp(os) (griechisch: Λεύκιππος; lateinisch: Leucippus) und Demokrit(os) (griechisch: Δημόκριτος; lateinisch: Democritus) die Hauptvertreter eines Atomismus. Ihr (nur bruchstückhaft überlieferter) Atomismus ist materialistisch.

Naturlehren mit Elementarteilen hat es bei den Vorsokratikern schon vorher gegeben, z. B. von Empedokles und von Anaxagoras. In diesen hatten die Elementarteile aber nicht nur quantitativ unterschiedliche Eigenschaften, sondern in gewissem Ausmaß auch qualitativ unterschiedliche Eigenschaften. Anaxagoras vertrat außerdem die Auffassung, die Elementarteile seien unendlich teilbar.

Ontologie

Nach Auffassung des Atomismus von Leukipp und Demokrit gibt es zwei grundlegende Dinge, die Atome und das Leere. Die Atome, die Volles und Seiendes darstellen, bewegen sich im Leeren (in gewissem Sinn Nicht-Seiendes) und bewirken durch ihre unterschiedliche Anordnung die Vielfalt der Eigenschaften.

Die Atome sind:

  • unteilbar
  • massiv/kompakt
  • nichts erleidend (es besteht die Möglichkeit von Bewegung der Atome, aber sie haben keine Bestandteile, die neu angeordnet oder abgetrennt werden können)
  • unentstanden
  • unvergänglich
  • der Anzahl nach unendlich viele


Die Atome sind unterschiedlich in Form/Gestalt, Größe und Gewicht.

Auch Seele und Geist sind aus Atomen zusammengesetzt, werden also materiell gedacht. Kugelförmige, besonders glatte und leicht bewegliche und damit wärmeerzeugende Atome bilden den Stoff der Seele. Der Geist wird anscheinend mit der Seele oder einer Konzentration von Seelenatomen gleichgesetzt.


Die Atome befinden sich ewig in Bewegung und verbinden sich miteinander durch Zusammenstöße.

Aus dem Zusammentreffen verschiedenartiger Atome an einem Ort im unendlichen Leeren bildet sich ein Wirbel. Dieser hat das Merkmal der Notwendigkeit. Alles geschieht aufgrund von Ursachen gemäß der Notwendigkeit. Die mechanischen Ursachen beeinflussen die Bahn der Atome mit Notwendigkeit. Es gibt dabei keinen Endzustand als Ziel/Zweck, zu dem hin sich alles geplant bzw. zielgerichtet entwickelt. Insofern und in diesem Sinn kann die Notwendigkeit der Bewegungsursachen von antiken Autoren, die über den Atomismus bvon Objket und wahrnehmenden Subjket erichten, auch als Zufall dargestellt werden.

Erkenntnistheorie

Dinge werden so erkannt, wie sie auf wahrnehmende und denkende Subjekte
über Atomzusammensetzungen einwirken. Wahrgenommene sinnliche
qualitative Eigenschaften beruhen nicht allein auf einer Beschaffenheit
der wahrgenommenen Objekte, sondern auf einer Interaktion von Objekt und
wahrnehmenden Subjekt und in Abhängigkeit vom Zustand/von der
Verfassung des wahrnehmenden Subjekts.

Leukipp und Demokrit vertreten eine Abbildtheorie der Wahrnehmung. Ihre Erkenntnistheorie ist ein  Sensualismus mit einem mechanischem Modell (Druck und Stoß). Alle Gegenstände senden Abbilder aus, die dem absendenden Gegenstand gleich sind. Vom Gegenstand herkommende atomare Ausströmungen treffen mit vom Sinnesorgan ausgehenden Ausströmungen zusammen. Durch ihr Zusammenwirken
entsteht ein Eindruck (eine Einprägung) in der Luft, der mittels Reflexion in das Sinnesorgan gelangt und Reize auslöst. Auch Denken ist
anscheinend als körperlicher Vorgang dargestellt worden. Dazu gehört
die Auffassung, Begriffe beruhten auf Eindrücken atomarer Bilder.
 
Vorstellungen über Gottheiten

Demokrit hat die Existenz von göttlichen Wesen ausgesagt. Allerdings liegt dabei ein abgeschwächter Götterbegriff zugrunde.

Demokrit deutet die die Entstehung der Vorstellungen von Gottheiten psychologisch: Die Menschen der Frühzeit gerieten bei ihnen unerklärlichen Naturphänomenen wie Donner, Blitz, Zusammentreffen von Sternen und Sonnen- und Mondfinsternissen in Furcht und glaubten, göttliche Wesen seien Urheber dieser Erscheinungen.

Demokrit deutet in einer physikalischen Erklärung und in Einklang mit seiner Abbildtheorie bestimmte in der Luft befindliche Bilder (εἴδωλα [eidola]; Singular: εἴδωλον [eidolon]; lateinisch: imagines; Singular: imago) von menschlicher Gestalt, hervorragender Größe und außergewöhnlichem Wuchs als Gottheiten/göttliche Wesen.

Diese Gottheiten/göttliche Wesen sind wie gesteigerte Menschen
dargestellt. Sie sind schwer zerstörbar, aber nicht unvergänglich, also
nicht unsterblich vorgestellt. Ihnen wird keine Erschaffung des Kosmos
zugschrieben.

