catapa am 19.10.2007 um 14:14 Uhr
Die Generation die eigene Erlebnisse erzählen könnte stirbt aus. Heutige Eltern können eigentlich nur über die Erzählungen der Gross- und Urgrosseltern einen persönlichen Bezug zur Nazizeit herstellen. Wie geht man das an, wenn von den Grosseltern keine Berichte existieren? Was haben Euch Eure Eltern über den Naziterror erzählt?

Meine Eltern (Jahrgang 1924 und 1927) erzählen mir viel. Leider kann und will ich es nicht mehr hören. Mein Vater war im Krieg, zuerst in Norwegen, Trondheim. Dann bis kurz vor Stalingrad. Es gab soviel grausames in Russland, daß ich es echt nicht erzählen möchte. Jedesmal saukalt und extrem dreckig. Meine Mutter derweil mit 2 kleinen Kindern, meinen Geschwistern daheim als Trümmerfrau. Von da ab, dann ständig von einem Lager ins nächste. In einem Lager starb dann mein erster Bruder 1948 an Keuchhusten mit nur 2 Monaten. Schwierig war es an die nötigsten Sachen zu kommen, wie Kleidung und Essen. Mit Lebensmittelmarken herumzutauschen, wie heute die Kids mit Spielzeugkarten, nur das es um`s Überleben ging. Ja, sie hätten vielleicht auch ein Buch schreiben sollen.

Mein Opa wurde im Krieg eingezogen und kam dann nach Rußland in Gefangenschaft. Er hat viel Tagebuch geführt und das meiste eigentlich aufgeschrieben. Meine Oma erzählte auch, das man von den Machenschaften gar nicht so viel mitbekommen hat. Es gab wohl Gerüchte, aber man war mehr damit beschäftigt, seinen eigenen Hintern zu retten.

Ich (BJ 1959)habe weder von meinen Eltern noch von meiner Oma etwas darüber erfahren.

Oh, meine Eltern(Jahrg. 1924+1933) haben mir viel erzählt.Mein Vater wurde als ganz junger Kerl eingezogen,war insgesamt 7Jahre in russicher Gefangenschaft.Dort ist es ihm aber ganz gut ergangen.Er musste Elektroleitungen verlegen u. war oft tagelang zu Fuss unterwegs.Zu essen gab es natürlich sehr wenig,aber man hat untereinander getauscht.Da mein Vater Nichtraucher war, tauschte er die ihm zugeteilten Zigaretten immer gegen was essbares ein.Meine Mutter erzählte mir, dass meine Oma alles mögliche gegen Lebensmittel getauscht hat.U.a. das Klavier meiner Mutter gegen ein Schwein.Meine Oma hat auch eine jüdische Familie in ihrem Haus(das heute uns gehört) versteckt.Meine andere Oma,die in Köln lebte, hat mir sehr oft von den furchtbaren Bombennächten erzählt u. das sie 3 x ausgebombt wurden u. alles verloren hatten u. von ihrer Sorge um den Sohn (meinem Vater), von dem sie oft lange,lange Zeit nichts hörte.Meine Schwiegermutter (Jahrg.1932) stammt aus Westpreussen.Sie hat oft von der Flucht ihrer Familie aus der Heimat erzählt u. wie sie als ganz junges Mädchen schon schuften musste, um ihre Mutter und ihre beiden Schwestern durchzubringen.Es muss furchtbar gewesen sein.Die Freundin meiner Mutter stammte aus Dresden, dort hat sie viele Nächte im Bunker gesessen mit ihrem neugeborenen Sohn. Sie konnte nicht stillen u. es gab kein Milchpulver. Sie sagte immer, das war ein Alptraum.Dann musste sie mit dem Säugling flüchten u. bei fremden Menschen Unterschlupf suchen. Muss ganz schrecklich gewesen sein.

Meine Eltern haben 1938 geheiratet, ich wurde 1939 geboren und meine Schwester 1940. Mein Vater wurde 1941 eingezogen unf fiel mit Bauchschuß in Rußland; seither vermißt. Keiner war nachweisbar Parteimitglied oder in sonst einer Organisation. Als Restfamilie wurden wir 1942 dann alle nach Sachsen evakuiert. Gehungert haben wir erst, als die Besatzungstruppen kamen; erst die Amerikaner (beschlagnahmten Fotoapparate) und dann die Russen (die machten gleich zappzerapp). Weder meine Mutter noch ich (damals zum Ende 5 Jahre) haben etwas von den Verbrechen gehört. Darüber erfuhren wir -dann allerdings massiv- erst viel später zu Mitte der 48'er Jahre. Ansonsten hat meine Mutter stets davon gesprochen, daß es damals viel mehr Gemeinsinn und gegenseitige private Hilfe untereinander gegeben haben soll. Ich kann mich aber erinnern, daß ich mal eine Tracht Prügel erhielt, weil ich am Radio gedreht habe und Radio London eingestellt hatte. Das war verboten.

nachdem ich das tagebuch der anne frank gelesen hatte, sprach ich meine oma auf das thema an. sie wollte garnicht über das thema sprechen... meine eltern haben mir dann erklärt, wer h.itler war und wie es so weit kommen konnte. und vor allen dingen, dass es eine sehr schreckliche sache war, die nie wieder passieren darf. damals konnte ich mir das alles garnicht vorstellen und habe erst später verstanden was damals wirklich passierte.
Meine Eltern wissen nicht da meine Großeltern es schweigen, sie wollen nicht darüber reden nur so viel wann sie Essen bekamen und was sie getan hatten. Mehr nicht. Ich denke es ist sehr schmerzhaft für sie daran zu erinnern auch wenn viele jahre zurückbleiben. da kann man nicht machen