Frage von Happiness88, 30

Was bedeutet im Zusammenhang mit Husserls phänomenologischer Bildtheorie, dass sich das Bildobjekt mit dem Bildsujet im Widerstreit befindet Inwiefern denn?

Antwort
von berkersheim, 20

Husserl spricht in dem Buchausschnitt, den ich Dir empfohlen habe,
gleich zu Beginn von dem Unterschied zwischen zwei Phänomenen der
physischen Bildlichkeit, der immanenten Bildlichkeit im Kontrast zur
transeunten Bildlichkeit. Das erstere meint, dass das Bildobjekt
sozusagen ein „eingefrorenes“ Bildsubjekt darstellt, festgehalten in
einer Pose, in einem Alter, das Bildjubjekt, dem quasi Prozesse in der
Zeit entzogen wurden: Es bewegt sich nicht mehr, es altert nicht, es ist
ein für alle Mal so festgehalten. Die transeunte Bildlichkeit dagegen
lässt uns durch die Bilddarstellung hindurch in der Phantasie auf die
gemeinte Person schauen, auf die gemeinte Landschaft, einschließlich des
Bewusstseins, dass die im Sommer abgebildete Landschaft jetzt im Winter
wohl anders aussehen wird.

Das Widerstreitbewusstsein nun
ist a) das Bewusstsein von dieser Differenz zwischen Bildobjekt, das auf
ein Bildsubjekt nur verweist, den Unterschied zwischen „eingefrorenem
Bildobjekt“ (Landschaft im Sommer) und dem in die Zeit gestellten
Bildsubjekt (Landschaft inzwischen evtl. im Winter), Husserl spricht vom
„Bewusstsein des „Andersseins“ des gemeinten Objekts“ – also des
Bildsubjekts. Das Widerstreitbewusstsein wird umso stärker angeregt, je mehr das Bildobjekt vom tatsächlich erinnerten Bildsubjekt abrückt, z.B. in einem Holzschnitt, in einer abstrakteren Plastik, die nur noch in wenigen Merkmalen an das Bildjubjekt anklingt. Eine gute, zeitnahe Fotografie dagegen führt zu geringerem Widerstreit zwischen Bildobjekt und Bildsubjekt.

Dann gibt es aber auch noch (b) den
„Widerstreit zwischen Bild als Bildobjekterscheinung und zwischen Bild
als physischem Bildding.“ Mir wird das am deutlichsten an einer Statue,
die ich liebe, die mich darum immer wieder fasziniert. Es ist eine
Bronzestatue „aufsteigende Kraniche“, die den Eindruck vermittelt, als
ob da drei Kraniche schwerelos abheben würden und spätestens, wenn man
die Statue anhebt, wird die wunderbare Illusion deutlich, mit der der
Künstler das Material aus dem Bewusstsein geschoben und den leichten
Eindruck des Abhebens in der Fantasie angeregt hat.

Kommentar von berkersheim ,

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Kommentar von Happiness88 ,

İch habe leider dasselbe Problem

Kommentar von Happiness88 ,

Danke danke danke für die hervorragende Antwort. Aber leider habe ich den "Widerstreit zwischen Bild als Bildobjekterscheinung und zwischen Bild als physischem Bildding" nicht verstanden :( Es liegt auf keinen Fall an İhrer Erläuterung, denn besser hätte man das nicht erklären können. Werde mir noch erwas Gedanken darüber machen. 

Kommentar von berkersheim ,

Na ja, das kann bei der Zerlegung in "Bildobjekterscheinung" und "physischem Bildding", "Bildsubjekt" und was es sonst alles gibt, schon mal passieren. Man muss dann immer aufpassen, dass man klar sieht, was gemeint ist. Trotz allem Wirrwar ist Husserl da ja wenigstens recht eindeutig. Also:

Bildobjekterscheinung - Beispiel - meine geliebten Kraniche

http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.artnet.de%2FWebServices%2...

Ich hoffe, dieser Link auf die Figur von Gotthelf Schlotter funktioniert. Das Bildobjekt sind die startenden Kraniche. Das Bildsubjekt ist die Erinnerung an lebendige Kraniche, die sich z.B. vom Startplatz erheben. Die Bildobjekterscheinung ist die Illusion, die das Bildobjekt zusammen mit der Erinnerung an das Bildsubjekt in mir hervorruft. Diese Leichtigkeit und dennoch Kraft, mit der die recht großen Vögel abheben.

Das physische Bildding hatte ich bei einem Besuch bei Gotthelf Schlotter vor mir. Eine ca. 70 cm große Bronzevollplastik auf Bronzeplatte, ein Entwurf für eine Freiluftplastik. Diese aufsteigenden Vögel glaubte man mit zwei Fingern anheben zu können. Von wegen - man musste beide Arme benutzen, um die schwere Bronzeplastik anheben zu können.

In dem Überraschungsmoment zwischen erwarteter, vorgetäuschter Leichtigkeit und tatsächlichem Gewicht, dem steifen Material lag der Widerstreit zwischen Bildobjekterscheinung und physischem Bildding. Die Erscheinung gaukelte mir Leichtigkeit vor. Das Ding, die Plastik war schwere Bronze.

Kommentar von Happiness88 ,

Ich meine, dass ich das jetzt besser verstanden habe. Vielen herzlichen Dank! Was ich Sie noch fragen wollte, ist, ob die dritte Instanz von dem Edmund Husserl spricht Bildsujet oder Bildsubjekt heisst. In dem Buch, womit ich mich gerade auseinandersetze, stand immer "Bildsujet" und ich hatte das mit einem Bleistift durchgestrichen und "Bildsubjekt" drüber geschrieben. Aber gestern Abend habe ich auf einer Internetseite wieder "Bildsujet" gelesen. Ich hoffe, dass Sie mir da weiterhelfen können. 

Kommentar von berkersheim ,

Am 29.01.2016 unter der Frage: Meine Frage bezieht sich auf Edmund Husserls Bildtheorie? habe ich die einzelnen Begriffe erläutert. In meinem Kommentar oben habe ich mich in der Tat nach "Bildobjekt" zu dem Verschreiber "Bildsubjekt" verleiten lassen. Das muss nach Husserl natürlich immer "Bildsujet" heißen. Das ist mein "Versprecher" bei all den durcheinanderwirbelnden Begriffen.

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