Gedacht werden kann an den Gehalt einer inneren Ordnung
und Funktionalität der Welt, die sich den Menschen als gut und richtig
eröffnen kann, und an eine Verbindung mit der Notwendigkeit. Dies zielt
dann auf ein sachgemäßes, vernünftiges Handeln.

Die Berichte über die Eidola-Theorie sind nicht ganz einheitlich und bei Marcus Tullius Cicero, De natura deorum sind die Lehren von Gaius Velleius, der die
Epikureer vertretenden Dialog-Figur, wohl etwas verzerrt dargestellt.

Die Vorsokratiker : die Fragmente und Quellenberichte. Übersetzt und
eingeleitet von Wilhelm Capelle. 9. Auflage. Mit einem Geleitwort und
Nachbemerkungen von Christof Rapp. Stuttgart : Kröner , 2008 (Kröners
Taschenausgabe ; Band 119), S. 344:

„61 Cicero, Vom Wesen der Götter I  29 ‹unter 68 A 74›:

Ist nicht Demokrit, der bald »Bilder« und ihre Umrisse, bald jene Substanz, die die »Bilder« aussendet, bald unseren Verstand unter die Götter rechnet, im stärksten Irrtum befangen? Macht er nicht dadurch, daß er überhaupt leugnet, daß etwas ewig sei (weil kein Ding immer in seinem ‹unveränderten› Zustand bleibt), die Gottheit überhaupt so völlig zunichte, daß er keine Vorstellung von ihr übrigläßt?“

S. 344 – 345: 62 Ebenda 120 ‹unter 68 A 74›:

Mir freilich scheint auch Demokrit, ein so hervorragender Mann, aus dessen Quellen Epikur seine »Gärten« bewässert hat, hinsichtlich der Natur der Götter
zu schwanken. Bald nämlich meint er, es seien Bilder göttlicher Natur im
Weltall vorhanden, bald nennt er die Urgründe des Geistes, die in
demselben Weltall wirken, bald lebende Bilder, die uns zu nützen oder zu
schaden pflegen, bald gewisse ungeheure Bilder, die so riesenhaft seien
, daß sie das ganze Weltall von außen umfassen, Götter – Fabeleien, die
sämtlich der Heimat des Demokrit würdiger sind als seiner selbst.“
 
S. 347:

Sextus Empiricus IX 19 (= fr 166):

„Demoktit behauptet, daß an
die Menschen gewisse »Bilder« herankämen, und von diesen seien die einen
wohltätig, die anderen bösartig. Daher wünschte er auch, daß ihm
glückhafte Bilder begegnen möchten. - Es seien diese von übernatürlicher
Gestalt, Größe, schwervergänglich, aber nicht unvergänglich. Sie
verkündeten den Menschen im voraus die Zukunft, indem sie von ihnen
gesehen würden und Stimmen vernehmen ließen. Daher hätten die Menschen
in der Vorzeit, denen eben diese ‹Bilder› erschienen seien, den Glauben
gewonnnen, es gäbe einen Gott, während es keinen anderen Gott außer
diesen gäbe, der eine unvergängliche unvergängliche Natur hätte.“

71 fr. 175:

Atomismus bzw. Atomistik ist die Bezeichnung für eine
(naturphilosophische bzw. naturwissenschaftliche) Naturlehre, nach deren
Auffassung die Materie aus Atomen als nicht weiter teilbaren Bausteinen
besteht, einfachen und unveränderlichen unteilbaren Teilen, und für
die philosophische Auffassung, die Wirklichkeit/die Welt/das Seiende
insgesamt bestehe aus unteilbaren letzten Dingen.

„Die Götter geben den Menschen alles Gute, jetzt so gut wie einst. Nur alles, was böse, schlecht und unnütz ist, das gaben wder einst noch jetzt die Götter den Menschen sondern diese selber geraten infolge von ihrer Blindheit und Torheit hinien.


Bücher in Bibliotheken: Istvan Bodnar/T. Heinze, Atomismus. In: Der neue Pauly (DNP) : Enzyklopädie der Weimar : Antike ; Altertum. Herausgegeben von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Band 2: Ark – Ci. Stuttgart ; Metzler, 1997, Spalte 218 - 219

David Furley, Demokrit. Aus dem Englischen und Französischen übersetzt von Heinz Jatho. In: Das Wissen der Griechen : eine Enzyklopädie. Herausgegeben von Jacques Brunschwig und Geoffrey Lloyd. Unter Mitarbeit von Pierre Pellegrin. München : Fink, 2000, S. 527 - 533

Christof Rapp, Vorsokratiker. Originalausgabe. 2., überarbeitete Auflage. München : Beck, 2007 (Beck'sche Reihe : Denker ; 539), S. 187 – 213 (VII. Die Ontologie der jüngeren Naturphilosophen, 3. Die Atomisten: Leukipp und Demokrit)

Georg Rechenauer, Leukipp und Demokrit. In: Frühgriechische Philosophie. Halbband 2. Herausgegeben von Dieter Bremer, Hellmut Flashar und Georg Rechenauer (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 1/2). Basel ; Stuttgart : Schwabe, 2013, S. 833 – 946

Wolfgang Röd, Die Philosophie der Antike 1 : von Thales bis Demokrit. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. München : Beck, 2009 (Geschichte der Philosophie ; Band 1) , S. 192 – 211 (XII. Die ältere Atomistik)











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