Frage von Stevenaiko, 7

Was beduetet die Edition in der Musikwissenschaftarbeit?

Was ist es eigentlich das? Kann jemand ein Beispiel mir geben?

Antwort
von baucolo,

In der Regel bedeutet dies das Aufbereiten und Erstellen von gedruckten Noten, die man dann im Musikhandel kaufen kann. Man unterscheidet in der Regel zwischen "wissenschaftlichen" (für wissenschaftliche Zwecke) und "praktischen" (zum "spielen" für Musiker" Ausgaben.


Ein Beispiel:
Ein Musikwissenschafler findet in einem Archiv ein Musikstück (z.B. ein Streichquartett), das er einer Freundin vorlegt, die in einem berühmten Streichquartett-Ensemble spielt. Die Musiker schauen sich die kopierten Originalnoten an und finden es so gut, dass sie es bei einem Konzert aufführen möchten. Die aus dem Archiv angefertigten Kopien liegen ohnehin nicht in Partiturform, sondern in Einzelstimmen für jedes Instrument vor, und die Handschrift ist sauber genug geschrieben, dass man daraus spielen kann. Einige offensichtliche Schreibfehler an einigen Stellen werden dabei stillschweigend korrigiert. Das Stück wird mit der Zeit so erfolgreich, dass mehrere Ensembles Interesse haben, weshalb beschlossen wird, eine "praktische" Notenausgabe zu machen:
Das Stück wird dafür mit einem Notenprogramm (z.B. Sibelius) als Partitur gesetzt. Zur praktischen Ausführung werden aber auch gut gedruckte Einzelstimmen angefertigt, bei denen besonders darauf geachtet wird, dass Musiker gut daraus spielen können: Man kann gut Umblättern, weil gerade an Seitenwechseln Pausen gesetzt sind. Und die Musiker erhalten ggf. auch Stichnoten, um z.B. nach langem Pausieren zu sehen, auf welche Signalmelodie in welchem Instrument sie achten müssen, um Ihren erneuten Einsatz nicht zu verpassen: Die praktische Ausgabe zielt also direkt auf die praktische Ausführung ab und bietet optimal aufbereitetes "Aufführungsmaterial" eines Stückes für Musiker, aus dem man spielen kann. Dazu gehört eine Partitur zur Übersicht und Einzelstimmen.

Anders die "wissenschaftliche" (oder "kritische") Ausgabe: Eine solche wird in der Regeln nur bei bedeutenden Komponisten (z.B. als "Gesamtausgabe" aller Werke) oder bei Sonderreihen (z.B. als sog. "Denkmäler"-Ausgaben: z.B. ganz besondere Werke wenig bekannter Komponisten aus Deutschland) gemacht: Hier wird nicht primär ausdrücklich für die Musiker, sondern als Forschung für die Forschung produziert: Es werden zum Beispiel alle Versionen, Abschriften und frühe Drucke eines Werkes (z.B. von Beethoven) herangezogen und genauestens überprüft. Alle möglichen Abweichungen werden untersucht und finden als Varianten Einzug in die Notenedition bzw. in einen "Kritischen Bericht", der als wissenschaftliche Dokumentation genau erläutert, was die wichtigste(n) Quelle(n) für die Edition ist/sind und welche Abweichungen existieren, damit das Original, so wie der Komponist es tatsächlich geschrieben/gemeint hat, möglichst klar vermittelt wird. Bei kritischen Ausgaben wird meist kein Aufführungsmaterial produziert, und es gibt auch keine Einzelstimmen, sondern in der Regel nur ein Gesamtband mit Partitur. Oft werden auch die originalen Notenschlüssel des Komponisten verwendet (z.B. "Sopranschlüssel" für die Sopranstimme), die heute oft nicht mehr in Verwendung sind. Es werden auch immer alle auch nur kleinsten Fehler und Abweichungen genauestens dokumentiert... Die Erstellung einer kritischen Edition ist ungleich viel mehr Arbeit als eine praktische Ausgabe, da dem Druck der Noten meist jahrelange Forschungsarbeit vorausgeht.

Es gibt auch Mischformen, bei denen eine kritische Edition auch so erstellt wird, dass man daraus singen/spielen kann oder dass man, auf Grundlage dieser kritischen Ausgabe dann Aufführungsmaterial erwerben kann (so etwa bei der Neuen Mozart-Ausgabe oder der neuen Schubert-Ausgabe). Heutzutage ist es aber auch die Regel, dass praktische Ausgaben (vor allem Neuausgaben unbekannter Werke) einen kritischen Bericht haben und unter wissenschaftlichen Kriterien gemacht sind.

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