Frage von Vali260577, 32

Was genau ist bei der historisch-kritischen Exegese mit TRADITION gemeint?

Ich habe trotz Lektüren immer noch nicht vollends verstanden, was mit Traditionen im Zusammenhang mit der Exegese gemeint ist. Damit Verbunden natürlich auch, was genau mit Traditionskritik gemeint ist.

Antwort
von Eselspur, 32

Es gibt alte Überlieferungen die Bibel betreffend, die durchaus plausibel sind - aber nicht zwingend so sein müssen. Wenn beispielsweise Kirchenväter aus dem 4. Jahrhundert berichten, es wird schon lange berichtet, dass der Zolleinnehmer Levi nach seiner Bekehrung der Apostel Matthäus ist (ich schreibe jetzt aus der Erinnerung ohne recherchiert zu haben), ist das aus heutiger Sicht ein starkes Argument, dass dem wirklich so ist.
Wenn andere Quellen hinzugezogen werden, die etwas anderes sagen oder daran erinnert wird, dass es eine Tendenz gibt, dass über jeden Namen im Neuen Testament irgendetwas Weiteres erzählt wird und es deshalb keineswegs gesichert ist, dass Levi wirklich Matthäus ist, ist das Traditionskritik.

Antwort
von tinimini, 32

Die historisch-kritische Exegese versucht den Text zu hinterfragen um an die Geschichte von der er berichtet heranzukommen.

Zu den Werkzeugen der historisch-kritischen Exegese gehören z.B.

TextkritikFormkritikLiterarkritikRedaktionskritik

https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzei...

Kommentar von Vali260577 ,

Ich weiß was historisch-kritische Exegese ist. Meine Frage war, was genau Traditionen sind. Deine AW geht da leider dran vorbei.

Kommentar von tinimini ,

7. Traditionskritik / Traditionsgeschichte

Der Begriff der Tradition wird in der historisch-kritischen Exegese in unterschiedlicher Weise verwendet. Auf der einen Seite bezeichnet Tradition den Vorgang der Überlieferung, was man im Englischen als „transmissionHISTORY“ bezeichnen würde. Ausgehend von diesem Verständnis wäre die Fragestellung der Traditionskritik nahezu deckungsgleich mit dem der Überlieferungs- oder der Redaktionskritik.

Mit dem Begriff der Tradition wird vielfach jedoch nicht der Überlieferungsprozess (traditio) bezeichnet, sondern das Überlieferte selbst (traditum). Eine traditionskritische Untersuchung bzw. der Versuch, die Traditionsgeschichte eines Textes zu verstehen, konzentriert sich auf die geistige Welt, die den Kontext der Textinhalte ausmacht, mit all ihren geistes-, theologie- und religionsgeschichtlichen Zusammenhängen (vgl.STECK, 1982). Da eine Tradition selten in detaillierter Breite in einem Text aufgenommen wird, stützt sich das Erkennen einer Tradition zumeist auf auffällige Leitbegriffe, Bilder, Redewendungen oder Wortensembles, die den Exegeten an Inhaltskomplexe erinnern und die ihn auf Parallelen in anderen Texten aufmerksam machen.

Folgende Fragen geben oft die Richtung für eine traditionsgeschichtliche Untersuchung vor: a) Greift ein Text eine Vorstellung auf? b) In welchen größeren Zusammenhang gehört diese Vorstellung? c) Mit welcher Intention wird die Vorstellung in einem bestimmten Text aufgenommen? d) In welcher Weise schreitet der Text gegebenenfalls über seine vorgegebene geistige Welt hinaus? (Steck 1993, 134f.).

In dieser Weise wird der Schatz an Wissen und Kenntnissen analysiert, der einem Verfasser bekannt war und den er bei der Abfassung seines Textes verwendete. Gerade im Alten Testament stoßen wir auf ähnliche Inhaltskomplexe in Texten, für die keine mündliche oder literarische Abhängigkeit konstatiert werden kann. Hier kann die Erfassung und Beschreibung der Tradition, die diese unterschiedlichen Texte speist, einen wesentlichen Beitrag zum Textverständnis leisten. Dabei zeigt es sich, dass Traditionen immer wieder neu aktualisiert und auch uminterpretiert werden. So wird z.B. in Ps 78 die Wüstenwanderung der Väter zu einem Negativbeispiel für halsstarrigen Ungehorsam (Ps 78,7-8), während bei Hosea dasselbe Traditionsgut aufgenommen wird, um die Wüstenwanderung als Zeit der noch frischen Liebesbeziehung zwischen Gott und seinem Volk zu beschreiben (Hos 2,16-17). Bei Traditionsgut, das sich im gesamten altorientalischen Raum findet, kann ein traditionsgeschichtlicher Fokus auch dazu dienen, die Spezifika „hebräischen Denkens“ in seinem zeitgenössischen Umfeld herauszustellen.

Auch wenn methodische Unsicherheiten manche Exegeten die Erkennbarkeit geprägter Vorstellungen in Frage stellen lassen (vgl. Rösel), so führen diese Untersuchungen doch zu einer Erhellung der Geistesgeschichte, die den Rahmen für die Textwerdung alttestamentlicher Texte gebildet hat. Dass die Vernetzung biblischer Texte durch traditionsgeschichtliche Verknüpfungen letztendlich auch in eine kanonische Exegese münden kann, zeigt die Biographie von Brevard Childs (1923-2007), der als Traditionskritiker begann, bevor er die Grundlagen eines kanonischen Zugangs legte (→Bibelauslegung, christliche).

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